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Als Adelin und die Töchter auftauchten, kamen sie mit schleppenden Schritten und offensichtlich bedrückt näher. Sie betrachteten den Draghkar, wie er von weißgekleideten Männern fortgeschleppt wurde, und sie tauschten lange Blicke, bevor sie sich zu Rand herüberwagten.

»Hier war nichts zu erwarten«, sagte Adelin zögernd. »Der ganze Angriff spielte sich unten ab — Schattenfreunde und Trollocs.«

»Ich habe gehört, wie sie ›Für Sammael und die goldenen Bienen‹ schrien«, fügte eine andere hinzu. Da sie die Schufa ganz um den Kopf gewickelt hatte, konnte Rand nicht erkennen, wer sie war. Es klang jung; einige der Töchter des Speers waren kaum älter als sechzehn.

Adelin holte tief Luft und hielt Rand einen ihrer Speere waagrecht mit festem Griff hin. Die anderen taten es ihr nach — jede mit einem Speer. »Wir — ich — habe versagt«, sagte Adelin. »Wir hätten hier sein sollen, als der Draghkar kam. Statt dessen sind wir wie die Kinder hinuntergerannt, um den Tanz der Speere zu tanzen.«

»Und was soll ich mit denen anstellen?« fragte Rand mit einem Blick auf die Speere, worauf Adelin ohne noch zu zögern antwortete: »Was immer Ihr wünscht, Car'a'carn. Wir sind bereit und werden keinen Widerstand leisten.«

Rand schüttelte den Kopf. Verdammte Aiel und verdammtes Ji'e'toh! »Ihr nehmt die Dinger wieder hoch und geht an Eure Plätze, mein Zelt zu bewachen. Also? Geht schon.« Sie sahen sich gegenseitig an, bevor sie gehorchten, und zwar genauso zögernd, wie sie gekommen waren. »Und eine von Euch soll Aviendha sagen, daß ich hineinkommen werde, sobald ich zurück bin«, fügte er hinzu. Er würde nicht die ganze Nacht über hier draußen warten und sich fragen, ob er hereingehen dürfe. Er stolzierte steif davon. Der Boden unter seinen bloßen Strümpfen war sehr hart.

Asmodeans Zelt befand sich unweit des seinen. Von dort war kein Laut an sein Ohr gedrungen. Er schlug die Klappe zur Seite und duckte sich hinein. Asmodean saß im Dunklen und kaute auf seiner Unterlippe. Er zuckte zusammen, als Rand erschien. Dann kam er ihm auch schon zuvor: »Ihr habt doch sicher nicht erwartet, daß ich eingreife, oder? Ich habe die Draghkar gespürt, aber mit denen konntet Ihr selbst fertigwerden, und das seid Ihr ja auch. Ich habe die Draghkar noch nie leiden können. Wir hätten sie nicht erschaffen sollen. Sie haben weniger Hirn als ein Trolloc. Gebt ihnen einen Befehl, und sie töten manchmal trotzdem denjenigen, der ihnen am nächsten ist. Wenn ich hinausgegangen wäre, etwas unternommen hätte... Vielleicht hätte mich jemand bemerkt? Was, wenn sie erkannt hätten, daß nicht Ihr es wart, der die Macht lenkt? Ich... «

»Es war gut für Euch, daß Ihr nicht herauskamt«, unterbrach ihn Rand, der sich mit übergeschlagenen Beinen in der Dunkelheit niedergesetzt hatte. »Wenn ich Euch heute abend von Saidin erfüllt dort draußen gespürt hätte, hätte ich Euch möglicherweise getötet.«

Das Lachen des anderen klang etwas zittrig. »Daran hatte ich auch gedacht.«

»Es war Sammael, der uns heute abend die Angreifer auf den Hals schickte. Jedenfalls die Trollocs und die Schattenfreunde.«

»Es sieht Sammael gar nicht ähnlich, das Leben seiner Männer so zu verschwenden«, sagte Asmodean bedächtig. »Aber er riskiert andererseits auch zehntausend Tote oder sogar das Zehnfache, wenn es ihm etwas einbringt, das seiner Meinung nach die Opfer wert ist. Vielleicht will auch nur einer der anderen vortäuschen, es sei Sammael gewesen. Und wenn die Aiel auch Gefangene hätten... Trollocs denken nicht viel, außer an Töten, und die Schattenfreunde glauben, was man ihnen sagt.«

»Er war es tatsächlich. Er hat schon einmal auf genau die gleiche Art versucht, mich zu ködern — in Serendahar.« O Licht! Der Gedanke glitt über die Oberfläche des Nichts. Ich sagte ›mich‹. Er hatte keine Ahnung, wo Serendahar gelegen oder was damals geschehen war, nur die eigenen Worte kannte er. Die Worte, die eben erst verklungen waren.

