»In Altara befinden wir uns. Der Eldar liegt etwa eine Meile westlich. Auf der anderen Seite liegt Amadicia.« Das Mädchen bemühte sich um eine schwache Nachahmung der typischen Geheimnistuerei der Aes Sedai. »Welcher Ort wäre besser geeignet, um sich zu verstecken als einer, an dem niemand jemals nach Aes Sedai suchen würde?«
»Wir sollten uns überhaupt nicht verstecken müssen!« fauchte eine junge Frau mit dunklem Teint und einem Lockenkopf, die neben ihr stehengeblieben war. Min erkannte sie: eine Aufgenommene namens Faolain. Sie hätte erwartet, daß diese Frau in der Burg geblieben wäre. Faolain hatte niemals Zuneigung zu irgend jemandem oder irgend etwas empfunden, soweit Min das beurteilen konnte, und hatte oft davon gesprochen, sich nach ihrer Erhebung den Roten Ajah anzuschließen. Eine perfekte Anhängerin für Elaida. »Warum seid Ihr hergekommen? Und noch dazu mit ihm? Warum ist sie gekommen?« Es gab keinen Zweifel daran, wen sie meinte. »Es ist ihre Schuld, daß wir uns verbergen müssen. Ich habe nicht geglaubt, daß sie Mazrim Taim geholfen hat zu entkommen, aber wenn sie mit ihm im Schlepptau hier erscheint, dann ist alles möglich.«
»Das reicht dann wohl, Faolain«, sagte eine schlanke Frau mit schwarzem Haar, das ihr bis zur Hüfte herunterreichte, zu der Aufgenommenen mit dem runden Gesicht. Min glaubte, die Frau in ihrem dunkelgoldenem Reitkleid zu erkennen. Edesina. Eine Gelbe, wie sie vermutete. »Geht wieder an Eure Arbeit«, sagte Edesina. »Und wenn Ihr vorhabt, das Essen zu bringen, Tabiya, dann tut es gefälligst.« Edesina beachtete Faolains mürrischen Knicks nicht. Die Novizin machte es besser und huschte dann davon. Doch Edesina legte Logain eine Hand auf den Kopf. Sein Blick ruhte auf dem Tisch, und er schien es nicht zu bemerken.
In Mins Blickfeld erschien plötzlich ein silbernes Halsband, das genau um den Hals der Frau paßte, und genauso plötzlich schien es dann zu zerspringen. Min schauderte. Sie mochte Visionen nicht, die mit den Seanchan zusammenhingen. Wenigstens würde Edesina auf irgendeine Art davonkommen. Doch selbst wenn Min gewillt gewesen wäre, sich zu offenbaren, hätte eine Warnung der Frau nichts genützt, denn sie würde gar nichts ändern.
»Es liegt an der Dämpfung«, sagte die Aes Sedai nach einem Augenblick. »Ich denke, er hat einfach aufgegeben, leben zu wollen. Ich kann nichts für ihn tun. Ich bin auch nicht sicher, daß ich etwas für ihn tun sollte, falls er es wollte.« Der Blick, den sie Min im Weggehen zuwarf, war alles andere als freundlich.
Eine elegante, kräftig gebaute Frau in rostbrauner Seide blieb ein paar Schritte entfernt kurz stehen und musterte Min und Logain mit kühlen und ausdruckslosen Augen. Kiruna war eine Grüne und für ihr edles Benehmen bekannt. Wie Min gehört hatte, war sie die Schwester des Königs von Arafel, aber sie hatte sich in der Burg Min gegenüber sehr freundlich verhalten. Min lächelte, doch diese großen, dunklen Augen blickten, ohne sie zu erkennen, über sie hinweg. Dann glitt Kiruna aus der Schenke, vier Behüter, ganz unterschiedliche Männer, aber alle mit dieser tödlichen Grazie in der Bewegung, im Gefolge.
Min wartete auf ihr Essen und hoffte, daß Siuan und Leane einen freundlicheren Empfang erlebten.
