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Juilin zerknüllte den zylindrischen Hut mit beiden Händen und dann rammte er ihn sich wieder auf den Kopf, als sie gerade begann, eine der Strickleitern zu erklimmen. Sie hatte ein wenig Probleme mit ihrem Rock. Nynaeve wußte, was das Mädchen vorhatte. Den Männern sollte es an sich auch klar sein, wenigstens Thom, aber er wirkte immer noch sprungbereit, als wolle er hinüberlaufen und sie auffangen, falls sie stürzte. Luca trat ebenfalls näher heran, als gehe ihm der gleiche Gedanke durch den Kopf.

Einen Augenblick lang stand Elayne auf der Plattform und strich sich den Rock glatt. Jetzt, da sie oben stand, wirkte die Plattform viel kleiner und viel höher. Dann raffte sie graziös ihren Rock ein wenig höher, als schreite sie durch Schlamm, und trat hinaus auf das dünne Seil. Sie hätte genausogut über eine Straße gehen können. Nynaeve wußte, daß dieser Vergleich sogar auf gewisse Weise zutraf. Sie konnte das Glühen Saidars nicht erkennen, wußte aber wohl, daß Elayne zwischen den beiden Plattformen eine Brücke, zweifellos aus dem Element Luft, gewebt hatte, die ebenso hart war wie Stein.

Plötzlich streckte Elayne die Hände hinunter und schlug zweimal hintereinander ein Rad. Das rabenschwarze Haar wirbelte und die seidenbestrumpften Beine blitzen im Sonnenschein auf. Einen winzigen Augenblick lang, als sie sich gerade aufrichtete, schien ihr Rock über eine unsichtbare Fläche zu streifen doch dann hatte sie ihn schon wieder hochgerafft. Zwei weitere Schritte brachten sie zu der anderen Plattform. »Hat Meister Sedrin so etwas fertiggebracht, Meister Luca?«

»Er hat Überschläge gemacht« rief er zurück. Viel leiser fügte er hinzu: »Aber er hatte keine solchen Beine. Eine Lady! Ha!«

»Ich bin nicht die einzige, die das kann«, rief Elayne. »Juilin und« — Nynaeve schüttelte wild den Kopf. Mit Hilfe der Macht oder nicht — ihr Magen würde oben auf dem Seil genauso rebellieren wie bei einem Sturm auf See — »und ich haben das schon oft gemacht. Kommt rauf, Juilin. Zeigt es ihm.«

Der Diebfänger blickte drein, als würde er lieber mit bloßen Händen die Käfige reinigen. Die Löwenkäfige mitsamt den Löwen drinnen. Er schloß die Augen, formte mit den Lippen ein lautloses Gebet und kletterte die Strickleiter empor wie ein Mann, der das Schafott besteigt. Oben angekommen, blickte er von Elayne zu dem Seil und wieder zurück, ganz konzentriert und doch voller Angst. Mit einemmal trat er hinaus, ging schnell weiter, die Arme nach beiden Seiten ausgestreckt, den Blick auf Elayne gerichtet und mit einem weiteren Gebet auf den Lippen. Sie kletterte ein Stück hinunter, um ihm auf der Plattform Platz zu machen, und dann mußte sie ihm helfen, die Sprossen mit den Füßen zu finden. So geleitete sie ihn herunter.

Thom grinste sie stolz an, als sie zurück war und ihren Hut aus Nynaeves Händen entgegennahm. Juilin sah aus, als habe man ihn in heißem Wasser getränkt und dann ausgewrungen.

»Das war gut«, sagte Luca und rieb sich nachdenklich das Kinn. »Nicht so gut wie Sedrin, das müßt Ihr wissen, aber gut. Mir gefällt es besonders, wie leicht Ihr es erscheinen laßt, während — Juilin? — Juilin so tut, als ob er sich zu Tode ängstige. Das wird sehr schön rüberkommen.« Juilin grinste den Mann gequält an. Sein Lächeln hatte etwas von einem spitzen Messer an sich. Luca wirbelte tatsächlich sein rotes Cape elegant durch die Luft, als er sich zu Nynaeve umwandte. Er wirkte äußerst zufrieden. »Und Ihr, meine liebe Nana? Welches überraschende Talent besitzt Ihr? Seid Ihr vielleicht eine Akrobatin? Oder schluckt Ihr Schwerter?«

»Ich teile das Geld aus«, sagte sie zu ihm und klopfte auf ihre Tasche. »Es sei denn, Ihr möchtet mir Euren Wagen anbieten?« Sie warf ihm ein Lächeln zu, das seines ersterben ließ. Außerdem trat er zwei Schritte zurück.

Der ganze Lärm hatte die Leute aus den Wagen gelockt, und alle versammelten sich nun um Luca, der die neuen Artisten der Truppe vorstellte. Bei Nynaeve drückte er sich sehr vage aus und nannte das, was sie angeblich vorführte, lediglich ›überraschend‹. Sie würde sich mit ihm ernsthaft unterhalten müssen.

