Noch immer zeigte sich auf Tendes Gesicht keine Regung.
»Und so wird es auch mit dir kommen, denn im Grunde deines Herzens bist du eine echte Sklavin – das sehe ich schon an deinen Augen.«
Tende hob die rechte Hand, um die die Peitsche gewickelt war, und bewegte sie lässig hin und her. Die beiden erschrockenen Sklavinnen hörten auf zu fächeln. Anmutig erhob sich Tende und stieg von ihrem Podest herab, um sich über Kisu am Rand der Plattform aufzustellen.
»Hast du nichts zu sagen, meine liebe Tende, du schöne Tochter des Verräters Aibu?« erkundigte sich Kisu.
Sie versetzte ihm mit der Peitsche einen Schlag ins Gesicht. Er hatte die Augen geschlossen, um nicht geblendet zu werden.
»Ich spreche nicht mit einfachen Untergebenen«, sagte sie. Dann kehrte sie an ihren Ausgangsort zurück, und ihr Gesicht war wieder eine Maske der Ausdruckslosigkeit. Auf ihr Zeichen hin bewegten die Sklavinnen wieder die Fächer.
Kisu öffnete die Augen. Über sein Gesicht zog sich ein blutiger Striemen. Er hatte die Fäuste geballt.
»Weiter!« sagte Mwoga zu einem der Askaris auf der Plattform.
Der Mann äußerte einen scharfen Befehl an die Sklaven, die die Plattform schleppten, und deutete mit dem Speer die Richtung an. Die Männer setzten sich in Bewegung, die Kanus mit der Plattform durch das Wasser schleppend.
Wir blickten der Plattform und ihren Passagieren nach.
Ich bedachte Kisu mit einem Blick. Ich nahm nicht an, daß ich noch lange warten mußte.
»Grabt weiter!« sagte ein Askari in unserer Nähe.
Befriedigt und irgendwie auch erfreut stieß ich meine Schaufel tief in den Sand zu meinen Füßen. Wir hockten in dem langen Käfig, der auf dem Floß errichtet worden war. Ich fuhr mir mit den Fingern unter dem Kragen entlang, um meinen Hals etwas zu entlasten. Der Geruch des Sumpfes ringsum war allgegenwärtig.
Unter leisem Kettengerassel kroch er durch die Dunkelheit zu mir. Mit dem Fingernagel kratzte ich ein wenig Rost von der Kette an meinem Kragen. Aus der Ferne gellte das Geschrei von Dschungelvögeln herüber, das Heulen von winzigen Primaten mit langen Gliedmaßen. Es war etwa eine Ahn nach dem spätabendlichen Regen, etwa die zwanzigste Ahn des Tages. Der Himmel war noch immer bedeckt und verbreitete eine Dunkelheit, die für das, was bald geschehen mußte, wie geschaffen war.
»Ich muß mit dir reden«, sagte er in schlechtem Goreanisch.
»Ich wußte gar nicht, daß du meine Sprache beherrschst«, sagte ich und blickte geradeaus in die Dunkelheit.
»Als Kind«, erwiderte er, »bin ich einmal fortgelaufen. Ich lebte zwei Jahre in Schendi und kehrte dann nach Ukungu zurück.«
»Ich hatte auch nicht angenommen, daß dich ein kleines Dorf zufriedenstellen könnte«, sagte ich. »Für ein Kind war das aber eine lange und gefährliche Reise.«
»Ich bin nach Ukungu zurückgekehrt«, sagte er.
»Vielleicht bist du deswegen ein solcher Patriot deiner Gegend«, sagte ich, »weil du einmal von dort geflohen bist.«
»Ich muß mit dir sprechen!« wiederholte er.
»Vielleicht spreche ich aber nicht mit Angehörigen des Adels«, gab ich zurück.
»Verzeih mir!« sagte er. »Ich war dumm.«
»Du hast also doch von Bila Huruma gelernt, der mit allen Menschen spricht.«
»Wie sonst kann man etwas hören?« fragte er. »Wie sonst kann man das andere verstehen?«
»Bettler sprechen mit Bettlern – und Ubars«, sagte ich.
»Das ist ein Schendi-Sprichwort.«
»Ja.«
»Sprichst du Ushindi?«
»Ein wenig«, sagte ich.
»Kannst du mich verstehen?« fragte er in dem Dialekt, der am Hof Bila Hurumas gebräuchlich war.
»Ja«, sagte ich. Die goreanische Sprache fiel ihm nicht leicht. Das Ushindi war für mich nicht leichter. Ayari der rechts neben mir lag, kannte das Ushindi gut genug, um es mühelos in den verwandten Ngao-Dialekt umzusetzen, der im Ukungu-Distrikt gesprochen wurde – doch so weit gingen meine Fähigkeiten nicht. Ich sagte: »Wenn ich dich nicht verstehe, sage ich es dir.« Ich bezweifelte nicht, daß wir uns auf diese Weise verständigen konnten.
