Moiraine war blitzschnell aus dem Sattel und an Arils Seite. Die ausgezehrte Frau keuchte laut auf, als die Hände der Aes Sedai sie berührten. Sie bebte bis an die Zehenspitzen. Ihr staunender Blick stellte Moiraine eine offene Frage, doch die hielt sie nur fest, als wolle sie sie stützen.
Der Ehemann der Frau riß plötzlich Augen und Mund auf, als er Rands vergoldete Gürtelschnalle entdeckte, das Geschenk Aviendhas. »Seine Arme trugen die gleichen Zeichen! Genau wie die. Rundherum gewunden, wie eine Klippschlange.«
Tal blickte unsicher zu Rand auf. »Der Anführer der Wilden, Lord. Er — er hatte Zeichen wie diese an den Armen. Er trug diese eigenartige Kleidung, die sie immer anhaben, aber er hatte sich die Ärmel abgeschnitten, und er sorgte dafür, daß alle die Zeichen sehen konnten.«
»Ein Geschenk, das ich in der Wüste erhielt«, sagte Rand. Er bemühte sich, die Hände ruhig am Sattelhorn zu halten, denn bis auf die Köpfe wurden seine eigenen Drachen von den Mantelärmeln verborgen. Die Köpfe allerdings waren für jeden sichtbar, der seine Handrücken genauer betrachtete. Aril hatte ganz vergessen, Moiraine zu fragen, was sie eigentlich mit ihr angestellt habe, und alle drei schienen, als wollten sie jeden Augenblick wieder wegrennen. »Wie lange sind sie schon weg?«
»Sechs Tage, mein Lord«, antwortete Tal nervös. »Was sie anrichteten, geschah innerhalb einer Nacht und eines Tages. Am nächsten waren sie wieder verschwunden. Wir wären ja auch geflohen, aber was, wenn wir ihnen auf ihrem Rückweg in die Arme gelaufen wären? Bestimmt wurden sie doch in Selean zurückgeworfen?« Das war die Stadt an der anderen Seite des Passes. Rand bezweifelte, daß sich Selean mittlerweile in einem anderen Zustand befand als Taien.
»Wie viele Überlebende gibt es noch außer Euch dreien?«
»Vielleicht hundert, mein Lord. Vielleicht mehr. Niemand hat sie gezählt.«
Urplötzlich stieg Zorn in ihm auf, obwohl er sich zu beherrschen versuchte. »Hundert von Euch?« Seine Stimme klang wie rostiges Eisen. »Und sechs Tage? Warum sind dann Eure Toten immer noch den Raben überlassen? Warum hängen noch immer die Leichen an der Stadtmauer? Das ist Euer Volk, dessen Verwesungsgestank Eure Nasen füllt!« Die drei schoben sich dichter aneinander und wichen vor seinem Pferd zurück.
»Wir hatten Angst, mein Lord«, sagte Tal heiser. »Sie gingen wohl weg, aber sie könnten zurückkehren. Und er befahl uns... Der mit den Zeichen an den Armen sagte uns, wir dürften nichts berühren.«
»Eine Botschaft«, sagte Ander mit leiser Stimme. »Er wählte willkürlich diejenigen, die gehängt werden sollten, holte einfach welche heraus, bis es genug waren, um die ganze Mauer mit ihren Leichen zu schmücken. Männer, Frauen — es war ihm gleich.« Sein Blick war auf Rands Gürtelschnalle gerichtet. »Er sagte, sie stellten eine Botschaft an einen Mann dar, der ihm folgen werde. Er sagte, er wolle diesen Mann wissen lassen... wissen lassen, was sie auf der anderen Seite des Rückgrats der Welt tun würden. Er sagte... Er sagte, er werde mit diesem Mann Schlimmeres anstellen.«
Aril riß plötzlich die Augen auf, und die drei starrten mit offenen Mündern einen Augenblick lang an Rand vorbei. Dann wirbelten sie schreiend herum und rannten davon. Schwarz verschleierte Aiel erhoben sich hinter den Felsen, von wo die drei gekommen waren, und so jagten die Fliehenden verzweifelt in eine andere Richtung. Doch auch dort erschienen verschleierte Aiel, und schließlich brachen die drei schluchzend zusammen und klammerten sich weinend aneinander, während man sie umstellte. Moiraines Miene wirkte kühl und beherrscht, doch ihr Blick flammte.
Rand wandte sich im Sattel um. Rhuarc und Dhearic kamen den Hang herauf, nahmen ihre Schleier ab und wickelten sich die Schufas von den Köpfen. Dhearic war dicker als Rhuarc, hatte eine vorstehende Nase und hellere Strähnen im ansonsten goldenen Haar. Er hatte Rand die Reyn Aiel zugeführt, wie Rhuarc es vorausgesagt hatte.
