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»... die Größe unserer Güter in Cairhien, mein Lord«, sagte Arymilla gerade und beugte sich fast über Gaebril, als Morgase sich ihnen näherte. Keiner von ihnen beachtete sie sonderlich. Als sei sie eine Dienerin, die Wein brachte!

»Ich will mit dir über das Problem mit den Zwei Flüssen sprechen, Gaebril. Unter vier Augen.«

»Das wurde bereits erledigt, meine Liebe«, sagte er gelangweilt und ließ seine Finger ins Wasser hängen. »Ich beschäftige mich gerade mit anderen Dingen. Ich glaubte, du wolltest während der Hitze des Tages lesen? Du solltest in deine Gemächer zurückkehren, bis die Kühle des Abends hereinbricht, soweit man bei diesem Wetter davon sprechen kann.«

Meine Liebe. Er hatte sie vor diesen Eindringlingen ›meine Liebe‹ genannt! So sehr sie das mochte, wenn sie allein miteinander waren... Elenia verbarg ihren Mund hinter der vorgehaltenen Hand. »Ich denke nicht, das ich das tun werde, Lord Gaebril«, sagte Morgase in eisigem Tonfall. »Ihr werdet jetzt mit mir kommen. Und diese anderen hier werden sich bei meiner Rückkehr nicht mehr im Palast befinden, sonst verbanne ich sie ganz aus Caemlyn.«

Mit einemmal war er auf den Beinen; ein großer Mann, der über ihr aufragte. Sie schien nicht mehr in der Lage, auf etwas anderes zu blicken als in seine dunklen Augen. Ihre Haut brannte, als wehe ein eisiger Wind durch den kleinen Hof. »Du gehst jetzt und wartest auf mich, Morgase.« Seine Stimme war wie ein fernes Dröhnen, das alles andere übertönte. »Ich habe alles angeordnet, was erledigt werden mußte. Heute abend komme ich zu dir. Jetzt geh! Du wirst jetzt gehen.«

Sie hatte eine Hand erhoben, um die Tür ihres Gemachs zu öffnen, als ihr klar wurde, wo sie sich befand. Und was geschehen war. Er hatte ihr befohlen, zu gehen, und sie war gegangen. Entsetzt blickte sie die Tür an, sah vor sich das freche Grinsen der Männer und das offene Lachen einiger Frauen. Was ist mit mir passiert? Wie konnte ich bei einem Mann derart schwach werden? Sie spürte immer noch den Drang, hineinzugehen und auf ihn zu warten.

Wie vor den Kopf geschlagen, zwang sie sich, umzukehren und wegzugehen. Es kostete sie viel Mühe. Innerlich wand sie sich vor Schmerz, als sie sich Gaebrils Enttäuschung vorstellte, wenn er sie nicht dort vorfand, wo er sie zu finden erwartete, und als sie sich dieses Gedankens bewußt wurde, verursachte ihr das noch größere Schmerzen.

Zuerst hatte sie keine Ahnung, warum und wohin sie ging, nur daß sie nicht so einfach gehorsam warten würde, nicht auf Gaebril und im übrigen auf keinen Mann oder keine Frau dieser Welt. Immer wieder kam ihr dieser Innenhof mit dem Brunnen in den Sinn, wie er ihr befohlen hatte, zu gehen, und diese haßerfüllten und gleichzeitig amüsierten Blicke der Beobachter. Ihr Verstand war nach wie vor benebelt. Sie verstand nicht, wie und warum das alles hatte geschehen können. Sie mußte sich zwingen, an etwas zu denken, das sie verstand, mit dem sie fertig werden konnte. An Jarid Sarand und die anderen.

Als sie den Thron damals bestiegen hatte, hatte sie eine Amnestie erlassen für alles, was während des Thronnachfolgestreits vorgefallen war, und diese Amnestie galt für alle, die sich gegen sie gestellt hatten. Es schien der beste Weg zu sein, alle Feindseligkeiten zu begraben, bevor sie zu einem schwelenden Brand von Intrigen und Gegenintrigen führten, wie es in so vielen Ländern der Fall war.

Man nannte es das ›Spiel der Häuser‹ — Daes Dae'mar —oder auch das Große Spiel, und es führte zu endlosen, verwickelten Fehden zwischen den Adelsfamilien und gar zum Sturz von Herrschern. Das Große Spiel stand im Mittelpunkt des Bürgerkriegs in Cairhien und hatte zweifellos seinen Teil zu dem Aufruhr in Arad Doman und Tarabon beigetragen. Die Amnestie hatte damals alle betreffen müssen, um zu verhindern, daß auch in Andor Daes Dae'mar in Gang kam; doch hätte sie einige davon ausgenommen, wären es auf jeden Fall gerade jene sieben gewesen.

