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Auf dem Bauch kriechend drang ich ein. Mondschein schimmerte durch das Strohdach und zwischen den Ästen hindurch, die die Hüttenwände bildeten. Sie lag am Boden und schlief in ihren kurzen Fellen. Die Waffen lagen an der Außenwand. Das blonde Haar wallte lose um den Kopf. Es war das Mädchen, das sich, um uns zu täuschen, in Ketten an den Pfahl gestellt hatte. Bestimmt war sie die Anführerin der Talunas. Sie hatte während unserer Verfolgung die Kommandos gegeben. Außerdem teilte sie die Hütte nicht mit anderen Mädchen. Unruhig warf sie den Arm über den Kopf. Ich sah, wie sich ihre Hüften bewegten. Ich lächelte. Sie sehnte sich nach etwas! Während des Tages sind solche Frauen oft angespannt und unruhig, vielfach auch gereizt und ungerecht und Männern feindlich gesonnen.

Sie war wunderschön. Im Sklavenkragen würde sie sich bestimmt gut machen.

Ohne weitere Umstände kniete ich mich über sie und hielt ihre Arme fest. Erschrocken wachte sie auf und wollte losschreien – und darauf hatte ich gewartet: als sich ihr Mund öffnete, stopfte ich ihr den vorbereiteten Knebel hinein und band ihn fest. Ich drehte sie herum und fesselte sie. Dann warf ich sie mir über die Schulter und trat ins Freie. Die Palisade verließ ich ganz ungezwungen durch das Tor. Ich wollte eine deutliche Spur hinterlassen.

46

»Da sind sie! Jetzt haben wir sie!« rief das dunkelhaarige Mädchen mit den hübschen schlanken Beinen.

Ich hastete durch das Unterholz und zerrte das gefesselte Mädchen, das sich kaum auf den Beinen halten konnte, hinter mir her.

Die Talunas, gut vierzig Mädchen, hasteten schreiend hinter uns her und schwenkten ihre Waffen.

Als ich das schrille Überraschungsgeschrei hörte, gefolgt von zornigen und dann angstvollen Ausrufen, drehte ich mich um.

Ich band das blonde Mädchen an einer Palme fest und schlenderte zu den Netzen zurück.

Einige Talunas hatten sich in dem Gewebe verfangen und wurden von den kleinen Männern in Schach gehalten, die die Speere auf sie richteten. Etwa zwanzig kämpften einen sinnlosen Kampf gegen ein langes Lianengeflecht, das sie völlig einhüllte. Bei ihren Bemühungen behinderten sie sich gegenseitig.

Das erste Mädchen, das ich aus dem Netz zog, war das dunkelhaarige Mädchen – und in schneller Folge kamen die anderen, so daß wir schließlich eine Reihe säuberlich gefesselter Gefangener vor uns liegen hatten.

»Laß uns frei!« forderte das dunkelhaarige Mädchen und wand sich in den Fesseln.

»Da hätten wir also die mächtigen Talunas«, sagte ich.

Einige kleine Männer schwenkten ihre Speere und tanzten singend auf und ab.

»In der Palisade der Talunas«, sagte ich, »habe ich eine Gefängnishütte bemerkt. Darin bewegten sich schwere Ketten. Vermutlich befindet sich ein männlicher Gefangener dort. Ich würde ihn erst losbinden, wenn genau bekannt ist, wer er ist. Vielleicht ist er ein Brigant. An eurer Stelle würde ich die Palisadensiedlung anschließend nach weiteren Wertsachen absuchen und dann niederbrennen.«

»Das tun wir!« sagte der Anführer der kleinen Menschen grinsend.

»Jetzt muß ich mich aber darum kümmern, meine Reisebegleiter zu befreien«, sagte ich.

»Ja, wir müssen uns beeilen«, sagte der Anführer. »Es wird nämlich am Fluß einen großen Kampf geben.«

»Einen Kampf?« fragte ich.

»Ja«, sagte er, »eine große Streitmacht kommt den Fluß herauf. Die Flußvölker schließen sich zusammen, um sie aufzuhalten.« Er blickte zu mir auf. »Es wird eine große Schlacht geben – wie nie zuvor am Fluß.«

Ich nickte. Ich hatte mir schon gedacht, daß es nur eine Frage der Zeit war, bis sich die Anwohner des Flusses zusammentaten, um Bila Hurumas Vormarsch zu beenden. Anscheinend war es jetzt bald soweit.

»Wie viele Männer bekomme ich mit?« fragte ich.

