»Es kann nicht angehen«, sagte Rhuarc schließlich. »Falls es stimmt... Gai'schain sind eine Frage der Ehre, des Ji'e'toh. Niemand kann zum Gai'schain gemacht werden, der nicht den Weg des Ji'e'toh geht. Sonst sind sie lediglich menschliches Vieh, wie es die Shaarad halten.«
»Couladin hat den Weg des Ji'e'toh verlassen.« Bei Dhearic klang das, als behaupte er, aus Steinen seien Flügel gewachsen.
Mat lenkte Pips durch einen kurzen Schenkeldruck näher heran. Er war nie ein mehr als durchschnittlicher Reiter gewesen, aber manchmal, wenn er an etwas ganz anderes dachte, ritt er, als sei er auf dem Rücken eines Pferdes geboren. »Überrascht Euch das?« sagte er. »Nach allem, was er bereits getan hat? Der Mann würde noch die eigene Mutter beim Würfeln betrügen.«
Sie blickten ihn eisig an. Ihre Augen wirkten wie blaue Gemmen. Auf gewisse Weise waren die Aiel Ji'e'toh. Und was Couladin auch sein mochte, in ihren Augen war er noch immer ein Aiel. Die Septime stand über dem Clan, der Clan über allen Außenseitern, und die Aiel über allen Feuchtländern.
Ein paar Töchter des Speers hatten sich ihnen genähert, Enaila, Jolien, Adelin und dazu die drahtige, weißhaarige Sulin, die man zur Dachherrin des Dachs der Töchter in Rhuidean gewählt hatte. Sie hatte den dort zurückgebliebenen Töchtern empfohlen, eine andere zu wählen, und führte statt dessen nun die Töchter hier an. Sie spürten die lastende Stimmung und sagten nichts, steckten nur die Speere geduldig mit der Spitze nach unten in den Boden. Wenn ein Aiel die Geduld bewahren wollte, wirkten selbst die Felsbrocken in Eile.
Lan brach das Schweigen. »Wenn Couladin erwartet, daß Ihr ihm folgt, hat er vielleicht irgendwo auf dem Paß eine Überraschung hinterlassen. Hundert Mann könnten an den engsten Stellen einem ganzen Heer trotzen. Tausend...«
»Also werden wir hier lagern«, entschied Rand, »und Kundschafter vorausschicken, um sicherzugehen, daß der Weg frei ist. Duadhe Mahdi'in?«
»Wassersucher«, stimmte Dhearic erfreut zu. Das war seine Kriegergemeinschaft gewesen, bevor er zum Clanhäuptling erwählt worden war.
Sulin und die anderen Töchter warfen Rand mißbilligende Blicke zu, während der Häuptling der Reyn den Hang hinunterschritt. Die letzten drei Tage über hatte er immer Kundschafter aus anderen Kriegergemeinschaften vorgezogen, weil er bereits befürchtet hatte, was sie hier vorfinden würden, und er hatte das Gefühl, sie wüßten sehr genau, daß er nicht einfach nur den anderen auch ihre Gelegenheit verschaffen wollte. Er bemühte sich, ihre Blicke zu ignorieren. Bei Sulin war das besonders schwierig, denn mit diesen blaßblauen Augen hätte die Frau wohl auch noch Nägel einschlagen können.
»Rhuarc, sorgt bitte dafür, daß man diesen Überlebenden zu essen gibt, sobald man sie findet. Und daß man sie gut behandelt. Wir werden sie mitnehmen.« Sein Blick wanderte zur Stadtmauer hinüber. Einige Aiel benützten bereits ihre gekrümmten Hornbögen, um Raben abzuschießen. Manchmal benützten die Schattenabkömmlinge Raben und andere aasfressende Tiere als Spione, Schattenaugen, wie es die Aiel nannten. Die hier hielten in ihrem gierigen Fressen kaum inne, bis sie von einem Pfeil durchbohrt herunterfielen. Ein kluger Mann ging in bezug auf Raben und Ratten eben kein Risiko ein. »Und sorgt dafür, daß man die Toten bestattet.« Wenigstens in diesem Punkt stimmten Recht und Notwendigkeit überein.
21
Eine Klinge zum Geschenk
Schnell wurde nun das Lager am Eingang des Jangai-Passes errichtet, doch soweit wie möglich von Taien entfernt. Es zog sich bald über die Vorhügel hinab. Die Zelte standen zwischen den verstreuten Dornbüschen und selbst noch an den Berghängen. Allerdings war nicht viel davon sichtbar, außer den innerhalb des Paßeingangs befindlichen Zelten, denn die Aielzelte paßten sich farblich so gut der steinigen Erde an, daß man sie selbst dann oftmals nicht bemerkte, wenn man wußte, was und wo man suchen mußte. In den Hügeln lagerten die Aiel nach Clans geordnet, aber die auf dem Paß selbst formierten sich nach ihren Kriegergemeinschaften. Es waren vor allem Töchter des Speers, aber auch die Gemeinschaften der Männer hatten ihre Vertreter hier, jeweils etwa fünfzig, die ihre Zelte leicht voneinander abgesetzt über den Ruinen von Taien errichteten. Jedermann verstand, oder glaubte es zumindest, warum die Töchter sich Rands Ehre verpflichtet fühlten, doch alle Gemeinschaften wollten den Car'a'carn beschützen.
