Er zog es ganz aus der Scheide heraus und beugte sich über die Feuergrube, um ihr die Scheide zu Füßen zu legen. »Ich nehme die Klinge an, um die Schuld zu begleichen, Aviendha.« Sie war lang, ein klein wenig gekrümmt und hatte nur eine Schneide. »Nur die Klinge. Ihr könnt auch das Griffstück zurückhaben.« Er konnte sich in Cairhien ein neues Heft und eine neue Scheide anfertigen lassen. Vielleicht war sogar einer der Überlebenden aus Taien ein brauchbarer Schmied.
Sie blickte mit großen Augen von der Scheide zu ihm und wieder zurück. Ihr Mund stand offen, und zum erstenmal, seit er sie kannte, war sie völlig überrascht. »Aber diese Steine sind viel, viel mehr wert, als ich... Ihr versucht, mir wieder eine Schuld Euch gegenüber aufzudrängen, Rand al'Thor.«
»Das stimmt nicht.« Wenn diese Klinge unberührt und ohne auch nur anzulaufen mehr als zwanzig Jahre lang in ihrer Scheide gesteckt hatte, mußte sie das sein, wofür er sie hielt. »Ich habe die Scheide nicht angenommen, also gehört sie nach wie vor Euch.« Er warf eines der Seidenkissen in die Luft und vollführte die sitzende Version von ›Ein leichter Wind erhebt sich‹. Es regnete Federn, als die Klinge glatt hindurchschnitt. »Und ich akzeptiere auch das Heft nicht, also gehört auch dies Euch immer noch. Falls Ihr einen Gewinn erzielt habt, ist das Euer eigener Verdienst.«
Anstatt glücklich dreinzuschauen, ein so gutes Geschäft gemacht zu haben — er vermutete, sie habe all ihren Besitz für das Schwert hergeben müssen und nun könnte sie für die Scheide allein schon hundertmal soviel zurückbekommen —, anstatt also froh zu sein oder ihm zu danken, funkelte sie ihn durch die herunterschwebenden Federn hindurch an wie eine Hausfrau von den Zwei Flüssen, auf deren Fußboden jemand Abfall geworfen hatte. Mit einer abrupten Bewegung klatschte sie in die Hände, und eine der Gai'schain erschien, fiel sofort auf die Knie und begann damit, die Federn aufzusammeln.
»Es ist mein Zelt«, sagte er betont. Aviendha schnaubte, wobei sie Egwene perfekt imitierte. Diese beiden Frauen verbrachten entschieden zuviel Zeit miteinander.
Das Abendessen wurde bei Einbruch der Dunkelheit hereingebracht und bestand aus dem üblichen hellen Fladenbrot und einem würzigen Eintopf mit getrockneter Paprika, Bohnen und Brocken beinahe weißen Fleisches. Er grinste sie lediglich an, als er erfuhr, daß es sich um das Fleisch der Blutschlange handle. Er hatte seit seiner Ankunft in der Wüste schon öfters Schlangen und Schlimmeres gegessen. Gara, diese giftige Eidechsenart, war seiner Meinung nach das Schlimmste gewesen, nicht des Geschmacks wegen, der dem eines Huhns ähnelte, sondern weil es eben eine Eidechse gewesen war. Manchmal schien es ihm, in der Wüste gebe es mehr giftige Dinge wie Schlangen, Eidechsen, Spinnen oder auch Pflanzen als in der ganzen übrigen Welt zusammen.
Aviendha schien enttäuscht, daß er nicht das Fleisch angeekelt wieder ausspie. Allerdings war es manchmal schon recht schwierig, ihrer Miene abzulesen, was sie empfand. Gelegentlich machte es ihr ausgesprochenen Spaß, ihn in Verlegenheit zu bringen. Hätte er jemals versucht, vorzugeben, daß er ein Aiel sei, so würde sie sich mit Sicherheit prompt bemühen, ihm zu beweisen, daß er keiner sei.
Er war müde und sehnte sich nach Schlaf. So zog er lediglich Mantel und Stiefel aus, bevor er unter die Decken kroch und Aviendha den Rücken zuwandte. Aielmänner und —frauen mochten ja zusammen ins Dampfbad gehen, aber während seines kurzen Aufenthalts in Schienar, wo sie ähnliche Bräuche hatten, war er zu den Überzeugung gekommen, daß dies nichts für ihn war. Er würde vermutlich so rot werden, daß er daran starb. Er bemühte sich auch, nicht dem Rascheln ihrer Kleidung zu lauschen, als sie sich unter ihren eigenen Decken auszog. Wenigstens zeigte sie in dieser Hinsicht Keuschheit, doch vorsichtshalber drehte er sich nicht nach ihr um.
