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Ich lauschte auf die nächtlichen Dschungelgeräusche, das Keckern und Heulen, das Klicken und Schreien der Nachttiere, der Vögel und Insekten.

Ich warf der blonden Barbarin einen Blick zu. Es war beinahe Zeit zum Schlafen.

Entgegen der allgemeinen Auffassung ist der Boden des Dschungels kein undurchdringlich zugewachsenes Gewirr, durch das man sich mit Macheten oder Pangas hindurchhauen muß. Ganz im Gegenteil, das Terrain hier ist normalerweise ziemlich frei. Das ist das Ergebnis der dichten Laubdächer, die den Boden in den Schatten werfen, der Faktor, der den Bodenwuchs behindert und beschränkt. Wenn man sich zwischen den verstreut stehenden Kolonnaden der Bäume umsah, die hoch oben zu den sattgrünen Kapitellen des Laubdachs explodierten, hatte man oft einen Ausblick über Strecken von hundert oder zweihundert Fuß oder mehr. Unwillkürlich denkt man an die Säulen eines der großen, schattigen Tempel der Wissenden, beispielsweise in Turia oder Ar. Und doch wirkt die natürliche Architektur von Sonne, Schatten und Wachstum wie eine lebendige Feier des Lebens und seiner Pracht, nicht wie eine Folge von Verirrungen und des Wahns der Verleugnung, nicht wie eine Erfindung elender Menschen, die auf Frauen, sogar Sklaven, und bestimmte Genüsse für immer verzichtet haben und wie Parasiten von der Ausnutzung des Aberglaubens untergeordneter Kasten leben. Natürlich gibt es im Dschungel undurchdringliche oder nahezu unzugängliche Bereiche, in der Regel Gebiete, wo Vegetation nachgewachsen ist und die man nur mühsam überwindet, indem man sich Streich um Streich mit der Machete oder Panga vorarbeitet. So etwas gibt es normalerweise nur in Bereichen, wo der Mensch eine Fläche gerodet und später wieder aufgegeben hat – meistens an Flüssen gelegen, und somit reflektieren sie nicht die typische botanische Struktur des jungfräulichen Regenwaldes.

Die blonde Barbarin ließ einige Holzbrocken ins Feuer fallen.

»Warum entfachst du die Flammen jetzt noch?« fragte ich.

»Verzeih mir, Herr!« sagte sie.

Ich lächelte. Sie wollte sich noch nicht so bald zurückziehen. Sie mußte aber wissen, daß die Zeit zum Schlafengehen gekommen war.

»Geh zum Sklavinnenpfosten und knie dort nieder!« sagte ich.

»Ja, Herr.«

Ich ließ sie einige Minuten sitzen. Sie wagte es nicht, über die Schulter zu mir zu schauen.

»Komm her«, sagte ich dann, »und knie vor mir nieder!«

Sie gehorchte.

»Was geht dir heute im Kopf herum?« fragte ich.

»Nichts, Herr!« antwortete sie stammelnd und hielt den Kopf gesenkt.

»Du darfst sprechen«, sagte ich.

»Ich wage es nicht.«

»Sprich!«

»Tende und Alice tragen Kleidung.«

»Sie sind nicht nennenswert bekleidet«, erwiderte ich, »und das Stück Stoff, das sie am Leib haben, kann ihnen von ihrem Herrn nach Lust und Laune wieder fortgenommen werden.«

»Ja, Herr«, sagte sie und warf mir einen tränenvollen Blick zu.

»Höre ich recht«, fragte ich, »daß du als Erdenfrau erneut die Gelegenheit erbittest, die dir schon einmal geboten wurde, die du aber ablehntest – die Gelegenheit, dir den Rock zu verdienen?«

»Ja Herr, ich bitte um diese Möglichkeit.«

»Obwohl du eine Frau von der Erde bist?«

»Ja, Herr, obwohl ich eine Frau von der Erde bin.«

»Warum?«

»Ich möchte dir zu Gefallen sein, Herr«, sagte sie. »Kannst du das verstehen, Herr?«

»Ich glaube«, erwiderte ich.

»Herr«, sagte sie.

»Warum willst du mich heute abend nicht, Herr?« fragte sie. »Gefalle ich dir nicht?«

»Vielleicht später«, sagte ich.

»Du erziehst mich, Herr, nicht wahr?« fragte sie.

»Ja«, entgegnete ich.

33

Kisu und ich mühten uns am Heck des Kanus, das steil in die Höhe zu wuchten war. Ayari und die Mädchen zerrten an Tauen, die wir vorn am Gefährt festgemacht hatten. Das Kanu neigte sich empor und kippte nach vorn, als wir es nun in beladenem Zustand auf ebenes Terrain schleppten.

