Выбрать главу

Ich wandte mich zur Flucht, doch an der Tür wurde ich schon von den angriffsbereit erhobenen Lanzenspitzen mehrerer Askaris erwartet. Vom Msaliti keine Spur. Ich hob die Hände und ließ das Messer dabei fallen. Männer mit Lampen erschienen.

Und da sah ich, daß ich mich gar nicht im Schlafgemach Shabas befand.

In der Mitte des Raums, auf einer hohen Plattform, etwa neun Fuß über dem Boden, gestützt von acht Pfosten, erblickte ich nicht etwa Shaba, sondern Ubar Bila Huruma – mit untergeschlagenen Beinen dasitzend, nackt bis auf die Kette mit Pantherzähnen um den Hals.

Männer packten mich an den Armen, hielten sie fest. Ich spürte, wie mir die Hände auf dem Rücken zusammengebunden wurden.

Mehrere Lampen erhellten das Zimmer inzwischen bis in die Ecken. Auf ein Zeichen des Ubars wurden noch weitere Lichtquellen entzündet.

Ich blickte in die flache, runde Grube in der Mitte des Raums. Sie war etwa einen Fuß tief. Die Pfosten der Schlafplattform nahmen hier ihren Anfang. In der Grube lag ein Askari – eine blutige Hand umklammerte noch einen Holzpfosten. Sein Körper war auf entsetzliche Weise verdreht und entstellt. Das Fleisch hatte eine schwärzlich-orangerote Färbung angenommen und war stellenweise aufgeplatzt, wobei sich die Haut zurückwölbte wie Papier. Dicht neben ihm war ein Messer in die Grube gefallen. Rings um seinen Körper krochen kleine, nervöse, wendige Schlangen – Osts. Seltsamerweise war jedes dieser Geschöpfe an einen Faden gebunden. Ich zählte acht der winzigen Reptilien. Die Schnüre führten von ihren Köpfen zu einem Pfahl am Kopfende der Schlafplattform, wo sie angebunden worden waren. Nahe dem Fuß der Schlafgelegenheit hing ein Flechtkorb. Die Ost ist gewöhnlich eine orangerote Schlange, hier jedoch handelte es sich um Ushindi-Osts, die eine rote Haut mit schwarzen Streifen besitzen. Anatomisch und im Hinblick auf ihr Gift sollen sie mit der gewöhnlichen Ost beinahe identisch sein.

»Was geht hier vor, mein Ubar?« rief Msaliti, der in diesem Augenblick über die Schwelle eilte. Seine Kleidung war durcheinander, als hätte das Geschrei ihn geweckt. Die Lampe hatte er nicht bei sich. Beim hastigen Aufstehen hatte er natürlich nicht die Zeit, ein Licht anzuzünden. Ich bewunderte ihn. Er war ein schlauer Bursche.

Plötzlich hielt Msaliti verblüfft inne. Er schien erstaunt zu sein, aber nach kurzer Zeit faßte er sich wieder. »Mein Ubar!« rief er. »Geht es dir gut?«

»Ja«, sagte Bila Huruma.

Beim Eintreten hatte Msaliti den Ubar angerufen, doch als er ihn dann tatsächlich erblickte, hatte er einen Sekundenbruchteil lang verblüfft reagiert. Ich machte mir klar, daß er gerufen hatte, damit alle Anwesenden erkannten, er habe den Ubar bei seinem Eintreten bei bester Gesundheit erwartet. Als er dann aber sehen mußte, daß der Ubar tatsächlich noch lebte, hatte er seine Überraschung einen Augenblick lang nicht verhehlen können. Er hatte sich schnell wieder gefaßt. Er konnte im Grunde nicht wirklich damit gerechnet haben, daß ich den Ubar tötete. Mein Interesse galt dem Ring. Hätte ich ihn nicht bei Shaba gefunden, hätte ich den Mann sicher nicht umgebracht und wäre damit das Risiko eingegangen, das kostbare Stück für immer zu verlieren.

Msaliti blickte in die flache Grube unter der hohen Schlafplattform Bila Hurumas. Der Anblick schien ihn nicht gerade zu erfreuen.

»Was ist passiert?« fragte er. Eingehend betrachtete er die verzerrt daliegende Gestalt, deren verfärbte Hände noch immer den Pfosten umklammerten. »Das ist ja Jambia«, fuhr er fort, »dein Wächter.«

»Er hat versucht, mich umzubringen«, sagte Bila Huruma. »Zweifellos hat er einen guten Preis dafür bekommen. Aber er wußte nichts von den Osts. Dieser Mann ist bestimmt sein Komplize.«

In diesem Augenblick ging mir der raffinierte Plan Msalitis auf. Allerdings hatte er die Genialität seines Ubars unterschätzt.

