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Es war ein Erlebnis, endlich wieder Bäume zu sehen, richtige Bäume, hoch aufragende Eichen und Lederblattbäume, die tatsächlich sogar in kleinen Hainen wuchsen, und nicht nur gelegentliche, vom Wind verformte, verkrüppelte Karikaturen eines Baumes. Das hohe Gras wogte im leichten Wind auf den Hügeln. Nach dem Wüstenklima schien die Luft hier wunderbar kühl und feucht, obwohl ihr die braunen Blätter und die großflächigen braunen Stellen im Gras deutlich machten, daß es hier doch wohl heißer und trockener war, als sonst um diese Jahreszeit üblich. Trotzdem war die ländliche Gegend Cairhiens ein üppiges Paradies, verglichen mit der anderen Seite der Drachenmauer.

Ein kleiner Bach wand sich unter einer niedrigen Brücke hindurch nach Norden. Am Rand war der getrocknete Lehm eines viel breiteren Bettes sichtbar. In dieser Richtung, nicht zu viele Meilen entfernt, befand sich der Gaelin, ein etwas größerer Fluß. Sie fragte sich, wie sich die Aiel wohl verhalten würden, wenn sie den Fluß erreichten. Sie hatte schon einmal Aiel an einem Fluß beobachten können. Der arg geschrumpfte Wasserlauf sorgte für eine abrupte Unterbrechung im stetigen Strom der Menschen. Männer und Töchter des Speers blieben stehen und sahen ihn erstaunt an, bevor sie hinübersprangen.

Kaderes Wagen rumpelten auf der Straße an ihr vorbei. Die langen Maultiergespanne mußten hart arbeiten, blieben aber trotzdem langsam hinter den Aiel zurück. Sie hatten vier Tage gebraucht, um die unzähligen Windungen und Kehren des Passes zu bewältigen, und Rand hatte offensichtlich vor, während der wenigen noch verbleibenden Stunden des Tageslichts so weit wie möglich nach Cairhien hinein vorzustoßen. Moiraine und Lan ritten neben den Wagen her; nicht vorneweg und auch nicht neben Kaderes kleinem, weißen, kastenförmigen Wohnwagen an der Spitze, sondern neben dem zweiten Wagen, wo der mit einer Segeltuchplane abgedeckte Umriß des türähnlichen Ter'Angreal sich deutlich vom Rest der Ladung abhob. Viele der Frachtstücke waren sorgfältig eingepackt oder in Kästen und Fässern verstaut, die Kadere mit Waren angefüllt in die Wüste mitgebracht hatte. Andere Stücke hatte man einfach hineingesteckt, wo gerade Platz war —seltsam geformte Metall- und Glasgegenstände, einen roten Kristallstuhl, zwei kindergroße Skulpturen, die einen nackten Mann und eine nackte Frau darstellten, Stäbe aus Knochen und Elfenbein und fremdartigen, schwarzen Materialien in allen möglichen Längen und Stärken. Alle Arten von Gegenständen fanden sich hier, darunter einige, die Egwene kaum beschreiben konnte, so seltsam wirkten sie. Moiraine hatte jeden Fingerbreit Raum in sämtlichen Wagen ausgenutzt.

Egwene hätte nur zu gern gewußt, wieso die Aes Sedai diesem einen Wagen so besondere Aufmerksamkeit schenkte. Vielleicht hatte außer ihr niemand bemerkt, daß Moiraine sich mit ihm mehr beschäftigte als mit allen anderen zusammengenommen. Es war unwahrscheinlich, daß sie das in nächster Zeit herausfinden würde. Ihr neuer Rang, der sie gleich neben Moiraine stellte, war noch etwas unsicher. Das hatte sie festgestellt, als sie mitten auf dem Paß diese Frage gestellt hatte und zur Antwort bekam, sie habe eine zu lebhafte Phantasie und wenn sie schon Zeit habe, einer Aes Sedai hinterherzuspionieren, dann sollte Moiraine vielleicht ein Wörtchen mit den Weisen Frauen sprechen, um ihre Ausbildung etwas zu intensivieren. Natürlich hatte sie sich vielmals entschuldigt, und das schien gewirkt zu haben. Amys und die anderen ließen sie nicht mehr Nächte durcharbeiten als bisher.

