»Meine Königin«, sagte Gill, »ich habe schon jahrelang kein Schwert mehr getragen — seit dem Aielkrieg nicht mehr —, aber ich betrachtete es als eine Ehre, wenn ich Euch folgen dürfte.« Es hätte eigentlich lächerlich wirken sollen, war es aber nicht.
Morgase musterte die anderen beiden, einen kräftig gebauten Mann im groben, grauen Mantel, die Nase oftmals gebrochen, wie sie deutlich sehen konnte, wie geschwollen wirkende Augenlider und Narben im Gesicht, und dazu eine kleine, hübsche Frau von noch nicht ganz mittleren Jahren. Sie schien zu diesem Straßenschläger zu gehören, doch ihr hochgeschlossenes blaues Wollkleid war von zu feiner Machart, um von einem wie ihm zu stammen.
Trotz seines trägen Blicks schien der Kerl ihre Zweifel wahrzunehmen. »Ich heiße Lamgwin, meine Königin, und ich bin ein treuer Gefolgsmann meiner Königin. Was geschehen ist, das war nicht recht, und es muß geändert werden. Ich möchte ebenfalls mit Euch gehen. Breane und ich, wir beide wollen mit Euch kommen.«
»Erhebt Euch«, sagte sie zu ihnen. »Es kann noch einige Tage dauern, bis Ihr mich öffentlich als Eure Königin ansprechen könnt. Ich akzeptiere Eure Begleitung sehr gern, Meister Gill. Und auch Eure, Meister Lamgwin, doch es wird sicherer für Eure Frau sein, wenn sie hier in Caemlyn bleibt. Es stehen uns harte Zeiten bevor.«
Breane wischte Strohhalme von ihrem Rock und warf ihr und Lini dabei einen scharfen Blick zu. »Ich habe schon schwere Zeiten mitgemacht«, sagte sie im Dialekt Cairhiens. Wenn sich Morgase nicht irrte, war sie von adliger Herkunft; vielleicht eine der Flüchtlinge. »Und ich habe nicht gewußt, was ein guter Mann ist, bis ich Lamgwin fand. Oder bis er mich fand. Die Loyalität und Liebe, die er für Euch empfindet, die empfinde ich ihm gegenüber noch zehnmal so stark. Er folgt Euch, doch ich folge ihm. Ich werde nicht zurückbleiben.«
Morgase atmete tief durch und nickte dann zustimmend. Die Frau schien sowieso nicht davon abzubringen zu sein. Ein prächtiger Grundstock für das Heer, das ihren Thron zurückgewinnen sollte: ein junger Soldat, der ständig an ihr herumkritisierte, ein fast kahlköpfiger Wirt, der wirkte, als habe er zwanzig Jahre lang nicht mehr auf einem Pferd gesessen, ein Straßenschläger, der aussah, als schlafe er beinahe ein, und dazu eine geflohene Adlige aus Cairhien, die ihr klargemacht hatte, daß ihre Loyalität lediglich ihm gegenüber bestand. Und natürlich Lini. Lini, die sie behandelte, als gehöre sie noch immer ins Kinderzimmer. In der Tat, das war wirklich ein prächtiger Grundstock!
»Wohin gehen wir, meine Königin?« fragte Gill, während er die bereits gesattelten Pferde aus ihren Boxen holte. Lamgwin bewegte sich überraschend schnell und geschmeidig, um einen weiteren an beiden Seiten hochgezogenen Damensattel für Lini um den Bauch eines Pferdes zu gürten. Morgase bemerkte erschrocken, daß sie daran überhaupt nicht gedacht hatte. Licht, Gaebril kann mir doch wohl nicht derart den Verstand geraubt haben! Dabei spürte sie nach wie vor den Drang, in ihr Gemach zurückzukehren. Es lag nicht an ihm. Sie hatte sich bereits darauf konzentrieren müssen, den Palast zu verlassen und hierher zu kommen. Einst wäre sie zuerst zu Ellorien geflohen, aber Pelivar oder Arathelle sollten es auch tun. Sobald sie einen Weg gefunden hatte, ihnen zu erklären, wieso sie sie damals ins Exil geschickt hatte.
Bevor sie den Mund aufbekam, sagte Tallanvor: »Wir müssen zu Gareth Bryne gehen. Unter den Großen Häusern bestehen Euch gegenüber einige Ressentiments, meine Königin, aber wenn Bryne Euch folgt, werden sie Euch wieder Gefolgschaft geloben, wenn auch nur, weil sie wissen, daß Bryne jede Schlacht gewinnen wird.«
Sie biß sich fast auf die Zunge, damit sie sich nicht augenblicklich weigerte. Bryne war ein Verräter. Aber er war auch einer der besten Heerführer dieses Zeitalters. Seine Gegenwart würde tatsächlich überzeugend wirken, wenn sie Pelivar und die anderen vergessen machen wollte, was sie ihnen angetan hatte. Also gut. Zweifellos würde er die Chance beim Schopf ergreifen, wieder Generalhauptmann der Königlichen Garde zu werden. Und wenn nicht, käme sie auch ohne ihn aus.
