»Das wird zusammen mit allem anderen abgehandelt werden«, sagte sie eisig. Viel hing jetzt davon ab, wer sich gerade in Caemlyn befand und wer sich auf den Landgütern aufhielt. »Wo ist Lord Pelivar? Lord Abelle? Lady Arathelle?« Sie führten starke Häuser und hatten viele Vasallen.
»Im Exil«, sagte Lini bedächtig und warf ihr dabei einen eigenartigen Blick zu. »Du hast sie im letzten Frühjahr aus der Stadt verbannt.«
Morgase erwiderte den Blick mit großen Augen. Sie konnte sich an nichts erinnern. Erst jetzt kam ihr eine ganz vage und dunkle Erinnerung. »Lady Ellorien?« fragte sie in schleppendem Ton. »Lady Aemlyn und Lord Luan?« Weitere starke Häuser. Es waren Häuser, die bereits hinter ihr gestanden hatten, bevor sie den Thron bestieg.
»Im Exil«, antwortete Lini genauso bedächtig. »Ihr habt Ellorien auspeitschen lassen, weil sie nach dem Grund fragte.« Sie bückte sich und strich Morgase die Haare aus dem Gesicht. Ihre schwieligen Finger streichelten kurz ihre Wange wie früher, wenn sie nachfühlte, ob Morgase Fieber habe. »Fühlst du dich wohl, Mädchen?«
Morgase nickte dumpf, vor allem weil sie sich nun undeutlich erinnerte. Ellorien, wie sie vor Empörung geschrien hatte, als man ihr das Kleid hinten herunterriß.
Das Haus Traemane war das allererste gewesen, das Trakand unterstützt hatte, geführt von einer molligen, hübschen Frau, die nur ein paar Jahre älter war als Morgase. Geführt von Ellorien, die nun zu ihren engsten Freunden gehörte. Oder besser, gehört hatte. Elayne war nach Elloriens Großmutter benannt worden. Dunkel erinnerte sie sich daran, daß andere die Stadt verlassen hatten, sich von ihr abgewandt hatten, wie es jetzt wohl offensichtlich war. Und die Verbliebenen? Entweder waren es Häuser, die zu schwach waren, um jetzt von Nutzen zu sein, oder es waren sowieso Kriecher. Sie schien sich daran zu erinnern, daß sie unzählige Dokumente unterzeichnet und damit neue Adelstitel geschaffen hatte, die ihr von Gaebril vorgelegt worden waren. Gaebrils Speichellecker und ihre Feinde —und das waren alle, bei denen man davon ausgehen konnte, daß sie in Caemlyn noch Macht besaßen.
»Es ist mir gleich, was du da behaupten magst«, sagte Lini mit Entschlossenheit im Tonfall. »Du hast kein Fieber, aber mit dir stimmt trotzdem etwas nicht. Du brauchst eine Heilerin von den Aes Sedai, das ist ganz klar.«
»Keine Aes Sedai.« Morgases Stimme klang noch härter. Sie berührte kurz ihren Ring. Ihr war bewußt, daß ihre Feindseligkeit der Burg gegenüber in einem inzwischen völlig unvernünftigen Maße gewachsen war, aber sie konnte sich einfach nicht dazu zwingen, jemandem zu trauen, der versuchte, ihre eigene Tochter vor ihr zu verbergen. Auf ihren Brief an die neue Amyrlin, in dem sie Elaynes Rückkehr forderte — niemand forderte etwas von einer Amyrlin, doch sie hatte das getan —, hatte sie noch keine Antwort erhalten. Er mochte wohl auch Tar Valon gerade erst erreicht haben. Auf jeden Fall war es für sie eine schlichte Tatsache, daß sie keine Aes Sedai in ihrer Nähe dulden würde. Und doch konnte sie gleichzeitig nicht an Elayne denken, ohne einen gewissen Stolz zu empfinden. Nach so kurzer Zeit bereits zur Aufgenommenen erhoben zu werden! Elayne würde möglicherweise einst die erste Frau auf dem Thron von Andor sein, die zugleich eine vollwertige Aes Sedai war und nicht nur eine in der Burg Ausgebildete. Es ergab keinen Sinn, im selben Augenblick so gegensätzliche Empfindungen zu spüren, aber zur Zeit ergab überhaupt nichts mehr einen Sinn. Und ihre Tochter würde niemals den Löwenthron besteigen, wenn ihn ihre Mutter nicht für sie sicherte.
