»Also, dann denke immer daran: Es war nicht deine Schuld.« Sie gab Nebel die Fersen zu spüren und begann, sich mit Aviendha zu unterhalten, obwohl sie noch nicht einmal außer Hörweite waren. »Ich bin froh, daß er es so gut aufnimmt. Er hat sich angewöhnt, Schuldgefühle zu entwickeln, obwohl er auf solche Dinge gar keinen Einfluß hat.«
»Männer glauben immer, sie hätten alles in ihrer Umgebung im Griff«, antwortete Aviendha. »Wenn sie merken, daß es nicht stimmt, glauben sie, versagt zu haben, anstatt einfach die Wahrheit hinzunehmen, die wir Frauen bereits kennen.«
Egwene kicherte. »Und das ist die Wahrheit. Sobald ich diese armen Menschen sah, fürchtete ich, wir würden ihn irgendwo finden, wie er sich gerade übergibt.«
»Hat er einen so schwachen Magen? Ich... «
Ihre Stimmen verklangen, als die Stute sich entfernte. Rand riß sich zusammen und setzte sich kerzengerade aufgerichtet und mit knallrotem Gesicht im Sattel zurecht. Sie zu belauschen: Er benahm sich wie ein Idiot. Das hielt ihn aber nicht davon ab, ihnen mit gerunzelter Stirn nachzublicken. Er übernahm schließlich nur die Verantwortung für Dinge, auf die er Einfluß hatte, und auch das nur innerlich. Nur für Dinge, die er ändern konnte, wenn es ihm wichtig erschien. Und solche, die er eigentlich hätte ändern sollen. Es paßte ihm nicht, wie sie über ihn sprachen, hinter seinem Rücken oder auch geradewegs ihm ins Gesicht. Das Licht allein mochte wissen, was sie noch über ihn sagten.
Er stieg ab und begab sich, Jeade'en führend, auf die Suche nach Asmodean, der sich verlaufen zu haben schien. Nach so vielen Tagen im Sattel war es eine Wohltat, zu Fuß gehen zu können. Eine ganze Reihe von einzelnen Zeltgruppen erhob sich nun entlang des Paßwegs. Die Berghänge und Felswände bildeten wohl gewaltige Schutzmauern, doch die Aiel errichteten ihre Zelte nach einem Muster, das ihnen gestattete, selbst einem Angriff von oben trotzen zu können. Er hatte einmal versucht, neben den Aiel zu Fuß zu gehen, doch ein halber Tag reichte, um ihn wieder in den Sattel zurückzubringen. Es war schon schwer genug, reitend mit ihnen Schritt zu halten. Wenn es darauf ankam, waren die Pferde schneller ermüdet als sie.
Auch Mat war abgestiegen und hockte am Boden, die Zügel in einer Hand und diesen Speer mit schwarzem Schaft über die Knie gelegt, und so spähte er hinüber zu den klaffenden Torflügeln, musterte die zerstörte Stadt, knurrte etwas in sich hinein, während Pips versuchte, an einem Dornbusch zu knabbern. Mat starrte nicht so einfach hinüber, nein, er beobachtete und taxierte, was er sah. Woher hatte er das mit den Wachen gehabt? Mat gab neuerdings manchmal seltsame Sachen von sich — seit sie das erste Mal in Rhuidean gewesen waren. Rand hätte es gern gehabt, wenn Mat über das dort Geschehene berichtete, aber er leugnete standhaft ab, daß überhaupt etwas geschehen sei, und das trotz des Medaillons mit dem Fuchskopf, trotz des Speers und der Narbe rund um seinen Hals. Melindhra, die Shaido-Tochter des Speers, mit der er in letzter Zeit zusammen war, befand sich nur ein kleines Stück entfernt und beobachtete ihrerseits Mat, bis Sulin herankam und sie mit irgendeinem Auftrag davonscheuchte. Rand fragte sich, ob Mat wisse, daß die Töchter bereits Wetten darauf abschlossen, ob Melindhra für ihn den Speer aufgeben werde. Und darauf, ob sie ihm auch das Singen beibringen werde; doch wenn Rand fragte, was das zu bedeuten habe, lachten sie immer nur.
