37
Der Häuptling, der auf seinem niedrigen Schemel saß, deutete auf Tende. Kisu hielt ihm Perlenketten aus purpurnem Glas hin. Der Häuptling schüttelte energisch den Kopf und deutete erneut auf Tende.
Tende kniete neben Kisu. In den Wochen, die seit ihrer Unterhaltung mit Janice vergangen war, hatte sie sich zur hervorragenden Liebessklavin entwickelt. So etwas läßt sich schwerlich verbergen. Die Augen des Häuptlings, die das Mädchen musterten, funkelten.
Kisu schüttelte ablehnend den Kopf.
Obwohl Tende ihrem Herrn die große Zuneigung mehr als einmal bewiesen hatte, achtete er strengstens auf Sicherheit, damit ihm seine Sklavin nicht entfloh.
»Wir sollten von hier verschwinden«, sagte Ayari nervös.
»Ja«, stimmte ich ihm zu.
Wir standen auf und schoben uns durch die Gruppe der Dorfbewohner. Der Häuptling rief etwas hinter uns her, doch wir gingen weiter. Ich stieß einen Mann zur Seite.
Wir hasteten zum Kanu und schoben es überstürzt auf den Fluß hinaus.
38
Ayari kehrte ans Lagerfeuer zurück.
Plötzlich fuhr er erstaunt zusammen. »Janice ist ja hier!« rief er.
»Ja«, sagte ich. Janice und Alice blickten zu ihm empor.
»Was ist?« wollte Kisu wissen.
»Ich dachte, ich hätte sie eben noch im Wald gesehen«, sagte er. »Hat sie nicht Holz gesammelt?«
»Nein«, sagte ich und sprang auf. »Führ mich an die Stelle, an der du sie gesehen haben willst.«
»Dort«, sagte Ayari kurze Zeit später und deutete auf eine Stelle zwischen einigen Bäumen.
Wir untersuchten die Fläche. Ich hockte mich nieder und betrachtete den Boden im Mondlicht. »Ich sehe keine Spuren«, bemerkte ich.
»Zweifellos eine Täuschung, die durch Licht und Schatten hervorgerufen wurde«, sagte Ayari.
»Zweifellos«, sagte ich.
»Kehren wir ins Lager zurück«, sagte er.
39
»Dort rechts liegt ein Dorf«, sagte Ayari.
In den letzten sechs Tagen waren wir an zwei Dörfern vorbeigefahren. Bei unserer Annäherung waren Männer mit Schilden und Speeren ans Ufer geeilt und hatten uns mit drohenden Bewegungen abgewehrt. Wir waren in der Mitte des Flusses geblieben und weitergefahren.
»Am Ufer sind Frauen und Kinder«, stellte Ayari fest. »Sie winken uns heran.«
»Wie angenehm, mal ein friedliches Dorf zu erleben«, sagte Alice.
»Gehen wir an Land«, sagte Ayari. »Vielleicht können wir Obst und Gemüse eintauschen und Informationen sammeln über den Mann, den du suchst, den Mann, der da Shaba genannt wird.«
»Es muß sehr angenehm sein, mal wieder in einer Hütte zu schlafen«, sagte Janice. Nachts regnet es oft im Dschungel, meistens vor der zwanzigsten Ahn.
Wir steuerten das Kanu auf das Ufer zu.
»Wo sind die Männer?« fragte ich.
»Ja«, griff Kisu meine Frage auf, »wo sind die Männer?«
Unser Kanu war noch etwa vierzig Meter vom Ufer entfernt. »Paddel halt!« sagt Ayari.
»Sie lauern hinter den Frauen!« rief ich.
»Wendet das Kanu!« sagte Kisu heftig. »Beeilt euch! Paddelt!«
Als die Horde der Frauen und Kinder sah, daß wir kehrtmachten, lief sie auseinander. Dahinter wurden Dutzende von Männern sichtbar, die Speere und Schilde, Messer und Pangas schwingend zum Wasser herabstürzten und dabei ein lautes Geschrei anstimmten.
Ringsum klatschten Speere ins Wasser. Die Waffen tauchten kurz unter und wirbelten dann mit der Strömung davon.
Einer der Männer, die uns nachschwammen, erreichte das Boot. Ich stieß ihn mit dem Paddel zurück.
»Paddelt! Schnell!« forderte Kisu.
Wir blickten uns um. Es wurden jedoch keine Kanus ins Wasser geschoben.
»Sie verfolgen uns nicht«, sagte Ayari.
»Vielleicht wollten sie uns nur vertreiben«, meinte Alice.
»Vielleicht«, sagte Ayari, »kennen sie den Fluß besser als wir und möchten ihn in östlicher Richtung nicht befahren.«
»Möglich«, sagte ich.
»Was sollen wir tun?« fragte Ayari.
»Weiterfahren«, sagte Kisu.
40
Ich blickte zu den Sternen empor.
Ich lauschte auf die Geräusche des Dschungels und das leise Knacken des Holzes in unserem Lagerfeuer.
»Haßt du mich, Herr?« fragte Tende, die neben Kisu kniete.
