»Wie ist es möglich, daß ihr mit ihr von Westen über den Fluß kommt?« fragte ein Mann, der Grundkenntnisse der Ushindi-Sprache besaß.
Ich verstand seine Frage nicht.
Die blonde Sklavin erschauderte unter den offenen Blicken der Männer.
»Ist sie eine Taluna?« fragte ein Mann.
Auch diese Frage blieb mir unverständlich.
Ayari erwies sich als bemerkenswerter Begleiter.
Ich glaube nicht, daß es im Dorf jemanden gab, der mehr als nur einige Dutzend Worte Ushindi kannte. Ayari jedoch gelang es mit seinen Sprachkenntnissen, mit seinen Gesten, seiner schnellen Auffassungsgabe und seinem Stock, mit dem er in den Staub zeichnete, unsere Tauschgeschäfte zu erledigen und darüber hinaus auch wertvolle Informationen zu sammeln.
»Shaba war hier«, meldete Ayari.
»Wann?« fragte ich.
»Der Häuptling sagt lediglich: ›vor langer Zeit‹«, gab Ayari zurück. »Einige von Shabas Männern waren krank. Er blieb eine Woche hier.«
»Das erklärt«, sagte ich, »warum hier einige Männer Ushindi verstehen, wenn auch nur in den Ansätzen.«
»Natürlich«, sagte Ayari. »Und bestimmt haben sich Shaba und seine Männer Mühe gegeben, die Anfangsgründe der Dorfsprache zu lernen.«
Ich nickte.
Wir hatten gegen einige Messer und bunte Glasstücke mehrere Säcke Mehl sowie Obst und Gemüse eingetauscht.
»Gibt es sonst noch etwas«, fragte ich.
»Ja«, antwortete Ayari grinsend. »Wir sollen umkehren.«
»Warum?« fragte ich.
»Der Häuptling sagt, der Fluß sei ab hier gefährlich. Er sagt, es gebe feindlich gesonnene Stämme, gefährliche Flußabschnitte, riesige Tiere, Ungeheuer und Talunas, weißhäutige Dschungelmädchen.« Er deutete auf die blonde Barbarin, die neben mir im Sand kniete. »Er dachte, sie wäre ein solches Mädchen«, fuhr er fort. »Ich habe ihm gesagt, sie sei eine ganz gewöhnliche Sklavin.«
Ich musterte die blonde Barbarin. »Das stimmt«, sagte ich.
Sie senkte den Kopf.
»Shaba ist dann aber doch flußaufwärts weitergefahren, oder?« fragte ich.
»Ja«, entgegnete Ayari.
»Dann fahre ich auch den Fluß hinauf.«
»Das tun wir alle«, stellte Kisu fest.
Ich wandte mich an ihn.
»Das gehört zu meinem Plan«, sagte er.
»Zu deinem geheimnisvollen Plan?« fragte ich.
»Ja«, sagte er lächelnd.
Ich fragte Ayari: »Hat der Häuptling oder einer der anderen irgend etwas von den ›Dingen‹ gesagt, was immer sie waren, von denen im Fischerdorf gesprochen wurde, ohne daß die Leute sich näher darüber auslassen wollten?«
»Ich habe danach gefragt«, erwiderte Ayari. »Aber man hat nichts Ungewöhnliches bemerkt.«
»Dann haben wir sie verloren«, sagte Kisu.
»Mag sein«, entgegnete ich. »Fahren wir weiter?«
»Natürlich nicht«, sagte Ayari. »Heute abend soll ein Fest stattfinden, es wird gesungen und getanzt.«
»Natürlich«, sagte ich.
32
»Nicht loslassen!« forderte Kisu mit gepreßter Stimme. Er mühte sich schwitzend.
Die Mädchen schrien gepeinigt auf, mit rutschenden Füßen standen sie da, gegen das Boot gestemmt, und versuchten zu verhindern, daß es in die Tiefe stürzte. Ayari führte den Bug. Hinter ihm, mittschiffs, standen die drei Mädchen, und am Heck schoben Kisu und ich. Der Katarakt, der noch etwa zweihundert Meter entfernt war, rauschte ohrenbetäubend. Das Kanu, das auf unseren Schultern lag, war im Winkel von zwanzig Grad nach oben geneigt. Unter unseren Füßen glitten Felsbrocken ab und rollten den Hang hinab.
»Das ist unmöglich!« rief Ayari.
»Weitergehen!« forderte Kisu.
»Ich bin müde«, ächzte Ayari.
»Nach oben, nach oben!« rief Kisu.
»Na schön«, steckte Ayari zurück, »ich streite mich nie mit großen Burschen.«
Die Landbeförderung des Kanus war nicht leicht – und es war nicht unsere erste Etappe außerhalb des Wassers. Wir schickten uns an, den elften Wasserfall des Ua zu passieren.
Manchmal benutzten wir runde Hölzer unter dem Kanu und zogen es mit Seilen.
Die Boote Shabas konnten auseinandergenommen werden, was solche Landstrecken erleichterte. Er verfügte über zahlreiche kräftige Männer, die die Lasten beförderten. Wir hatten nur uns selbst und drei schmächtige Sklavinnen.
»Ich kann nicht mehr«, sagte Ayari. Es war die vierte Landstrecke des Tages.
»Dann wollen wir ausruhen«, sagte ich.
