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Der Garten hinter der grauen Steinmauer stand voller Pflanzen, die sich auf Grund der Dürre braun färbten. Sie waren wunderschön zurechtgeschnitten in Form von Würfeln und Kugeln, und ein Busch war sogar wie ein galoppierendes Pferd geformt. Nur einer natürlich. Kaufleute wie Arene imitierten häufig den Adel, aber sie wagten nicht, dabei zu weit zu gehen, damit niemand auf den Einfall kam, sie seien überehrgeizig und vielleicht gefährlich. An dem großen Holzhaus waren kunstvolle Balkone angebaut. Das Dach war mit roten Ziegeln gedeckt, und im Eingangsbereich stand sogar eine Reihe behauener Säulen, doch anders als in einem adligen Herrenhaus wirkte alles wie eine Kopie. Das Steinfundament war dementsprechend auch kaum zehn Fuß hoch. Ein lächerlicher Versuch, es wie das Herrenhaus eines Adligen erscheinen zu lassen.

Der drahtige, grauhaarige Mann, der unterwürfig heraneilte, ihren Steigbügel hielt, während sie abstieg, und dann die Zügel übernahm, war ganz in Schwarz gekleidet. Solche Kleidung wurde von den Menschen auf der Straße naserümpfend als ›Kaufmannslivree‹ bezeichnet. Liandrin verachtete den schwarzen Mantel des Burschen genauso wie Arenes Haus und Arene selbst. Eines Tages würde sie ein wirkliches Herrenhaus besitzen. Ganze Paläste. Das war ihr versprochen worden und auch die Macht, die so etwas mit sich brachte.

Sie streifte die Reithandschuhe ab und schritt die lächerliche Rampe hinauf, die sich entlang des Fundaments bis zum rankenbeschnitzten Tor hinzog. Die befestigten Herrenhäuser der Lords wiesen solche Rampen auf, und da konnte sich ja ein Kaufmann, der etwas auf sich hielt, nicht mit bloßen Stufen zufriedengeben. Eine in Schwarz gekleidete junge Zofe nahm ihr im runden Foyer Handschuhe und Hut ab. Viele Türen führten von hier ins Haus hinein, die Säulen waren prächtig geschnitzt und bunt bemalt, und rundherum zog sich ein Balkon. Die Decke war einem Mosaik ähnlich bemalt: Sterne innerhalb größerer Sterne, alle in Gold und Schwarz. »Ich werde in einer Stunde mein Bad nehmen«, sagte sie zu der Frau. »Diesmal wird das Wasser aber die richtige Temperatur haben, ja?« Die Zofe wurde blaß, knickste schnell, stammelte etwas Bestätigendes, und dann huschte sie davon.

Amellia Arene, Jorins Frau, kam, in die Unterhaltung mit einem fetten Glatzkopf in blütenweißer Schürze vertieft, durch eine der Türen herein. Liandrin schnaubte verächtlich. Die Frau hielt sich für etwas Besseres, und doch sprach sie persönlich mit dem Koch und brachte den Mann aus seiner Küche mit hierher, um über die Speisenfolge am Tisch zu sprechen. Sie behandelte den Dienstboten wie — wie einen Freund!

Der fette Evon entdeckte sie zuerst und schluckte schwer. Seine Schweinsäugelchen blickten sofort in eine andere Richtung. Sie mochte es nicht, von Männern angesehen zu werden, und so hatte sie ihm das bereits am ersten Tag in scharfem Ton erklärt, nachdem sein Blick etwas zu lange auf ihr geruht hatte. Er bestritt das zwar, aber sie kannte ja die schmutzigen Angewohnheiten der Männer. Ohne darauf zu warten, daß ihn seine Herrin entließ, lief Evon schnell wieder hinaus.

Die leicht ergraute Gattin des Kaufmanns war schon eine Frau mit strengem, ernstem Gesicht gewesen, als Liandrin und die anderen hier eintrafen. Nun leckte sie sich die Lippen und strich sich das mit Schleifen verzierte grünseidene Kleid überflüssigerweise glatt. »Oben ist jemand bei den anderen, meine Lady«, sagte sie unterwürfig. Am ersten Tag hatte sie noch geglaubt, sie könne so einfach Liandrins Namen benutzen. »Im vorderen Ruheraum. Ich glaube, sie kommt aus Tar Valon.«

