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»Ich werde es ausrichten«, sagte Elayne. »Du hast dich aber auch geändert. An dir scheint etwas von Rands Haltung hängenzubleiben.«

Egwene brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, was Elayne damit meinte. Und dazu auch noch dieses süffisante Lächeln! »Rede keinen Unsinn!«

Elayne lachte schallend und umarmte sie wieder. »O Egwene, eines Tages bist du die Amyrlin und ich Königin von Andor.«

»Falls es dann noch eine Burg gibt«, meinte Egwene zweifelnd, und Elaynes Lachen verstummte.

»Elaida kann die Weiße Burg nicht zerstören, Egwene. Was sie auch anstellt, die Burg bleibt bestehen. Vielleicht wird sie auch nicht Amyrlin bleiben. Sobald sich Nynaeve an den Namen dieser Stadt erinnert, wette ich, daß wir dort eine Burg im Exil vorfinden, in der jede Ajah außer der Roten vertreten ist.«

»Ich hoffe es.« Egwene war sich der Tatsache bewußt, daß ihre Worte traurig klangen. Sie wollte, daß die Aes Sedai Rand unterstützten und sich gegen Elaida stellten, aber das hieß auch mit Sicherheit, die Weiße Burg zu spalten, und vielleicht konnte man diesen Riß nie wieder kitten.

»Ich muß zurück«, sagte Elayne. »Nynaeve besteht darauf, daß diejenige von uns, die nicht nach Tel'aran'rhiod geht, wach bleibt, und bei ihrem Brummschädel braucht sie unbedingt einen ihrer Kräutertees und viel Schlaf. Ich weiß auch nicht, warum sie darauf besteht. Wer auch wacht, kann ja doch nichts helfen, und wir beide wissen genug, um hier mittlerweile ganz sicher zu sein.« Ihr grünes Kleid verwandelte sich für einen kurzen Augenblick in Birgittes weißen Mantel und die gelben Pumphosen. »Sie sagte, ich solle dir gegenüber nichts davon erwähnen, aber sie glaubt, Moghedien sei auf der Suche nach uns. Nach ihr und mir.«

Egwene stellte ihr die offensichtlichste Frage nicht. Sicher hatte ihnen Birgitte irgend etwas mitgeteilt. Warum hielt Elayne das nur so hartnäckig geheim? Weil sie es versprochen hat. Elayne hat in ihrem Leben noch kein Versprechen gebrochen. »Sag ihr nur, sie soll vorsichtig sein.« Nynaeve würde wohl kaum herumsitzen und warten, wenn sie glaubte, eine der Verlorenen sei hinter ihr her. Sie dachte bestimmt daran, wie sie schon einmal mit dieser Frau fertig geworden war, und sie hatte schon immer mehr Mut als Vernunft an sich. »Die Verlorenen kann man nun wirklich nicht auf die leichte Schulter nehmen. Genausowenig wie die Seanchan, auch wenn sie angeblich nur als Dompteure tätig sind. Sag ihr das bitte.«

»Ich glaube nicht, daß du auf mich hörst, wenn ich dir sage, du sollst auch vorsichtig sein.«

Sie warf Elayne einen überraschten Blick zu. »Ich bin immer vorsichtig. Das weißt du doch.«

»Sicher.« Das letzte, was Egwene wahrnahm, als die andere verschwand, war deren äußerst amüsiert wirkendes Lächeln.

Egwene verließ aber die Welt der Träume noch nicht. Wenn sich Nynaeve auch nicht daran erinnern konnte, wo sich die Blauen treffen sollten, konnte sie es vielleicht hier herausfinden. Das war natürlich kein neuer Einfall, denn sie war seit ihrem letzten Treffen mit Nynaeve keineswegs zum erstenmal in der Burg. Sie imitierte wieder Elaidas Gesicht und das flammendrote Haar, das ihr bis auf die Schultern fiel, dann das Kleid einer Aufgenommenen mit dem vielfarbigen Saum, und schließlich stellte sie sich Elaidas so reichhaltig eingerichtetes Arbeitszimmer vor.

Es war so wie zuvor, obwohl bei jedem Besuch weniger rebenverzierte Stühle im Bogen um den breiten Schreibtisch standen. Die Gemälde hingen nach wie vor über dem Kamin. Egwene schritt schnurstracks zum Tisch und schob den thronähnlichen Stuhl mit der in Elfenbein eingelegten Flamme von Tar Valon zur Seite, damit sie nach dem lackierten Briefkästchen greifen konnte. Sie hob den Deckel mit seinen kämpfenden Habichten und Wolken und begann, alle Papiere zu überfliegen, so schnell sie nur konnte. Trotzdem schmolzen einige davon, bevor sie sie zur Hälfte gelesen hatte, und andere veränderten sich. Es gab keine Möglichkeit, im voraus festzustellen, was wichtig war und was nicht.