»Zwei oder drei würden ausreichen«, sagte der Anführer der kleinen Menschen, »aber weil wir dich so sehr mögen, werde ich dich mit neun Kämpfern begleiten.«

»Das mag großzügig gedacht sein«, erwiderte ich, »aber wie wollen wir das Lager des Mamba-Volkes mit so wenigen Männern stürmen?«

»Wir werden uns Verbündete suchen«, entgegnete er. »Sie sind bereits ganz in der Nähe.«

»Wie viele werden das wohl sein?« fragte ich.

»So viele, daß ich sie nicht zählen kann«, antwortete er.

»Kannst du mir nicht einen Anhalt geben?« wollte ich wissen. Ich wußte, daß diese Menschen, die keine geschriebenen Traditionen, keine komplexe Anhäufung detaillierter Auflistungen und abstrakter Erfindungen kannten, sich natürlich nicht in mathematischen Begriffen ausdrücken konnten.

»Es werden so viele sein wie die Blätter an den Bäumen, wie die Sandstücke am Ufer«, antwortete er.

»Viele?« fragte ich.

»Ja.«

»Erlaubst du dir einen Scherz mit mir?« fragte ich.

»Nein«, gab er zurück. »Jetzt ist die Zeit der Wanderer.«

»Das verstehe ich nicht«, sagte ich.

»Komm mit.«

47

Das Innere der Palisadenmauern des Mamba-Volkes war hell erleuchtet. Ich hörte Musik und das Dröhnen von Trommeln wie auch den Gesang von Menschen und das Gegeneinanderschlagen von Stöcken beim Tanz.

Ich kannte dieses Palisadendorf, denn von hier waren wir kürzlich bei Nacht geflohen.

Vor zwei Tagen hatte mich der Anführer der kleinen Menschen in den Dschungel geführt, fort von der Lichtung, auf der wir die hübschen Talunas bewachten.

Wir waren erst ein kurzes Stück durch den Dschungel gezogen, als der Anführer der Kleinwüchsigen stilleheischend die Hand hob. Daraufhin hörte ich ein Geräusch, das ich schon einmal wahrgenommen hatte – ein Seufzen wie von einem schwachen Wind, der sich zwischen Blättern bewegt. Am Ufer der Lagune hatte ich diese Wahrnehmung gemacht, ohne sie zu verstehen.

Wir rückten weiter vor, und das Geräusch wurde deutlicher. Es war nun unverwechselbar als Rascheln oder Knistern auszumachen. Allerdings bewegte sich die Luft nicht.

»Die Wanderer«, sagte der Anführer der kleinen Menschen und streckte den Arm aus.

Meine Nackenhaare begannen sich zu sträuben.

Ich erkannte, daß das Geräusch von unzähligen Millionen winziger Füße ausging, die über das herabgefallene Laub und die sonstigen Ablagerungen des Dschungelbodens schritten. In dieses Rascheln mischte sich vermutlich auch das beinahe unhörbare Knacken winziger Beingelenke und das Aneinanderreiben winziger schwarzer Exoskelette – Laute, die nur in der ungeheuren Anhäufung von Lebewesen Bedeutung gewannen.

»Geh nicht zu dicht heran«, sagte der Anführer.

Die Kolonne der Wanderer war etwa einen Meter breit. Wie lang sie war, wußte ich nicht. Die Erscheinung erstreckte sich zu beiden Seiten durch den Dschungel, und zwar weiter, als ich von hier zu schauen vermochte. Solche Wandererkolonnen können viele Pasang lang sein. Die Anzahl der Einzelwesen, die eine solche Formation bilden, läßt sich schwer ermitteln. Vorsichtig geschätzt mögen es Dutzende von Millionen sein. Die Formation erweitert sich nur dann, wenn etwas Freßbares gefunden wird, dann kann sich eine Ausdehnung bis zu fünfhundert Fuß ergeben. Niemand möge versuchen, eine solche Flut zu durchwaten. Die Strömung der dahineilenden Fresser läßt kaum mehr als Knochen zurück.

»Suchen wir die Spitze der Kolonne«, sagte der kleine Mann.

Wir marschierten mehrere Stunden lang parallel zu den Geschöpfen durch den Dschungel. Einmal überquerten wir einen Bach. Die Wanderer, die aus sich selbst lebendige Brücken bildeten und übereinanderkletterten, hatten mit diesem Hindernis keine Probleme. Als schwarz-raschelnde Masse zogen sie über umgestürzte Bäume und um Felsen und Palmen herum. Sie schienen nicht zu ermüden, sie wirkten unerschöpflich. Flankierende Wachen begleiteten die Kolonne. So bewegte sich die Masse wie eine gut gelenkte, endlose, flüsternde schwarze Schlange durch den grünen Regenwald.

»Marschieren diese Wesen auch bei Nacht?« fragte ich.

»Oft«, antwortete der kleine Mann. »Man muß sich vorsehen, wo man schläft.«