Der schmale Speer, etwa sieben Fuß lang, bohrte sich dicht neben meiner Hand in den Schlamm.
»Eingeborene!« rief Ayari.
Wir hörten Geschrei.
Kisu grub im Schlamm herum, suchte mit fliegenden Fingern nach einem der Schilde und Speere.
Ein Mann sprang auf den Schlammhaufen, der das Floß krönte. Ich verschwand unter Wasser.
Vorsichtig schob ich mich durch das Sumpfgras, das unter Wasser wuchs. Ein Speer versuchte mich zu treffen. Es gelang mir, unter das Kanu zu gelangen. Ruckartig stand ich auf, schreiend, die Männer darin ins Wasser kippend. Plötzlich dröhnte das Kriegsgeschrei Ko-ro-bas über den Sumpf. Ein Mann sank mit aufgeschnittener Kehle leblos nieder. Ein anderer versuchte mich mit dem Speer zu treffen, während die übrigen erstaunt zurückwichen. Ich nahm dem Angreifer die Waffe ab, drehte sie um und spießte ihn damit auf dem Sumpfgrund fest. Dann musterte ich die anderen vier Männer, die mich erschrocken anschauten. Zum Angreifen schienen sie keine Lust mehr zu haben. Ich schob den Leichnam des Mannes mit dem Fuß von der Speerspitze und hob die Waffe wieder.
Ich trat zur Seite. Die Männer vor mir rührten sich nicht.
Kisu stand wie ein schwarzhäutiger Gott auf dem Floß, den Schild am Arm, einen blutbeschmierten Stoßspeer in der rechten Hand. Links von ihm lagen zwei Gestalten leblos im Wasser.
Ich schwenkte die Hand. »Fort mit euch!« rief ich. »Fort!«
Ich nehme nicht an, daß sie meine Worte verstanden – sie begriffen aber, was ich wollte. Die vier Männer wichen zurück und ergriffen die Flucht.
Ich richtete das Kanu wieder auf. Kisu verließ das Floß und fischte zwei verschlossene Kalebassen mit Wein, die im Sumpfwasser schwammen. Im Kanu selbst war ein langer zylindrischer Korb angebunden, der Streifen gesalzenen und getrockneten Fischfleisches enthielt.
Ayari watete zum Kanu. »Ob sie fort sind?« fragte er.
»Ja«, antwortete ich.
»Vielleicht kommen noch andere«, sagte er. Er fischte Paddel aus dem Wasser.
»Ich glaube, es ist ein wenig spät für die Eingeborenen«, sagte ich. »Vielleicht kehren sie in einigen Tagen zurück, um die Arbeiter am Kanal anzugreifen. Im Moment brauchen wir uns um sie wohl keine Sorgen zu machen.«
»Bila Huruma wird ihre Dörfer niederbrennen«, sagte Kisu.
»Er muß sich vorsehen«, erwiderte ich. »Er darf es nicht riskieren, die ihm freundschaftlich verbundenen Ufergemeinden zu brüskieren, weder die im Sumpf noch die am Ngao-See.«
»Er wird tun, was er für richtig hält, um sein Ziel zu erreichen«, sagte Kisu.
»Da hast du sicher recht«, räumte ich ein. Und ich zweifelte tatsächlich nicht daran, daß Bila Huruma einen nüchternen, wohlüberlegten Kurs steuern würde, wenn nötig sanft, aber auch hart und rücksichtslos, sollte er sonst nicht ans Ziel kommen können. Mit ihm, dem geborenen Ubar, war nicht leicht umzugehen, man würde ihn auch kaum von einem einmal eingeschlagenen Weg abbringen können.
Ayari legte die Paddel, die er gefunden hatte, ins Kanu. Es waren sechs. Nun besaßen wir insgesamt acht Paddel, denn zwei weitere waren für alle Fälle im Kanu festgebunden.
Ich schob das Kanu neben das Floß. Aus dem Schlammhaufen, der das Floß zierte, ragten drei hohe Grashalme. Kisu bohrte die Hände tief in den Schlamm. Er griff darunter und packte das blonde Haar einer Sklavin, die Schnüre aus durchstoßenen Muscheln um den Hals trug. Er zerrte sie am Haar aus dem Schlamm. Der Grashalm, durch den sie geatmet hatte, fiel ihr aus dem Mund. Sie hatte angstvoll die Augen aufgerissen. Kisu drückte sie mehrmals unter Wasser, um den Schmutz von ihr abzuwaschen. Dann gab er sie an mich weiter.
