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Und schließlich Gaebril. Die Krone auf ihrer Liste von Fehlschlägen. Wenigstens hatten die anderen nicht versucht, sie vom Thron zu verdrängen und sich selbst an diese Stelle zu bringen.

Nicht so viele Männer für das Leben einer Frau, und doch waren es zu viele. Etwas anderes, das Lini oftmals sagte, war, daß Männer eigentlich nur gut für drei Dinge seien, in diesen Fällen allerdings schon sehr gut. Sie hatte auf dem Thron gesessen, bevor Lini sie für alt genug hielt, ihr diese drei Dinge zu nennen. Wenn ich mich nur ans Tanzen gehalten hätte, dachte sie trocken, hätte ich mir einiges ersparen können.

Die Schatten im Garten jenseits des Fensters waren um ungefähr eine Stunde weitergewandert, als Lini endlich mit dem jungen Tallanvor zurückkehrte, der schon auf ein Knie niedersank, als sie noch die Tür schloß. »Zuerst wollte er gar nicht mitkommen«, sagte sie. »Vor fünfzig Jahren, schätze ich, hätte ich ihm einiges von dem gezeigt, was du der Welt zur Schau stellst, und er wäre mir bestimmt schnell hinterhergelaufen, aber heutzutage muß ich mich auf Vernunftgründe beschränken.«

Tallanvor wandte den Kopf und blickte mit saurer Miene zu ihr auf. »Ihr habt mir gedroht, mich mit einem Stock hierherzutreiben, wenn ich nicht mitkäme. Ihr hattet Glück, daß ich mich fragte, was Euch so wichtig sein könne, anstatt Euch von jemandem in die Krankenstube schleppen zu lassen.« Ihr strenges Schnauben störte ihn nicht im geringsten. Sein ätzender Blick wurde zornig, als er sich wieder Morgase zuwandte. »Wie ich sehe, ist Euer Zusammentreffen mit Gaebril nicht positiv verlaufen, meine Königin. Ich hatte... auf mehr gehofft.«

Er sah ihr geradewegs in die Augen, doch Linis Kommentar hatte sie wieder auf das Kleid aufmerksam gemacht, das sie trug. Sie hatte das Gefühl, glühende Pfeile zeigten auf ihren entblößten Busen. Es kostete sie Mühe, die Hände ruhig in ihrem Schoß zu halten. »Ihr seid ein scharfsinniger Bursche, Tallanvor. Und loyal, wie ich glaube, sonst wärt Ihr nicht mit den Nachrichten über die Zwei Flüsse zu mir gekommen.«

»Ich bin kein junger Bursche mehr«, fuhr er sie an und richtete sich im Knien ganz steif auf. »Ich bin ein Mann, der sein Leben dem Dienst für seine Königin verschworen hat.«

Sie ließ ihre Beherrschung fahren und fauchte zurück: »Wenn Ihr ein Mann seid, dann benehmt Euch wie einer. Steht auf und beantwortet die Fragen Eurer Königin wahrheitsgemäß. Und denkt immer daran, daß ich Eure Königin bin, junger Tallanvor. Was auch Eurer Meinung nach geschehen sein mag: Ich bin die Königin von Andor.«

»Vergebt mir, meine Königin. Ich höre und gehorche.« Die Worte entsprachen den Vorschriften, wenn sie auch nicht gerade reumütig klangen, doch er stand mit hoch erhobenem Kopf vor ihr und blickte sie so trotzig an wie immer. Licht, der Mann war genauso halsstarrig wie einst Gareth Bryne.

»Wie viele loyale Männer habe ich noch unter den Gardesoldaten im Palast? Wie viele werden ihrem Eid gehorsam bleiben und mir folgen?«

»Ich«, sagte er leise und mit einemmal war all sein Zorn verflogen, obwohl er ihr immer noch eindringlich in die Augen sah. »Was den Rest betrifft... Wenn Ihr treue Männer finden wollt, müßt Ihr nach ihnen in den entfernten Garnisonen suchen, vielleicht sogar bis Weißbrücke hin. Einige aus Caemlyn wurden mit den ausgehobenen Truppen nach Cairhien geschickt, doch die anderen hier in der Stadt sind bis zum letzten Mann Gaebrils Leute. Ihr neuer... Ihr neuer Eid wird auf den Thron und das Gesetz geleistet, aber nicht mehr auf die Königin.«

Es war schlimmer, als sie befürchtet hatte, aber sie hatte das schon halbwegs erwartet. Was immer er sein mochte, ein Narr war Gaebril jedenfalls nicht. »Dann muß ich woandershin gehen, um die Regierung wieder in meine Hände zu nehmen.« Es würde schwierig werden, die Häuser zurückzugewinnen, nach all den Verbannungen, nach Ellorien, aber es mußte sein. »Gaebril wird vielleicht versuchen, mich am Verlassen des Palastes zu hindern.« Dabei kam ihr eine verschwommene Erinnerung an zwei Gelegenheiten, da sie zu gehen versucht hatte, und jedesmal hatte Gaebril sie davon abgehalten. »Also werdet Ihr uns zwei Pferde besorgen und auf der Straße hinter den südlichen Stallungen auf mich warten. Ich werde Euch dort treffen, für einen Ausritt gekleidet.«

»Zu öffentlich«, sagte er. »Und zu nahe. Gaebrils Männer erkennen Euch möglicherweise, wie Ihr euch auch verkleiden mögt. Ich kenne einen Mann... Würdet Ihr eine Schenke finden, die ›Der Königin Segen‹ heißt, im westlichen Teil der Neustadt?« Die Neustadt war nur neu gemessen an der Innenstadt, die sie wie ein Ring umgab.

