»Aviendha, niemand wird dich zwingen, zu heiraten oder Kinder zu bekommen. Nicht einmal Sorilea.« Egwene war sich bewußt, daß letzeres ein wenig lahm geklungen hatte und nicht sehr überzeugend.
»Das verstehst du nicht«, sagte die andere leise, »und ich kann es dir nicht erklären.« Sie raffte den Schal um ihre Schultern und verlor kein Wort mehr darüber. Sie war bereit, über ihren Unterricht zu sprechen oder über die Frage, ob Couladin umkehren und sich der Schlacht stellen werde, oder wie die Heirat Melaine verändert hatte — die mußte sich mittlerweile schon fast dazu zwingen, so mürrisch wie sonst zu erscheinen — alles andere eben außer jenem, was sie nicht erklären konnte oder wollte.
24
Eine Botschaft wird übermittelt
Das Land veränderte sich, als die Sonne sank. Die Hügel wurden niedriger und die Gehölze ausgedehnter. Oftmals sprossen auf den überwachsenen Erhebungen ehemaliger Steinumzäunungen wild wuchernde Hecken. Solche alten Feldmauern zogen sich auch mitten durch lange Waldstreifen mit Eichen und Lederblattbäumen, Walnußbäumen und Birken und anderen, die Egwene nicht kannte. Die wenigen Bauernhäuser hatten keine Dächer mehr und drinnen wuchsen manchmal Bäume von zehn oder fünfzehn Schritt Höhe; kleine, von Mauern umschlossene Wäldchen, mit zwitschernden Vögeln und Eichhörnchen mit buschigen schwarzen Schwänzen. Die gelegentlichen Bächlein hier riefen genausoviel Erstaunen bei den Aiel hervor wie die Wälder und das Gras. Sie hatten von den Feuchtländern erzählen hören und in Büchern darüber gelesen, die sie von Kaufleuten und fahrenden Händlern wie Hadnan Kadere erworben hatten, aber nur wenige hatten diese Länder seit der Suche nach Laman tatsächlich gesehen. Allerdings stellten sie sich schnell auf die neue Umgebung ein. Das Graubraun ihrer Zelte verschmolz mit dem Braun abgestorbener Blätter unter den Bäumen und mit dem verdorrten Gras und Unkraut. Das Lager erstreckte sich über mehrere Meilen und wurde durch tausend kleine Feuer in der goldenen Abenddämmerung erhellt.
Egwene war mehr als froh, in ihr Zelt kriechen zu können, nachdem die Gai'schain es endlich aufgebaut hatten. Drinnen flackerten die Lampen und in der Feuergrube loderte ein kleines Feuer. Sie schnürte die weichen Stiefel auf, zog sie sich gleich mit den Wollstrümpfen aus und streckte sich wohlig auf den bunten, dicken Decken aus. Aufseufzend bewegte sie ihre Zehen und wünschte sich ein Wasserbecken herbei, um die Füße zu baden. Natürlich gab sie gar nicht erst vor, so widerstandsfähig wie die Aielfrauen zu sein, aber wenn sich ihre Füße schon nach ein paar Stunden Wanderung anfühlten, als seien sie auf die doppelte Größe angeschwollen, dann verweichlichte sie tatsächlich. Eigentlich stellte hier Wasser kein Problem mehr dar. Oder sollte es jedenfalls nicht. Dabei mußte sie allerdings an den recht armseligen Bach denken. Doch wenigstens sollte es hier einmal wieder zu einem richtigen Bad reichen!
Cowinde, die in ihrem weißen Gewand so demütig und still einherglitt, brachte ihr das Abendessen: etwas von diesem hellen Fladenbrot aus Zemaimehl und dicken Eintopf in einer rotgestreiften Schüssel, den sie ganz mechanisch herunterschlang, obwohl sie eigentlich gar nicht hungrig war, nur müde. Sie kannte die getrockneten Paprikastreifen und die Bohnen, doch sicherheitshalber fragte sie nicht nach, welche Sorte von Fleisch das sei. Kaninchen, redete sie sich entschlossen ein und hoffte, es möge der Wahrheit entsprechen. Die Aiel aßen Dinge, bei deren Anblick sich ihre Haare aufstellten. Sie hätte wetten können, daß Rand seine Speisen nicht einmal genau ansah; Männer ekelten sich noch schneller als Frauen.
Sobald sie den Eintopf aufgegessen hatte, streckte sie sich neben einer kunstvoll gehämmerten Silberlampe aus, deren Licht von einer auf Hochglanz polierten Reflektorscheibe verstärkt wurde Sie hatte ein wenig Schuldgefühle, da die meisten Aiel nachts außer den kleinen Feuern überhaupt kein Licht hatten. Nur wenige hatten Lampen und Öl mitgenommen, lediglich die Weisen Frauen und die Häuptlinge von Clans oder Septimen. Aber natürlich wäre es sinnlos, im trüben Feuerschein herumzusitzen, wenn sie richtige Beleuchtung haben konnte. Das erinnerte sie an etwas anderes: Hier war der Temperaturunterschied von Tag und Nacht nicht mehr so kraß wie in der Wüste. Im Zelt war es jetzt bereits unangenehm warm.
