»Trotzdem ist Shaba nicht umgekehrt?«
»Er läßt sich nicht entmutigen«, antwortete der Mann. »Er ist ein großer Führer.«
Ich nickte. Diesem Urteil mußte man beipflichten.
»Wie kommt es, daß du von ihm getrennt wurdest?« fragte ich dann.
»Shaba, der in einem Lager krank darniederlag, stellte sämtlichen Begleitern frei, ihn zu verlassen oder zu bleiben.«
»Und du hast dich losgesagt?«
»Natürlich«, sagte er. »Es wäre Wahnsinn gewesen, den Fluß noch weiter zu befahren. Ich und einige andere bauten Flöße und wollten zum Ngao-See zurückkehren.«
»Und?«
»Schon in der ersten Nacht wurden wir angegriffen«, fuhr er fort. »Die Männer meiner Gruppe wurden umgebracht, nur ich kam mit dem Leben davon. Ich wanderte in Richtung Westen durch den Dschungel, parallel zum Fluß.« Er blickte auf die Talunas, die mit gesenkten Köpfen auf der Lichtung knieten. »Ich fiel diesen Frauen in die Hände«, sagte er und hob die gefesselten Hände. »Sie machten mich zu ihrem Arbeitssklaven.«
»Sicher haben sie dich auch gezwungen, ihrem Vergnügen zu dienen«, sagte ich.
»Manchmal schlugen und bestiegen sie mich«, antwortete er.
»Bindet ihn los«, sagte ich.
Ayari hob einen Schlüssel, den er in der Hütte der Taluna-Führerin gefunden hatte, und öffnete die Ketten Turgus’, der in Port Kar geboren war.
»Du befreist mich?« fragte er.
»Ja, du kannst gehen, wohin du willst.«
»Ich möchte aber lieber bei dir bleiben«, sagte er.
»Kämpfe!« forderte ich ihn auf.
»Was?« fragte er.
»Greif mich an«, sagte ich.
»Aber du hast mich eben befreit«, sagte er.
»Schlag zu!«
Er versuchte mich zu treffen, aber ich blockte den Hieb ab und traf ihn mit der Faust in den Magen und anschließend an der Schläfe. Ächzend ging er zu Boden.
Zornig sprang er wieder auf, und ich schlug ihn erneut nieder. Er war kräftig. Noch viermal stand er auf, um zu kämpfen, aber dann schaffte er es nicht mehr. Er gab sich Mühe, sank aber wieder zurück.
Anschließend zog ich ihn hoch. »Wir haben die Absicht, flußaufwärts zu fahren«, sagte ich.
»Das ist Wahnsinn!«
»Du kannst gehen, wohin du willst«, sagte ich.
»Ich bleibe.«
»Kisu und ich«, sagte ich und deutete auf den ehemaligen Mfalme von Ukungu, »stehen im Rang über dir. Du akzeptierst unsere Befehle. Du tust, was wir dir sagen, und zwar schnell und gründlich.«
Kisu hob seinen Speer und schüttelte ihn.
Turgus rieb sich das Kinn und grinste. »Ihr steht im Rang über mir, ihr beide«, sagte er. »Seid unbesorgt. Ich gehorche schnell und gut.«
»Ungehorsam wird mit Tod bestraft«, sagte ich.
»Verstanden«, erwiderte Turgus.
»Wir sind keine sanften Herren wie Shaba«, fügte ich hinzu.
Turgus lächelte. »Auf dem Fluß ist Shaba auch kein sanfter Herr.« Auf dem Fluß, das wußten wir alle, mußte eiserne Disziplin herrschen.
»Wir verstehen einander ganz gut, nicht wahr?« fragte ich.
»In der Tat«, sagte er, »… Kapitän.«
»Schau dir diese Gefangenen an«, sagte ich und deutete auf die knienden Talunas. »Welches dieser Mädchen gefällt dir am besten?«
»Die dort«, antwortete er und deutete auf das dunkelhaarige Mädchen mit den schlanken Beinen, die nach unseren Feststellungen die stellvertretende Anführerin der Talunas gewesen war.
»Du erinnerst dich an sie aus der Zeit deiner Gefangenschaft?« fragte ich.
»Und ob«, antwortete er.
Das Mädchen erschauderte. »Nein!« flehte sie, »bitte gib mich nicht an ihn!«
»Du gehörst ihm«, sagte ich.
»Er wird mich umbringen!« rief sie.
»Wenn er will«, sagte ich.
»Bitte töte mich nicht!« wandte sie sich an Turgus. »Ich will dir auch dienen, wie du willst.«
Wortlos zerrte er sie zum Ufer, während ich mich an den Anführer der kleinen Menschen wandte. »Ich wünsche dir alles Gute«, sagte ich.
»Ich wünsche dir alles Gute«, antwortete er.