Sie behauptete, bei ihm schlafen zu müssen, damit sie ihren Unterricht in Sitten und Gebräuchen der Aiel fortsetzen konnte, da er am Tage soviel Zeit mit den Häuptlingen verbringe. Sie beide wußten, daß es eine Lüge war, obwohl er sich nicht vorstellen konnte, was die Weisen Frauen auf diese Art eigentlich herausfinden wollten. Sie ächzte hier und da ein wenig, als sie an etwas zog oder riß, und dann knurrte sie in sich hinein.
Um die leisen Geräusche zu übertönen und zu vergessen, was sie bedeuteten, sagte er: »Melaines Hochzeit war beeindruckend. Hat Bael wirklich nichts davon gewußt, bis Melaine und Dorindha ihn aufklärten?«
»Natürlich nicht«, erwiderte sie verächtlich. Dann hielt sie inne und er glaubte, sie ziehe gerade einen Strumpf aus. »Warum sollte er es erfahren, bevor Melaine ihm den Brautkranz vor die Füße legte und ihr um seine Hand bat?« Unvermittelt lachte sie auf. »Melaine hat sich selbst und Dorindha beinahe verrückt gemacht, weil sie für den Brautkranz unbedingt Segadeblüten haben wollte. So nahe an der Drachenmauer wachsen nicht viele.«
»Hat das irgendeine besondere Bedeutung? Segadeblüten?« Die hatte er ihr auch bringen lassen, doch sie hatte nie ein Wort darüber verloren.
»Daß sie von Natur aus reizbar ist und auch so bleiben will.« Wieder legte sie eine Pause ein und murmelte lediglich etwas vor sich hin. »Hätte sie Blätter oder Blumen der Süßwurzel gesandt, dann hätte das bedeutet, daß sie einen süßen und lieben Charakter habe. Taubeere bedeutet dagegen, sie sei unterwürfig, und... Es ist einfach zuviel, um es aufzuzählen. Ich würde Tage brauchen, Euch alle möglichen Kombinationen beizubringen, und Ihr müßt sie auch gar nicht wissen. Ihr werdet keine Aiel zur Frau haben. Ihr gehört zu Elayne.«
Er hätte sie beinahe groß angeschaut, als sie das Wort ›unterwürfig‹ gebrauchte. Er konnte sich keinen Ausdruck vorstellen, der weniger zu einer Aielfrau gepaßt hätte. Vielleicht heißt das, sie warnt dich erst, bevor sie dich erdolcht.
Am Ende hatte ihre Stimme leicht gedämpft geklungen. Ihm wurde bewußt, daß sie gerade ihre Bluse über den Kopf zog. Er wünschte, die Lampen wären gelöscht. Aber nein, das hätte es noch schlimmer gemacht. Doch andererseits hatte er das jede Nacht mitgemacht, seit sie Rhuidean verlassen hatten, und jede Nacht war es schwerer zu ertragen. Er mußte dem ein Ende machen. Die Frau würde von nun an bei den Weisen Frauen schlafen, wo sie hingehörte. Er würde ja trotzdem von ihr lernen, was er nur konnte. Nun, die gleichen Gedanken waren ihm nun fünfzehn Nächte hintereinander gekommen.
Er bemühte sich, die Bilder aus seinem Kopf zu vertreiben, und sagte: »Das ganz am Ende. Nach den gegebenen Eheversprechen.« Kaum hatten nämlich ein halbes Dutzend Weiser Frauen den Neuvermählten ihre Segenswünsche ausgesprochen, da waren hundert Blutsverwandte Melaines herangestürmt und hatten sie umringt. Alle waren mit Speeren bewaffnet gewesen. Auch Bael war von hundert seiner Verwandten umringt worden, und dann hatte er sich bis zu ihr durchkämpfen müssen. Natürlich hatte niemand den Schleier angelegt, aber auf beiden Seiten war durchaus Blut geflossen. »Ein paar Minuten früher hatte Melaine geschworen, daß sie ihn liebe, aber als er sie erreichte, hat sie gekämpft wie ein in die Enge getriebener Berglöwe.« Wenn Dorindha ihr nicht einen kräftigen Schlag in die untere Rippenpartie verpaßt hätte, wäre Bael seiner Ansicht nach nicht in der Lage gewesen, sie schließlich doch über seine Schulter zu hieven und wegzutragen. »Er humpelt immer noch und hat ein blaues Auge, so, wie sie auf ihn losgetrommelt hat.«
»Sollte er denn ein Schwächling sein?« fragte Aviendha schläfrig. »Er mußte wissen, was sie wert ist. Sie ist doch kein billiges Anhängsel, das er so einfach in die Tasche stecken kann.« Sie gähnte, und er hörte, wie sie sich tiefer unter ihre Decken schob.