»Ja, Mara.« Wenigstens hättet Ihr es etwas sarkastisch klingen lassen können, dachte sie abfällig. Du mußt nicht gerade so folgsam wie eine Gans herumhocken. Leane hast du doch auch Kontra gegeben. Die Domanifrau hatte vorgeschlagen, sie solle das, was sie besprochen hatten, im letzten Dorf an einem Hufschmied ausprobieren. Er war ein hochgewachsener, gutaussehender Mann mit starken Händen und einem bedächtigen Lächeln, aber trotzdem... »Ich werde mich bemühen, nicht zu schmollen.« Das Schlimmste daran war, daß ihr klar wurde, daß sie es ernst gemeint hatte. Siuan hatte eine solche Wirkung auf andere. Min konnte sich nicht im geringsten vorstellen, daß Siuan einmal fragen würde, wie man einen Mann am erfolgversprechendsten anlächelte. Siuan sah einem Mann in die Augen, befahl ihm, was er zu tun habe und erwartete, daß er dem auch prompt nachkam. So machte sie es grundsätzlich immer. Falls sie es doch einmal anders machte, so wie im Fall von Logain, dann nur, weil es ohnehin keine große Rolle spielte.
»Es ist nicht mehr sehr weit, oder?« mischte sich Leane resolut ein. Den anderen Tonfall hatte sie für Männer reserviert. »Mir gefällt sein Zustand nicht, und wenn wir eine weitere Nacht lang draußen bleiben müssen... Na ja, wenn er noch weniger mithilft als heute morgen, weiß ich nicht, ob wir ihn überhaupt noch einmal in den Sattel bekommen.«
»Nicht sehr, wenn die Auskünfte richtig waren, die ich zuletzt erhielt.« Siuan machte einen nervösen Eindruck. Sie hatte im letzten Dorf vor zwei Tagen noch gefragt. Min hatte natürlich nicht lauschen dürfen, und Logain hatte keinerlei Interesse gezeigt. Jedenfalls paßte es Siuan nicht, wenn sie daran erinnert wurde. Min hatte keine Ahnung, warum. Siuan konnte ja wohl nicht glauben, daß Elaida hinter ihnen her sei.
Auch sie hoffte, daß ihr Ziel nahe sei. Sie konnten nicht wissen, wie weit sie seit der Straße nach Jehannah nach Süden abgekommen waren. Die meisten Dorfbewohner hatten selbst keine rechte Ahnung, wo sich ihr Dorf in bezug auf andere Orte außer gerade einmal der nächsten Kleinstadt befand, aber als sie den Manetherendrelle in Richtung Altara überquerten, kurz bevor Siuan sie die belebte Straße verlassen hieß, hatte der ergraute, alte Fährmann aus irgendeinem Grund eine zerfledderte Landkarte studiert, die den gesamten Bereich bis zu den Verschleierten Bergen zeigte. Wenn sie sich nicht völlig verschätzte, mußten sie nach wenigen Meilen auf einen weiteren breiten Fluß stoßen. Entweder war das der Boern, was bedeuten würde, daß sie sich bereits in Ghealdan befanden, wo sich auch der Prophet und seine Anhänger aufhielten, oder es war der Eldar, auf dessen gegenüberliegender Seite Amadicia und die Weißmäntel auf sie warteten.
Sie tippte jedenfalls auf Ghealdan, Prophet hin oder her, und selbst das war eine Überraschung, falls sie sich wirklich so nahe an der Grenze befanden. Nur ein Narr erwartete eine Versammlung von Aes Sedai näher an Amadicia, als unbedingt notwendig war, und Siuan war nun wirklich keiner. Doch ob sie nun nach Ghealdan kamen oder nach Altara — in jedem Fall war Amadicia nicht allzu viele Meilen weit entfernt.
»Daß diese Dämpfung ihn ausgerechnet jetzt wieder voll erwischen mußte«, knurrte Siuan. »Wenn er nur noch ein paar Tage aushält...« Min hielt den Mund. Wenn die Frau sowieso nicht auf sie hörte, war Reden nutzlos.
Siuan schüttelte den Kopf und ließ Bela wieder die Führung übernehmen. Sie klammerte sich an die Zügel, als fürchte sie, daß die lammfromme Stute im nächsten Moment mit ihr durchging. Leane begann wieder mit seidiger Stimme Logain zu beschwatzen und seelisch aufzurichten. Vielleicht empfand sie ja wirklich etwas für ihn; das wäre auch nicht eigenartiger als Mins eigene Liebesgeschichte.
