Die Sonne leuchtete über der ruhigen Wasserfläche.
Shaba, daran mußte ich jetzt denken, war der erste Angehörige der Zivilisation, der erste Ausländer gewesen, der dieses Panorama zu sehen bekam.
»Wunderschön!« sagte ich mir. Leider war eben der erste, der diesen Anblick genießen durfte, der verräterische Shaba.
»Ukungu«, sagte Kisu, »liegt im Nordosten, am Ufer.« Ukungu war ein Land aus Uferdörfern, das jetzt als Teil des immer größer werdenden Reiches von Bila Huruma gesehen wurde.
»Du bist dort nicht mehr willkommen«, sagte ich zu Kisu.
»Da hast du recht«, sagte er.
»Hast du die Absicht, dorthin zurückzukehren, um einen Aufstand anzuzetteln?« erkundigte ich mich.
»Das gehört nicht zu meinem aktuellen Plan«, sagte er.
»Wie sieht dieser Plan denn aus?« fragte ich.
»Davon erzähle ich dir später.«
»Ich suche einen Mann, der Shaba heißt«, sagte ich. »Einen Mann, mit dem ich etwas Wichtiges zu regeln habe. Diese Aufgabe führt mich auf den Ua-Fluß.«
»Auch ich bin auf dem Weg zum Ua-Fluß«, sagte Kisu lächelnd.
»Ach, das gehört zu deinem Plan?« fragte ich.
»Ja, das gehört zu meinem Plan.«
»Vielleicht halte ich es für erforderlich, den Ua sogar zu befahren.«
»Auch ich könnte das unerläßlich finden«, meinte er.
»Ich vermute, das Gebiet rings um den Ua ist sehr gefährlich«, sagte ich.
»Das ist mir bekannt«, sagte Kisu.
»Und das paßt ebenfalls zu dem Plan, den du so heimlichtuerisch verfolgst?«
»Allerdings«, sagte Kisu grinsend.
»Kennst du den Ua?« wollte ich wissen.
»Nein«, erwiderte Kisu. »Ich habe den Fluß bisher noch nicht zu sehen bekommen.«
Ich hielt das Kanu im Gleichgewicht. Es bewegte sich frei im Uferbereich des Ngao-Sees.
»Dann wollen wir losfahren«, sagte ich.
Kisu, dem das Wasser bis an die Oberschenkel ging, langte in das Kanu. Er nahm einen schmalen Lederstreifen heraus und fesselte Tende damit die Hand- und Fußgelenke.
»Warum bindet mich mein Herr fest?« fragte sie.
»Ich rechne nicht mit Kanus aus Ukungu«, erwiderte Kisu, »aber sollten wir doch welche sehen, kommst du gefesselt vielleicht nicht in Versuchung, ins Wasser zu springen und fortzuschwimmen.«
»Ja, Herr«, sagte sie und senkte den Kopf.
»Die anderen Sklavinnen sollten wir ebenfalls nicht in Versuchung führen«, empfahl Kisu. »Du da«, sagte ich, »komm zu mir!«
Ich lag auf dem Ellbogen im Kanu. Über mir leuchteten die Monde Gors. Das Kanu glich einem winzigen Holzstück in der Weite des schimmernden Sees.
»Ja, Herr«, antwortete sie.
Die blonde Barbarin, deren Körper im Mondlicht bleich schimmerte, kroch vorsichtig auf mich zu. Ich hörte die Muscheln ihrer Halskette leise klicken.
Wir hatten die Mädchen nur die beiden ersten Tage auf dem See gefesselt. Dann waren wir zu weit vom Ufer entfernt, als daß wir noch mit Kanus rechnen mußten.
»Küß mich!« forderte ich.
Sie gehorchte, dann lag sie still, den Kopf auf meine linke Schulter gelegt.
»Du hast Angst«, sagte ich.
»Ich lebe im Widerstreit mit mir selbst«, antwortete sie.
»Diesen Konflikt mußt du lösen«, sagte ich. »Du mußt die Sklavin in dir befreien, dein wahres Ich, das im Grunde nur unterdrückt wird.«
»Nein, nein!« sagte sie. »Ich bin keine Goreanerin.«
»Die Frauen der Erde, an den Kragen und die Macht ihres Herrn gewöhnt, sind hervorragende Sklavinnen.«
»Oh!« sagte sie, als ich sie leicht berührte. »Verzeih mir, Herr!«
»Du bist nicht auf der Erde«, sagte ich. »Niemand wird dich hier verachten, wenn du deinen Sinnen freien Lauf läßt. Hier brauchst du dich nicht schuldig fühlen, wenn du begehrenswert und weiblich bist.«
»Ich bin keine goreanische Hure.«
»Hältst du mich für geduldig?« fragte ich.
