»Tausch mich nicht ein, Herr!« flehte sie.
»Als Sklavin taugst du nicht viel«, sagte er.
»Ich will versuchen, mich zu bessern«, sagte sie und mühte sich auf die Knie hoch. »Ich will dir heute nacht gefallen. Ich werde dir Freuden bereiten, von denen du nicht einmal wußtest, daß es sie gab. Ich werde dir so gut dienen, daß du mich morgen früh nicht mehr eintauschen möchtest.«
»Das wird schwer sein«, sagte er. Ich saß nachdenklich neben der Tonschale mit dem kleinen Feuer. Morgen mußten wir weiter. Mit einem kleinen Stock stocherte ich in den Flammen herum. Shaba war uns weit voraus. Warum war er auf den Ua geflohen? Mit dem Ring hätte er sich auf der Oberfläche des weiten Gor tausend sichere Orte suchen können. Aber er hatte sich die gefährliche, unerforschte Route des Ua ausgesucht. Nahm er an, man würde davor zurückschrecken, ihn auf diesem einsamen Gewässer zu verfolgen, das eine so furchtbare, gefährliche, geheimnisvolle Region durchschnitt? Er mußte doch wissen, daß ich und andere ihm um des Ringes willen sogar in die dampfende, blütenübersäte Wildnis des Ua folgen würden. Ich folgerte, daß er einen schlimmen Fehler gemacht, ein Fehlurteil gefällt hatte, das mich bei einem so raffinierten Mann doch sehr überraschte.
»Herr«, sagte eine leise Stimme.
Ich wandte mich um.
Es war das erste blonde Mädchen, nicht Janice Prentiss, die ich bisher stets die blonde Barbarin genannt habe.
»Ich knie hier vor dir«, sagte sie leise.
»Ja?«
Sie senkte den Kopf. »Ich erbitte deine Berührung.«
In meiner Nähe japste die blonde Barbarin entrüstet. Sie schien nicht glauben zu können, daß sich eine Frau offen zu ihren Bedürfnissen bekannte. Wußte diese Dirne nicht, daß keine Frau so etwas tat? War es nicht schrecklich genug, die Sehnsucht in sich zu spüren – ohne sie auch noch offen zuzugeben?
»Sklavin!« rief die blonde Barbarin spöttisch.
»Ja, Sklavin«, sagte die andere zu ihr und wandte sich dann wieder an mich. »Bitte, Herr!«
Ich trat vor sie hin. »Stammst du nicht von einer Welt, die Erde genannt wird?« fragte ich.
»Ja, Herr.«
»Wie lange bist du schon auf Gor?«
»Mehr als fünf Jahre.«
»Und wie bist du hierhergekommen?« wollte ich wissen.
»Ich weiß es nicht«, erwiderte sie. »Eines Abends legte ich mich in meinem Zimmer auf meiner Heimatwelt schlafen. Als ich erwachte, mochten Tage vergangen sein, und ich war auf einem goreanischen Sklavenmarkt angekettet.«
Ich nickte. Goreanische Sklavenhändler sorgen in der Regel dafür, daß ihre neuen Mädchen während des Fluges von einer Welt zur anderen besinnungslos sind.
»Wie lautete dein barbarischer Name?« fragte ich.
»Alice«, sagte sie. »Alice Barnes.«
»Interessant«, sagte ich lächelnd. »Nun denn, ich nenne dich ›Alice‹.«
»O danke, Herr.«
»Du trägst diesen Namen jetzt als Sklavennamen«, erklärte ich ihr.
»Danke, Herr!«
»Es heißt, die Frauen der Erde sind natürliche Sklavinnen.«
»Es stimmt, Herr«, flüsterte sie und streckte die Hände nach mir aus.
»Sklavin! Sklavin!« rief das andere blonde Mädchen verächtlich und wandte sich ab, als ich Alice in die Arme nahm. Es war spät, als Ayari in die Hütte zurückkehrte.
Die Mädchen schliefen bereits. Kisu hatte Tende, als er mit ihr fertig war, an den ihr gebührenden Platz zurückgeschickt.
»Hast du noch mehr erfahren?« fragte ich.
»Außer deinem Shaba und seinen Gefolgsleuten sind noch andere Leute hier durchgekommen«, sagte Ayari. »Ich erfuhr dies schließlich von dem Häuptling und zweien seiner Männer, mit denen ich mich unterhalten habe.«
»Sie wollten nur ungern reden?« fragte Kisu.
»Und ob«, erwiderte Ayari. »Sie hatten große Angst, überhaupt nur das zu schildern, was sie sahen.«
»Und das war?« fragte ich.
»Dinge«, antwortete er.
»Was für Dinge?«
»Das wollten sie mir nicht sagen. Sie hatten große Angst.« Er blickte mich an. »Aber ich fürchte, wir sind nicht die einzigen, die deinen Shaba suchen.«
»Andere verfolgen ihn ebenfalls?« fragte Kisu.