Vorsichtig setzten wir das Boot ab. Während es von den anderen festgehalten wurde, steckte ich am unteren Ende einige Felsbrocken dagegen, damit es nicht hangabwärts rutschte.
Bäume umstanden uns. Über uns flogen bunte Dschungelvögel. Wir hörten das Gekecker frecher Affen.
»Bringt die Vorräte!« befahl Kisu.
»Ja, Herr«, sagten die Mädchen, die ebenfalls ins Schwitzen gekommen waren. Sie kletterten einige hundert Meter die Schräge hinab und holten Paddel, Säcke und Bündel, die unsere Habe enthielten. Wir beförderten diese Dinge getrennt, gewöhnlich über Strecken von einoder zweihundert Metern. Kisu und ich wechselten uns am Heck ab. Man muß schon sehr kräftig sein, um das Kanu an dieser Position zu stützen und zu lenken.
»Shaba ist hier durchgekommen«, sagte Kisu, setzte sich und wischte sich den Schweiß wie Wasser von der Stirn.
»Die Tragstrecken wären noch viel anstrengender, wenn er uns nicht den Weg bereitet hätte«, sagte ich.
»Das stimmt«, sagte Kisu grinsend. Wir folgten im allgemeinen den Landstrecken, die von Shaba und seinen Kundschaftern festgelegt worden waren. Sie hatten vernünftige geodäsische Konturen aufgespürt und wegen der größeren Wasserfahrzeuge für ihren Marsch hier und dort sogar Bäume, Ranken und sonstige Hindernisse entfernt.
Ich lächelte vor mich hin. Ich bezweifelte nicht, daß wir jetzt viel schneller vorankamen als Shaba. Außerdem hatte er durch die Krankheit mehrerer Männer eine ganze Woche verloren, wie wir im letzten Dorf erfahren konnten.
Die Situation freute mich. Nach dem Ausmaß der Regeneration des Dschungels zu urteilen, war Shaba nicht mehr als fünfzehn bis zwanzig Tage vor uns.
Ich blickte den Hang hinab. Im Gänsemarsch, angeführt von Tende, stiegen die Sklavinnen mit den Vorräten den Berg herauf. Als letzte kam die unbekleidete blonde Barbarin, die sich auf anmutige Weise aufrecht hielt und ein Bündel auf dem Kopf balancierte, das sie allerdings mit den Händen festhalten mußte. Sie blickte mich an – es war der Blick einer Sklavin auf ihren Herrn. Das freute mich. Sie legte das Bündel ab. Zusammen mit den anderen Mädchen schritt sie sodann wieder in die Tiefe, denn unsere Habseligkeiten konnten nicht in nur einer Etappe befördert werden.
Ayari lag auf dem Rücken und blickte zum Himmel empor. Kisu hockte am Boden und starrte zwischen den Bäumen hindurch auf das brodelnde Wasser des Flusses.
Wenige Minuten später erreichten uns die Mädchen ein zweites Mal, und wir schlugen unser Lager auf. Es war spät, und die anderen schliefen bereits.
Die blonde Barbarin hatte sich noch nicht hingelegt, sondern musterte mich. Als sie meinen Blick bemerkte, senkte sie hastig den Kopf und legte frisches Holz ins Feuer.
Es ist nicht immer einfach, im Wald ein Feuer zu entzünden. Im Lauf eines Tages gibt es meistens zwei heftige Regenfälle, einen am späten Nachmittag, und den anderen in der Nacht, gewöhnlich etwa eine Ahn vor der Mitternacht, der zwanzigsten Stunde. Diese Schauer sind oft von energischen Windstößen begleitet, die meiner Schätzung nach Geschwindigkeiten zwischen hundertundzehn und hundertundzwanzig Pasang in der Ahn erreichen können. Der Wald wird total durchnäßt. Man sucht sein Holz unter Felsvorsprüngen oder unter umgestürzten Bäumen. Man kann auch mit Pangas das nasse Holz umgestürzter Bäume abhacken, bis man das darunterliegende trockene Holz erreicht. Sogar während der Hitze des Tages ist es schwierig, geeignetes Brennmaterial zu finden. Der Dschungel dampft noch sehr lange nach dem letzten Niederschlag vor Feuchtigkeit – eine Folge der Hitze. Außerdem neigen die saftiggrünen Laubdächer des Regenwaldes dazu, die Feuchtigkeit festzuhalten. Die starke Sauerstoffbildung der Vegetation, zusammen mit Feuchtigkeit und Hitze, mit dem Geruch der Pflanzen und des verwesenden Pflanzengewebes und Holzes – dies alles verleiht dem äquatorialen Dschungel eine ganz besondere, unverwechselbare Atmosphäre, eine umfassende, erstickende, grüne, warme Aura, die wunderschön und einschüchternd zugleich ist. Der nächtliche Dschungel ist kühler als am Tage, manchmal sogar kalt, auch die Luft ist anders, dünner, weniger angereichert – weil die Sonnenenergie eben die komplexe Kettenreaktion der Photosynthese nicht anheizt. Trotzdem ist man sich des Nachts der Nähe und Weite des Dschungels vielleicht noch mehr bewußt als bei Helligkeit. Bei Tageslicht ist der Horizont durch das Grün beschränkt, das auf allen Seiten dicht heranrückt. Nachts, bei Dunkelheit, spürt man die beinahe grenzenlose Ausdehnung des Dschungels, die unzähligen Pasang Breite und Tiefe.