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Ayari beugte sich zu mir. »Es ist dunkel«, sagte er. »Eine gute Nacht für die wilden Eingeborenen.«

Zwischen meinen Füßen splitterte ein Stück Holz ab.

Ich ließ die Kettenschlaufe zum Ende des Stammes gleiten, dort wo er an den nächsten stieß. In dieser Position mochte die Kette nun als Hebel dienen.

»Zieh!« forderte ich Kisu auf und zerrte heftig an der Kette. Splitternd bog sich das Holz nach oben und brach ab. Mit Fuß und Händen brach ich einige störende Spitzen ab.

»Wir warten jetzt eine gewisse Zeit ab«, sagte ich.

Wir hörten, wie der Rücken eines großen Tharlarion an der Unterseite des Floßes entlangscharrte.

Ich raffte die Kette in meinen blutigen Händen zusammen, um damit nach dem Tier zu schlagen, sollte es die Schnauze durch das Loch stecken.

»Deckt den Balken ab!« sagte ich. »Tut so, als ob ihr schlaft!«

Wir saßen um das abgebrochene Stück Baumstamm, die Köpfe gesenkt, während sich einige andere hingelegt hatten. Die kleine Bugfackel eines weiteren Askari-Kanus glitt an uns vorbei – an Bord befanden sich diesmal zehn bewaffnete Aufseher.

Sie achteten kaum auf uns.

»Sie haben Angst vor Überfällen der Eingeborenen«, sagte Ayari.

Als einige Minuten später alles ruhig zu sein schien, sagte ich: »Der erste Mann an der Kette soll kommen.«

Dieser wurde herbeigeschubst. Er war sichtlich nervös. »Ich würde ja als erster gehen«, sagte ich, »aber das geht nicht, da ich mich in der Mitte der Kette befinde.«

»Was ist mit dem Burschen am anderen Ende der Kette?« fragte er.

»Eine ausgezeichnete Idee«, gab ich zurück. »Es könnte aber sein, daß er genauso unwillig ist wie du – und in diesem Augenblick ist dein Hals in meiner Reichweite, nicht seiner.«

»Was ist, wenn mich Tharlarion anfallen?« fragte er.

»Hast du Angst?« fauchte ich.

»Ja«, gestand er.

»Kein Wunder«, sagte ich. »Es könnten sich hier Tharlarion herumtreiben.«

»Ich steige nicht durch das Loch«, sagte er.

»Atme tief ein«, forderte ich ihn auf, »und bleib in Bewegung, denn andere kommen nach! Schwimm zum Schlammfloß! Dort finden wir Schaufeln.«

»Ich schwimme nicht«, wiederholte er.

Ich packte ihn und stieß ihn mit dem Kopf voran durch das Loch. Der nächste ließ sich mit den Füßen voran in die Tiefe gleiten. Der dritte, der ein wenig rundlich war, zwängte sich nicht ohne Mühe durch die Öffnung zwischen den Baumstämmen. Der vierte folgte. Prustend erschien der Kopf des ersten Mannes neben dem Floß an der Wasseroberfläche. Er begann auf das Schlammfloß zuzuschwimmen. Einer nach dem anderen schoben sich die sechsundvierzig Gefangenen der Kette durch das rettende Loch – Kisu und ich befanden uns etwa in der Mitte der Kette.

»Nehmt euch Schaufeln und bringt das Floß her!« sagte ich.

»Wohin wollen wir?« fragte Ayari.

»Folgt mir!« sagte ich.

»Du willst nach Westen?« erkundigte sich Ayari.

»Wir müssen uns befreien«, sagte ich. »An der Kette kämen wir nicht weit. Wenn wir nach Westen ziehen, können wir neugierige Askaris täuschen. Außerdem liegt im Westen, kaum einen Pasang entfernt, die Insel der Schmiede, wo Männer an die Kette gelegt werden.«

»Es wird dort auch Werkzeuge geben«, sagte Ayari.

»Genau«, sagte ich.

»Wir sollten nach Osten ziehen oder in die Dschungel des Nordens oder Südens«, meinte ein anderer Mann.

Kisu versetzte ihm einen Hieb gegen die Schläfe, so daß er zur Seite torkelte.

