Sie zuckte überrascht zusammen, als sie sich plötzlich unter den großen Sandsteinsäulen im Herzen des Steins wiederfand, im eigenartigen Lichtschein Tel'aran'rhiods, und dann wurde sie noch einmal überrascht, denn sie trug den Cadin'sor. Amys würde es nicht gefallen, sie so gekleidet zu sehen; nein, es würde sie gewiß nicht amüsieren. Schnell bemühte sie sich um neue Kleidung und wurde erneut überrascht, denn ihre Gewänder flimmerten und änderten sich ständig. Einmal trug sie die Algodebluse und den bauschigen Wollrock der Weisen Frauen und dann wieder ein zartes Gewand aus blauer Seide mit Brokatstreifen. Schließlich blieb dann die Aielkleidung einschließlich ihres elfenbeinernen Flammen-Armreifs und ihrer aus Gold und Elfenbein gefertigten Halskette. Solche gedankliche Unentschlossenheit hatte sie schon lange nicht mehr an den Tag gelegt.
Einen Augenblick lang dachte sie daran, die Welt der Träume wieder zu verlassen, doch sie vermutete, daß sie wohl in ihrem Zelt fest eingeschlafen war. Höchstwahrscheinlich würde sie lediglich in einen ihrer eigenen Träume hineingleiten und da war sie sich der Traumnatur nicht immer bewußt. Doch in einem solchen Fall konnte sie nicht mehr nach Tel'aran'rhiod zurückkehren. Sie würde bestimmt Amys nicht mit Nynaeve allein lassen. Wer wußte schon, was Nynaeve dann alles ausplauderte, falls Amys sie herausforderte? Wenn die Weise Frau eintraf, würde sie einfach behaupten, sie sei ebenfalls gerade angekommen. Die Weisen Frauen waren bisher immer ein wenig schneller als sie gewesen oder zumindest zur selben Zeit eingetroffen, aber wenn Amys glaubte, sie sei diesmal nur eine Sekunde schneller gewesen, würde das bestimmt nichts ausmachen.
Sie hatte sich nun schon fast an den Eindruck unsichtbarer Augen in dieser riesigen Halle gewöhnt. Nur die Säulen und die Schatten und dieser große, leere Raum. Trotzdem hoffte sie, es werde nicht zu lange dauern, bis Amys und auch Nynaeve einträfen. Doch es würde mit Sicherheit noch eine Weile dauern. So seltsam die Zeit oftmals in Tel'aran'rhiod verlief, mußte es doch noch eine gute Stunde bis zu ihrem vereinbarten Treffen dauern. Vielleicht gab ihr das genug Zeit, um...
Plötzlich wurde ihr bewußt, daß sie Stimmen hörte. Es klang wie ein fernes Flüstern zwischen den Säulen. Sie griff nach Saidar und ging vorsichtig in Richtung der Geräusche auf den Ort zu, wo Rand Callandor unter der großen Kuppel zurückgelassen hatte. Die Weisen Frauen behaupteten, die Fähigkeit, Tel'aran'rhiod unter Kontrolle zu halten, sei hier genauso mächtig wie die Eine Macht, doch sie kannte sich im Gebrauch Saidars viel besser aus und vertraute ihren Fähigkeiten. Hinter den dicken Sandsteinsäulen verborgen, blieb sie stehen und ließ ihren Blick schweifen.
Es waren keine Schwarzen Schwestern, wie sie befürchtet hatte, und auch nicht Nynaeve. Statt dessen stand Elayne in der Nähe der glitzernden Klinge Callandors, die dort im Boden steckte, und sie war in ein Gespräch mit einer Frau vertieft, die wohl die eigenartigste Kleidung trug, die Egwene je gesehen hatte. Sie hatte einen weißen Kurzmantel seltsamen Schnitts an und dazu eine weite gelbe Hose, deren Beine an den Knöcheln jeweils in zahlreichen Falten zusammengebunden waren, gleich über kurzen Stiefeletten mit hohen Absätzen. Auf ihrem Rücken hing ein kunstvoll geflochtener blonder Zopf und in Händen hielt sie einen Bogen, der wie Silber glänzte. Auch die Pfeile im Köcher glänzten silbern.
Egwene schloß die Augen. Zuerst die Probleme mit ihrer Kleidung und nun das. Nur weil sie von Birgitte gelesen hatte — und der silberne Bogen ließ keinen anderen Schluß zu —, war das noch kein Grund, sich einzubilden, sie sei wirklich hier. Birgitte wartete irgendwo auf den Ruf des Horns von Valere, das sie und die anderen Helden zur Letzten Schlacht rufen würde. Doch als Egwene die Augen wieder öffnete, befanden sich Elayne und die seltsam gekleidete Frau immer noch dort. Sie konnte nicht ganz verstehen, was da gesprochen wurde, doch diesmal schenkte sie ihren Augen Glauben. Sie war entschlossen, hinzugehen und sich zu erkennen zu geben, als hinter ihr jemand sagte: »Habt Ihr beschlossen, früher zu kommen? Und allein?«
Egwene wirbelte herum und sah sich Amys gegenüber. Ihr dunkelbraun gebranntes Gesicht schien zu jugendlich für das weiße Haar. Neben ihr stand Bair mit ihren ledern wirkenden Wangen. Beide hatten die Arme vor der Brust verschränkt, und sogar die Art, wie sie die Schals eng zusammengezogen hatten, deutete auf Mißbilligung hin.