»Das kann ich.« Sie hatte es allerdings nicht gern, wenn man ihr widersprach, sogar dann, wenn es Hand und Fuß hatte. Bryne hatte das auch getan. Es würde ihr ein Vergnügen sein, diesem jungen Mann zu zeigen, wie gut sie sich verkleiden konnte. Sie hatte die Angewohnheit, wenigstens einmal im Jahr wie eine ganz normale Bürgerin gekleidet durch die Straßen zu schlendern und den Pulsschlag der Stadt zu fühlen. Dieses Jahr hatte sie das noch gar nicht getan, fiel ihr bei diesem Gedankengang auf. Jedenfalls war sie niemals erkannt worden. »Aber kann man diesem Mann trauen, junger Tallanvor?«

»Basel Gill ist Euch genauso treu ergeben wie ich.« Er zögerte, und Pein stand kurz auf seinem Gesicht geschrieben, wurde jedoch schnell wieder vom Zorn verdrängt. »Warum habt Ihr so lange gewartet? Ihr müßt es doch gewußt haben, gesehen haben, und doch habt Ihr gewartet, bis Gaebril seine Hände um den Hals Andors gelegt hatte. Warum habt Ihr nur gewartet?«

Aha. Das war ehrlicher Zorn und aus einem ehrenhaften Grund, und er verdiente eine ehrliche Antwort. Nur wußte sie keine Antwort, jedenfalls keine, die sie ihm geben konnte. »Es steht Euch nicht zu, die Entscheidungen Eurer Königin in Frage zu stellen, junger Mann«, sagte sie sanft, aber entschieden. »Ein loyaler Untertan, so treu ergeben, wie Ihr seid, dient, ohne zu fragen.«

Er atmete langgezogen aus. »Ich werde im Stall von ›Der Königin Segen‹ auf Euch warten, meine Königin.« Und mit einer Verbeugung, die jedem Staatsbesuch Ehre gemacht hätte, war er verschwunden.

»Warum redest du ihn immer als ›jung‹ an?« wollte Lini wissen, sobald die Tür geschlossen war. »Das macht ihn störrisch. ›Nur eine Närrin steckt eine Klette unter den Sattel, bevor sie losreitet.‹«

»Er ist doch jung, Lini. Jung genug, um mein Sohn zu sein.«

Lini schnaubte, und diesmal klang es gar nicht mehr damenhaft. »Er ist ein paar Jahre älter als Galad, und Galad ist zu alt, um dein Sohn zu sein. Du hast noch mit Puppen gespielt, als Tallanvor geboren wurde, und damals hast du geglaubt, die Babies kämen auf die gleiche Art wie Puppen auf die Welt.«

Seufzend fragte sich Morgase, ob die Frau wohl auch ihre Mutter schon so behandelt habe. Wahrscheinlich. Und falls Lini lang genug lebte, um Elayne auf dem Thron zu erleben, und daran zweifelte sie überhaupt nicht — Lini war für die Ewigkeit geschaffen —, würde sie Elayne wahrscheinlich auch nicht anders behandeln. Das setzte allerdings voraus, daß es noch einen Thron gab, den Elayne erben konnte. »Die Frage ist nur, ist er wirklich so loyal, wie es scheint, Lini? Ein einziger treuer Gardesoldat, obwohl alle anderen loyalen Männer weggeschickt wurden? Das erscheint mir plötzlich zu schön, um wahr zu sein.«

»Er hat den neuen Eid abgelegt.« Morgase öffnete den Mund, doch Lini kam ihr zuvor. »Ich habe ihn hinterher gesehen, allein hinter den Stallungen. Deshalb wußte ich auch, wen du meinst, denn ich hatte nach seinem Namen gefragt. Mich hat er damals nicht gesehen. Er lag auf den Knien und Tränen liefen ihm übers Gesicht. Er hat abwechselnd Entschuldigungen dir gegenüber gestammelt und den alten Eid wiederholt. Nicht einfach auf ›die Königin von Andor‹, sondern auf ›Königin Morgase von Andor‹. Er hat auf die alte Art geschworen, auf sein Schwert nämlich, und damit hat er sich in den Arm geschnitten, um zu zeigen, daß er lieber den letzten Blutstropfen vergießen werde als meineidig zu werden. Ich habe einige Erfahrung mit Männern, Mädchen. Der da wird dir folgen, auch wenn er mit bloßen Händen einem ganzen Heer gegenübersteht.«