Die ›Pferdepfleger‹, wie Luca die Männer nannte, die kein Talent als Artisten aufwiesen, waren im allgemeinen eine schmuddelige und mürrische Gruppe, vielleicht, weil sie schlechter bezahlt wurden. Es waren allerdings auch nicht sehr viele, verglichen mit der Anzahl der Wagen. Tatsächlich stellte sich heraus, daß alle bei der Arbeit Hand anlegten, auch, was das Fahren der Wagen betraf. Man konnte sowieso in einer fahrenden Menagerie wie dieser nicht viel Geld verdienen. Die übrigen waren ein buntgemischtes Völkchen.

Petra, der starke Mann der Truppe, war der größte Mensch, den Nynaeve je gesehen hatte. Nicht so hochgewachsen, dafür aber breit. Aus seiner Lederweste ragten Arme in der Größe von Baumstämmen. Er war mit Clarine verheiratet, der molligen Frau mit den braunen Wangen, die die Hunde dressierte. Neben ihm wirkte sie schmächtig. Latelle, die mit den Bären arbeitete, war eine dunkeläugige Frau mit kurzem Haar und strengem Gesicht. Um ihre Lippen spielte anscheinend dauernd ein verächtliches Lächeln. Aludra, die schlanke Frau, die angeblich der Gilde der Feuerwerker angehörte, war möglicherweise sogar echt. Sie trug ihr Haar nicht zu Taraboner Zöpfen geflochten, was nicht überraschte, wenn man die vorherrschenden Gefühle in Amadicia diesem Land gegenüber bedachte, aber ihr Akzent stimmte, und wer wußte schon, was mit der Gilde der Feuerwerker tatsächlich geschehen war? Ihr Gildehaus in Tanchico war auf jeden Fall geschlossen worden. Die Akrobaten andererseits behaupteten, alles Brüder zu sein und Chavana zu heißen. Doch obwohl sie alle untersetzte, kräftige Männer waren, unterschieden sie sich doch gewaltig. Das ging von dem grünäugigen Taeric, dessen hohe Backenknochen und Hakennase deutlich die Abstammung aus Saldaea verkündeten, bis zu Barit, der dunkelhäutiger als Juilin war und typische Tätowierungen der Meerleute auf den Handrücken hatte, wenn er auch keine Ohrringe trug.

Alle bis auf Latelle begrüßten die Neuankömmlinge warm. Weitere Artisten bedeuteten eine größere Attraktivität der Vorführungen und letzten Endes mehr Geld. Die beiden Jongleure, Bari und Kin — wie sich herausstellte, waren sie wirklich Brüder —, verwickelten Thom gleich in eine Fachsimpelei, sobald sie herausfanden, daß er nicht das gleiche vollführte wie sie. Mehr Publikum anzulocken war eine Sache, Konkurrenzkampf eine ganz andere. Doch es war vor allem die hellhaarige Frau, die sich um die Keilerpferde kümmerte, die Nynaeves sofortiges Interesse erweckte. Cerandin stand steif abseits und sagte kaum etwas. Luca behauptete, sie sei mit den Tieren aus Schara gekommen. Aber ihre weiche, schleppende Aussprache ließ Nynaeve die Ohren spitzen.

Es kostete ein wenig Zeit, ihren Wagen bei den anderen einzureihen. Thom und Juilin schienen mehr als nur froh zu sein, daß sie die Hilfe der Pferdepfleger bei ihrem Gespann in Anspruch nehmen konnten, auch wenn diese nur mürrisch gegeben wurde, während Nynaeve und Elayne gleich Einladungen erhielten. Petra und Clarine baten sie zum Tee, sobald sie sich eingerichtet hätten. Die Chavanas wollten die beiden Frauen zum Abendessen einladen, genau wie Kin und Bari, was aus Latelles verächtlichem Lächeln eine finstere Miene werden ließ. Diese Einladungen lehnten sie freundlich ab; Elayne vielleicht ein wenig freundlicher als Nynaeve. Diese erinnerte sich immer noch nur zu gut an die Kuhaugen, die sie Galad gemacht hatte, und so brachte sie im Moment Männern gegenüber nicht mehr als ein Mindestmaß an Höflichkeit zustande. Luca hatte auch eine Einladung ausgesprochen, doch nur Elayne gegenüber, als Nynaeve nicht zuhörte. Dies brachte ihm eine Ohrfeige ein, und Thom ließ drohend Messer erscheinen, die über seine Hände rollten, bis sich der Mann knurrend trollte und dabei noch seine Wange rieb.

Nynaeve verließ Elayne, die ihre Sachen im Wagen verstaute — sie warf sie nur zornig hinein und knurrte dabei die ganze Zeit über —, und ging in Richtung der Stelle, wo die Keilerpferde angepflockt waren. Die riesenhaften grauen Tiere schienen ja durchaus friedlich, aber wenn sie sich an das Loch in der Wand von ›Des Königs Pikeur‹ erinnerte, kamen ihr doch Zweifel am Wert der Lederschnüre, die ihre massiven Vorderbeine aneinanderfesselten. Cerandin kratzte gerade den großen Bullen mit dem bronzebeschlagenen Stachelstock.