»Schatten«, stimmte Mat zu, der überhaupt nicht hinhörte. Manchmal akzeptierte eine Frau sein Geschenk und manchmal auch nicht, aber keine hatte deshalb so getan, als sei er ihr persönlicher Besitz. Das war es, was ihn wirklich an ihr störte. Er war nicht bereit, sich von irgendeiner Frau besitzen zu lassen, gleich, wie hübsch sie war. Und gleich, wie gut ihre Hände auch mit seinen verknoteten Muskeln fertig wurden.
»Deine Narben sollten ehrenvolle Narben sein, die du dir in deinem eigenen Namen verdient hast, nicht so wie diese.« Mit einem Finger fuhr sie die Narbe um seinen Hals nach, die der Henkerstrick zurückgelassen hatte. »Hast du die hier im Dienste des Car'a'carn empfangen?«
Er schüttelte ihre Hand ab, schob sich auf die Ellbogen hoch und drehte sich um, damit er sie ansehen konnte. »Bist du sicher, daß der Name ›Tochter der Neun Monde‹ dir nichts sagt?«
»Das habe ich dir doch schon gesagt. Ich weiß nicht, was er bedeutet. Leg dich wieder hin.«
»Wenn du mich anlügst, dann schwöre ich, werde ich Dir Striemen auf dein Hinterteil verpassen.«
Mit in die Hüften gestützten Händen blickte sie ihn drohend von oben herab an. »Glaubst du, daß du... mir den Hintern wirklich versohlen kannst, Mat Cauthon?«
»Ich kann ja mein Bestes geben.« Sie würde ihm vermutlich einen Speer durch die Rippen stoßen. »Schwörst du, daß du noch nie von der Tochter der Neun Monde gehört hast?«
»Ich habe nie davon gehört«, sagte sie bedächtig. »Wer ist sie? Oder was ist sie? Leg dich hin und laß mich...«
Eine Amsel begann zu singen, anscheinend gleichzeitig im Zelt und auch draußen, und einen Augenblick später ein Rotkehlchen. Gute Vögel von den Zwei Flüssen. Rand hatte seine Alarmsignale von dem ausgewählt, was er kannte, und das hier waren Vögel, die es in der Wüste nicht gab.
Melindhra sprang mit einem Satz von ihm herunter, wickelte sich die Schufa um den Kopf und zog den Schleier vor, während sie mit der anderen Hand Schild und Speere hochriß. Und so rannte sie aus dem Zelt.
»Blut und Asche, verdammt!« fluchte Mat und kämpfte sich in seine Hose hinein. Ein Rotkehlchen bedeutete Gefahr aus dem Süden. Er hatte mit Melindhra ihr gemeinsames Zelt im Süden aufgebaut, bei den Chareen, so weit von Rand entfernt wie möglich, doch ohne das Lager zu verlassen. Aber er rannte bestimmt nicht nackt hinaus zwischen diese Dornbüsche, so wie Melindhra. Die Amsel bedeutete Gefahr vom Norden her, wo die Shaarad lagerten. Also kamen sie gleichzeitig von zwei Seiten her.
Er stampfte, so gut es in dem niedrigen Zelt ging, die Füße in die Stiefel hinein und sah den silbernen Fuchskopf an, der neben seinen Decken lag. Draußen wurden Schreie laut und das Klirren von Metall auf Metall. Er hatte endlich begriffen, daß dieses Medaillon Moiraine bei ihrem ersten Versuch daran gehindert hatte, ihn mit Hilfe der Macht zu heilen. Solange es ihn berührt hatte, konnte das Machtgewebe ihn nicht beeinflussen. Er hatte noch nie von Schattenwesen gehört, die mit der Macht umgehen konnten, aber da waren ja noch immer die Schwarzen Ajah, wie Rand behauptete, und er glaubte es ihm, und natürlich bestand immer die Möglichkeit, daß einer der Verlorenen schließlich doch Rand offen anzugreifen wagte. Also zog er den Lederriemen über den Kopf, so daß sein Medaillon auf der Brust hing, packte den mit Raben gekennzeichneten Speer und duckte sich aus dem Zelt hinaus in den kalten Mondschein.
Er hatte keine Zeit, in der eisigen Kälte zu schaudern. Er war noch nicht einmal ganz aus dem Zelt heraus, da verlor er beinahe den Kopf durch ein sichelartiges Trolloc-Schwert. Die Klinge streifte sein Haar, während er sich nach vorn warf und abtauchte. Er wandte sich empor und hatte den Speer kampfbereit in den Händen.
Auf den ersten Blick hätte man bei dieser Dunkelheit den Trolloc für einen massigen, hochgewachsenen Mann halten können, der eben einen Aiel noch um die Hälfte überragte, ganz in eine schwarze Rüstung gehüllt, die an Ellbogen und Schultern Dornen aufwies. Am Helm waren Bockshörner angebracht; so schien es jedenfalls, doch die Hörner wuchsen aus diesem nur zu menschlichen Kopf heraus, und unter den Augen war die Schnauze eines Ziegenbocks zu sehen.
