Elayne fuhr zusammen, als sie so plötzlich erschienen, doch als sie Bairs Tiraden vernahm, richtete sie sich hoch auf und wirkte durch ihre Kopfhaltung geradezu eisig. Ihr Kleid färbte sich rot und nahm einen noch feineren Glanz an. Die Ärmel waren mit einemmal reich bestickt, genau wie das hochgezogene Oberteil des Kleids. Darauf waren auch die sich aufbäumenden weißen Löwen und die goldenen Lilien ihres eigenen Wappens zu erkennen. Ein feines goldenes Diadem ruhte auf ihren rotgoldenen Locken, und ein einzelner Löwe von Andor, aus Mondperlen geformt, hing ihr in die Stirn. Sie konnte solche Dinge nicht sehr gut kontrollieren. Vielleicht aber auch trug sie diesmal genau das, was sie beabsichtigt hatte? »Ich danke Euch für Eure Fürsorge«, sagte sie in wahrhaft königlichem Tonfall. »Doch es stimmt, daß ich nicht Eure Schülerin bin, Bair von den Haido Shaarad. Ich bin dankbar für Eure Unterweisung, aber ich muß meinen eigenen Weg gehen und die Aufgaben erfüllen, die mir die Amyrlin auftrug.«
»Eine tote Frau«, sagte Bair kalt. »Ihr seid einer toten Frau gehorsam.« Egwene fühlte fast greifbar, wie Bair die Haare vor Zorn zu Berge standen. Falls sie nicht eingriff, konnte es sein, daß Bair sich entschloß, Elayne eine schmerzhafte Lektion zu erteilen. Das letzte, was sie benötigten, war diese Art von Auseinandersetzung.
»Was... warum bist du hier und nicht Nynaeve?« Sie hatte eigentlich fragen wollen, was Elayne hier zu tun habe, doch das hätte Bair eine Möglichkeit zum Einhaken gegeben und außerdem vielleicht so geklungen, als stünde sie auf der Seite der Weisen Frauen. Was sie eigentlich fragen wollte, war, wieso Elayne hier herumgestanden und mit Birgitte gesprochen habe. Ich habe mir das doch nicht eingebildet! War es eine Frau gewesen, die träumte, sie sei Birgitte? Doch nur diejenigen, die bewußt Tel'aran'rhiod betraten, konnten dort mehr als ein paar Minuten lang verbleiben, und Elayne hätte sich mit einer anderen bestimmt nicht unterhalten. Wo warteten Birgitte und die anderen eigentlich?
»Nynaeve hat starke Kopfschmerzen.« Das Diadem verschwand, und Elaynes Kleid verwandelte sich in ein einfacheres mit lediglich ein paar goldenen Stickereien auf dem Oberteil.
»Ist sie krank?« fragte Egwene besorgt.
»Sie hat nur Kopfschmerzen und ein oder zwei Schrammen.« Elayne kicherte und verzog gleichzeitig schmerzhaft das Gesicht. »O Egwene, das glaubst du einfach nicht. Alle vier Chavanas sind zu uns zum Essen gekommen. In Wirklichkeit natürlich, um mit Nynaeve zu flirten. Die ersten paar Tage lang haben sie versucht, mit mir zu flirten, aber Thom hat dann eine kleine Unterhaltung mit ihnen geführt. Danach gaben sie's auf. Dabei hatte er gar kein Recht dazu. Nicht, daß ich unbedingt mit ihnen flirten wollte, weißt du? Na ja, jedenfalls waren sie da und flirteten mit Nynaeve. Zumindest versuchten sie es, aber sie hat sie so wenig beachtet wie ein paar lästige Fliegen. Dann kam Latelle herbei und fing an, Nynaeve mit einem Stock zu schlagen und ihr alle Arten von gemeinen Schimpfwörtern zuzuwerfen.«
»Wurde sie verletzt?« Egwene war gar nicht sicher, wen sie damit meinte. Wenn Nynaeve einmal richtig wütend wurde...
»Sie nicht. Die Chavanas bemühten sich, sie von Latelle wegzuzerren und Taeric wird wahrscheinlich noch tagelang humpeln, von Brughs geschwollener Lippe ganz zu schweigen. Petra mußte Latelle in ihren Wagen schleppen, und ich bezweifle, daß sie in den nächsten Tagen ihre Nase noch einmal hinaussteckt.« Elayne schüttelte den Kopf. »Luca wußte nicht, wem er die Schuld geben sollte. Einer seiner Akrobaten mit lahmem Bein, und seine Bärendompteurin liegt heulend im Bett... Also hat er jeden beschuldigt, und ich glaubte schon, Nynaeve werde ihm einiges um die Ohren hauen. Wenigstens hat sie die Macht nicht benützt. Ein- oder zweimal habe ich geglaubt, es sei soweit, bis sie Latelle unter sich am Boden hatte.«
Amys und Bair tauschten einen undurchschaubaren Blick. Dieses Benehmen erwartete man von einer Aes Sedai gewiß nicht.
