In weniger als einer Viertel-Ahn hatten wir den Vorsprung vor unseren Verfolgerinnen erheblich ausgebaut.
»Erinnerst du dich, Janice?« fragte ich. »In einem der Dörfer, die wir vor langer Zeit besuchten, erkundigte sich ein Mann, ob du eine Taluna wärst.«
»Ja«, sagte sie.
»Die Mädchen hinter uns«, erklärte ich, »sind Talunas.«
Nach einer halben Ahn waren die Kanus der Verfolgerinnen weit zurückgefallen. Nach wenigen weiteren Ehn gaben sie die Verfolgung auf.
»Ich habe keine Kraft mehr, Herr«, sagte Alice.
Janice und Tende konnten den Rhythmus ebenfalls nicht mehr durchhalten. Sie atmeten schwer und vermochten kaum noch die Arme zu heben. »Das Paddel fühlt sich wie Eisen an«, seufzte Janice. Tende schluchzte. »Verzeih mir, Herr«, wandte sie sich an Kisu. Ihr Paddel prallte gegen die Bordwand und wäre ihr beinahe aus der Hand gefallen. Sie senkte den Kopf.
»Ruh dich aus«, sagte Kisu.
»Ruht euch aus«, sagte ich zu Janice und Alice.
Die Mädchen legten die Paddel ins Kanu. Alice und Janice mußten sich erbrechen. Zitternd und keuchend legten sie sich nieder.
Ayari, Kisu und ich paddelten weiter.
44
»Mach mit!« rief sie lachend und planschte im Wasser herum.
Wir befanden uns in einer Lagune, die vom Fluß abging und sich über eine Weite von etwa hundert Metern erstreckte. Ich stand am Ufer und hielt einen Eingeborenenspeer in der Hand. Es sah nicht so aus, als drohte Gefahr von Tharlarions oder sonstigen Dschungelbewohnern, trotzdem konnte es nicht schaden aufzupassen.
Sie bot einen lieblichen Anblick, wie sie da im Wasser badete.
Wir hatten uns von der Hauptgruppe getrennt, um zu jagen, wie wir es zuweilen taten. Außerdem fand ich es recht angenehm, mit einer hübschen Sklavin allein zu sein.
»Wasch dich gut, Sklavin!« rief ich ihr zu. Im gleichen Augenblick glaubte ich im Dschungel hinter mir ein Rascheln wahrzunehmen. Es hörte sich nicht an, als sei dort ein Mann oder ein Tier gegangen. Es klang eher wie ein Wind, der sich zwischen Blättern bewegt. Dabei war es windstill.
Ich machte kehrt und begab mich einige Schritte weit in den Wald. Das Geräusch war nicht mehr zu hören. Vermutlich war es durch einen ungewöhnlichen Luftzug ausgelöst worden.
Plötzlich stieß das Mädchen in der Lagune einen Schrei aus. Sofort fuhr ich herum und rannte zum Waldrand zurück.
»Komm ans Ufer!« rief ich ihr zu.
Am anderen Ende der Lagune, wo ein kleiner Kanal zum Fluß führt, erblickte ich die Erscheinung, die das Mädchen erschreckt hatte. Es war ein großer Fisch. Sein schimmernder Rücken ragte mitsamt einer hohen Flosse halb aus dem Wasser, denn er stand im Begriff, sich über die Erdbarriere zu wälzen, die die Lagune vom Fluß trennte.
»Komm an Land!« wiederholte ich. »Schnell!«
Mit hektischen Bewegungen schwamm sie in meine Richtung. Einmal blickte sie zurück und schrie erneut. Jetzt war nur noch die vierteilige Flosse auszumachen, die deutlich werden ließ, daß der Fisch sich ihr schnell näherte.
»Beeilung!« rief ich.
Schluchzend und keuchend mühte sie sich durch das flache Wasser und erstieg das mit Gras bewachsene Ufer.
»Wie schrecklich das war!« rief sie.
Und schrie schrill auf. Der Fisch hatte sich auf seine kräftigen, fleischigen Seitenflossen gestemmt und folgte ihr an Land. Sie machte kehrt und floh schreiend in den Dschungel. Mit dem Speerschaft stieß ich dem Fischwesen gegen die Schnauze. Die vorspringenden Augen richteten sich auf mich. Das große Maul schnappte nach Luft. Behäbig kletterte das Wesen ans Ufer. Ich trat einen Schritt zurück und sah zu, wie sich das Geschöpf auf Seiten- und Schwanzflosse stützte und das Wasser verließ, um sich mir zu nähern. Wieder brachte ich den Speergriff zum Einsatz, und das Fischtier versuchte, nach dem Holz zu schnappen. Die vorstehenden Augen betrachteten mich. Ich trat zurück. Zuschnappend rückte das Geschöpf vor, doch ich wehrte es ab. Rückwärtsgehend zog ich mich zwischen die Bäume zurück, woraufhin das Tier innehielt. Ich nahm nicht an, daß es sich zu weit vom Wasser entfernen wollte. Nach kurzer Zeit kehrte es zur Lagune zurück und ließ sich mit dem Schwanz zuerst wieder ins Wasser gleiten. Ich kehrte ans Ufer zurück und erblickte das Wesen unter Wasser. Deutlich öffneten und schlossen sich die Kiemen. Es machte kehrt und entfernte sich mit langsamer Schwanzbewegung. Ayari und Kisu nannten solche Fische Gints. Ich war mit dieser Identifizierung einverstanden, denn eine Verwechslung mit ihren winzigen Artgenossen des Westens war auf keinen Fall möglich.