Timolan und seine Miagoma waren drei Tage lang im Norden parallel zu ihnen dahingezogen, hatten gelegentliche Botschaften ausgetauscht, aber ansonsten nichts von ihren Absichten kundgetan. Die Codarra, die Shiande und die Daryne befanden sich ein Stück weit im Osten und folgten ihnen, wenn auch langsam, wie Amys und die anderen nach Traumgesprächen mit ihren Weisen Frauen berichteten. Diese Weisen Frauen hatten genausowenig eine Ahnung von den Absichten ihrer Clanhäuptlinge wie Rand von denen Timolans.
»War das notwendig?« fragte er, als die beiden Häuptlinge zu ihm traten. Er hatte diesen Menschen wohl zuerst Angst eingejagt, doch aus gutem Grund, und er hatte sie nicht glauben gemacht, sie müßten sterben.
Rhuarc zuckte einfach die Achseln, und Dhearic sagte: »Wir haben Speere unsichtbar um diese Festung herum aufgestellt, wie Ihr wünschtet, und es schien keinen Grund mehr zum Warten zu geben, da hier bestimmt niemand mehr ist, der den Tanz der Speere mit uns tanzen könnte. Außerdem sind das doch nur Baummörder.«
Rand atmete tief durch. Er hatte ja gewußt, daß dies zu einem möglicherweise genauso großen Problem werden könnte wie Couladin, jedenfalls auf gewisse Weise. Vor fast fünfhundert Jahren hatten die Aiel Cairhien einen Schößling des Avendesora-Baums zum Geschenk gemacht und damit auch gleichzeitig ein Recht, das keiner anderen Nation zuteil wurde, nämlich, durch die Wüste hindurch bis Schara Handel zu treiben. Sie hatten keinen Grund dafür genannt, denn für die Feuchtländer hatten sie, vorsichtig ausgedrückt, nichts übrig, aber Ji'e'toh hatte das von den Aiel gefordert. Während der langen Wanderjahre, die sie schließlich in die Wüste geführt hatten, gab es nur ein Volk, das sie nie angegriffen hatte und das sie alles Wasser haben ließ, was sie brauchten, obwohl die Welt langsam auszutrocknen schien. Und endlich hatten sie die Nachkommen dieses Volks ausfindig gemacht: die Menschen aus Cairhien.
Fünfhundert Jahre lang waren so mit der Seide und dem Elfenbein Reichtümer nach Cairhien geflossen. Fünfhundert Jahre, und Avendoraldera gedieh in Cairhien. Und dann ließ König Laman den Baum fällen, um sich daraus einen Thron anfertigen zu lassen. Die Länder kannten den Grund, aus dem die Aiel vor zwanzig Jahren das Rückgrat der Welt überquert hatten. ›Lamans Sünde‹ nannten sie es, und ›Lamans Stolz‹, aber nur wenige wußten, daß es für die Aiel gar kein Krieg gewesen war. Lediglich vier Clans waren aufgebrochen, um einen Meineidigen zu stellen, und als sie ihn getötet hatten, waren sie ins Dreifache Land zurückgekehrt. Doch ihre Verachtung für die Baummörder, die Meineidigen, hatte sich nie gelegt. Die Tatsache, daß Moiraine eine Aes Sedai war, ließ die Aiel ihre Cairhiener Herkunft vergessen, doch in welchem Maße, darüber war sich Rand auch nicht ganz im klaren.
»Diese Menschen haben niemals einen Eid gebrochen«, sagte er zu ihnen. »Sucht die anderen. Der Sattler meint, es seien an die hundert. Und geht sanft mit ihnen um. Falls welche von ihnen die anderen beobachtet haben, flüchten sie vielleicht mittlerweile geradewegs in die Berge.« Die beiden Aiel wandten sich schon um, da fügte er noch hinzu: »Habt Ihr gehört, was sie mir sagten? Was haltet Ihr von dem, was Couladin hier getan hat?«
»Sie haben mehr getötet, als notwendig war«, sagte Dhearic, wobei er den Kopf angewidert schüttelte. »Wie die schwarzen Frettchen, wenn sie in einer Schlucht über ein Nest von Berghühnern herfallen.« Töten war genauso leicht wie Sterben, sagten die Aiel; jeder Narr konnte das.
»Und das andere? Menschen gefangennehmen? Gai'schain?«
Rhuarc und Dhearic tauschten einen kurzen Blick, und Dhearic verzog den Mund. Offensichtlich hatten sie davon gehört und fühlten sich keineswegs wohl bei dem Gedanken. Es bedeutete schon einiges, wenn sich ein Aiel so wand.