Sie benutzte ganz kurz die Macht. Stränge aus Luft erstickten das Feuer. Dann kramte sie in ihrer Satteltasche nach dem abgegriffenen Lederband, den sie von Aviendha ausgeliehen hatte. Es war ein kleines, dickes Buch, eng bedruckt und deshalb schwer zu lesen, außer bei sehr guter Beleuchtung. Dafür konnte sie es in jeder Tasche unterbringen. ›Die Flamme, die Klinge und das Herz‹ lautete der Titel. Es war eine Geschichtensammlung über die Erlebnisse von Birgitte mit Gaidal Cain, Anselan und Barashelle, Rogosh Adlerauge und Dunsinin und einem Dutzend anderer. Aviendha behauptete, ihr gefiele das Buch der Abenteuer und Schlachten wegen, und das mochte stimmen, aber jede Geschichte beschrieb auch die Liebe eines Mannes zu einer Frau und umgekehrt. Egwene war bereit, zuzugeben, daß es grade das sei, was ihr so besonders gefieclass="underline" die manchmal stürmischen und dann wieder sanften Wogen unsterblicher Liebe. Jedenfalls gab sie das sich selbst gegenüber zu. Es war natürlich nichts, was eine nach außen hin vernünftige Frau mit klarem Kopf öffentlich zugeben konnte.
In Wirklichkeit allerdings war ihr nicht mehr nach Lesen zumute als vorher nach Essen. Alles, was sie wirklich tun wollte, war baden und schlafen, wobei sie vermutlich sowieso auf das ersteres verzichten mußte. Doch heute nacht waren Amys und sie in Tel'aran'rhiod mit Nynaeve verabredet. Wo sich Nynaeve auf ihrem Weg nach Ghealdan auch befinden mochte, würde die Nacht erst später hereinbrechen, und so mußte sie notgedrungen wach bleiben.
Bei Elayne hatte das mit der Menagerie recht aufregend geklungen, als sie ihnen beim letzten Treffen davon erzählte. Allerdings fand sie nicht, daß Galads Anwesenheit Grund genug sei für eine solch überstürzte Flucht. Ihrer Meinung nach hatten Elayne und Nynaeve einfach Geschmack am Abenteuer gefunden. Die Sache mit Siuan war zu schade, denn die beiden hätten eine feste Hand gebraucht, um sie allmählich erwachsen werden zu lassen. Seltsam, so über Nynaeve zu denken. Früher war gerade sie immer diejenige mit der festen Hand gewesen. Doch seit jenem Zusammentreffen in Tel'aran'rhiod war Nynaeve für sie nicht mehr diejenige, gegen die sie sich durchsetzen mußte.
Schuldbewußt erkannte sie beim Umblättern, daß sie sich auf das Treffen mit Nynaeve diese Nacht freute. Nicht nur, weil Nynaeve eine Freundin war, sondern vor allem, weil sie erleben wollte, ob sich Nynaeves Haltung ihr gegenüber bestätigen werde. Falls Nynaeve wieder an ihrem Zopf riß, würde sie ihr einen kühlen Blick zuwerfen und eine Augenbraue hochziehen und... Licht, ich hoffe nur, daß es anhält. Wenn sie irgend etwas über meinen heimliches Ausflug ausplaudert, werden mir Amys, Bair und Melaine abwechselnd die Haut abziehen, falls sie mich nicht einfach hinauswerfen.
Immer wieder fielen ihr beim Lesen die Augen zu. So hatte sie den Eindruck verschwommener Träume, wenn sie an diese Geschichten dachte. Sie konnte genauso stark sein wie all diese Frauen, genauso stark und tapfer wie Dunsinin oder Nerein oder Melisinde oder sogar Birgitte, so stark wie Aviendha. Würde Nynaeve genug Vernunft besitzen, um vor Amys heute nacht den Mund zu halten? Der vage Gedanke schlich sich ein, daß sie Nynaeve am Nacken packen und durchschütteln werde. Wie dumm. Nynaeve war um Jahre älter als sie. Die Augenbraue kühl und überheblich hochziehen, ha! Dunsinin. Birgitte. Genauso hart und stark wie eine Tochter des Speers.
Ihr Kopf sank vornüber auf das geöffnete Buch, und sie bemühte sich noch, den kleinen Band unter ihrer Wange zu bergen, während ihr Atem immer ruhiger und gleichmäßiger wurde und sie schließlich einschlummerte.