»Wenn der Herr mich nehmen will, so soll er es tun«, sagte sie, »dann kann ich wieder zurückkriechen.«
Ich nahm ihren Kopf zwischen die Hände. »Hältst du mich für geduldig?« wiederholte ich drängend.
»Ich weiß es nicht, Herr«, flüsterte sie.
»Es gibt eine Zeit, geduldig zu sein, und eine Zeit, sich ungeduldig zu gebärden«, sagte ich.
»Ja, Herr.«
»Hüte dich vor dem Augenblick, da es mit meiner Geduld vorbei ist.«
26
Die blonde Barbarin tauchte das Ruder ins Wasser und zog es durch.
»Ist der See endlos?« fragte sie.
»Nein«, antwortete ich.
Wir befanden uns nun schon zwanzig Tage auf dem See und ernährten uns wie zuvor vom Fischen.
Ich entdeckte bräunliche Verfärbungen im Wasser und roch Blumen. Irgendwo vor uns mußte die Mündung des Ua liegen.
»Bringst du deine Sklavinnen in Gefahr?« fragte die blonde Barbarin.
»Ja«, erwiderte ich.
Sie zitterte, kam aber nicht aus dem Paddelrhythmus. In den letzten Tagen hatte sie öfter mit mir zu sprechen versucht, doch ich hatte nicht sehr aufgeschlossen reagiert und ihr gewöhnlich nur mit kurzen Worten geantwortet.
Betrübt paddelte sie weiter; sie wußte, daß sie bei ihrem Herrn in Ungnade stand.
»Wir müßten längst in der Nähe des Ua sein«, sagte Ayari vom Bug des Kanus.
»Schau dir das Wasser an«, sagte Kisu. »Riechst du die Blumen und den Wald? Ich glaube, wir befinden uns bereits in der Mündung.«
Ich war verblüfft. Konnte die Mündung so breit sein?
Kisu deutete zum Himmel. »Schaut euch den Mindar an!«
Wir hoben die Köpfe und erblickten einen Vogel mit bunten Federn, kurzen Flügeln und einem spitzen Schnabel. Das Gefieder war vorherrschend gelb und rot gefärbt.
»Das ist ein Waldvogel«, stellte Kisu fest.
Der Mindar ist für kurze, schnelle Flüge – beinahe Spurts – gebaut; die kurzen Flügel flirren und tragen das Tier von Ast zu Ast, damit es sich dort verbergen oder in der Runde nach Larven und Würmern graben kann.
»Seht!« rief Kisu.
Wir entdeckten einen Tharlarion, der sich auf einer Sandbank sonnte. Als wir näherkamen, glitt er ins Wasser und schwamm fort.
»Wir sind bereits im Fluß«, sagte Kisu. »Ich bin mir dessen sicher.«
»Der See teilt sich«, sagte Ayari.
»O nein«, erwiderte Kisu erfreut, »das ist eine Insel im Fluß. Es gibt bestimmt viele davon.«
»Wie fahren wir?« fragte ich.
»Nach rechts«, sagte Kisu.
»Warum?« wollte ich wissen. Ich bin Engländer von Geburt. Es wollte mir natürlich erscheinen, auf der linken Seite an der Insel vorbeizufahren. Auf diese Weise ist der eigene Schwertarm dem Entgegenkommenden zugewendet.
»Wenn man an der Ngao-Küste ein Dorf betritt, tut man das stets von rechts.«
»Warum das?«
»Weil man auf diese Weise seine Flanke der Klinge des anderen darbietet.«
»Ist das denn klug gehandelt?«
»Wie kann man besser beweisen, daß man in friedlicher Absicht kommt?«
»Interessant«, stellte ich fest. Doch ich hätte mich wohler gefühlt, wären wir links geblieben. Was war, wenn der andere Bursche nicht friedlich war? Als Krieger kannte ich den Wert einer Achtel-Ahn, die durch eine richtige Körperstellung gespart werden konnte.
»Wenn es also Menschen in dieser Gegend gibt«, fuhr Kisu fort, »und wenn ihre Gewohnheiten denen der Ngao- und Ukungu-Bewohner ähneln, dann machen wir ihnen damit klar, daß wir in friedlicher Absicht kommen. Damit sparen wir uns vielleicht viel Ärger.«
»Das hört sich klug an«, bemerkte ich. »Wenn es hier Menschen gibt, kann man sie auf diese Weise vielleicht dazu bringen, uns in Ruhe zu lassen.«
»Genau«, sagte Kisu.
Daraufhin steuerten wir das Kanu nach rechts. Eine halbe Ahn später erstreckte sich die Insel links von uns. Sie war viele Pasang lang.
»Ich glaube gar nicht, daß es hier Menschen gibt«, sagte Ayari. »Dazu sind wir viel zu weit im Osten.«
»Wahrscheinlich hast du recht«, meinte Kisu.
Im nächsten Augenblick hörten wir die Trommeln.
»Verstehst du die Botschaft?« fragte ich.