Es herrschte eine unheimliche Stille, als sie in das Dorf einritten. Niemand sprach ein Wort. Die Aes Sedai standen bewegungslos da und beobachteten sie, genauso wie die jüngeren Frauen und Mädchen, die wahrscheinlich Aufgenommene oder gar erst Novizinnen waren. Männer, die sich noch einen Moment zuvor mit der Grazie eines Wolfs bewegt hatten, standen nun erstarrt da, eine Hand im Stroh verborgen oder in einen offenen Eingang gestreckt, wo sie zweifellos Waffen versteckt hatten. Die Kinder verschwanden, schnell von den Erwachsenen, wahrscheinlich Dienern, verscheucht. Unter all diesen starren Blicken stellten sich Mins Nackenhärchen auf.
Leane schien nervös und sah immer wieder zur Seite hin auf die Menschen, an denen sie vorbeiritten, doch Siuan verzog keine Miene und führte sie ganz ruhig geradewegs zu der größten der Schenken hin, jener mit dem nicht mehr lesbaren Schild. Sie stieg ab und band Belas Zügel an den eisernen Ring an einem der Haltepfosten, die anscheinend erst kürzlich aufgestellt worden waren. Min half Leane dabei, Logain vom Pferd zu holen. Siuan bot ihnen niemals ihre Hilfe an, wenn sie ihn hinauf- oder herunterbringen mußten. Dann blickte sie sich hastig um. Alle starrten sie an, und niemand rührte sich. »Ich habe ja nicht erwartet, wie eine lange verschollene Tochter begrüßt zu werden«, murmelte sie, »aber warum sagt denn niemand wenigstens guten Tag?«
Bevor Leane antworten konnte, falls sie es denn vorgehabt hatte, sagte Siuan: »Also, hört nicht mit Rudern auf, bevor die Küste erreicht ist. Bringt ihn herein.« Sie verschwand nach drinnen, während Min und Leane immer noch damit beschäftigt waren, Logain zur Tür zu führen. Er ging brav mit, doch sobald sie ihn losließen, machte er nur noch einen Schritt und blieb stehen.
Der Schankraum unterschied sich nun doch von jedem, den Min jemals gesehen hatte. Die Kamine waren natürlich kalt und wiesen Lücken auf, wo einzelne Steine herausgefallen waren, die Gipsdecke wirkte brüchig, und es waren kopfgroße Löcher darin zu sehen, wo die Deckenverschalung durchschien. Die Tische von jeder nur denkbaren Größe und Form paßten überhaupt nicht zueinander, und der Fußboden war altersschwach und abgesplittert. Mehrere Mädchen waren gerade am Kehren. Frauen mit alterslosen Gesichtern saßen an den Tischen, lasen in Dokumenten, gaben den Behütern Befehle, von denen einige ihre farbverändernden Umhänge trugen, oder gaben anderen Frauen Aufträge, die wohl Aufgenommene oder Novizinnen sein mußten. Andere waren zu alt dafür, zur Hälfte schon ergraut, und sie zeigten deutlich ihre fortgeschrittenen Jahre. Es gab auch Männer, die keine Behüter sein konnten. Sie eilten davon, als überbrächten sie Botschaften, oder holten Papiere oder Becher mit Wein für die Aes Sedai. Das Gewusel wirkte ganz so, als würde hier einiges getan. Auren und Bilder tanzten durch den Raum und umkränzten Köpfe, so viele, daß sie sich bemühen mußte, alle zu ignorieren, bevor sie von dieser Masse überwältigt wurde. Das war nicht leicht, aber sie hatte dieses Geschick entwickeln müssen, seit sie sich jeweils unter einer Handvoll oder noch mehr Aes Sedai gleichzeitig befunden hatte.
Vier Aes Sedai kamen nach vorn und begrüßten die Neuankömmlinge. In ihren Hosenröcken und mit ihren eleganten Bewegungen waren sie ganz unterkühlte Grazie. Für Min war der Anblick ihrer vertrauten Gesichter ein Gefühl, als kehre sie nach langer Irrfahrt nach Hause zurück.
Sheriams schrägstehende grüne Augen richteten sich sofort auf Mins Gesicht. Silberne und blaue Strahlen flimmerten über ihren feuerroten Haar auf, und ein sanfter goldener Schein lag darüber. Min wußte nicht, was das bedeutete. Die ältere Frau wirkte in ihrem dunkelblauen Seidenkleid ein wenig mollig und war im Moment außerordentlich ernst. »Ich wäre glücklicher, Euch hier vorzufinden, Kind, wenn ich wüßte, wie Ihr von unserer Gegenwart hier erfahren habt, und wenn ich eine Ahnung hätte, wieso Ihr auf die idiotische Idee kamt, ihn hierher mitzubringen.« Ein halbes Dutzend Behüter war herangekommen, die Hände an den Schwertern und die scharfen Blicke auf Logain gerichtet. Er schien sie überhaupt nicht zu sehen.