Der Klang von Musik führte ihn zu Asmodean, der sich mit der Harfe auf den Knien auf einen Granitvorsprung gesetzt hatte. Den Stock der roten Fahne hatte er tief in den lockeren Boden gesteckt und das Maultier daran festgebunden. »Wie Ihr seht, mein Lord Drache«, sagte er heiter, »hält sich Euer Bannerträger streng an seine Pflichten.« Dann änderten sich Tonfall und Miene, und er sagte: »Wenn Ihr dieses Ding schon zeigen müßt, warum laßt Ihr es nicht von Mat tragen oder von Lan? Oder sogar von Moiraine? Sie wäre doch bestimmt froh, Euer Banner hochzuhalten und Eure Stiefel zu putzen. Nehmt Euch vor ihr in acht. Sie ist eine trügerische Frau. Wenn eine Frau freiwillig sagt, sie wolle Euch gehorchen, ist es an der Zeit, hellwach zu sein und Augen auch am Rücken zu haben.«
»Ihr müßt es tragen, weil Ihr auserwählt wurdet, Meister Jasin Natael.« Asmodean fuhr zusammen und blickte sich schnell um, obwohl alle anderen zu weit entfernt und zu beschäftigt waren, um zu lauschen. Niemand außer ihnen beiden hätte es verstanden. »Was wißt Ihr über diese Ruinen oben nahe der Schneegrenze? Sie stammen bestimmt aus dem Zeitalter der Legenden.«
Asmodean sah nicht einmal den Berg hinauf. »Diese Welt unterscheidet sich sehr von jener, in der ich... einschlief.« Es klang erschöpft, und er schauderte leicht. »Was ich von dem weiß, was hier liegt, das habe ich auch erst seit dem Erwachen erfahren.« Seine Harfe ließ die traurigen Klänge des Todesmarsches erklingen. »Meines Wissens könnten das die Überreste der Stadt sein, in der ich geboren wurde. Schorelle war eine Hafenstadt.«
Es würde vielleicht noch eine Stunde dauern, bis die Sonne hinter dem Rückgrat der Welt verborgen war. So nahe den hohen Bergen brach die Nacht früh herein. »Ich bin heute abend zu müde für eines unserer üblichen Gespräche.« So bezeichneten sie Asmodeans Unterrichtsstunden in der Öffentlichkeit, selbst wenn niemand zuhörte. Wenn man sie zu den Übungsstunden mit Lan oder Rhuarc hinzuzählte, hatte ihm all dieser Unterricht seit der Abreise aus Rhuidean wenig Zeit zum Schlafen gelassen. »Geht nur zu Eurem Zelt, wenn Ihr soweit seid, und ich sehe Euch dann wieder am Morgen. Mit der Fahne.« Es gab niemanden anders, der das verdammte Ding tragen konnte. Vielleicht würde er in Cairhien jemanden für diese Aufgabe finden.
Beim Umdrehen zupfte Asmodean eine schrille Note und sagte: »Keine brennenden Netze um mein Zelt heute nacht? Fangt Ihr endlich an, mir zu vertrauen?«
Rand blickte noch einmal zu ihm hin. »Ich vertraue Euch wie einem Bruder. Bis zu dem Tag, an dem Ihr mich verratet. Ich habe Euch als Belohnung für das, was Ihr mich lehrt, begnadigt, und das ist mehr, als Ihr verdient, aber an dem Tag, an dem Ihr Euch gegen mich stellt, werde ich diese Begnadigung zerreißen und mit Euch begraben.« Asmodean öffnete den Mund, doch Rand kam ihm zuvor: »Ich bin es, der da spricht, Natael. Rand al'Thor. Die Menschen von den Zwei Flüssen mögen Leute nicht, die versuchen, ihnen ein Messer in den Rücken zu rammen.«
Gereizt riß er an den Zügeln des Apfelschimmels und ritt davon, bevor der Mann noch etwas erwidern konnte. Er war sich nicht sicher, ob Asmodean eine Ahnung davon hatte, daß ein toter Mann versuchte, seine Persönlichkeit zu übernehmen, aber er sollte ihm auch gar keine Hinweise darauf geben. Asmodean war bereits davon überzeugt, daß er einer verlorenen Sache diene. Falls er das Gefühl bekam, Rand habe seinen eigenen Verstand nicht mehr im Griff und sei möglicherweise bereits auf dem Weg in den Wahnsinn, würde der Verlorene ihn augenblicklich im Stich lassen, und es gab einfach noch zuviel, was Rand erst lernen mußte.
Weißgekleidete Gai'schain errichteten nach Aviendhas Anweisungen sein Zelt weit hinten am Eingang des Passes, direkt unter der hoch aufragenden Riesenschlange. Die Gai'schain hatten ihre eigenen Zelte, doch die würden natürlich erst als letzte aufgebaut. Adelin und ein Dutzend Töchter hockten in der Nähe und beobachteten alles, warteten darauf, seinen Schlaf zu behüten. Obwohl jede Nacht mehr als tausend Töchter des Speers um ihn herum lagerten, bewachten sie sein Zelt immer noch.
Bevor er sich dem Zelt näherte, griff er durch den Angreal in seiner Manteltasche nach Saidin. Es war natürlich gar nicht notwendig, den geschnitzten dicken kleinen Mann mit dem Schwert zu berühren. Eine Mischung aus Schmutz und Süße erfüllte ihn, dieser tobende Feuerstrom, diese erdrückende Lawine aus Eis. Er verwob die Macht wie jeden Abend, seit sie Rhuidean verlassen hatten, und legte wachsame Machtstränge um das gesamte Lager herum, nicht nur um die Zelte auf dem Paß, sondern auch um alle in den Hügeln darunter und an den Berghängen. Er benötigte, um ein Wachgewebe dieser Größenordnung zu erschaffen, den Angreal, aber doch nur noch ein wenig. Fast hätte er es allein geschafft. Er hatte sich ja vorher schon für stark gehalten, doch das, was ihm Asmodean beigebracht hatte, machte ihn stärker. Kein Mensch und kein Tier, die diese Gewebe durchschritten, spürten etwas davon, aber sollte ein Schattenwesen sie berühren, würde ein Warnsignal erklingen, das jeder in den Zelten hören konnte. Hätte er das schon in Rhuidean getan, wären die Schattenhunde niemals eingedrungen, ohne daß er davon gewußt hätte.