Als die Sonne den Horizont küßte, befanden sie sich bereits fünf Meilen außerhalb Caemlyns und ritten stramm in Richtung Korequellen.
In der Nacht fühlte sich Padan Fain am wohlsten. Als er durch die mit Wandbehängen geschmückten Gänge der Weißen Burg schlich, schien es ihm, als bilde die Dunkelheit draußen eine Tarnkappe, die ihn vor seinen Feinden verbarg, und das, obwohl die vergoldeten Spiegellampen ihr Licht in die Korridore warfen. Das Gefühl trog, soviel wußte er. Er hatte viele Feinde, und sie waren überall. Gerade jetzt in diesem Augenblick, so wie immer im wachen Zustand, konnte er Rand al'Thor fühlen. Er spürte nicht, wo sich al'Thor befand, aber daß er irgendwo dort draußen noch am Leben war. Immer noch. Diese Gabe, dieses Bewußtsein von der Existenz al'Thors, hatte er im Shayol Ghul erhalten, im Krater des Verderbens.
Sein Verstand schreckte vor den Erinnerungen an das zurück, was ihm dort angetan worden war. Da war er destilliert worden und neu geschaffen. Aber später dann, in Aridhol, war er wiedergeboren worden. Wiedergeboren, um alte und neue Feinde zu vernichten.
Noch etwas konnte er spüren, während er lauernd durch die nachtleeren Gänge der Burg schlich, etwas, das ihm gehörte, das ihm gestohlen worden war. In diesem Moment trieb ihn ein gierigeres Verlangen vorwärts als sein Wunsch, al'Thor sterben zu sehen oder die Burg zu zerstören, oder sich an seinem uralten Gegner zu rächen. Es war das hungrige Verlangen, endlich wieder ganz zu sein, vollständig.
Die schwere, getäfelte Holztür hatte dicke Scharniere und Eisenbügel, und das schwarze Eisenschloß war beinahe so groß wie sein Kopf. Nur wenige Türen in der Burg wurden jemals abgeschlossen, denn wer würde es wagen, mitten unter den Aes Sedai zu stehlen; doch ein paar Dinge in der Burg wurden als so gefährlich eingeschätzt, daß sie nicht einfach jedem zugänglich sein durften. Und die gefährlichsten überhaupt befanden sich hinter dieser Tür, von einem kräftigen Schloß behütet.
Er kicherte leise und nahm zwei dünne, gekrümmte Metallstifte aus der Manteltasche. Dann führte er sie in das Schlüsselloch ein, drückte ein wenig, suchte, drehte. Mit einem leisen Klicken schnappte der Riegel zurück. Einen Augenblick lang lehnte er sich mit heiserem Auflachen an die Tür. Von einem kräftigen Schloß behütet. Von der Macht der Aes Sedai umgeben und durch einfaches Metall geschützt. Zu dieser Stunde sollten selbst die Diener und die Novizinnen ihre Arbeit beendet haben, aber es könnte immer noch jemand wach sein und vielleicht vorbeikommen. Gelegentliche Wellen von Heiterkeit durchbebten ihn, als er die Dietriche in seine Tasche zurücksteckte und eine dicke Bienenwachskerze herausholte. Den Docht entzündete er an einer Ständerlampe in der Nähe.
Er hielt die Kerze hoch und schloß die Tür hinter sich. Nun konnte er sich umsehen. An den Wänden standen Regale, auf deren Brettern einfache Schachteln wie auch kunstvoll eingelegte Kästen aller möglichen Formen und Größen lagen, kleine Figuren aus Knochen oder Elfenbein oder einem dunkleren Material, und dazu Gegenstände aus Metall und Glas und Kristall, die im Kerzenschein funkelten und glitzerten. Nichts, was irgendwie gefährlich wirkte. Alles war mit Staub bedeckt. Selbst die Aes Sedai kamen nur selten hierher und anderen gestatteten sie das Betreten dieses Raums sowieso nicht. Das, was er suchte, zog ihn magisch an.
Auf einem in Hüfthöhe angebrachten Brett stand ein dunkler Metallkasten. Er öffnete ihn und enthüllte so drei Finger breite Bleiwände, die im Innern gerade noch Platz ließen für einen gekrümmten Dolch in einer goldenen Scheide, in dessen Heft ein großer Rubin eingesetzt war. Weder das Gold noch der blutrot schimmernde Rubin interessierten ihn. Hastig goß er ein wenig Wachs neben den Kasten und setzte die Kerze darauf, damit sie nicht umkippte, und dann hob er den Dolch heraus.