Dann verließen Kisu und ich die Lichtung, gefolgt von Turgus und Janice, Alice und Tende. Ich führte das blonde Mädchen mit, das bei den Talunas das Kommando geführt hatte. Unser Ziel war das Kanu, das wir zusammen mit ausreichenden frischen Vorräten in Flußnähe versteckt hatten.
»Was sollen wir mit denen tun?« rief der Anführer der Kleinwüchsigen hinter uns her. Wir drehten uns um und betrachteten die gefesselten Talunas.
»Was ihr wollt!« rief ich. Ich zerrte das blonde Mädchen ins Kanu und hieß sie vor mir niederknien. Turgus folgte mit der dunkelhaarigen Taluna meinem Beispiel.
»Woher kommt ihr?« fragte ich die blonde Anführerin.
»Ich und Fina«, sagte sie und deutete mit einer Kopfbewegung auf das dunkelhaarige Mädchen, »kommen aus Turia. Die anderen Mädchen stammen aus verschiedenen Städten des Südens.«
»Hast du uns weiter unten am Fluß einmal bespitzelt?« fragte ich.
»Ja«, antwortete sie. »Das war ich. Wir waren entschlossen, euch zu Sklaven zu machen.« Ayari hatte also, wie ich schon vermutet hatte, im Wald eine Taluna gesehen, die er für Janice hielt.
»Wie kommt ihr in die Regenwälder?« fragte ich.
»Ich und Fina und die anderen sind vor unerwünschten Gefährtenschaften geflohen«, antwortete sie.
»Jetzt aber werdet ihr als Sklavinnen euer Dasein fristen«, sagte ich.
»Ja, Herr.«
»Und eure Bande wird sicher kein besseres Schicksal erleiden«, fuhr ich fort.
Das Kanu glitt in die Flußmitte hinaus. »Ich weiß nicht, wie man eine gute Sklavin ist«, sagte sie bedrückt und senkte den Kopf.
»Du wirst es bald lernen«, sagte ich.
Sie nickte, und wir setzten unsere Flußreise fort.
49
»Kannst du die Botschaft der Trommeln entziffern?« fragte ich. »Ayari? Kisu?«
»Nein«, antwortete Ayari.
»Nein«, sagte auch Kisu.
»Der Rhythmus der Trommeln weist weder auf die Ushindi- noch auf die Ukungu-Sprache hin«, sagte Ayari.
Vor zwei Tagen hatten wir das Land der kleinen Menschen verlassen, in dem wir Turgus wiedergefunden und zwei neue Sklavinnen in unserer Gruppe aufgenommen hatten.
Eine Ahn später waren die Trommeln noch immer zu hören, vor uns wie auch hinter dem Boot.
»Weiterpaddeln«, sagte ich zu Janice.
»Ja, Herr«, antwortete sie.
Wir hatten neue Paddel geschnitzt, damit jedes Mitglied unserer Gruppe mit zupacken konnte. Sollte es erforderlich sein, schnell davonzuziehen, sollte jeder, der im Boot saß, mit seinen Körperkräften zur Arbeit beitragen können. Normalerweise jedoch paddelten jeweils nur vier oder fünf von uns, zwei Männer und zwei oder drei Sklavinnen. Auf diese Weise hatten wir nicht nur stets eine frische Mannschaft in der Hinterhand, sondern konnten auch eine längere Zeit des Tages auf dem Fluß verbringen. Neben den neuen Paddeln für Turgus und die beiden neuen Sklavinnen hatte Kisu ein Ersatzpaddel geschnitzt, so daß wir insgesamt zwei Paddel in Reserve hatten – eine durchaus übliche Vorsichtsmaßnahme auf dem Fluß.
Ayari sah sich um und lauschte auf die Trommeln. »Der Dschungel lebt«, sagte er.
Plötzlich schrie Alice auf: »Seht doch!« rief sie und streckte den Arm aus. Über dem Wasser baumelte, am Hals aufgehängt, ein Mann. Er war mit blauen Fetzen bekleidet, die darauf hinwiesen, daß er einmal der Kaste der Schriftgelehrten angehört hatte.
»Ist es Shaba?« fragte Kisu.
»Nein«, erwiderte ich.
»Es ist einer seiner Männer«, sagte Turgus ernst.
»Dort ist noch einer!« rief Alice. Etwa hundert Meter hinter dem ersten Gehängten erblickten wir auf der gleichen Flußseite einen zweiten Toten. Er baumelte ebenfalls an einem Ast. Er trug zerfetzte braungrüne Kleidung.
»Der gehörte ebenfalls zu Shabas Leuten«, stellte Turgus fest. »Ich halte es für ratsam umzukehren.«
Aus dem Dschungel dröhnten die Trommeln. Ihr Klang schien aus allen Richtungen zu kommen.
»Weiter«, sagte ich.
Innerhalb weniger Ehn kamen wir an sechs weiteren Toten vorbei.