»Ist sie schön?« fragte Bila Huruma.
»Ja«, antwortete Mwoga.
Bila Huruma zuckte die Achseln. »Egal«, sagte er. Vermutlich war es ihm wirklich gleichgültig. Zweifellos gab es in seinem Haus viele Frauenhöfe. Dem Vernehmen nach besaß er bereits mehr als zweihundert Gefährtinnen und dazu vielleicht noch die doppelte Anzahl von Sklavinnen, die gefangen oder gekauft oder ihm als Geschenke übergeben worden waren. Wenn Tende ihm gefiel, konnte er Thronerben mit ihr zeugen. Wenn nicht, konnte er sie vergessen, dann würde sie als abgelegtes Staatsgeschenk irgendwo dahinvegetieren, ein Mädchen von vielen, das in den Harems des Palasts verschwand.
»Darf ich mit unserem Gefangenen sprechen?« fragte Mwoga.
»Ja«, sagte Bila Huruma.
»Ist Tende nicht schön?« fragte Mwoga.
»Ja«, antwortete Kisu, »und sie ist nicht minder stolz und kühl.«
»Schade, daß sie keine Sklavin ist«, sagte Bila Huruma. »Man könnte sie dann dazu bringen, herumzukriechen und vor Leidenschaft zu schreien.«
»Sie ist es wert, Sklavin zu sein«, sagte Kisu. »Sie ist die Tochter des Verräters Aibu!«
Bila Huruma hob die Hand. »Bringt ihn fort!« befahl er, und der Gefangene wurde gegen seinen Willen aus dem Saal gezerrt.
Kurze Zeit später empfahl sich Mwoga mit tiefen Verbeugungen und rückwärts gehend.
Schon erschien Msaliti wieder neben mir. Sanft schob er mich durch die Menge nach vorn. »Halte dich bereit!« sagte er.
Bila Huruma und seine Begleiter, zu denen auch Shaba gehörte, musterten mich. Shaba ließ sich nicht anmerken, daß er mich erkannte. Wenn er hier offenbarte, daß ich nicht der war, der ich zu sein vorgab, mochte es Fragen darüber geben, woher er sein Wissen hatte. Von dort war es dann noch ein kleiner Schritt zu der Offenbarung, daß er mit dem Ring zu tun hatte. Ein solches Schmuckstück würde den Ubar Bila Huruma zweifellos sehr interessieren. Es war weder in Shabas Interesse noch in dem meinen oder dem Msalitis, den Herrscher dieses ausgedehnten Äquator-Ubarats auf die Eigenschaften des Ringes aufmerksam zu machen.
Sobald ich in Bila Hurumas Nähe kam, sollte ich den Dolch ziehen, Shaba töten und dann sofort von Askari-Wächtern verhaftet werden. Unterdessen sollte sich Msaliti von Shabas Leiche den Ring beschaffen. Für später waren mir dann hundert Gold-Tarn und meine Freiheit versprochen worden. Ich lächelte.
»Bist du bewaffnet?« fragte Msaliti in der Binnensprache wie auch auf Goreanisch.
»Aber ja doch«, sagte ich freundlich, offenbarte die Ärmelscheide und reichte ihm den Dolch.
Eine Sekunde lang blitzte in Msalitis Augen eine unglaubliche Wut auf. Dann nickte er, ergriff den Dolch und reichte ihn einem Askari weiter.
Ich zeigte Bila Huruma, der sich dafür interessierte, die Ärmelscheide. Solche Aufbewahrungsorte für Waffen gab es oft in der Tahari. Hier im Landesinneren, wo die meisten Leute mit bloßen Armen gehen, schien es sich um eine interessante Neuheit zu handeln.
Bila Huruma sagte etwas zu einem Helfer. Es ging wohl darum, daß ihm eine Robe gemacht werden sollte, die eine solche Scheide enthielt.
»Sei gegrüßt, großer Ubar!« sagte ich. »Dieser Gruß gilt auch allen hier anwesenden ehrenwerten Herren.« Ich lächelte Shaba an. »Ich überbringe euch Grüße des Kaufmannsrats von Teletus, des Rates, der über jene Insel gebietet. In dem Bewußtsein des Reichtums und der gewaltigen Projekte des Ubarats ist es unser Bestreben, die Grundlage für gegenseitige Handelsbeziehungen zu legen. Sollte der große Kanal vollendet werden, so wissen wir durchaus, daß dieses Ubarat zu einem entscheidenden Bindeglied werden wird zwischen dem äquatorialen Westen und Osten. Wie zweifellos auch viele andere Handelsstaaten, etwa unsere Schwestern Schendi und Bazi möchten wir dir unsere besten Wünsche überbringen und deine Gunst erbitten für unsere Kaufleute und Schiffe, damit sie dir bei deinen künftigen Unternehmungen zu Hilfe kommen dürfen.«
Msaliti gab sich Mühe, meine Worte zu übersetzen, obwohl er keine große Lust dazu hatte.