»Nein«, antwortete er.
»Gefalle ich dir nicht wenigstens ein wenig?«
»Möglich.«
»Ich liebe dich«, sagte sie.
»Möglich«, sagte er.
»Kannst du mir nicht vertrauen – nur ein wenig?« fragte sie.
»Ich will es aber nicht.«
»Es ist seltsam«, sagte sie. »Die anderen Mädchen schlafen unbehindert neben ihrem Herrn, während ich, die ich dir hilflos ergeben bin, stets meine Fesseln trage.«
Er sagte nichts.
»Wie kann ich dich von meiner Liebe überzeugen?« fragte sie. »Wie kann ich dein Vertrauen verdienen?«
»Keine Sorge, kleine Sklavin, du bist weder mehr noch weniger als die beiden. In eurem Sklavendasein seid ihr euch alle gleich.«
»Ich bin aber die einzige gefesselte Sklavin«, sagte sie.
»In der Tat.«
»Könntest du nicht wenigstens meine Fußgelenke losmachen?«
»Ah, du bist eine raffinierte kleine Sklavin, Tende!« sagte er und beugte sich zu ihr.
41
»Aufpassen!« rief Ayari.
Das Gebilde schien aus dem Wasser zu zischen und sich über den ganzen Fluß zu erstrecken.
Naß und rechteckig erhob es sich vor uns, ein Netz, eine Barriere aus miteinander verknüpften Lianen.
»Durchschneiden!« brüllte Kisu.
Im gleichen Augenblick hörten wir Geschrei hinter uns. Von beiden Ufern, jeweils etwa zweihundert Meter zurück, wurden Dutzende von Kanus ins Wasser geschoben.
»Durchschneiden!« wiederholte Kisu.
Mit dem Messer hackte Ayari auf die Lianen ein.
Wir steuerten das Kanu quer vor das Netz, damit ich und Kisu mit unseren Pangas ebenfalls die Netzwand bearbeiten konnten, die, vom Ufer her ausgelöst, vor uns emporgeschossen war.
Das Geschrei hinter uns wurde lauter.
Die Falle, mit Gewichten dicht unter der Wasseroberfläche festgehalten, wird von zwei Lianenseilen ausgelöst, die über Baumäste führen und auf die von verborgenen Gerüsten zum Straffspannen ein schwerer Baumstamm gerollt oder geworfen wird. Zweifellos war ein Signal gegeben worden, das wir irgendwie übersehen hatten.
Der scharfe Stahl unserer Pangas trennte die dicken Lianen. Die aus den Strünken geschlagene Feuchtigkeit regnete auf uns nieder.
»Bringt das Kanu hindurch!« rief Kisu.
Wir drehten das kleine Boot. Dicht neben uns fauchte ein Speer ins Wasser. Ayari hob Lianen zur Seite. Das Kanu zwängte sich durch die Barriere.
»Paddelt!« rief Kisu. »Paddelt um euer Leben!«
42
»Tarl«, flüsterte Ayari.
»Ja?«
»Wir müssen dieses Dorf verlassen«, sagte er.
Vier Monate waren vergangen, seit wir von der Höhe der gewaltigen Wasserfälle die zahlreichen Schiffe und Kanus Bila Hurumas weit hinter uns entdeckt hatten. Wir wußten gar nicht, ob sie uns noch immer verfolgten oder nicht. Auch hatten sich keine neuen Hinweise auf Shaba gezeigt, der den Fluß vor uns befuhr. Vor einem Monat waren wir dem Lianennetz entkommen und anschließend unseren Verfolgern, wobei uns die Dunkelheit zu Hilfe kam. Nachts war für diese Menschen der Fluß nicht der richtige Ort. Mit knappen Worten ist es leider nicht möglich, die Pracht und Länge des Flusses zu schildern und seine vielen hundert geographischen Besonderheiten, die Vielfalt des pflanzlichen und tierischen Lebens, die hier anzutreffen ist. Der Fluß selbst scheint eine ganz eigene Welt zu sein, gar nicht zu reden von den Wundern, die sich in den angrenzenden Territorien finden. Der Strom war wie eine Straße in das Staunen, ein leuchtender, gefährlicher, verzauberter Weg, der in den Kern reicher, bisher unbekannter Länder führte. In seiner Rauheit, Weite, Ruhe und Erregung war der Strom wie ein Schloß, das wir öffnen wollten, das Schloß zu einer neuen, frischen Welt, grün, geheimnisvoll, grenzenlos. Da ich kein Geograph war, vermochte ich die Reichtümer und Möglichkeiten, die mich umgaben, nicht recht zu beurteilen. Ich hatte an einigen Klippen Spuren von Kupfer und Gold ausgemacht. Im Fluß und in den Wäldern wimmelte es von Leben. Allein die Vorräte an Holz, Heilpflanzen und Fasermaterialien waren unvorstellbar. Der Fluß erschloß eine neue Welt, wunderschön, unerforscht, gefährlich. Es war sicher unmöglich, seine Bedeutung richtig einzuschätzen.