Die meisten Briefe berichteten von Fehlschlägen. Es gab noch keine Nachricht darüber, wohin der Lord von Bashere sein Heer geführt hatte, und zwischen den Zeilen klang etwas wie Niedergeschlagenheit und Sorge an. Der Name kam ihr bekannt vor, doch sie hatte keine Zeit zu verschwenden, schob ihn im Geist weg und griff nach dem nächsten Blatt. Auch keine Neuigkeiten über den Aufenthaltsort Rands, sagte ein unterwürfiger Bericht, aus dem aufkommende Panik klang. Es war gut, das zu wissen, und allein deshalb schon hatte sich das Risiko gelohnt, herzukommen. Mehr als ein Monat war seit dem letzten Bericht aus Tanchico vergangen, den die Augen-und-Ohren irgendeiner Ajah gesandt hatten, und andere in Tarabon schwiegen nun ebenfalls. Die Schreiberin sah die Gründe dafür in der zunehmenden Anarchie im Lande. Gerüchte, jemand habe Tanchico eingenommen, konnten nicht bestätigt werden. Doch die Schreiberin deutete an, Rand selbst könne darin verwickelt sein. Das war ja noch besser! Elaida suchte in der falschen Richtung, und das gleich um tausend Wegstunden zu weit. Ein verwirrter Bericht besagte, eine Rote Schwester in Caemlyn habe Morgase anläßlich einer öffentlichen Audienz gesehen, aber die Spione verschiedener Ajahs berichteten ansonsten übereinstimmend, die Königin habe sich schon seit Tagen völlig zurückgezogen. Auseinandersetzungen in den Grenzlanden, mögliche kleinere Aufstände in Schienar und Arafel... Das Pergamentblatt war verschwunden, bevor sie zur Begründung kam. Pedron Niall rief die Weißmäntel nach Amadicia zurück, um sie möglicherweise nach Altara in Marsch zu setzen. Nur gut, daß sich Elayne und Nynaeve lediglich noch etwa drei Tage dort aufhalten mußten.

Im nächsten Bericht ging es um Elayne und Nynaeve. Zuerst riet die Schreiberin, die Spionin nicht zu bestrafen, der sie entkommen waren. Das hatte Elaida aber mit Schwung durchgestrichen, und an den Rand hatte sie geschrieben: ›Ein Exempel statuieren!‹ Und dann, gerade als die Schreiberin detailliert von der Suche nach den beiden in Amadicia berichtete, wurde aus dem einzelnen Blatt ein ganzes Bündel, in dem es um die Schätzungen von Baumeistern und Maurern ging, die eine private Residenz für die Amyrlin auf dem Gelände der Burg planten. So dick, wie dieses Bündel war, mußte es sich eher um einen Palast handeln.

Sie ließ das Blätterbündel fallen, und sie verschwanden, bevor sie sich auf dem Tisch verteilen konnten. Das lackierte Kästchen war wieder geschlossen. Sie wußte, sie könnte den Rest ihres Lebens hier verbringen und es würden immer neue Papiere in diesem Kästchen liegen und die wiederum würden sich ständig ändern. Je kurzlebiger etwas in der wachenden Welt war — ein Brief, ein Kleidungsstück, eine Schüssel, die man häufig an einen anderen Platz stellte —, desto flüchtiger war auch sein Spiegelbild in Tel'aran'rhiod. Sie konnte nicht zu lange hier verbleiben. Der Schlaf war, während man sich in der Welt der Träume aufhielt, nicht so tief und erholsam wie der normale ungestörte Schlaf.

Sie eilte hinaus in das Vorzimmer und wollte gerade nach dem ordentlichen Stapel von Schriftrollen und Pergamenten, einige davon versiegelt, greifen, der auf dem Schreibtisch der Behüterin der Chronik lag, als der gesamte Raum zu verschwimmen begann. Bevor sie überlegen konnte, was das zu bedeuten habe, öffnete sich die Tür, und Galad trat lächelnd ein. Sein brokatbesetzter blauer Mantel stand ihm geradezu perfekt, und in der bequemen Hose zeichnete sich die Form seiner strammen Waden deutlich ab.

Sie atmete tief durch, und in ihrem Magen flatterten Schmetterlinge. Es war einfach nicht fair, wenn ein Mann ein so schönes Gesicht hatte.