Das Rauschen des Wasserfalls, der neben uns etwa vierhundert Fuß in die Tiefe stürzte, war ohrenbetäubend.

Es fällt schwer, die Pracht der Ua-Landschaft jemandem zu beschreiben, der sie nicht aus eigener Anschauung kennt. Da ist zum einen die Breite des Flusses, der sich wie eine mächtige Straße erstreckt, sich hin und her windend, gelegentlich von grünen Inseln unterbrochen, hier behäbig fließend, dort beschleunigt durch Stromschnellen oder Katarakte, manchmal unterbrochen von strömenden Wasserkaskaden, hier nur wenige Fuß hoch, an anderen Stellen wieder viele hundert Fuß. Und ringsum der Dschungel in seiner immensen Ausdehnung, erfüllt von reichhaltigem Leben.

»Ich bin froh«, sagte Kisu zufrieden und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Warum?« fragte ich.

»Komm mal her!« forderte er mich auf.

»Sei vorsichtig!« warnte ich. Er watete ins Wasser hinaus.

»Komm!« wiederholte er.

Ich watete vierzig bis fünfzig Fuß weit in die Strömung. Das Wasser ging uns hier nur bis zu den Knien.

»Schau doch!« sagte er und hob den Arm.

Von der Höhe des Wasserfalls vermochten wir viele Pasang weit flußabwärts zu schauen. Es war nicht nur ein prächtiger Ausblick, sondern auch eine sehr vorteilhafte strategische Position.

»Ich wußte, daß es so kommen würde!« rief er und klatschte sich vor Freude auf die Knie.

Ich folgte dem ausgestreckten Zeigefinger mit den Blicken und spürte, wie sich meine Nackenhaare aufrichteten.

»Tende! Tende!« rief Kisu. »Komm mal her!«

Das Mädchen watete mit vorsichtigen Bewegungen zu uns heraus. Kisu packte sie am Nacken und drehte sie flußabwärts. »Siehst du das, meine hübsche Sklavin?« fragte er.

»Ja, Herr«, erwiderte sie erschrocken.

»Er ist’s!« sagte Kisu. »Er kommt dich holen!«

»Ja, Herr«, sagte sie.

»Eilig jetzt ans Ufer!« befahl er. »Mach ein Feuer an, bereite das Essen, Sklavin!«

»Ja, Herr«, sagte sie und hastete aus dem Wasser, um ihre Aufträge zu erledigen.

Ich blickte flußabwärts in die Ferne und kniff vor dem Glanz, der auf dem Wasser lag, die Augen zusammen.

Viele Pasang entfernt, klein, aber deutlich auszumachen, bewegte sich eine Flotte aus Kanus und Flußbooten in unsere Richtung. Es mußten ungefähr hundert Einheiten sein, geruderte Flußgaleeren, der Rest der Flotte, der für Shabas ursprünglich geplante Expedition auf dem Ua vorgesehen war, und vielleicht noch einmal genauso viele Kanus. Wenn die Galeeren eine Besatzung von jeweils fünfzig Mann hatten und in jedem Kanu fünf bis zehn Leute saßen, dann zählte die Streitmacht hinter uns zwischen fünf- und sechstausend.

»Bila Huruma!« rief Kisu triumphierend.

»Deshalb hast du mich also den Ua entlang begleitet«, sagte ich.

»Ich wäre sowieso mit dir gekommen, um dir zu helfen, denn du bist mein Freund«, sagte Kisu. »Glücklicherweise führte uns das Schicksal aber dieselben Wege. Ist das nicht ein großartiger Zufall?«

»Ja, großartig«, sagte ich lächelnd.

»Du begreifst jetzt, wie mein Plan aussah?«

»Dein geheimnisvoller Plan?« fragte ich grinsend.

»Ja«, sagte er zufrieden.

»Ich habe mir so etwas gedacht«, erwiderte ich. »Aber ich meine, daß du dich vielleicht verrechnet hast.«

»Im Kampf konnte ich Bila Huruma nicht schlagen«, sagte Kisu. »Seine Askaris waren meinen Dorfkämpfern überlegen. Jetzt aber habe ich seine vorgesehene Gefährtin Tende entführt und ihn in den Dschungel gelockt. Ich brauche ihn nur immer weiter hinter mir herzuziehen, bis er im Dschungel umkommt oder sich, seiner Männer und Vorräte beraubt, zum Kampf Mann gegen Mann stellen muß, Krieger gegen Krieger.«

Ich schaute ihn an.

»So werde ich, indem ich Bila Huruma vernichte, sein Reich zerstören«, sagte Kisu.

»Ein intelligenter und kühner Plan«, sagte ich, »aber ich glaube, du hast dich vielleicht verrechnet.«