Er hatte mir gesagt, der Wächter sei beseitigt worden. In Wirklichkeit hatte er sich im Inneren des Raumes befunden, von Msaliti bestochen, und hatte auf das Lampensignal gewartet. Mir fiel ein, daß Msaliti mir am Morgen noch gesagt hatte, der Wiederbeschaffung des Ringes stehe eigentlich am meisten Bila Huruma im Wege und daß es leicht sein müßte, Shaba zu verhaften und an den Ring zu kommen, wäre der Herrscher erst einmal aus dem Weg. Davon ausgehend, hatte er einen simplen Plan geschmiedet. Jambia sollte Bila Huruma umbringen und sodann fliehen, vermutlich indem er sich durch eine Graswand entfernte. Ich sollte dann im Schlafraum des Ubars angetroffen werden. Vielleicht sollte Jambia selbst die Tat entdecken. Natürlich würde der Riß in der Graswand gegen mich ausgelegt werden – als Spur meines Eindringens und nicht als Überbleibsel einer Flucht aus dem Zimmer. Hätte der Plan geklappt, wäre Bila Huruma tot gewesen, und Shaba, seines Beschützers ledig, hätte gegen Msaliti nicht mehr viel ausrichten können, der als Großwesir natürlich die Zügel der Regierungsgeschäfte sofort übernehmen würde, wenn auch nur vorübergehend. Meine falsche Identität als Abgesandter von Teletus, die Msaliti für mich gestrickt hatte, konnte mich unter solchen Umständen nicht länger schützen. Wenn ich überhaupt diplomatische Immunität besessen hatte, dann war es spätestens jetzt damit vorbei. Msaliti hätte mit mir machen können, was ihm einfiel. Der erfolgreich in die Tat umgesetzte Plan hätte es ihm nicht nur ermöglicht, an den Ring heranzukommen, sondern mich gleichzeitig loszuwerden, mich, der ich das Geheimwissen um den Ring mit ihm teilte und der selbst daran interessiert sein mochte, den Ring zu Belisarius in Cos zurückzubringen, von wo er dann zu den Kurii zurückkehren sollte. Ich hatte Msaliti Schwierigkeiten bereitet. Und ich mochte ihm auch künftig Probleme machen. So hatte er eine nützliche Rolle für mich in seinen Plänen gefunden. Und wenn dann noch angenommen wurde, ich sei der Mörder, würde die Aufmerksamkeit der Ermittler noch zusätzlich vom Hof fortgelenkt und befaßte sich nicht mit Dingen, die im Palast abliefen.

Msalitis Plan war aber nicht aufgegangen.

»Tötet ihn!« sagte Msaliti und deutete auf mich.

Zwei Askaris hoben ihre kurzen Speere, um sie mir in die Brust zu bohren.

»Nein«, sagte Bila Huruma.

Die Soldaten senkten ihre Speere.

»Sprichst du Ushindi?« fragte mich der Ubar.

»Nur ein wenig«, antwortete ich. Ayari, mit dem ich am Kanal an der Gaunerkette gehangen hatte, war mir beim Lernen sehr behilflich gewesen. Ich hatte mein Vokabular schnell erweitern können. Die Grammatik dagegen war viel schwieriger. Ich beherrschte die Sprache der Binnenländer sehr schlecht, doch immerhin bekam ich dank Ayari einiges von dem mit, was ringsum gesprochen wurde.

»Wer hat dich angeworben?« fragte Bila Huruma.

»Niemand«, antwortete ich. »Ich wußte nicht, daß dies dein Schlafgemach ist.«

Beinahe zärtlich machte sich Bila Huruma daran, die winzigen Osts an ihren Fäden aus der Vertiefung zu ziehen und im Korb am Fußende der Schlafplattform zu verstauen.

»Gehörst du der Kaste der Attentäter an?« fragte er.

»Nein«, antwortete ich.

Er hielt die letzte Ost empor, an der Schnur baumelnd, etwa fünf Fuß über der Grube unter seinem Bett.

»Führt ihn näher heran!« befahl er.

Ich wurde an den Rand der Grube gezerrt. Bila Huruma streckte den Arm aus. Ich sah die kleine Ost, rot, mit schwarzen Streifen, dicht vor meinem Gesicht. Die winzige gespaltene Zunge zuckte zwischen den schmalen Kiefern hin und her.

»Gefällt dir mein kleiner Freund?« fragte er.

»Nein.«

Die Schlange wand sich an der Schnur.

»Wer hat dich für deine Dienste bezahlt?«

»Niemand«, antwortete ich. »Ich wußte nicht, daß dies dein Schlafgemach ist.«