Das wußte Gaebril. In der Öffentlichkeit hatte sie sich ihre Abneigung nicht anmerken lassen, doch privat war dies durchaus zur Sprache gekommen. Man hatte ihnen den Mund zwangsweise öffnen müssen, damit sie ihren Treueeid leisteten, und sie konnte die Lüge von ihren Lippen ablesen. Jeder von ihnen würde die Chance beim Schopf ergreifen, sie zu stürzen, und alle sieben zusammen...

Es gab eigentlich nur einen Schluß, den sie aus all dem ziehen konnte: Gaebril hatte sich gegen sie gestellt. Aber bestimmt nicht, um statt ihrer Elenia oder Naean auf den Thron zu setzen. Nicht, wenn er mich schon hat, dachte sie bitter, und ich mich wie sein Schoßhündchen verhalte. Wahrscheinlich wollte er sie endgültig verdrängen und sich zum ersten König machen, den Andor je gehabt hatte. Und trotzdem verspürte sie noch immer den Wunsch, zu ihrem Buch zurückzukehren und auf ihn zu warten. Selbst jetzt sehnte sie sich noch nach seiner Berührung.

Erst als sie die gealterten Gesichter im Gang bemerkte, die runzligen Wangen und meist gebeugten Rücken, wurde ihr bewußt, wo sie sich befand: im Quartier der Pensionäre. Einige Diener kehrten zu ihren Familien zurück, wenn sie in die Jahre kamen, aber andere hatten so lange Zeit im Palast zugebracht, daß sie sich ein anderes Leben nicht mehr vorstellen konnten. Hier hatten sie ihre eigenen kleinen Wohnungen, ihren eigenen schattigen Garten und einen großen Hof. Wie jede Königin vor ihr half sie ihnen, ihre kleine Pension aufzubessern, indem sie ihnen gestattete, in der Hofküche Lebensmittel unter Preis zu erwerben, und in der Krankenstube des Palastes wurden ihre Wehwehchen behandelt. Mühsame Verbeugungen und unsichere Knickse folgten ihr, und dazu Gemurmel wie: »Das Licht leuchte Euch, meine Königin«, oder »Das Licht segne Euch, meine Königin«, und »Das Licht schütze Euch, meine Königin«. Sie dankte geistesabwesend. Nun wußte sie, wohin sie ging.

Linis Tür sah aus wie jede andere in dem grüngefliesten Korridor, mit einem sich aufbäumenden Löwen von Andor als einziger Verzierung. Sie dachte nicht daran anzuklopfen, bevor sie eintrat, denn sie war die Königin und das war ihr Palast. Ihr altes Kindermädchen war nicht da, aber der über einem kleinen Feuer im Backsteinkamin dampfende Teekessel sagte ihr, daß es nicht lang dauern könne, bis sie zurückkehrte.

Die beiden gemütlichen Zimmer waren ordentlich eingerichtet, das Bett war perfekt gemacht, die beiden Stühle haargenau vor dem Tisch ausgerichtet, auf dem exakt in der Mitte eine blaue Vase mit ein wenig Grünzeug stand. Lini hatte immer penibel auf Ordnung geachtet. Morgase hätte wetten können, daß selbst im Kleiderschrank im Schlafzimmer jedes Kleid im gleichen Abstand vom nächsten hing, so wie die Kochtöpfe im Schrank neben dem Kamin dieses Zimmers. Auf dem Kaminsims bildeten sechs auf Elfenbein gemalte Portraits in kleinen Holzständern eine gerade Linie. Wie Lini sich die von ihrem Gehalt als Kindermädchen hatte leisten können, konnte sich Morgase nach wie vor nicht vorstellen, aber natürlich war es ihr schlecht möglich, eine solche Frage zu stellen. Paarweise betrachtet, stellten sie drei junge Frauen dar und die gleichen drei als Babies. Elayne war dabei und auch sie selbst. Sie nahm das Portrait herunter, das sie mit vierzehn zeigte, ein schlankes Füllen von einem Mädchen, und konnte kaum glauben, daß sie einmal so unschuldig ausgesehen hatte. Sie hatte dieses elfenbeinfarbene Seidenkleid an dem Tag getragen, als sie zur Weißen Burg abreiste. Zu der Zeit hatte sie nicht einmal davon geträumt, einst Königin zu werden. Lediglich die vage Hoffnung darauf, zur Aes Sedai erhoben zu werden, hatte sie damals motiviert.