»Ich werde versuchen, Goreanisch zu sprechen«, sagte er. »Wenigstens ist das nicht die Sprache des Bila Huruma.«
»Es sprechen auch andere Dinge für das Goreanische«, sagte ich. »Es ist eine komplexe, ausdrucksstarke Sprache mit großem Vokabular.«
»Ukungu ist die schönste Sprache der Welt«, sagte er.
»Das mag schon sein«, erwiderte ich, »aber ich beherrsche es nicht.«
»Ich möchte fliehen«, sagte Kisu auf Goreanisch. »Ich muß fliehen.«
»Na schön – dann fliehen wir doch!« sagte ich.
»Aber wie?« wollte er wissen.
»Die Werkzeuge unserer Flucht befinden sich schon lange in unserer Hand«, sagte ich. »Nur hat mir bisher die Unterstützung gefehlt, die ich brauche, um sie zu nützen.«
Ich wandte mich an Ayari. »Gib die Nachricht an der Kette weiter!« sagte ich. »In beiden Richtungen, in den passenden Sprachen! Wir werden heute nacht fliehen.«
»Wie gedenkst du das anzustellen?« fragte Ayari.
»Erledige deine Aufgabe, mein lieber Übersetzer!« sagte ich. »Du wirst es bald erleben.«
»Was ist, wenn sich einige vor der Flucht fürchten?«
»Dann werden wir sie bei lebendigem Leib von der Kette reißen«, sagte ich.
»Ich weiß nicht, ob mir das gefällt«, sagte Ayari.
»Willst du etwa der erste sein?« erkundigte ich mich.
»Ich doch nicht«, gab Ayari zurück. »Ich habe zu tun. Ich gebe die Nachricht an der Kette durch.«
»Wie können wir fliehen?« fragte Kisu.
Ich hob die Hand und maß die Kette an seinem Kragen – ich ließ die Hand an den Kettengliedern entlanggleiten, bis ich etwa fünf Fuß weiter den Halskragen des nächsten Mannes erreichte. Ich führte die beiden Männer dicht zusammen, bis die Kette in einer Schlaufe auf dem aus Baumstämmen bestehenden Boden des Schlaffloßes lag. Mit tastenden Fingern ließ ich die Schleife zwischen die Enden zweier Stämme gleiten und zog sie an – nun aber etwa zwei Fuß von dem Ende des Baumstammes entfernt, um den die Kette lag. Die Unterseite der Kettenschlaufe befand sich folglich unter Wasser und führte um einen Stamm. Ich gab dem kräftigen Kisu ein Ende der Kette in die Hand und bemächtigte mich des anderen Endes.
»Ich verstehe«, sagte Kisu. »Als Werkzeug ist das aber nicht sonderlich ergiebig.«
»Du könntest die Askaris um ein besseres bitten«, schlug ich vor.
Nun begannen wir in gleichmäßigen, festen Zügen die Kette druckvoll unter dem Stamm hin und her zu ziehen. In wenigen Sekunden hatten wir mit Hilfe dieser primitiven Säge die Rinde des Baumstammes durchtrennt und gruben uns nun in rhythmischem Hin und Her in das splitternde Holz, das darunter lag. Die sich bewegenden Kettenglieder dienten in ihrer Versetzung recht gut als Sägezähne. Ab und zu quietschte das Metall auf dem harten Holz, doch vermochten wir ziemlich leise zu arbeiten, denn die Geräusche pflanzten sich lediglich unter Wasser fort. Es war ein Fehler der Askaris, uns in einem Käfig auf einem Holzfloß unterzubringen und uns außerdem noch die Halsketten zu lassen. Einmal unterbrachen wir die Arbeit, als ein Kanu mit Askari-Aufpassern vorbeiglitt.
Meine Hände, die die Kette umklammerten, begannen zu bluten. Sicher wiesen auch Kisus Hände solche Spuren auf.
Ein Mann kroch herbei. »Das ist doch Wahnsinn!« sagte er. »Ich komme nicht mit.«
»Dann müssen wir dich umbringen«, erwiderte ich.
»Ich habe es mir anders überlegt«, erwiderte er. »Ich mache mit – aus vollem Herzen.«
»Gut«, antwortete ich.
»Der Lärm wird sich unter Wasser fortpflanzen«, sagte ein anderer Mann. Ja, er hatte recht, unter Wasser breitete sich der Schall besser aus als darüber, etwa fünfmal so gut. Diese Fortpflanzung findet aber eine natürliche Barriere in der Wasseroberfläche, so daß wir in dieser Beziehung von den Askaris nichts zu fürchten hatten.
»Bestimmt werden dadurch Tharlarion angelockt«, fuhr der Mann fort.
»Wir warten ab, bis sie das alles erkundet und sich dann wieder verzogen haben«, sagte ich.