Moiraine und natürlich auch Lan gingen hinunter, wo Kaderes Wagen gleich unterhalb der Stadt angehalten hatten, um dafür zu sorgen, daß dieses Wagenlager richtig aufgestellt wurde. Die Aes Sedai nahm den Inhalt dieser Wagen fast genauso wichtig wie Rand. Die Fahrer knurrten und fluchten über den von der Stadt herüber ziehenden Gestank und vermieden jeden Blick zu den Aiel hinüber, die die Leichen von der Mauer abschnitten. Doch nach Monaten in der Wüste schienen sie es beinahe zu genießen, sich trotz der Ruinen in der Nähe der Zivilisation zu befinden, oder was sie als solche betrachteten.
Gai'schain errichteten die Zelte der Weisen Frauen jedenfalls die Bairs, Amys' und Melaines — ebenfalls unterhalb der Stadt direkt auf der verwitterten Fahrspur, die aus dem Hügelgebiet hinauf zum Paß führte. Rand war sicher, sie würden angeben, diesen Punkt ausgewählt zu haben, weil sie von dort aus für ihn genau wie für die unzähligen Dutzend Weiser Frauen unterhalb gut erreichbar waren. Allerdings schien es ihm auch kein Zufall, wenn jeder, der von den Hügeln aus zu ihm kommen wollte, zuerst durch ihr Lager oder um ihr Lager herumgehen mußte. Er war ein wenig überrascht, als er bemerkte, daß Melaine den weißgekleideten Gestalten die notwendigen Anweisungen gab. Erst vor drei Nächten hatte sie Bael geheiratet. Die Zeremonie hatte sie zu dessen Frau und zur Schwesterfrau Dorindhas gemacht, seiner anderen Ehefrau. Dieser Teil war offensichtlich genauso wichtig gewesen wie die eigentliche Hochzeit. Aviendha hatte sich seiner Überraschung wegen ziemlich aufgeregt.
Als Egwene zusammen mit Aviendha auftauchte, die Aielfrau hinter sich auf der grauen Stute und die bauschigen Röcke bis über die Knie hochgeschoben, schienen sie gut zusammenzupassen, obwohl sie einen unterschiedlichen Teint aufwiesen und Aviendha groß genug war, um Egwene bequem über die Schulter schauen zu können; beide trugen nur einen elfenbeinernen Armreif und eine Halskette. Die Arbeit, die Leichen der Gehenkten zu entfernen, hatte kaum begonnen. Die meisten Raben lagen tot auf dem Boden, darum ganze Büschel schwarzer Federn verstreut. Die anderen waren davongeflogen, doch Geier, die sich zu voll gefressen hatten, um sich in die Luft erheben zu können, watschelten noch durch die Asche innerhalb der Stadtmauer.
Rand wünschte, er hätte eine Möglichkeit, den beiden Frauen diesen Anblick zu ersparen, doch zu seiner Überraschung lief keine von beiden zur Seite, um sich zu übergeben. Nun, bei Aviendha hatte er das ja auch nicht ernsthaft erwartet, denn sie hatte schon oft genug den Tod gesehen und ihn auch selbst ausgesandt, und so blieb ihr Gesicht auch jetzt ausdruckslos. Doch er hatte dieses reine Mitleid in Egwenes Augen wirklich nicht erwartet, als sie zusah, wie die aufgedunsenen Leichen heruntergenommen wurden.
Sie lenkte ihre Stute Nebel zu Jeade'en und beugte sich herüber, um eine Hand auf seinen Arm zu legen. »Es tut mir so leid, Rand. Es gab keine Möglichkeit, daß du dies hier hättest verhindern können.«
»Ich weiß«, sagte er zu ihr. Er hatte noch nicht einmal gewußt, daß es hier überhaupt eine Stadt gab, bis Rhuarc sie vor fünf Tagen ganz nebenbei erwähnt hatte. In seinen Beratungen mit den Häuptlingen war es immer nur darum gegangen, ob sie an einem Tag noch größere Entfernungen zurücklegen könnten als zuvor und was Couladin vorhaben mochte, wenn er den Jangai überschritten hatte. Doch zu dem Zeitpunkt waren die Shaido hier schon fertig gewesen und weitergezogen. Er hatte sich seither oft genug gescholten, aber an der Lage auch nichts ändern können.