Sie fiel mit gesenktem Kopf auf die Knie nieder. Dann blickte sie mit einer Furcht zu der Verlorenen auf, die nur teilweise geheuchelt war. Moghedien saß entspannt auf dem Stuhl und nippte an ihrem Tee. »Große Herrin, ich bitte Euch, mir zu vergeben, wenn ich hochmütig war. Ich weiß, daß ich nur wie ein Wurm unter Eurem Fuß bin. Ich bitte Euch als eine, die Eure treue Jagdhündin sein möchte, um Gnade für diesen verlorenen Welpen.« Moghedien blickte in ihre Tasse, und blitzschnell, während sie noch diese Worte stammelte, riß Liandrin die Macht an sich und lenkte sie auf Moghedien, suchte den Riß im Selbstvertrauen der Verlorenen, den Riß, den jede Fassade von Kraft und Stärke aufwies.
Im gleichen Augenblick, als sie losschlug, war die andere Frau vom Glühen Saidars umgeben, und Schmerz hüllte Liandrin ein. Sie brach auf dem Teppich zusammen und versuchte, laut zu heulen, doch eine Qual jenseits aller Schmerzen, die sie jemals gefühlt hatte, ließ ihren weit aufgerissenen Mund verstummen. Ihre Augen wollten ihr aus dem Kopf bersten; ihre Haut wollte in Streifen abreißen. Eine Ewigkeit lang zuckte sie, und als es ebenso plötzlich aufhörte, wie es begonnen hatte, konnte sie nur noch daliegen, zittern und mit offenem Mund weinen.
»Fangt Ihr nun zu begreifen an?« fragte Moghedien gelassen und reichte Temaile die leere Tasse mit einem im Plauderton gesprochenen: »Das war sehr gut. Nächstesmal möchte ich ihn aber etwas stärker.« Temaile sah aus, als werde sie gleich in Ohnmacht fallen. »Ihr seid nicht schnell genug, Liandrin, Ihr seid nicht stark genug, und Ihr wißt nicht genug. Dieser armselige Angriff, mit dem Ihr mich überraschen wolltet. Möchtet Ihr sehen, wie das wirklich ist?« Sie wob die Macht.
Liandrin blickte bewundernd zu ihr auf. Sie kroch über den Fußboden und stammelte zwischen den Schluchzern, die sie nicht unterdrücken konnte: »Vergebt mir, Große Herrin.« Diese prachtvolle Frau war wie ein Stern am Himmel, wie ein Komet, und sie stand noch über allen Königen und Königinnen, so wundervoll war sie. »Bitte vergebt«, bettelte sie und küßte immer wieder den Saum von Moghediens Rock. Dazwischen stammelte sie weiter: »Vergebt mir. Ich bin eine Hündin, ein Wurm.« Sie schämte sich zu Tode, weil sie diese Dinge vorher wohl gesagt, aber nicht ernst gemeint hatte. Dabei stimmte das alles. Vor dieser Frau entsprach alles der Wahrheit. »Laßt mich Euch dienen, Große Herrin. Gestattet mir, Euch zu dienen. Bitte. Bitte.«
»Ich bin nicht Graendal«, sagte Moghedien und stieß sie mit einem Fuß im Samtpantoffel grob zur Seite.
Mit einemmal war diese Verehrung wie weggeblasen. Liandrin lag weinend wie ein Häufchen Unglück am Boden und erinnerte sich deutlich daran, wie sie diese Frau hündisch verehrt hatte. Sie starrte die Verlorene angsterfüllt an.
»Seid Ihr jetzt überzeugt, Liandrin?«
»Ja, Große Herrin«, brachte sie heraus. Sie war überzeugt. Überzeugt davon, nicht mehr an einen Angriff denken zu dürfen, bis ihr der Erfolg sicher war. Ihr Trick war nur ein schwacher Abklatsch dessen, was Moghedien fertiggebracht hatte. Wenn sie das nur erlernen könnte...
»Wir werden ja sehen. Ich glaube, Ihr gehört zu denen, die eine solche Lehre ein zweites Mal benötigen. Betet darum, daß es nicht notwendig wird, Liandrin, denn beim zweiten Mal reagiere ich mit größter Härte. Nehmt jetzt Euren Platz bei den anderen ein. Ihr werdet sehen, daß ich einige der mit der Macht behafteten Gegenstände aus Eurem Zimmer entfernt habe; die restlichen Spielzeuge könnt Ihr behalten. Bin ich nicht gut zu Euch?«
»Die Große Herrin ist so gut zu uns«, pflichtete ihr Liandrin abgehackt und unter gelegentlichem Schluchzen bei, das sie noch immer nicht unterdrücken konnte.