Min stand mit offenem Mund da. Warum fragte sie ausgerechnet sie? »Meine idio...?« Sie hatte keine Gelegenheit, mehr herauszubringen.
»Es wäre viel besser gewesen«, warf Carlinya mit den bleichen Wangen in eisigem Tonfall ein, »wenn er gestorben wäre, wie es die Gerüchte besagten.« Es war nicht das Eis des Zorns, sondern der kalten Vernunft. Sie war eine Weiße Ajah. Ihr elfenbeinfarbenes Kleid wirkte, als habe es schwere Zeiten gesehen. Einen Augenblick lang sah Min das Abbild eines Raben neben ihrem dunklen Haar — mehr die Zeichnung dieses Vogels als der Vogel selbst. Sie hielt es für eine Tätowierung, doch die Bedeutung kannte sie nicht. Sie konzentrierte sich auf die Gesichter und versuchte, sonst nichts zu sehen. »Er scheint ja sowieso ziemlich tot«, fuhr Carlinya fort, wobei sie kaum Luft holte. »Was Ihr euch auch dabei gedacht haben mögt, so habt Ihr eure Mühe doch verschwendet. Aber auch ich würde gern wissen, wie Ihr nach Salidar kamt.«
Siuan und Leane standen da und tauschten amüsierte Blicke, während die anderen weiterhin Min schlachteten. Keine sah die beiden auch nur an.
Myrelle, eine dunkle Schönheit in grüner Seide, das Oberteil mit schräg verlaufenden goldenen Strahlen geschmückt, das Gesicht ein perfektes Oval, lächelte oft so damenhaft und überlegen, daß sie es mit Leanes neu erlernten Tricks aufnehmen konnte. Jetzt allerdings lächelte sie nicht und hieb sofort in die gleiche Kerbe wie ihre Weiße Schwester. »Sagt etwas, Min. Steht nicht mit offenem Mund herum.« Sie war ihres feurigen Temperaments wegen verschrien, sogar bei den Grünen.
»Ihr müßt es uns sagen«, fügte Anaiya mit sanfterer Stimme hinzu, auch wenn Enttäuschung hindurchklang. Die Frau hatte nichtssagende Gesichtszüge und wirkte mütterlich trotz der für die Aes Sedai typischen Glätte ihrer Wangen. Im Augenblick strich sie ihren hellgrauen Rock glatt und wirkte noch mehr wie eine Mutter, die sich zurückhalten mußte, zur Rute zu greifen. »Wir werden schon einen Platz für Euch und diese beiden anderen Mädchen finden, aber Ihr müßt uns verraten, wie Ihr hierherkamt.«
Min schüttelte sich und schloß den Mund. Natürlich. Diese beiden anderen Mädchen. Sie hatte sich so an den neuen Zustand der beiden gewöhnt, daß sie gar nicht mehr daran dachte, wie sehr sie sich verändert hatten. Sie bezweifelte, daß eine der anwesenden Frauen sie seit jener Zeit gesehen hatten, als sie in das Verließ unter der Weißen Burg gebracht worden waren. Leane schien gleich loslachen zu wollen, und Siuan schüttelte beinahe den Kopf über soviel Unachtsamkeit der Aes Sedai.
»Ich bin nicht diejenige, mit der Ihr sprechen solltet«, sagte Min zu Sheriam. Laß sie zur Abwechslung diese ›beiden anderen Mädchen so kalt anstarren. »Fragt statt dessen Siuan oder Leane.« Sie sahen sie an, als sei sie verrückt geworden, bis sie in Richtung ihrer beiden Begleiterinnen nickte.
Vier Aes-Sedai-Augenpaare richteten sich auf die beiden Angesprochenen, doch erkannten sie sie nicht sofort. Sie musterten die Frauen und tauschten Blicke untereinander. Keiner der Behüter wandte den Blick von Logain oder nahm auch nur die Hand vom Schwertgriff.
»Eine Dämpfung könnte solche Resultate hervorbringen«, murmelte Myrelle schließlich. »Ich habe Berichte gelesen, die so etwas andeuten.«
»Die Gesichter sind auf viele Arten ähnlich«, sagte Sheriam bedächtig. »Man könnte Frauen gesucht haben, die ihnen so ähnlich sehen, aber warum?«
Siuan und Leane wirkten nun nicht mehr so überlegen. »Wir sind, wer wir sind«, sagte Leane knapp. »Befragt uns. Keine Doppelgängerin könnte wissen, was wir wissen.«
Siuan wartete nicht auf die Fragen. »Mein Gesicht mag sich verändert haben, aber wenigstens weiß ich, was ich tue und warum. Ich wette, das ist mehr, als man von Euch behaupten kann.«