Min stöhnte ob ihres strengen Tonfalls, aber Myrelle nickte und sagte: »Das ist die Stimme Siuan Sanches. Sie ist es.«
»Stimmen kann man nachmachen«, sagte Carlinya, immer noch kühl und beherrscht.
»Aber inwieweit kann man sich Erinnerungen anderer einprägen?« Anaiya runzelte ernst die Stirn. »Siuan falls Ihr das wirklich seid —, wir haben uns an Eurem zweiundzwanzigsten Namenstag gestritten, Ihr und ich. Wo geschah das und was kam dabei heraus?«
Siuan lächelte die mütterliche Frau selbstbewußt an. »Das war während Eurer Unterrichtsstunde bei den Aufgenommenen, und Ihr habt erklärt, warum so viele der aus Artur Falkenflügels Reich hervorgegangenen Nationen nicht überleben konnten. Übrigens bin ich nach wie vor nicht in allen Punkten Eurer Meinung. Es ging so aus, daß ich zwei Monate lang täglich drei Stunden in der Küche gearbeitet habe. ›In der Hoffnung, daß die Hitze Euren Übereifer bremsen und abbauen möge‹, habt Ihr, glaube ich, gesagt.«
Falls sie geglaubt hatte, diese eine Antwort werde den anderen reichen, hatte sie sich geirrt. Anaiya hatte weitere Fragen an beide Frauen auf Lager, genau wie Carlinya und Sheriam, die offensichtlich zur gleichen Zeit Novizinnen und Aufgenommene gewesen waren. In den Fragen ging es immer um Dinge, die keine Doppelgängerin wissen konnte, Streitigkeiten, in die sie verwickelt gewesen war, erfolgreiche oder weniger erfolgreiche Streiche, ihre Meinung und die allgemein vertretenen Meinungen über bestimmte Aes-Sedai-Lehrerinnen. Min konnte kaum glauben, daß die Frauen, aus denen später die Amyrlin und die Behüterin der Chronik geworden waren, so oft ins Fettnäpfchen getreten waren, und dabei hatte sie noch das Gefühl, das Gehörte sei nur die Spitze des Eisbergs gewesen, und wie es schien, war ihnen Sheriam auch noch ziemlich nahe gekommen. Myrelle, die jüngste von ihnen, beschränkte sich auf amüsierte Kommentare, bis Siuan etwas von einer Forelle erwähnte, die jemand in Saroiya Sedais Bad geworfen hatte, und von einer Novizin, die daraufhin ein halbes Jahr lang Strafdienst tun mußte. Nicht, daß Siuan viele Gelegenheiten hatte, über andere zu sprechen, die für einen Streich bestraft worden waren. Hatte sie tatsächlich als Novizin die Hemden einer Aufgenommenen mit Juckpulver bestreut? Hatte sie sich aus der Burg geschlichen, um zu angeln? Selbst die Aufgenommenen benötigten eine Erlaubnis, um sich — außer zu bestimmten Stunden — vom Burggelände zu entfernen. Siuan und Leane hatten sogar gemeinsam gewagt, einen Eimer Wasser so abzukühlen, daß es beinahe gefroren wäre, und dann hatten sie den Eimer so plaziert, daß eine Aes Sedai die Dusche abbekam, die sie vorher, ungerechtfertigt, wie sie glaubten, hatte verprügeln lassen. Dem Glitzern in Anaiyas Augen nach zu schließen, war es gut für sie gewesen, daß man sie damals nicht erwischt hatte. Mins Kenntnissen der Regeln für die Ausbildung der Novizinnen und der Aufgenommenen zufolge konnten sich diese Frauen glücklich schätzen, daß man ihnen gestattete, lange genug zu bleiben, um Aes Sedai zu werden, und das auch noch mit heiler Haut.
»Ich bin zufrieden«, sagte die mütterliche Frau schließlich, wobei sie die anderen anblickte.
Myrelle nickte, nachdem Sheriam zugestimmt hatte, aber Carlinya sagte: »Da ist ja immer noch die Frage, was wir mit ihnen machen sollen.« Sie blickte Siuan unverwandt an, und die anderen schienen plötzlich unsicher zu werden. Myrelle schürzte die Lippen, und Anaiya betrachtete intensiv den Fußboden. Sheriam strich ihr Kleid glatt und schien überhaupt jeden Blick auf die Neuankömmlinge zu vermeiden.
»Wir haben immer noch all unsere Kenntnisse von vorher«, sagte ihnen Leane. Ihr plötzliches Stirnrunzeln entsprang wohl zum Teil der Sorge. »Wir können nützlich sein.«
Siuans Gesicht war dunkel verfärbt. Leane hatte sich wohl über ihre jugendlichen Missetaten und Strafen amüsiert, aber Siuan hatte das ganz und gar nicht gepaßt. Doch im Gegensatz zu ihrem beinahe wütenden Blick klang ihre Stimme nur ein wenig hart: »Ihr wolltet wissen, wie wir Euch fanden. Ich habe mich mit einer meiner Agentinnen in Verbindung gesetzt, die auch für die Blauen arbeitet, und sie hat mir von Sallie Daera erzählt.«
Min verstand das mit Sallie Daera überhaupt nicht. Wer war sie? Aber Sheriam und die anderen nickten sich gegenseitig zu. Siuan hatte etwas anderes getan, als ihnen einfach zu sagen, wie sie es angestellt hatte, wurde Min jetzt klar. Sie hatte die anderen auch wissen lassen, daß sie immer noch Zugang zu ihren Augen-und-Ohren hatte, die ihr schon als Amyrlin gedient hatten.