Fauchend schlug der Trolloc nach ihm, und dann heulte er Worte in einer harten Sprache, für die eine menschliche Zunge nicht geeignet schien. Mat wirbelte seinen Speer wie einen Bauernspieß, schlug die schwere, gekrümmte Klinge zur Seite und rammte seine lange Speerspitze in die Bauchpartie der Kreatur. Unter dem mit Hilfe der Macht angefertigten Stahl spaltete sich das schwarze Metall der Rüstung genauso leicht wie das Fleisch, das darunter lag. Der Trolloc mit der Bocksschnauze krümmte sich mit einem röchelnden Schrei, und Mat zog seine Waffe heraus und sprang schnell zur Seite, als der schwere Körper zu Boden sackte.
Überall in seiner Umgebung kämpften teils unbekleidete, teils nur halb bekleidete Aiel, allerdings alle mit dem schwarzen Schleier vor dem Gesicht, gegen Trollocs mit hauerbewehrten Keilerschnauzen oder Wolfsrachen oder Adlerschnäbeln. Einige der Köpfe wiesen Hörner auf, andere Kämme oder Federn. Alle schwangen sie diese seltsam gekrümmten Schwerter und Dornenäxte, Dreizacke mit Widerhaken und Speere. Hier und da benützte einer einen mächtigen Bogen, um mit Haken versehene Pfeile abzuschießen, die schon fast kurze Speere waren. Auch Männer kämpften Seite an Seite mit den Trollocs. Sie trugen grobe Mäntel, schwangen Schwerter und schrien genauso verzweifelt wie die anderen, wenn sie zwischen den Dornbüschen starben.
»Sammael!«
»Sammael und die Goldenen Bienen!«
Die Schattenfreunde starben schnell, meist schon dann, wenn sie einem Aiel gegenübertraten, doch die Trollocs starben nicht ganz so leicht.
»Ich bin doch kein verdammter Held!« schrie Mat. Er wollte sich nicht irgend jemandem mitteilen, es mußte nur einfach aus ihm heraus, während er gegen einen Trolloc mit Bärenschnauze und haarigen Ohren kämpfte. Es war sein dritter. Die Bestie schwang eine Axt mit langem Stiel, mit einem halben Dutzend Dornen und einer langen Schneide, die groß genug war, um damit einen Baum zu spalten. Er fuchtelte damit herum, als sei sie in seinen großen, haarigen Pratzen lediglich ein Spielzeug. Es war einfach die Nähe zu Rand, die Mat in solche Schwierigkeiten brachte. Alles, was er sich vom Leben erhoffte, waren guter Wein, ein Würfelspiel und ein oder drei hübsche Mädchen. »Ich will nicht in all das verwickelt werden!« Besonders dann nicht, wenn Sammael in der Nähe war. »Hört Ihr mich?«
Der Trolloc stürzte mit aufgeschlitzter Kehle zu Boden und Mat fand sich plötzlich einem Myrddraal gegenüber, der gerade zwei Aiel tötete, die ihn gemeinsam angegriffen hatten. Der Halbmensch sah wie ein Mann aus, doch leichenblaß, und er trug einen Panzer aus sich überlappenden schwarzen Schuppen wie die Haut einer Schlange. Er bewegte sich auch wie eine Schlange, flüssig, elegant und flink, als habe er keine Knochen. Sein nachtschwarzer Umhang hing immer schlaff herunter, gleich, wie er sich auch bewegte. Und er hatte keine Augen. Nur eine stumpfweiße Hautfläche, wo die Augen sein sollten.
Der augenlose Blick traf ihn, und er schauderte. Die Angst kroch ihm ins Knochenmark hinein. »Der Blick der Augenlosen bedeutet Angst«, sagte man in den Grenzlanden, wo sie es ja wissen mußten, und selbst die Aiel gaben zu, daß der Blick eines Myrddraal ihnen bis ins Innerste fahre. Das war die erste Waffe dieses Geschöpfes. Der Halbmensch rannte mit fließenden Bewegungen auf ihn zu.
Mit einem Aufbrüllen warf sich Mat ihm entgegen. Der Speer wirbelte wie ein Bauernspieß durch die Luft, stach zu, blieb immer in Bewegung. Das Ding trug ein Schwert, so schwarz wie sein Umhang, ein Schwert, das in den Essen von Thakan'dar geschmiedet worden war, und falls er davon eine Wunde empfing, war er so gut wie tot, es sei denn, Moiraine wäre zufällig in der Nähe und würde ihn sofort mit Hilfe der Macht behandeln. Doch es gab nur einen sicheren Weg, einen Blassen zu besiegen. Man muß-te auf Teufel komm raus angreifen und ihn überwältigen, bevor er einen selbst erwischte. Jeder Gedanke an Verteidigung konnte zum Selbstmord werden. Er konnte sich auch keinen Seitenblick zur Schlacht hin leisten, die überall in seiner Umgebung in der dunklen Nacht tobte.