Erschöpft und schlaff taumelte sie hoch und ging hinüber, wo sie sich neben Asne stellte. Die Wandtäfelung an ihrem Rücken half ihr, aufrecht stehen zu bleiben. Sie sah, wie Stränge aus Luft verwoben wurden, nur aus Luft, doch sie zuckte zusammen, als sie ihren Mund verschlossen und jeden Laut von ihren Ohren fernhielten. Ganz sicher versuchte sie nicht, sich dem entgegenzustemmen. Sie ließ noch nicht einmal einen Gedanken an Saidar bei sich aufkommen. Wer wußte schon, was eine der Verlorenen alles vollbringen konnte? Vielleicht sogar ihre Gedanken lesen? Dieser Gedankengang ließ sie beinahe flüchten. Aber nein. Wenn Moghedien ihre Gedanken kannte, dann wäre sie jetzt schon tot. Oder läge noch immer schreiend auf dem Boden. Oder küßte Moghediens Füße und bettelte darum, dienen zu dürfen. Liandrin zitterte unwillkürlich wieder. Hätte das Luftgewebe ihren Mund nicht geknebelt, dann hätten jetzt ihre Zähne geklappert.
Moghedien webte die gleichen Fesseln um sie alle bis auf Rianna. Die holte sie mit einem Wink ihres Fingers zu sich heran und ließ sie vor sich niederknien. Nach kurzer Zeit stand Rianna wieder auf und ging. Nun wurde Marillin Gemalphin von ihren Knebeln erlöst und herangerufen.
Von ihrem Standpunkt aus konnte Liandrin ihre Gesichter sehen, auch wenn sich ihre Münder für sie völlig lautlos bewegten. Eindeutig empfing jede Frau nun Befehle, von denen die anderen nichts wissen sollten. Den Gesichtern war aber kaum etwas abzulesen. Rianna lauschte lediglich mit einer Andeutung von Erleichterung im Blick. Dann neigte sie den Kopf in schweigender Zustimmung und verließ den Raum. Marillin blickte erst überrascht und dann eifrig drein, aber sie war eben eine Braune gewesen, und die Braunen konnten sich für alles begeistern, was ihnen eine Gelegenheit verschaffte, irgendein verschimmeltes Fragment verlorenen Wissens auszugraben. Jeaine Caides Gesicht wandelte sich langsam zu einer Maske unverhohlenen Schreckens. Zuerst schüttelte sie den Kopf und versuchte, sich und dieses widerlich durchscheinende Kleid mit den Händen zu verdecken, doch dann verhärtete sich Moghediens Miene, und Jeaine nickte hastig und floh, nicht ganz so von Eifer erfüllt wie Marillin, aber genauso schnell. Berylla Naron, so mager, daß sie fast schwindsüchtig wirkte, aber eine der klügsten Intrigantinnen, die es gab, und Falion Bhoda mit ihrem langen und trotz ihrer offensichtlichen Furcht kalt wirkenden Gesicht zeigten genausowenig Ausdruck wie Rianna zuvor. Ispan Shefar, die wohl dunkelhaarig war, aber genau wie Liandrin aus Tarabon kam, küßte sogar Moghediens Rocksaum, bevor sie sich wieder erhob.
Dann wurden die Stränge um Liandrin gelöst. Sie dachte sich, jetzt sei sie an der Reihe, mit einem der Schatten wußte wie auch immer gearteten Auftrag losgeschickt zu werden. Doch dann sah sie, daß auch die Bande um die anderen verbliebenen Frauen gleichzeitig gelöst wurden. Moghediens Finger winkte herrisch, und Liandrin kniete zwischen Asne und Chesmal Emry, einer hochgewachsenen, gutaussehenden Frau mit dunklem Haar und dunklen Augen nieder. Chesmal, die ehemalige Gelbe, konnte mit gleicher Leichtigkeit heilen wie töten, doch so eindringlich und konzentriert, wie sie nun Moghedien anblickte, und so, wie sie die Hände in ihren Rock verkrampfte, wußte Liandrin, daß sie jetzt nur noch an Gehorsam dachte.
Sie würde sehr genau beobachten und sich an solche Beobachtungen auch halten müssen, überlegte Liandrin. Falls sie einer der anderen sagte, sie glaube, eine Belohnung erhalten zu können, wenn sie Moghedien den anderen Verlorenen übergab, konnte sich das möglicherweise katastrophal auswirken, denn vielleicht hatte sich die Angesprochene ja dafür entschieden, daß es in ihrem Interesse läge, Moghediens Schoßhündchen zu werden und wiederum sie zu verraten. Bei dem Gedanken an eine zweite ›Belehrung‹ dieser Art hätte sie beinahe gewimmert.
»Euch werde ich bei mir behalten«, erklärte die Verlorene nun, »und zwar für die wichtigste Aufgabe überhaupt. Was die anderen zu tun haben, mag ja süße Früchte tragen, aber für mich werdet Ihr die wichtigste Ernte einbringen. Eine ganz persönliche Ernte. Es gibt da eine Frau namens Nynaeve al'Meara.« Liandrins Kopf ruckte hoch, und der Blick aus Moghediens dunklen Augen wurde schärfer. »Wißt Ihr von ihr?«