Liandrin fragte sich, wer das sein könne, und ging zur nächsten Wendeltreppe. Sie kannte natürlich nur wenige der anderen Schwarzen Ajah. Das war aus Sicherheitsgründen notwendig, denn was andere nicht wußten, konnten sie auch nicht verraten. In der Burg hatte sie nur die zwölf gekannt, die mitkamen, als sie fortging. Zwei der zwölf waren tot, und sie wußte, wem sie das zu verdanken hatte: Egwene al'Vere, Nynaeve al'Meara und Elayne Trakand. Und in Tanchico war alles so schiefgegangen, daß sie beinahe hätte glauben können, diese drei Emporkömmlinge unter den Aufgenommen seien dortgewesen, aber sie waren ja töricht genug gewesen, gleich zweimal seelenruhig geradewegs in ihre Fallen zu laufen. Daß sie entkommen waren, spielte keine weitere Rolle. Hätten sie sich in Tanchico befunden, wären sie ihr todsicher in die Hände gefallen, gleich, was Jeaine gesehen zu haben glaubte. Beim nächsten Zusammentreffen würden sie nicht mehr in der Lage sein, ihr jemals wieder zu entwischen. Sie würde dieses Kapitel beenden, obwohl ihre Befehle anders lauteten.

»Meine Lady«, stammelte Amellia, »mein Mann, Lady. Jorin. Bitte, kann eine von Euch ihm helfen? Er hat es nicht böse gemeint, Lady. Er hat seine Lektion ja erhalten.«

Liandrin blieb mit einer Hand auf dem geschnitzten Geländer stehen und blickte zu ihr zurück. »Er hätte nicht glauben dürfen, sein Eid dem Großen Herrn gegenüber könne so einfach mißachtet werden, oder?«

»Er hat es begriffen, meine Lady. Bitte. Er liegt den ganzen Tag unter Decken vergraben und zittert trotz der Hitze. Er weint, sobald ihn jemand berührt oder lauter spricht, als im Flüsterton.«

Liandrin tat so, als müsse sie überlegen, und dann nickte sie huldvoll. »Ich werde Chesmal bitten, zu sehen, was sie für ihn tun kann. Aber Ihr dürft nicht glauben, daß ich irgend etwas verspreche.« Die unsicheren Dankbezeugungen der Frau folgten ihr nach oben, aber sie achtete nicht darauf. Temaile hatte sich etwas hinreißen lassen. Sie war eine Graue Ajah gewesen, bevor sie zu den Schwarzen überging, und sie hatte immer Wert darauf gelegt, den Schmerz gleichmäßig zu verteilen, wenn sie vermittelte. So war sie als Vermittlerin sehr erfolgreich gewesen, denn es machte ihr Spaß, Schmerz zuzufügen. Chesmal meinte, er werde in ein paar Monaten wieder soweit sein, daß er kleinere Aufträge erfüllen könne, solange sie nicht zu schwierig waren und niemand ihn anschrie. Da sie unter den Gelben eine der besten Heilerinnen seit Generationen gewesen war, sollte sie es wissen.

Als sie den vorderen Ruheraum betrat, wurde sie doch überrascht. Neun der zehn Schwarzen Schwestern, die mit ihr gekommen waren, standen an der geschnitzten und bemalten Wandtäfelung, obwohl doch auf dem Teppich mit den Goldfransen genügend mit Seidenkissen ausgestattete Stühle standen. Die zehnte, Temaile Kinderode, reichte gerade einer dunkelhaarigen und auf maskuline Art gutaussehenden Frau in einem bronzefarbenen, langen Kleid unbekannten Schnitts eine dünne Porzellantasse mit Tee. Die Sitzende kam ihr irgendwie bekannt vor, obwohl sie keine Aes Sedai war. Offensichtlich näherte sie sich den mittleren Jahren, und trotz der straffen Haut ihrer Wangen hatte sie nichts von der für Aes Sedai typischen Alterslosigkeit an sich.

Die im Raum herrschende Stimmung machte Liandrin mißtrauisch. Temaile wirkte täuschend zerbrechlich mit ihren großen, blauen Kinderaugen, die sofort das Vertrauen der Menschen erweckten. Diese Augen blickten nun besorgt drein oder zumindest beunruhigt, und die Tasse klapperte ein wenig auf der Untertasse, bevor die andere sie ihr abnahm. Alle Gesichter blickten unruhig drein, außer dem dieser auf so eigenartige Weise bekannt wirkenden Frau. Jeaine Caide mit der kupferfarbenen Haut in einem dieser widerlichen Domanikleider, das sie hier im Haus trug, hatte sogar noch ein paar glitzernde Tränen auf den Wangen. Sie war einst eine Grüne gewesen und stellte sich noch lieber als die meisten Grünen den Männern zur Schau. Rianna Andomeran, einst eine Weiße und sogar dann noch arrogant und kalt, wenn sie jemand tötete, berührte immer wieder nervös die helle Strähne über dem linken Ohr in ihrem ansonsten schwarzen Haar. Ihre Arroganz schien einen Dämpfer erhalten zu haben.