»Setzt Euch hier drüben hin, Min«, sagte Sheriam zu ihr und deutete auf den einzigen unbesetzten Tisch in einer Ecke. »Oder seid Ihr immer noch Elmindreda? Und bleibt bitte bei Logain.« Sie und die drei anderen führten Siuan und Leane zum hinteren Teil des Schankraums. Zwei weitere Frauen in Reitkleidern schlossen sich ihnen an, bevor sie durch eine ganz neu aus rohen Brettern gezimmerte Tür verschwanden.
Seufzend nahm Min Logains Arm und führte ihn an den Tisch, setzte ihn einfach auf eine rauhe Bank und nahm sich selbst einen Stuhl mit hoher Rippenlehne. Zwei der Behüter postierten sich in der Nähe. Sie lehnten wachsam an der Wand. Wohl schienen sie Logain gar nicht zu beobachten, aber Min kannte die Gaidin. Sie sahen alles und sie konnten selbst im Schlaf noch innerhalb eines Herzschlags ihr Schwert ziehen.
Also waren sie doch nicht mit offenen Armen empfangen worden, obwohl sie Siuan und Leane schließlich erkannt hatten. Nun, was hatte sie eigentlich erwartet? Siuan und Leane waren die beiden mächtigsten Frauen der Weißen Burg gewesen. Nun waren sie nicht einmal mehr Aes Sedai. Die anderen wußten höchstwahrscheinlich überhaupt nicht, wie sie sich ihnen gegenüber verhalten sollten. Und dann erschienen sie auch noch mit einem falschen Drachen, den man der Dämpfung unterzogen hatte. Siuan sollte besser nicht lügen oder sich wünschen, sie habe einen konkreten Plan für ihn bereit. Min glaubte nicht, daß Sheriam und die anderen soviel Geduld beweisen würden wie Logain.
Und zumindest Sheriam hatte sie erkannt. Wieder stand sie auf und spähte durch ein Fenster mit einem Sprung in der Scheibe auf die Straße hinaus. Ihre Pferde standen noch an den Haltepfosten, aber einer der Behüter, die so taten, als beobachteten sie sie gar nicht, würde sie erwischen, bevor sie auch nur Wildroses Zügel losgebunden hätte. Beim letzten Mal, damals in der Burg, hatte sich Siuan große Mühe gegeben, sie zu verkleiden. Wie es schien, war das sinnlos gewesen. Allerdings glaubte sie nicht, daß eine von ihnen etwas von ihren Visionen wußte. Siuan und Leane hatten dieses Geheimnis ängstlich gehütet. Min konnte sich glücklich schätzen, wenn das so blieb. Falls diese Aes Sedai davon erfuhren, würden sie sie sofort in ihre Machenschaften verwickeln, genau wie Siuan zuvor, und sie würde Rand niemals erreichen. Sie würde ihm niemals beweisen können, was sie von Leane gelernt hatte, wenn sie hier an der Leine hing.
Siuan zu helfen, diese Versammlung hier aufzuspüren, die Aes Sedai Rand zu Hilfe zu bringen, das war alles schön und gut, aber sie hatte immer noch ihr ganz persönliches Zieclass="underline" einen Mann, der ihr noch niemals auch nur einen zweiten Blick geschenkt hatte, dazu bringen, daß er sich in sie verliebte, bevor er dem Wahnsinn verfiel. Vielleicht war sie schon genauso verrückt, wie er es seinem angeblichen Schicksal nach werden mußte. »Dann passen wir wenigstens zusammen«, murmelte sie in sich hinein.
Ein grünäugiges Mädchen mit Sommersprossen, wahrscheinlich eine Novizin, blieb an ihrem Tisch stehen. »Möchtet Ihr etwas zu essen oder zu trinken? Es gibt Hirschragout mit Birnen. Vielleicht ist auch noch etwas Käse da.« Sie gab sich solche Mühe, Logain nicht anzusehen, daß sie ihn genausogut neugierig hätte anstarren können.
»Birnen und Käse klingen schon ganz hervorragend«, sagte Min zu ihr. Die letzten beiden Tage über hatten sie hungern müssen. Siuan hatte es wohl fertig gebracht, ein paar Fische in einem Bach zu fangen, aber vorher war eben doch Logain ihr Jäger gewesen, wenn sie nicht in einer Schenke oder auf einem Bauernhof eine Mahlzeit bekamen. Ihrer Meinung nach konnte man getrocknete Bohnen nicht als Mahlzeit betrachten. »Und etwas Wein, wenn Ihr welchen habt. Aber zuerst hätte ich gern eine Auskunft. Wo befinden wir uns hier, falls das nicht auch ein Geheimnis ist? Heißt dieses Dorf Salidar?«