Die anderen verschwanden in der Dunkelheit.
Kisu, Ayari und ich blieben auf der Insel.
»Wohin willst du?« fragte Kisu.
»Ich muß in den Osten«, sagte ich. »Ich folge einem Mann, der Shaba heißt. Ich suche den Ua-Fluß.«
»Das paßt mir gut«, sagte er ernst.
»Das verstehe ich nicht«, sagte ich.
»Du wirst es noch verstehen.«
»Ist das eine Drohung?«
Er legte mir die Hände auf die Schultern. »Bei der Ernte Ukungus – nein«, gab er zurück.
»Ich muß los«, sagte ich. »Die Zeit ist knapp.«
»Aber du schaust ja gar nicht in den Osten«, sagte er.
»Ich habe zunächst noch eine Zwischenstation im Sinn«, erwiderte ich.
»Auch ich muß noch etwas erledigen«, sagte er.
»Und das paßt zu Plänen, die du verfolgst?«
»Genau.«
»Ich habe die Absicht, mir eine verlorengegangene Sklavin zurückzuholen«, sagte ich und dachte dabei an die hübsche blonde Barbarin Janice Prentiss, die ich gern wieder zu meinen Füßen gesehen hätte.
»Ah, deshalb hast du also das Schlammfloß mitgenommen«, sagte Kisu lächelnd.
»Natürlich«, sagte ich.
»Ich glaube, ich werde mir ebenfalls eine Sklavin holen«, sagte er.
»Das hatte ich mir fast gedacht.«
»Ich begreife allerdings nicht, warum die Askaris noch nicht zurückgekehrt sind«, meinte Ayari. »Sie müßten doch längst begriffen haben, daß es falscher Alarm war.«
»Das hätte ich auch gedacht«, pflichtete ich ihm bei.
»Beeilen wir uns!« sagte Kisu.
In westlicher Richtung marschierten wir durch die Dunkelheit, das Schlammfloß, auf dem die Schaufeln lagen, vor uns herschiebend. »Warum bist du nicht bei den anderen Askaris, die im Osten kämpfen?« fragte Ayari.
»Ich bewache die Lady Tende. Wer bist du? Was ist das?«
»Wo ist die Gaunerkette?« fragte Ayari.
»Keine Ahnung«, sagte er. »Wer seid ihr? Was ist das für ein Floß?«
»Ich bin Ayari«, sagte Ayari. »Dies ist das Schlammfloß, das an der Gaunerkette benutzt wird.«
»Die Gaunerkette arbeitet im Osten«, sagte der Mann. »Wir sind heute daran vorbeigekommen.«
»Was geht hier vor?« fragte Mwoga und erschien am Rand der Plankenplattform, die auf den vier Kanus angebracht worden war.
»Hier ist ein Arbeiter, der die Gaunerkette sucht«, antwortete der Askari.
Mwoga starrte in die Dunkelheit. Er konnte Ayari nicht gut erkennen. Offensichtlich war der Mann ein Arbeiter, denn er trug keine Ketten. Wahrscheinlich hatte sich das Schlammfloß irgendwie gelöst, und der Arbeiter hatte die Absicht, es zurückzubringen, auch wenn das bei Dunkelheit ein unkluges Unterfangen war.
»Ein Askari genügt doch nicht, eine so bedeutsame Person wie die Lady Tende zu bewachen!« rief Ayari.
»Sei unbesorgt, Bursche«, sagte Mwoga, »wir haben hier noch einen zweiten Mann.«
»Das wollte ich nur wissen«, sagte Ayari.
Kisu und ich hatten jeder einen Wächter ausgemacht. Die anderen hatten sich anscheinend der Abwehrexpedition in den Osten angeschlossen.
»Was meinst du damit?« fragte Mwoga.
Mit unseren Schaufeln schlugen Kisu und ich die beiden Wächter bewußtlos.
Mwoga hatte uns informiert, daß wir uns nur um zwei Männer kümmern mußten – eine Aufgabe, die wir sofort in Angriff nehmen konnten. Er hatte uns damit sehr geholfen.
Mwoga blickte nach links und nach rechts. Ohne noch etwas zu sagen, ohne überhaupt den Versuch zu machen, seinen Dolch zu ziehen, sprang er von den Planken ins Wasser, eilig in der Dunkelheit verschwindend.
Die angeketteten Sklaven, die die Plattform hatten ziehen müssen und die zusammengekauert am Rand der Konstruktion saßen, folgten Ayaris Zeichen und hielten Ruhe.
Die Dunkelheit war angefüllt mit dem Dröhnen der Trommeln.
»Ich kann nicht schlafen«, sagte Lady Tende und trat aus dem kleinen Seidenunterstand, den man für sie und ihre Sklaven errichtet hatte. Ein zweiter war achtern für Mwoga bestimmt.
Dann erblickte sie Kisu.
24
Es begann hell zu werden.
Wir schoben das Schlammfloß vor uns her.
Ab und zu kamen Askaris an uns vorbei, von denen einige verwundet waren. Ein Kanu passierte uns in hundert Metern Entfernung, darin saßen blutende Askaris, die kaum noch die Paddel zu führen vermochten.
Vor gut einer Ahn waren wir an der Stelle vorbeigekommen, an der das Gefängnisfloß geankert hatte, von dem wir geflohen waren.
»Es hat einen Überfall gegeben«, sagte Kisu.