»Ich nehme es an«, meinte Ayari.
»Interessant«, bemerkte ich und legte mich ans Feuer. »Ruhen wir uns aus«, fuhr ich fort. »Wir müssen morgen sehr früh weiter.«
28
»Dort!« rief Ayari. »Steuere das Kanu nach rechts!«
Wir drehten das leichte Wasserfahrzeug einige Striche nach Steuerbord. »Ich sehe sie!« rief ich.
Das Fischerdorf lag vier Tagereisen hinter uns. In diesen vier Tagen waren wir an zwei anderen Dörfern vorbeigekommen. Dort wurde auf kleinen Lichtungen Landwirtschaft betrieben. Wir hatten jedoch nirgendwo Rast gemacht.
In dieser Gegend war der Fluß zwei- bis vierhundert Meter breit. Nachts zogen wir das Kanu an Land, tarnten es und schlugen etwa einen halben Pasang vom Ufer entfernt unser Lager auf, um die Gefahr, die uns von Tharlarions drohte, möglichst zu verringern; diese Tiere entfernten sich ungern weit vom Wasser.
Der Kasten, etwa einen Fuß breit und tief, und zwei Fuß lang, war mit einem kunstvollen Ringschloß versehen. Er schwamm fast völlig untergetaucht im Fluß und stieß jetzt gegen die Außenwandung des Kanus. An den Metallgriffen hievte ich unseren schweren Fund an Bord. Mit der ungeschärften Seite einer schweren Panga schlug ich den Schloßring locker. Es gibt da verschiedene Arten von Ringschlössern. Die hier benutzte Verschlußeinrichtung war ein Kombinations-Vorhängeschloß, bei dem auf rotierende Metallscheiben gravierte Zahlen paßten – sie mußten in der richtigen Reihenfolge zusammengebracht werden, sonst ließ sich der Riegel nicht herausziehen. Es war kein sehr sicherer Verschluß, und so mußte ich damit rechnen, daß der Inhalt der Truhe nicht sonderlich wertvoll sein würde. Die Zahlen am Schloß waren goreanisch. Ich hob den Deckel an.
»Ah!« sagte Kisu.
In der Truhe entdeckte ich ein Durcheinander von Drahtrollen, Spiegeln, Nadeln und Messern, Perlenketten, Muscheln und bunten Glasstücken.
»Tauschwaren«, sagte Kisu.
»Zweifellos von einem Schiff, das zu Shabas Verband gehört«, sagte Ayari.
»Zweifellos«, stimmte ich ihm zu.
Wir verstauten die Waren in einem der Säcke, die wir aus dem Fischerdorf mitgebracht hatten, und warfen das aufgebrochene Schloß und die geöffnete Truhe wieder in den Fluß.
»Wir sollten uns ab sofort sehr in acht nehmen«, sagte Kisu.
»Das scheint mir ein sehr guter Rat zu sein«, sagte ich.
29
Wir saßen etwa einen halben Pasang vom Flußufer entfernt um unser kleines Feuer.
Ein großer Ameisenbär, der gut zwanzig Fuß lang geraten war, schnüffelte am Rand unseres Lagers herum. Wir schauten zu, wie seine lange, dünne Zunge aus dem Mund zuckte und wieder darin verschwand.
Die blonde Barbarin rückte ein wenig näher zu mir.
»Das Tier ist harmlos«, sagte ich, »es sei denn, man läuft ihm direkt in den Weg. Dann kann es ein zorniges Pfeifen ausstoßen und mit seinen scharfen Krallenpfoten zuschlagen und sogar einen Larl niederstrecken.« Das Geschöpf lebte von weißen Ameisen oder Termiten. Zuerst brach es die hoch aufragenden Nester aus getrocknetem Lehm auseinander, dann ließ es die vier Fuß lange Zunge, die mit klebrigem Speichel benetzt war, in das Innere zucken und zog Tausende von verblüfften Bewohnern in Sekundenschnelle in sein schmales röhrenförmiges Maul.
Das Mädchen schauderte zusammen.
Wir hatten bestimmte Güter aus dem Boot mitgebracht.
»Oh!« rief das Mädchen plötzlich schaudernd. Ein roter Grashüpfer von der Größe eines gehörnten Gim, eines kleinen, eulenähnlichen Vogels, war nahe dem Feuer emporgesprungen und im Unterholz verschwunden.
Verlegen senkte das Mädchen den Kopf.
Kisu war damit beschäftigt, mit dem Messer ein Stück des groben rotgefärbten Tuches zu lösen, das wir gegerbt und zusammengefaltet im Fischerdorf eingetauscht hatten. Es besitzt ein Gewebe aus Rindenstreifen und ähnelt dicht gewebtem Leinen – allerdings ist es viel weicher, was zum Teil wohl an der Tatsache liegt, daß die Farbe, in der es getönt wird, Palmöl enthält. Tende beobachtete ihn genau.