Ich verfolgte mit meinen Äußerungen verschiedene Ziele. Erstens hielt ich es für möglich, daß außer Shaba und Msaliti noch einige andere Schwarze hier im Saal Goreanisch verstanden. Es kam mir darauf an, wirklich wie ein Gesandter von Teletus aufzutreten. Zweitens mochte es amüsant sein, mich einmal an der Erprobung diplomatischer Schwülstigkeit zu versuchen. Dazu hatte ich nur selten Gelegenheit, obwohl mich solches Gerede hin und wieder beeindruckt hatte. Den Blicken der Umstehenden entnahm ich, daß meine Worte den zumeist nichtssagenden Äußerungen entsprachen, die bei solchen Gelegenheiten getan wurden. Das gefiel mir. Drittens machte es mir Spaß, Msaliti auf den Nerven herumzutrampeln.
Msaliti gab einem Mann ein Zeichen, der die Geschenke für Bila Huruma nach vorn brachte und die kleine Truhe vor dem Thron abstellte.
Der Herrscher bedankte sich, dann wurden die Gaben zur Seite gestellt. Durch Msaliti erfuhr ich von dem Ubar, daß die Grüße aus Teletus entgegengenommen wurden, daß sein Ubarat den Inselbewohnern Ähnliches wünschte, daß sein Ubarat unser Interesse an seiner Zukunft zu schätzen wisse und daß sein Handelswesir innerhalb der nächsten zehn Tage mit mir sprechen würde. Daraufhin empfahl ich mich, wie ich es bei anderen gesehen hatte: Lächelnd verbeugte ich mich und trat zurück.
Der nächste Gesandte kam von Bazi. Er präsentierte Bila Huruma vier Kisten Gold und zehn schwarzhäutige nackte Sklavinnen in goldenen Ketten.
Dies gefiel mir nicht sonderlich. Ich sagte mir, daß sich Msaliti für Teletus ein wenig mehr hätte anstrengen können. Ich bekam mit, daß der Gesandte aus Bazi schon innerhalb von fünf Tagen eine Audienz beim Handelswesir erhalten sollte.
Kurz nach der Verabschiedung des Bazi-Abgesandten ging die große Audienz zu Ende. Ich glaubte, eine der Sklavinnen hatte ihm gefallen. Hoffentlich war sie gut ausgebildet. Er war Ubar. Ihm zu gefallen, konnte nicht einfach sein.
Msaliti und ich waren in dem großen runden Saal und schließlich allein.
Ich steckte den Dolch fort, den der Askari mir zurückgegeben hatte, sobald der Ubar den Saal verlassen hatte.
Er war außer sich vor Wut. »Warum hast du Shaba nicht getötet?« fragte er. »Das war doch der Plan!«
»Es war dein Plan, nicht der meine«, antwortete ich. »Ich habe einen anderen.«
»Ich lasse dich sofort an den Kanal zurückschicken«, sagte er aufgebracht.
»Das dürfte dir schwerfallen«, erwiderte ich. »Du hast am Hofe selbst dafür gesorgt, und dafür bin ich dir dankbar, daß ich als Botschafter aus Teletus anerkannt werde.«
Er stieß einen Wutschrei aus.
»Du hast doch nicht im Ernst angenommen, ich würde tun, was du von mir verlangst«, sagte ich. »Sobald Shaba tot gewesen wäre, hättest du dafür gesorgt, daß die Askaris mich im allgemeinen Gewirr umbrächten. Damit hättest du mich aus dem Weg gehabt – denn schließlich weiß ich über den Ring Bescheid und darüber, wie an den Ring zu gelangen wäre.«
»Du hast ehrlich angenommen, ich würde dich verraten?« fragte Msaliti.
»Aber ja doch«, sagte ich. »Und du hättest mich verraten, oder nicht?«
»Ja«, sagte er.
»Ich dachte es mir«, gab ich zurück. »Weißt du, in dir steckt irgendwo ein ehrlicher, wahrheitsliebender Bursche.«
Ich lockerte das Messer in der Ärmelscheide.
»Es wird dir nichts nützen, wenn du mich tötest«, sagte er.
»Ich probiere nur mal die Scheide aus«, sagte ich und steckte die Klinge wieder zurück.
»Anscheinend müssen wir zusammenarbeiten«, meinte er.
»Wir müssen schnell handeln«, sagte ich. »Wir wissen nicht, wieviel Zeit wir haben. Bila Hurumas Handelswesir dürfte bald merken, daß ich wenig weiß über die Kaufleute und Angelegenheiten Teletus’. Wir müssen schnell handeln.«
»Was hast du vor?« fragte er.