»Es war für die Eingeborenen eine günstige Nacht«, sagte Ayari.
Geduldig schoben wir das Schlammfloß weiter. Vor uns lag die Dämmerung, ein schimmernder grauer Rand. Wie auf der Erde steigt auf Gor die Sonne im Osten auf.
Mühsam schleppte sich ein verwundeter Askari durch das beinahe hüfthohe Wasser. »Geht nicht weiter!« sagte er. »Im Osten wird gekämpft.«
»Dank sei dir für deinen Rat, mein Freund!« rief Ayari. »Fertigmachen zum Umkehren!« wandte er sich an uns. Langsam drehten wir das schwere Floß mit dem hohen Schlammhaufen. Als der Askari etwa fünfundsiebzig Meter entfernt war, drehte er sich einmal um und wanderte weiter. Er merkte bestimmt nicht, daß wir ihm nicht folgten. Wenn es ihm auffiel, so war er nicht in der Verfassung, uns zu verfolgen.
Unter einer dünnen Schlammschicht lagen zwei Schilde und zwei Stoßspeere auf dem Floß, Waffen, die Kisu und ich den beiden Askaris abgenommen hatten, die auf Tendes Plattform gewacht hatten. Ganz offen lagen unsere Schaufeln oben auf der Last.
Immer weiter östlich kamen wir mit unserem Floß.
Ayari blickte zum Himmel empor. »Es muß etwa die achte Ahn sein«, sagte er.
»Wie weit noch bis zum Ngao?« fragte ich Kisu.
»Tage«, antwortete er.
»Es ist hoffnungslos«, meinte Ayari. »Wir sollten ans Ufer fahren.«
»Das erwartet man doch von uns«, sagte ich. »Und dann sind wir in doppelter Gefahr – durch die feindlichen Eingeborenen und durch die Askaris, die unsere Position mit Hilfe der Trommeln verraten.«
»Hört doch!« rief Kisu plötzlich.
»Ich höre es«, sagte ich.
»Was denn?« wollte Ayari wissen.
»Kriegsgeschrei, da vorn rechts. Dort wird gekämpft.« Ich erstieg die Plattform. Kisu folgte mir.
»Was seht ihr?« fragte Ayari.
»Eine bewegte Schlacht«, sagte ich, »ausgetragen im Wasser und mit Kanus – etwa hundert Askaris und vierzig bis fünfzig Eingeborene.«
»Es mag viele solche Scharmützel geben«, sagte Ayari. »Wir sollten einen großen Bogen darum machen.«
»Und ob!« rief ich.
Kisu und ich sprangen ins Wasser zurück und schoben das Floß weiter.
Bis zur Mittagsstunde stießen wir auf zwei ähnliche Kampfstätten. Um die neunte Ahn hatte es heftig geregnet, doch wir hatten unseren Weg zum Westufer des Ngao-Sees weiterverfolgt, der irgendwo vor uns liegen mußte.
»Runter!« rief Ayari.
Wir duckten uns ins Wasser, die Köpfe kaum noch über die Oberfläche erhoben, das Floß als Deckung benutzend. Auf der anderen Seite der Baumstämme glitten zwei Kanus mit Askaris vorbei, die in die Sumpflager des Westens zurückkehrten. Die Soldaten hatten lediglich ein Schlammfloß bemerkt, das sich am Arbeitsgebiet losgerissen hatte und fortgetrieben worden war.
»Die Askaris kehren zurück«, sagte Ayari. »Die Eingeborenen sind zurückgeschlagen worden.«
Kisu hob den Kopfschmuck eines Askari aus dem Wasser und warf ihn zur Seite. »Aber nicht ohne Opfer«, sagte er.
»Wir sind in Sicherheit«, äußerte Ayari.
»Haltet Ausschau nach Tharlarion!« ordnete Kisu an. Er griff unter Wasser und pflückte sich einen dicken schimmernden Blutegel vom Bein. Das Geschöpf war etwa zwei Zoll lang.
»Töte das Ding!« sagte Ayari.
Kisu ließ den Egel ins Wasser fallen. »Ich möchte nicht, daß mein aus dem Tier gedrücktes Blut ins Wasser kommt«, sagte er.
Ayari nickte erschaudernd. Das Blut mochte den Bint anlocken, einen zahnbewehrten, fleischfressenden Sumpfaal, oder die blaue Raub-Grunt, eine kleine Süßwasser-Abart des größeren und mir vertrauten Thassa-Grunt. Der blaue Grunt ist ganz besonders gefährlich während der Tagesstunden vor seiner Paarungsperiode, wenn er sich zu ganzen Schwärmen zusammenfindet. Diese Paarungszeiten fallen mit den Phasen des goreanischen Hauptmondes zusammen, der sich bei Vollmond auf dem Wasser spiegelt und auf irgendeine Weise den Paarungstrieb anregt. Während der Tagesstunden vor dem Vollmond zerreißen die unruhigen Grunt alles Eßbare, das ihnen in den Weg kommt. Während der eigentlichen Paarung jedoch kann man sich ungestört unter den Tieren bewegen. Die Gefahr durch Bint und blauen Grunt, die im Moment keine gefährliche Phase hatten, war nicht so unmittelbar auf diese Tiere zu beziehen, sondern auf die Tatsache, daß sie, angelockt durch vergossenes Blut, ihrerseits die Tharlarion auf den Plan rufen mochten.