»Ich bin eingeschlafen«, sagte Egwene. Es war einfach zu früh, um ihre zurechtgelegte Geschichte vorzubringen. Während sie noch erklärte, wie sie eingeschlummert war und warum sie nicht zurückkehrte — ohne zu erwähnen, daß sie ein Gespräch unter vier Augen zwischen Nynaeve und Amys verhindern wollte —, war sie doch überrascht von ihren eigenen Schuldgefühlen, weil sie vorgehabt hatte zu lügen, und über ihre Erleichterung, daß ihr das nun erspart geblieben war. Vielleicht würde die Wahrheit sie nicht vor Strafe bewahren. Wohl war Amys nicht so streng wie Bair — nicht ganz —, aber sie war durchaus fähig, sie dafür den Rest der Nacht über Steine aufstapeln zu lassen. Viele Weise Frauen glaubten an die strafende Wirkung völlig nutzloser Arbeit. Man konnte sich ja dabei nicht einmal einreden, es sei etwas anderes als eben nur eine Strafe, während man beispielsweise Asche mit einem Löffel vergrub. Und das setzte noch voraus, daß sie sich nicht einfach weigerten, sie weiter zu unterrichten. Dann zog sie doch lieber die Asche vor.
Sie konnte einen Seufzer der Erleichterung nicht unterdrücken, als Amys nickte und sagte: »Das kann passieren. Aber beim nächsten Mal kehrt Ihr zurück und träumt Eure eigenen Träume. Ich hätte auch allein anhören können, was Nynaeve zu sagen hat, und ihr mitteilen, was wir wissen. Wenn Melaine heute nacht nicht bei Bael und Dorindha wäre, wäre auch sie hier anwesend. Ihr habt Bair einen Schreck eingejagt. Sie ist stolz auf Eure Fortschritte, und wenn Euch etwas passiert...«
Bair aber wirkte gar nicht stolz. Sie schien im Gegenteil eine noch finsterere Miene zu machen als sonst, als Amys schwieg. »Ihr hattet Glück, daß Cowinde Euch fand, als sie das Geschirr abräumen wollte. Sie machte sich Sorgen, weil sie Euch nicht wecken konnte, um die Decken aufzuschütteln. Falls ich geglaubt hätte, Ihr wärt schon länger als nur ein paar Minuten allein hier gewesen...« Ihr Blick wurde einen Augenblick lang drohend, und ihre Stimme klang mehr nach einem Grollen: »Ich glaube, nun müssen wir auf Nynaeve warten, und wenn wir damit nur verhindern, daß Ihr weiterhin bettelt, nicht zurückgeschickt zu werden. Wenn wir dableiben müssen, dann sei es so. Wir können die Zeit möglicherweise anders nutzen. Konzentriert Euch auf... «
»Es ist nicht Nynaeve«, sagte Egwene schnell. Sie wollte gar nicht wissen, was ihr Bair antun könnte, wenn sie solche Laune hatte. »Es ist Elayne, und...« Ihre Worte verklangen, als sie sich umdrehte. Elayne in ihrem eleganten grünen Seidenkleid, das auf jeden Ball gepaßt hätte, schritt unweit von Callandor auf und ab. Birgitte war nicht zu sehen. Ich habe sie mir aber nicht bloß eingebildet! »Sie befindet sich bereits hier?« fragte Amys und trat vor, so daß sie in die gleiche Richtung blicken konnte.
»Noch so ein törichtes Mädchen«, knurrte Bair. »Die Mädchen heutzutage haben nicht mehr Gehirn als Ziegen.« Sie stolzierte vor Egwene und Amys her und pflanzte sich vor Elayne und Callandor gegenüber mit in die Hüften gestemmten Fäusten auf. »Ihr seid nicht meine Schülerin, Elayne von Andor, auch wenn Ihr genug von uns gelernt habt, um Euch hier nicht selbst umzubringen, wenn Ihr Vorsicht walten laßt. Aber wenn Ihr meine Schülerin wärt, würde ich Euch von Kopf bis Fuß versohlen und Euch zu Eurer Mutter zurückschicken, bis Ihr alt genug seid, daß man Euch allein fortläßt. Das könnte meiner Meinung nach noch einmal so viele Jahre dauern, wie Ihr bereits hinter Euch erlebt habt. Ich weiß, daß Ihr allein in die Welt der Träume gekommen seid, Ihr und Nynaeve. Ihr seid beide sehr töricht, so etwas zu unternehmen!«