Ich musterte Kisu. »Erscheint es dir nicht ratsam, Mfalme, nach Westen zu ziehen?«

Er richtete sich auf. »Ja«, sagte er, »wir gehen nach Westen.«

Sein Einverständnis freute mich. Ohne seine Zustimmung, ohne sein Prestige wäre es für mich schwierig, wenn nicht gar unmöglich gewesen, der Kette meinen Willen aufzuzwingen. Ohne seine Unterstützung, ohne seinen Einfluß wären wir vermutlich nicht aus dem Käfig herausgekommen. Daß er den Burschen niederschlug, war für mich der Hinweis, daß auch er es für angebracht hielt, nach Westen zu ziehen. Ihn mit seinem Titel Mfalme ansprechend, hatte ich ihn dazu gebracht, seine Haltung klar zu äußern. Seine Antwort beruhigte die Männer. Zugleich hatte ich natürlich meinen Respekt vor seinen Ansichten zum Ausdruck gebracht, den ich in der Tat hatte, und mit der Erwähnung seines Titels hatte ich bestätigt, daß ich seinen hohen Status für Ukungu anerkennen wollte. Hätte ich seine Zustimmung nicht vorausgesehen, weiß ich nicht, was ich hätte tun sollen. Vermutlich hätten wir dann gegeneinander kämpfen und einer den anderen umbringen müssen.

Bald führten Kisu und ich die Kette an, die wir – und einige Männer zwischen uns – aus der Mitte vorzogen, während die Enden links und rechts hinter uns verliefen, dazwischen das Schlammfloß, das von einigen Männern geschoben wurde.

»Du bist ein schlauer Bursche«, sagte Kisu zu mir.

»Bist du nicht auch meiner Meinung, daß der Westen uns im Augenblick die besten Chancen bietet?« fragte ich.

»Doch.«

»Man wird nicht damit rechnen, daß wir diese Richtung einschlagen. Außerdem finden wir dort Werkzeuge.«

»Und noch etwas anderes«, sagte er, »das ich dringend haben will.«

»Und das wäre?« erkundigte ich mich.

»Du wirst es sehen.«

»Askaris!« rief Ayari. »Vor uns!«

»Andere Askaris haben uns freigelassen und nach Westen geschickt, damit wir uns in Sicherheit bringen«, sagte ich. »Man hat uns sogar unser Werkzeug gelassen. Es hat einen Überfall gegeben.«

»Wer da? Halt!« rief ein Askari.

Gehorsam hielten wir inne. Nervös erkannte ich, daß sich mehrere Askaris näherten, mehr als ich zunächst gesehen hatte, eine Abteilung von etwa zwanzig Mann mit Schilden und Speeren. Die weißen Federn des Kopfschmucks zeigten an, wo sie sich befanden. Im Kampf nehmen die Askaris ihre Kopfbedeckungen zuweilen ab, die ansonsten in der Dunkelheit dazu dienen können, Freund und Feind auseinanderzuhalten.

»Eingeborene!« rief ich, und Ayari deutete hinter uns. »Askaris haben uns freigelassen und angeordnet, daß wir in den Westen marschieren, um uns in Sicherheit zu bringen.«

»Eingeborene!« rief einer der Askaris.

»Es ist eine günstige Nacht«, meinte ein anderer.

»Ihr beschützt uns doch, oder?« fragte Ayari mit flehender Stimme.

»Wo sind die Askaris, die euch freigelassen haben?« fragte ein Askari.

»Sie kämpfen!« sagte Ayari.

»Laßt die Trommeln erschallen!« sagte der Mann. Ein Askari eilte davon. »Wir werden die angegriffene Sektion entsetzen.«

»In Zweierreihe aufstellen!« rief eine andere Stimme.

Die Askaris gingen in Formation.

»Wer wird uns beschützen?« fragte Ayari.

»Marschiert weiter!« sagte der Offizier. »Dort wird euch nichts geschehen.«

»Das ist natürlich eine große Erleichterung!« sagte Ayari.

»Beeilung!« drängte der Offizier.

Sofort setzten wir unseren Weg fort, während die Askaris ihren Eilmarsch nach Osten begannen. Gleich darauf hörten wir eine Trommel, deren Klang weitere Askaris auf den Plan rufen würde.

»Schnell!« sagte Ayari.

Noch zweimal kamen Einheiten der Askaris an uns vorbei, ebenso zwei Kanus, die mit Bewaffneten gefüllt waren.

»Sie werden bald merken, daß wir gelogen haben«, sagte Kisu.

»Wir müssen uns beeilen«, sagte ich.

Kurze Zeit später erreichten wir die Insel der Schmiede. Askaris drängten sich an uns vorbei.

»Was ist los?« fragte einer der Schmiede, der mit einer Fackel vor seinem Schlafquartier stand.

Er und seine Kollegen waren im nächsten Augenblick von einer Horde verzweifelter Gefangener eingeschlossen.

»Nehmt uns die Kette ab!« forderte ich.

»Niemals!«

»Wir können das selbst tun«, sagte Ayari. Schaufeln wurden gehoben. Angstvoll eilten die Schmiede zu ihren Ambossen.

Mit sicheren Bewegungen wurden die Metallkragen geöffnet, und die schwere Kette fiel zu Boden. Wir drängten die Schmiede wieder in ihren Schlafschuppen und fesselten und knebelten sie.

»Verlauft euch in alle Winde!« sagte ich schließlich zu den Männern. »Jetzt ist jeder auf sich allein gestellt.«