»Ich sagte, keine Aes Sedai, Lini, also brauchst du mich gar nicht mehr so anschauen. Diesmal bringst du mich nicht dazu, irgendeine schlechtschmeckende Medizin zu schlucken. Außerdem glaube ich nicht, daß man zur Zeit in Caemlyn eine Aes Sedai, gleich welcher Farbe, finden könnte.« Ihre alten Gefolgsleute waren weg, durch ihre eigene Unterschrift verbannt, und wahrscheinlich waren sie jetzt zu unversöhnlichen Feinden geworden, so, wie sie Ellorien mitgespielt hatte. Neue Lords und Ladies in ihrem Palast. Neue Gesichter bei der Garde. Wieviel Loyalität ihr gegenüber war noch geblieben? »Kennst du einen Gardeleutnant namens Tallanvor, Lini?« Als die andere Frau rasch nickte, fuhr sie fort: »Suche ihn bitte für mich und bringe ihn hierher. Und sollte jemand nach mir fragen, dann sage allen im Quartier der Pensionäre, daß ich nicht da bin.«
»An diesem Gaebril und seinen Frauen ist doch noch mehr dran, oder?«
»Geh nur, Lini. Und beeil dich. Wir haben nicht viel Zeit.« Den Schatten nach zu schließen, die sie im dicht mit Bäumen bestandenen Garten hinter dem Fenster erkennen konnte, hatte die Sonne den Zenit überschritten. Der Abend würde nur zu bald hereinbrechen. Der Abend, und dann würde Gaebril nach ihr suchen.
Als Lini ging, blieb Morgase steif auf dem Stuhl sitzen. Sie wagte nicht, aufzustehen. Wohl waren ihre Knie wieder kräftiger, doch sie fürchtete, wenn sie aufstünde und sich zu bewegen begänne, würde sie nicht mehr aufhören können, bis sie sich wieder in ihrem Gemach befände und auf Gaebril wartete. So stark war der Drang, besonders jetzt, da sie allein war. Und sobald er sie anblickte, sobald er sie berührte, würde sie ihm zweifellos wieder alles vergeben. Vielleicht würde sie sogar alles vergessen, wenn sie bedachte, wie verschwommen und unvollständig ihre Erinnerungen an die letzte Zeit waren. Wüßte sie es nicht besser, hätte sie auf den Gedanken kommen können, er habe auf irgendeine Weise die Eine Macht bei ihr eingesetzt, doch kein Mann mit dieser Gabe überlebte lange genug, um sein Alter zu erreichen.
Lini hatte oftmals gesagt, für jede Frau gebe es einen Mann auf der Welt, bei dem sie sich wie eine hirnlose Närrin benimmt, aber sie hatte nie gedacht, daß das auch für sie gelte. Nun, sie hatte noch nie viel Glück bei der Wahl ihrer Männer gehabt, auch wenn ihr das anfangs so erschienen sein mochte.
Taringail Damodred hatte sie aus politischen Gründen geheiratet. Er war vorher mit Tigraine verheiratet gewesen, der Tochter-Erbin, deren Verschwinden den ganzen Streit um die Thronfolge nach Modrelleins Tod ausgelöst hatte. Die Heirat mit ihm hatte eine Verbindung zur alten Königin hergestellt und damit die meisten ihrer Gegner besänftigt. Außerdem, was noch wichtiger gewesen war, hatte sie damit den Pakt wahren können, der die endlosen Kriege mit Cairhien beendet hatte. Aus solchen Gründen wählten Königinnen eben ihre Ehemänner aus. Taringail war ein kalter, unnahbarer Mann gewesen, und trotz zweier wunderbarer Kinder war nie Liebe zwischen ihnen aufgekommen. Es war schon beinahe eine Erleichterung gewesen, als er bei einem Jagdunfall ums Leben kam.
Thomdril Merrilin, Hausbarde und dann Hofbarde, war zuerst die reinste Freude für sie gewesen, so intelligent und geistreich, wie er war, ein lachender Mann, der die Tricks des Spiels der Häuser benützte, um ihr zum Thron zu verhelfen und, sobald sie ihn innehatte, Andor zu stärken. Er war damals doppelt so alt wie sie gewesen, und doch hätte sie ihn vielleicht geheiratet — Heiraten mit Bürgerlichen waren in Andor nicht so ungewöhnlich —, wenn er nicht wortlos verschwunden und mit ihr anschließend das Temperament durchgegangen wäre. Sie hatte nie erfahren, warum er eigentlich gegangen war, aber das spielte keine Rolle. Als er schließlich zurückkehrte, hätte sie bestimmt den Haftbefehl gegen ihn zurückgenommen, doch statt wie sonst ihren Zorn sanft, aber bestimmt aufzufangen, hatte er ihre harten Worte erwidert und Dinge gesagt, die sie ihm niemals vergeben konnte. Ihre Ohren brannten jetzt noch, wenn sie daran dachte, daß er sie ein verwöhntes Kind genannt hatte und eine Marionette Tar Valons. Er hatte sie tatsächlich handfest geschüttelt — seine Königin!
Dann war die Zeit Gareth Brynes gekommen, eines starken und fähigen Mannes, so schroff wie sein Gesicht und genauso stur wie sie. Doch er hatte sich als verräterischer Narr erwiesen. Er hatte keinen Platz mehr in ihrem Leben. Es schien Jahre her zu sein, daß sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, und nicht erst wenig mehr als ein halbes Jahr.