»Hilfe!« gellte eine Stimme – es war Janice. Eiligen Schrittes folgte ich dem Laut. Etwa fünfzig Meter vom Waldrand entfernt blieb ich stehen, denn ich hatte gut ein Dutzend kleiner Männer entdeckt, die eine kleine Senke säumten. Sie trugen Lendenschurze mit Lianengürteln, daran hingen in Schlingen Messer und kleine Werkzeuge. Bewaffnet waren sie mit Speeren und Netzen. Ich schätzte, daß von den Gestalten keine größer als fünf Fuß war und mehr als achtzig Pfund wog. Die Gesichter hatten einen negroiden Einschlag, während die Haut eher kupferfarben als dunkelbraun oder schwarz war. Sie schienen nicht zu den üblichen schwarzen Rassen zu gehören, die großgewachsen und geschmeidig sind und lange Gliedmaßen besitzen, trotzdem schienen sie dieser Rassengruppe näher verwandt als jeder anderen, die ich kannte.
»Hilfe!« wiederholte sich Janices Flehen.
Ich betrachtete die kleinen Männer. Sie machten keinen bedrohlichen Eindruck. »Tal«, sagte einer von ihnen.
»Tal«, erwiderte ich. »Ihr sprecht Goreanisch?«
»Herr!« rief Janice.
Ich trat an den Rand der Senke. Wenige Fuß unter mir hing Janice in einem riesigen Netz. Mit einem Arm und einem Bein war sie durch das Gewebe gebrochen. Sie wurde nicht nur durch die Klebrigkeit der Netzsträhnen am Aufstehen gehindert, sondern auch von der Nachgiebigkeit des Materials – die Fasern dehnten sich elastisch, sobald das Mädchen daran Halt zu finden versuchte.
Ich wandte mich zu den kleinen Männern um. Sie wirkten durchaus friedlich. Aber keiner machte Anstalten, Janice zu helfen.
»Herr!« rief das Mädchen.
Ich sah mir die Sache genauer an. Das Netz geriet ins Zittern. Eine riesige Felsspinne näherte sich mit schnellen Bewegungen über das Netz. Ihr Körper war rundlich, haarig, braun und schwarz und hatte einen Durchmesser von etwa acht Fuß. Das Wesen hatte Knopfaugen und schwarze Kiefer, deren Gelenke sich außerhalb des Kopfes befanden.
Janice legte den Kopf in den Nacken und schrie angstvoll auf. Ich ließ mich den kleinen Erdhang hinabgleiten und erreichte den Netzrand. Ich zog meinen Speer und schleuderte ihn der Spinne von vorn entgegen. Die Spitze durchdrang den Körper und trat am anderen Ende beinahe wieder heraus. Das Geschöpf hob die beiden Vorderbeine und streckte sie aus. Dann wandte es sich in meine Richtung. Kaum hatte es sich umgedreht, fort von dem Mädchen, begannen die kleinen Männer zu brüllen und zu kreischen und bohrten dem Geschöpf ihre Speere in den Körper. Verwirrt verharrte es auf dem Netz. Ich bewegte mich mit unsicheren Schritten am Rand der Senke entlang, wobei ich einmal ausglitt, und brachte meinen Speer wieder an mich. Er war benetzt von den klebrigen Körperflüssigkeiten des Arachniden. Ich drehte mich wieder um, hieb mit der Speerklinge zu und trennte ein Stück eines Spinnenbeins ab. Die Spinne griff an, und ich stieß ihr die Speerschneide ins Gesicht. Einige kleine Männer liefen um die Senke herum und schlugen zur Ablenkung mit Palmwedeln darauf ein. Die Spinne begann sich zu ereifern. Als sie sich den kleinen Gestalten zuwandte, schnitt ich ihr ein Stück eines Hinterbeines ab, woraufhin sie sich unsicher wieder in meine Richtung drehte. Ich wich zur Seite aus und hieb nach der Verbindung zwischen Hauptkörper und Unterleib. Die Flüssigkeit quoll hervor. Seitlich wich mir die Spinne aus. Ruckhaft wandte sie sich hierhin und dorthin. Die Kiefer öffneten und schlossen sich. Unkontrolliert trat ein Spinnenfaden aus einer der Unterleibsdrüsen. Die Spinne zog sich über das Netz zurück, und ich nahm mir den Kopf vor. Die kleinen Männer strömten an mir vorbei, erstiegen das eigentliche Netz und überfielen das Ungeheuer mit ihren Messern. Sie schnitten es in kleine Stücke. Ich kehrte zum oberen Rand der Senke zurück, den Speer in der Hand, der bereits zu trocknen begann. Janice lag nackt und zitternd im Netz. Das Rieseninsekt war auf den Rücken gerollt worden, und die kleinen Männer krabbelten darüber hin. Einige standen bis zu den Knien in dem toten Körper. Ich reinigte Griff und Klinge meines Speers. Als ich an den Schauplatz zurückkehrte, hatten die kleinen Männer das tote Ungeheuer zur Seite gerollt und waren an den Rand der Vertiefung zurückgekehrt. »Tal«, sagte der Anführer grinsend zu mir.