Nach langem Schweigen sagte Asmodean leise: »Das habe ich nicht gewußt.«

»Was ich wissen möchte, ist der Grund.« Rand wählte seine Worte sorgfältig und hoffte, daß es seine eigenen seien. Er erinnerte sich an Sammaels Gesicht. Er war ein Mann — Nicht meine. Es sind nicht meine Erinnerungen! —, ein untersetzter, kräftiger Mann mit kurzem, blondem Bart. Asmodean hatte ihm alle Verlorenen beschrieben, doch ihm war klar, daß dieses Bild in seinem Gedächtnis nichts mit seiner Beschreibung zu tun hatte. Sammael hatte immer größer sein wollen und war frustriert gewesen, daß selbst die Macht das nicht vermochte. Das hatte ihm Asmodean aber nicht gesagt. »Nach allem, was Ihr mir berichtet habt, wird er mich wahrscheinlich nur dann offen bekämpfen, wenn er sich des Sieges gewiß sein kann. Vielleicht noch nicht einmal dann. Ihr sagtet, wenn er könnte, würde er mich wahrscheinlich dem Dunklen König selbst überlassen. Also, warum ist er jetzt so siegessicher; warum will er, daß ich ihn verfolge?«

Sie diskutierten stundenlang in der Dunkelheit, ohne zu klaren Erkenntnissen zu gelangen. Asmodean blieb bei seiner Meinung, es sei einer der anderen gewesen, in der Hoffnung, Rand auf Sammael zu hetzen und damit wenigstens einen oder vielleicht auch beide loszuwerden. Zumindest behauptete Asmodean, er glaube das. Rand spürte immer wieder den fragenden Blick aus den dunklen Augen des Mannes. Seine Worte vorhin waren zu offensichtlich herausgerutscht, als daß er das hätte vertuschen können.

Als er schließlich zu seinem eigenen Zelt zurückkehrte, sprangen Adelin und die anderen Töchter sofort auf. Alle wollten ihm auf einmal mitteilen, daß Egwene weg sei und Aviendha schon lange schlafe, und daß sie zornig auf ihn sei. Daß beide zornig seien. Sie erteilten ihm so viele unterschiedliche Ratschläge, wie man den Zorn der Frauen besänftigen könne, und dazu noch alle gleichzeitig, daß er überhaupt nichts mehr verstand. Schließlich schwiegen sie aber doch, warfen sich bedeutungsschwangere Blicke zu, und schließlich sagte Adelin: »Wir müssen noch über die heutige Nacht sprechen. Über das, was wir taten und was wir versäumten. Wir... «

»Es war gar nichts«, erwiderte er, »und sollte es doch etwas Schlimmes gewesen sein, dann ist es vergeben und vergessen. Ich würde gern zur Abwechslung einmal ein paar Stunden Schlaf genießen. Wenn Ihr weiter darüber reden wollt, dann geht zu Amys oder Bair. Ich bin sicher, sie verstehen viel besser als ich, worauf Ihr hinauswollt.« Das brachte sie überraschenderweise wirklich zum Schweigen, und sie ließen ihn hineingehen.

Aviendha lag unter ihren Decken. Ein schlankes, weißes, unbedecktes Bein ragte heraus. Er bemühte sich, weder das Bein noch sie selbst anzublicken. Sie hatte eine Lampe angelassen. Dankbar schob er sich unter seine Decken und löschte die Lampe mit Hilfe der Macht. Dann ließ er Saidin los. Diesmal träumte er von Aviendha, wie sie Feuer schleuderte, allerdings nicht auf den Draghkar. Sammael saß neben ihr und lachte.

23

»Euren fünften Teil bekommt Ihr von mir«

Egwene ließ ihre Stute um eine grasbewachsene Anhöhe herumtraben und beobachtete die Ströme von Aiel, die sich vom Jangai-Paß herunterwälzten. Durch den Sattel war ihr Rock wieder bis übers Knie hochgerutscht, aber das bemerkte sie jetzt kaum. Sie konnte ihn nicht jede Minute wieder herunterziehen. Und sie trug ja Strümpfe. Es war nicht so, als zeige sie nackte Beine.

Die Kolonnen der Aiel marschierten in schnellem Schritt unten an ihr vorbei. Sie waren streng nach Clan, Septime und Kriegergemeinschaft geordnet. Tausende und Abertausende kamen dort mit ihren Packpferden und Maultieren entlang; dazu die Gai'schain, die sich um das Lager kümmerten, während die anderen in den Kampf zogen. Das Ganze erstreckte sich über eine Breite von mindestens einer Meile. Weitere Aiel befanden sich noch hinten auf dem Paß oder so weit voraus, daß man sie bereits nicht mehr sehen konnte. Trotz des Fehlens ganzer Familien schien es, als befinde sich ein ganzes Volk auf dem Marsch. Die Straße hier war ein Teil der Seidenstraße gewesen, ganze fünfzig Schritt breit und mit großen, weißen Steinplatten gepflastert. Sie schnitt sich geradewegs zwischen den Hügeln hindurch. Man hatte sogar Hohlwege ausgehoben, damit die Straße gerade und auf einer Ebene verlaufen konnte. Viele Pflastersteine standen nun allerdings schief heraus, hatten sich an einer Ecke gehoben, an einer anderen gesenkt und zeigten deutlich das Alter der Straße. Es war bestimmt länger als zwanzig Jahre her, seit diese Straße mehr Verkehr erlebt hatte als die Karren der ortsansässigen Bauern oder gelegentlich ein paar Planwagen. Jedenfalls war sie unter den Massen der Aielfüße nur an wenigen Stellen sichtbar, obwohl die Aiel es ja vorzogen, mit ihren bloßen Füßen auf dem Gras zu laufen.