Ungefähr hundert Far Dareis Mai von den Taardad trabten auf ihrer Seite der Straße vorbei. Sie bewegten sich leichtfüßig. Die Schleier hingen herunter, doch immer bereit, blitzartig hochgezogen und befestigt zu werden. An den Hüften taumelten volle Köcher. Einige trugen ihre gekrümmten Hornbögen mit aufgelegten Pfeilen, während bei anderen die Bögen in Futteralen auf dem Rücken steckten. Die Speere und Schilde bewegten sich beim Laufen rhythmisch auf und ab. Hinter ihnen bemühten sich ein Dutzend Gai'schain in ihren weißen Gewändern mit den Packtieren, die sie am Zügel führten, einigermaßen Schritt zu halten. Eine nur trug Schwarz anstatt Weiß: Isendre. Sie arbeitete härter als alle anderen. Egwene erkannte Adelin unter ihnen und noch zwei oder drei andere, die während der Nacht des Angriffs Rands Zelt bewacht hatten. Jede hatte außer ihren Waffen noch eine Puppe in der Hand. Die Puppen waren grob gefertigt und trugen Röcke und weiße Blusen. Die Töchter des Speers wirkten noch verschlossener als sonst, machten steinerne Mienen und bemühten sich, zu überspielen, was sie da in Händen hielten.

Sie war sich nicht sicher, was das zu bedeuten hatte. Die Töchter, die in jener Nacht Wache gestanden hatten, waren gemeinsam zu Bair und Amys gegangen, als ihre Wache vorüber war, und hatten lange Zeit mit ihnen verbracht. Am nächsten Morgen, als das Lager unter dem grauen Himmel kurz vor der Dämmerung abgebrochen wurde, hatten sie angefangen, diese Puppen anzufertigen. Natürlich hatte sie nicht direkt danach fragen können, aber sie hatte es einer von ihnen gegenüber erwähnt, einer rothaarigen Tomanelle aus der Serai-Septime namens Maira, und die Frau hatte ihr gesagt, die Puppe solle daran erinnern, daß man kein Kind mehr sei. Ihrem Tonfall war eindeutig zu entnehmen, daß sie nicht weiter darüber sprechen wollte. Eine der Töchter, die solche Puppen trugen, war nicht mehr als höchstens sechzehn Jahre alt. Maira dagegen war mindestens ebenso alt wie Adelin. Es ergab kaum einen Sinn, und das machte ihr zu schaffen. Jedesmal, wenn Egwene glaubte, die Sitten und Bräuche der Aiel endlich zu verstehen, wurde ihr vorgeführt, daß sie gar nichts verstand.

Unwillkürlich wurde ihr Blick noch einmal vom Ausgang des Passes angezogen. Die Pfahlreihen standen immer noch da, gerade an der Grenze des Sichtbaren. Sie erstreckten sich von einem steilen Berghang quer hinüber zum anderen, außer an ein paar Stellen, wo die Aiel sie umgerissen hatten. Couladin hatte ihnen eine weitere Botschaft hinterlassen: Männer und Frauen, die er auf dem Weg hatte pfählen lassen, den sie nehmen mußten. Sieben Tage lang hatten sie tot auf ihren Pfählen gesteckt. Rechts vom Paß ragte die hohe, graue Stadtmauer von Selean über den Hügeln auf. Kein Dach, kein Turm war jedoch dahinter zu sehen. Moiraine behauptete, die Stadt sei nur noch ein schwacher Abklatsch ihres einstigen Glanzes gewesen, und doch hatte dort eine beachtliche Kleinstadt gestanden, viel größer als Taien. Nun war nichts mehr davon übrig. Es gab auch keine Überlebenden außer jenen, die die Shaido entführt hatten. Vielleicht hatten sich ein paar irgendwo in Sicherheit gebracht. Auf diesen Hügeln hatten Bauernhöfe gestanden, aber nach dem Aielkrieg hatte man den östlichen Teil Cairhiens größtenteils aufgegeben. Doch eine Stadt war auf Bauernhöfe angewiesen, die Lebensmittel liefern konnten. Nun erhoben sich dort nur noch rußgeschwärzte Schornsteine aus den Ruinen der Bauernhäuser. Hier waren ein paar verkohlte Dachbalken über einer aus Stein erbauten Scheune erhalten geblieben; dort waren sowohl Scheuer wie auch Wohnhaus in der Feuersglut zusammengebrochen. Der Hügel, auf dem sie sich befand, war eine Schafweide gewesen. In der Nähe des Zauns drunten am Fuße summten immer noch Fliegenschwärme über den Resten der Schlächterei. Kein einziges Tier stand jedoch auf der Weide und nicht einmal ein Huhn, das noch in einem Hof gescharrt hätte. Von den erntereifen Feldern waren nur noch abgebrannte Stoppeln übrig.