Egwene war auch ein wenig verwirrt, aber vor allem der vielen Namen und Leute wegen, von denen sie bisher nur ganz kurz gehört hatte. Seltsame Leute, die da mit Löwen, Hunden und Bären herumreisten. Und ein Feuerwerker dazu. Sie konnte nicht glauben, daß diese Petra so stark war, wie Elayne behauptete. Nun gut, Thom konnte auch sowohl Feuerschlucken wie Jonglieren, und was Elayne und Juilin taten, klang schon ebenso eigenartig, obwohl sie ja die Macht benützte.
Wenn Nynaeve nahe daran gewesen war, die Macht zu benützen... Elayne hatte wohl das Glühen Saidars um sie herum entdeckt. Ob sie nun wirklich einen stichhaltigen Grund hatten, sich zu verbergen oder nicht, sie würden bestimmt nicht lange unentdeckt bleiben, falls eine von ihnen die Macht gebrauchte und andere das bemerkten. Die Augen-und-Ohren der Burg würden es auf jeden Fall hören, denn diese Art von Neuigkeiten sprach sich schnell herum, besonders, wenn sie sich noch in Amadicia befanden.
»Richte Nynaeve von mir aus, daß sie sich gefälligst zurückhalten soll, sonst werde ich ein paar Wörtchen mit ihr reden, die ihr gewiß nicht schmecken.« Elayne blickte verblüfft drein, denn Nynaeve hatte ihr bestimmt nicht erzählt, was zwischen ihnen vorgefallen war. So fügte Egwene hinzu: »Wenn sie die Macht gebraucht, kannst du sicher sein, daß Elaida davon erfährt, so schnell nur eine Taube nach Tar Valon kommt.« Mehr konnte sie nicht sagen, denn auch das bereits zog wieder einen Blickeaustausch zwischen Amys und Bair nach sich. Was sie wirklich von einer gespaltenen Burg hielten und einer Amyrlin, die — soweit man das beurteilen konnte — den Befehl ausgegeben hatte, Aes Sedai mit Drogen zu betäuben, hatten sie noch nicht wissen lassen. Wenn sie nicht wollten, wirkte Moiraine gegen sie wie eine Klatschtante. »Eigentlich hätte ich ganz gern euch beide allein vor mir. Ich hätte euch so einiges zu sagen!«
Elayne versteifte ihre Haltung und schien wieder so kühl und beherrscht wie vorher bei Bair. »Das kannst du mir sagen, wann immer du wünscht.«
Hatte sie verstanden? Allein, ohne die Gegenwart der Weisen Frauen. In der Burg. Egwene konnte es nur hoffen. Am besten wechselte sie jetzt das Thema und wünschte sich, die Weisen Frauen würden nicht genauso sorgfältig über ihre Worte nachdenken, wie sie das von Elayne hoffte. »Wird es dieser Auseinandersetzung mit Latelle wegen Probleme geben?« Was hatte sich Nynaeve nur dabei gedacht? Zu Hause hätte sie jede Frau in ihrem Alter, die einen Streit vom Zaun brach, so schnell vor der Versammlung der Frauen gehabt, daß ihr die Augen herausgefallen wären. »Ihr müßt euch doch mittlerweile schon bald in Ghealdan befinden.«
»Noch drei Tage, sagt Luca, wenn wir Glück haben. Die Menagerie kommt nicht so schnell vorwärts.«
»Vielleicht solltet ihr sie jetzt verlassen.«
»Möglicherweise«, sagte Elayne bedächtig. »Ich würde wirklich gern einmal auf dem Seil tanzen, und das vor... « Mit einem Kopfschütteln blickte sie zu Callandor hinüber. Ihr Ausschnitt wurde plötzlich gefährlich tief, schob sich dann aber schnell wieder zu sittsamer Höhe hinauf. »Ich weiß nicht, Egwene. Wir könnten allein auch nicht viel schneller vorankommen, und wir wissen überdies noch nicht genau, wohin wir uns eigentlich wenden sollen.« Das bedeutete, Nynaeve hatte sich nicht daran erinnert, wo sich die Blauen versammelt hatten; falls Elaidas Bericht der Wahrheit entsprach. »Ganz zu schweigen davon, daß Nynaeve vermutlich vor Wut platzt, wenn wir den Wagen zurücklassen und neue Reitpferde kaufen oder gar eine neue Kutsche. Außerdem erfahren wir so eine ganze Menge über die Seanchan. Cerandin hat am Hof der Neun Monde als S'redit-Dompteurin gearbeitet, dort, wo die Kaiserin der Seanchan sitzt. Gestern hat sie uns Sachen gezeigt, die sie mitnahm, als sie aus Falme floh. Egwene, stell dir vor, sie hatte sogar einen A'dam!«