Bewaldete Hügel glitten an ihren Augen vorüber. Nichts änderte sich an dieser Landschaft, die nur aus Bäumen, verfilzten Kräutern und Dornbüschen zu bestehen schien. Die Farnreihe, wo einst die alte Straße gewesen war, zog sich pfeilgerade hin. Leane hatte gesagt, die Beschaffenheit der Erde sei anders, wo die Straße einst verlaufen war. Woher sollte Min das wissen? Manchmal keckerten ihnen Eichhörnchen mit Haarbüscheln an den Ohren von irgendeinem Ast aus zu, und gelegentlich sang ein Vogel. Min hatte keine Ahnung, welche Arten von Vögeln das sein konnten. Baerlon war vielleicht keine richtige Stadt, wenn man es mit Caemlyn oder Illian oder Tear verglich, aber sie war eben eine Stadtbewohnerin, und ein Vogel war nur ein Vogel für sie. Außerdem war ihr völlig gleichgültig, auf welcher Art von Boden Farne wuchsen.
Wieder traten Zweifel an die Oberfläche ihres Bewußtseins. Das war ihr seit Korequellen immer wieder passiert, aber anfangs war es noch leichter gewesen, sie zu unterdrücken. Doch seit Lugard waren sie ständig stärker geworden, und sie ertappte sich dabei, wie sie Siuan in einem ganz anderen Licht betrachtete als früher. Nicht, daß sie es gewagt hätte, Siuan tatsächlich damit zu konfrontieren — natürlich nicht! Aber das bereits ärgerte sie, auch wenn sie es nur vor sich selbst im stillen zugab. Aber vielleicht hatte Siuan ja wirklich keine Ahnung, wohin sie eigentlich zogen? Sie konnte ja nun lügen, denn einer Dämpfung unterzogen zu werden hieß auch, von den Drei Eiden entbunden zu sein. Vielleicht hoffte sie lediglich, eine fortgesetzte Suche werde sie endlich auf die Spur dessen bringen, wonach sie so verzweifelt suchte. Auf gewisse Weise, und ganz gewiß auf eine sehr eigenartige, hatte Leane damit begonnen, ihr eigenes Leben zu führen, losgelöst von den Banden der Politik, der Einen Macht und Rands. Sie hatte diese Dinge wohl nicht ganz aufgegeben, aber im Falle Siuans glaubte Min, daß diese überhaupt nichts anderes habe, woran sie sich klammern konnte. Die Weiße Burg und der Wiedergeborene Drache hatten ihr ganzes Leben ausgefüllt, und daran würde sie festhalten, auch wenn sie sich selbst belügen mußte.
Übergangslos gelangten sie aus dem Wald heraus zu einem großen Dorf. Min blickte ganz verblüfft drein. Süßholz und Eichen und ein paar kümmerliche Kiefern —diese Baumarten kannte sie immerhin — standen bis auf fünfzig Schritt Entfernung von den strohgedeckten Häusern, erbaut aus rundgeschliffenen Flußsteinen, die sich an niedrige Hügel schmiegten. Sie hätte darauf wetten können, daß sich vor nicht allzu langer Zeit der Wald noch durch das ganze Dorf hindurchgezogen hatte. Zwischen einigen der Häuser standen nämlich tatsächlich noch kleine Baumgruppen, teilweise direkt an den Hauswänden, und hier und da sah sie frische Baumstümpfe vor den Häusern stehen. Die Straßen wirkten auch noch wie frisch angelegt. Ihre Oberfläche war noch nicht von Generationen von Füßen hartgetreten. Männer in Hemdsärmeln deckten gerade drei große Steinwürfel mit Strohbündeln ab. Das mußten wohl Schenken sein. Bei einer hing sogar noch ein verblaßtes, verwittertes Schild über dem Eingang, aber sie konnte nirgendwo Reste früherer Strohdächer entdecken. Wenn man es an der Anzahl der sichtbaren Männer maß, befanden sich viel zu viele Frauen draußen, und wiederum an deren Zahl gemessen, spielten zu wenige Kinder auf der Straße. Das einzig Normale an diesem Ort war der Geruch nach Mittagessen, der in der Luft lag.
Wenn schon der erste Anblick Min überrascht hatte, dann wäre sie bei näherem Hinsehen beinahe aus dem Sattel gefallen. Die jüngeren Frauen, die aus den Fenstern Decken ausschüttelten oder mit irgendeinem Auftrag unterwegs waren, trugen einfache Wollkleider, aber sie hatte noch nie in einem Dorf derart viele Frauen in Reitkleidern aus Seide oder feinster Wolle gesehen, in jeder möglichen Farbe und jedem Schnitt. Um diese Frauen herum und auch um die meisten Männer flackerten Auren, und Bilder schwammen in ihr Blickfeld hinein, änderten sich ständig... Bei den meisten Menschen konnte sie kaum jemals so etwas sehen, doch Aes Sedai und Behüter boten ihrem inneren Auge dauernd und höchstens mit kurzen Unterbrechungen Visionen. Die Kinder mußten den Dienern gehören, die wohl aus der Burg mitgekommen waren. Es gab nur wenige verheiratete Aes Sedai, aber wie sie diese kannte, hatten sie jede Anstrengung unternommen, ihre Diener mitsamt deren Familien mitzunehmen, wenn sie selbst sich zur Flucht entschlossen hatten. Siuan hatte tatsächlich die geflohenen Aes Sedai gefunden!