»Herr«, sagte die blonde Barbarin.
»Sei still, Sklavin!« erwiderte ich.
»Ja, Herr!«
Ich trug sie zum Kanu und hob sie hinein.
Kisu befreite anschließend die zweite blonde Sklavin, die früher einmal Janice Prentiss geheißen hatte, aus dem Schlamm und säuberte sie ebenfalls. Ich brachte sie im Bug des Kanus unter.
»Ungeheuer!« schrie Tende prustend und keuchend, als sie aus dem Wasser gezogen wurde. »Laß mich sofort frei!«
»Ich denke, du sprichst nicht mit gewöhnlichen Menschen«, sagte Kisu. Ayari grinste und übersetzte mir den Dialog. Hätte ich das Ushindi besser beherrscht, wäre ich auf einen Dolmetscher vermutlich nicht angewiesen gewesen, denn es ist mit dem Ukungu-Dialekt eng verwandt. Mein Ushindi aber war schlecht. In den nächsten Tagen sollte ich es lernen, zwischen Ushindi und Ukungu zu unterscheiden. Wortschatz und Grammatik sind sich ziemlich ähnlich, nur legt die Aussprache unterschiedliche Akzente. Ich zweifle nicht, daß die schwarzhäutige Äquatorbevölkerung Gors sich von einer der großen linguistischen Familien der Erde herleitet, vielleicht von der Bantu-Gruppe – Abkommen von Individuen, die womöglich vor vielen hundert Jahren auf den Eroberungsreisen von den Priesterkönigen hierhergebracht wurden. Das eigentliche Goreanisch enthält zahlreiche Hinweise darauf, daß es sich im wesentlichen aus den indoeuropäischen Sprachen ableitet.
Tende unterdrückte einen zornigen Ausruf.
Kisu warf sie in ihrer zerlumpten und beschmutzten Kleidung auf das Floß. Er band ihr die Hände vor dem Körper zusammen, als wäre sie bereits eine Sklavin, und befestigte eine lange Schnur daran. Anschließend warf er sie ins Wasser, so daß sie schließlich einige Fuß hinter dem Boot stand.
»Die beiden Sklavinnen sollen mit rudern«, sagte Kisu.
»Wir müssen uns beeilen«, sagte Ayari und setzte sich vorn ins Boot.
Die beiden Mädchen knieten hinter ihm. Ich nahm hinter der zweiten Sklavin Platz, die früher einmal Janice Prentiss geheißen hatte. Hinter mir hockte Kisu. Wir hatten unsere Waffen ins Boot gelegt, die Schilde und Stoßspeere der Askaris und weitere Speere und einen dritten Schild von den Eingeborenen.
Tende schrie auf, und wir drehten uns um. Wir sahen, wie einer der toten Eingeborenen, von einem Tharlarion gepackt, unter Wasser gezogen wurde. Das Tier war vermutlich von dem Blutgeruch im Sumpf angelockt worden.
Kisu und ich – die Mädchen folgten schnell unserem Beispiel – tauchten die Paddel ins Wasser und setzten das Boot in Bewegung; wieder ging es nach Osten.
Tende, deren Leine Kisu am Heck festgemacht hatte, stolperte hinter uns her. Ich blickte mich um und entdeckte zwei weitere Tharlarion ganz in der Nähe. Vierzig Meter entfernt geriet das Wasser in Bewegung. Wenn der Tharlarion große Beute schlägt, etwa einen Tabuk oder Tarsk oder auch einen Menschen, zerrt er sein Opfer unter Wasser, wo es ertrinkt. Dann zerreißt er es Bissen für Bissen.
»Bitte!« flehte Tende. »Laß mich ins Kanu!«
Aber Kisu reagierte nicht. Er schaute sie nicht einmal an.
»Ich kann in dieser Robe nicht im Wasser gehen!« rief sie weinend. »Bitte, Kisu!«
Er schaute sie nicht an. Wir paddelten weiter.
»Es ist nur eine Frage der Zeit«, sagte ich auf Goreanisch zu Kisu, »bis die Tharlarion alles aufgefressen haben. Dann könnten einige der Spur im Wasser folgen – der Spur von Schweiß und Angst.«
»Natürlich«, sagte Kisu und drehte sich nicht um.
Ich schaute zu Tende zurück, die angstvoll den Blick nach hinten richtete.
Wir paddelten nicht sonderlich schnell. Das Mädchen mußte mithalten können. Und die Tharlarion durften die Spur nicht verlieren.