27
Zurückhaltung kann man üben
Ihr seid führungslos«, sagte Siuan zu den sechs Frauen, die ihr auf sechs verschiedenen Arten von Stühlen gegenübersaßen. Der Raum war ein einziges Durcheinander. Auf zwei großen Küchentischen, die man an die Wand geschoben hatte, lagen Schreibfedern, Tintenfässer und Sandflaschen sauber angeordnet. Lampen, die gar nicht zueinander paßten, manche aus glasierter Keramik und andere wiederum vergoldet, und dazu Kerzen jeder Dicke und Länge standen und lagen bereit, um beim Einbruch der Dunkelheit für das notwendige Licht zu sorgen. Ein kleiner Illianer Läufer aus Seide, in kräftigem Blau, Rot und Gold gehalten, lag auf den rauhen, verwitterten Bodenbrettern. Sie und Leane hatte man jenseits des Läufers den anderen gegenüber plaziert, und zwar so, daß sie im Brennpunkt aller Augen saßen. Offenstehende Fensterflügel, deren Scheiben teilweise gesprungen oder durch Ölseide ersetzt worden waren, ließen einen leichten Luftzug ein, aber nicht genug, um die Hitze ernsthaft zu mildern. Siuan redete sich ein, sie beneide diese Frauen nicht um ihre Fähigkeit, die Macht zu benutzen, denn darüber war sie doch wohl hinweg, aber sie beneidete sie, weil sie überhaupt nicht schwitzten. Ihr eigenes Gesicht war reichlich feucht. »All diese Geschäftigkeit dort draußen ist lediglich Beschäftigungstherapie und Schau. Ihr täuscht Euch vielleicht gegenseitig und möglicherweise sogar die Gaidin, obwohl ich an Eurer Stelle darauf nicht zählen würde, aber mich könnt Ihr nicht täuschen.«
Sie wünschte, Morvrin und Beonin wären nicht zu dieser Gruppe gestoßen. Morvrin zweifelte grundsätzlich an allem, trotz ihres gelassenen, manchmal auch leicht abwesenden Aussehens. Sie war ein kräftige, untersetzte Braune mit grauen Strähnen im Haar, die mindestens sechs Beweisstücke verlangte, bevor sie endlich glaubte, daß ein Fisch tatsächlich Schuppen habe. Und verglichen mit Beonin, einer hübschen Grauen mit Haar wie dunkler Honig und so großen blaugrauen Augen, daß sie ständig leicht überrascht wirkte, verglichen mit Beonin also schien Morvrin noch leicht zu beeinflussen.
»Elaida regiert die Burg mit eiserner Faust, und Ihr wißt, daß sie Rand al'Thor gegenüber Fehler begehen wird«, sagte Siuan beinahe verächtlich. »Wir brauchen schon eine Menge Glück, damit sie nicht in Panik ausbricht und ihn noch vor Tarmon Gai'don einer Dämpfung unterzieht. Ihr wißt, wenn Ihr schon einen Mann fürchtet, der mit der Macht umgehen kann, dann tun das die Roten zehnmal. Die Weiße Burg ist auf dem Tiefpunkt ihrer Macht, und das gerade zu der Zeit, da sie auf dem Höhepunkt stehen sollte, und in der Hand einer Närrin, wenn geschickte Führung notwendig wäre.« Sie kräuselte die Nase und blickte einer nach der anderen in die Augen. »Und Ihr sitzt hier und treibt mit gerefften Segeln dahin. Oder könnt Ihr mich davon überzeugen, daß Ihr mehr tut, als Däumchen zu drehen und Seifenblasen nachzublicken?«
»Seid Ihr der gleichen Meinung wie Siuan, Leane?« fragte Anaiya friedlich. Siuan war nie in der Lage gewesen, zu begreifen, warum Moiraine diese Frau so gut leiden konnte. Wenn man versuchte, sie zu etwas zu bringen, was sie nicht tun wollte, war das, als schlage man auf einen Sack voll Federn ein. Sie hielt nicht dagegen oder stritt gar, nein, sie weigerte sich einfach nur schweigend, irgend etwas zu unternehmen. Sogar sitzend und mit gefalteten Händen wirkte sie eher wie eine Frau, die gleich Teig durchkneten will, als eine Aes Sedai.
»Zum Teil ja«, antwortete Leane. Siuan warf ihr einen scharfen Blick zu, den sie aber nicht beachtete. »Was Elaida betrifft, sicher. Elaida wird Rand al'Thor mißbrauchen, so sicher wie sie die Burg mißbraucht. Was den Rest betrifft, so weiß ich, daß Ihr hart daran gearbeitet habt, so viele Schwestern hier zusammenzuholen, und ich denke, Ihr arbeitet genauso hart daran, etwas gegen Elaida zu unternehmen.«
Siuan schnaubte laut. Auf dem Weg durch den Schankraum hatte sie ein paar Blicke auf einige dieser Dokumente werfen können, die hier so sorgfältig studiert wurden. Es waren Listen von Proviant, über die Zuteilung von Bauholz für Reparaturen, die Einteilung zum Holzfällen, zur Hausreparatur und zum Säubern der Quellen. Sonst nichts. Nichts, was auch im mindesten wie ein Bericht über die Aktivitäten Elaidas aussah. Sie planten, hier zu überwintern. Es mußte nur eine Blaue in Gefangenschaft geraten, die von Salidar erfahren hatte, nur eine Frau, die man dazu befragte, und wenn Alviarin diese Befragung durchführte, würde sie nicht viel zurückhalten, und Elaida wüßte ganz genau, wo sie sie ins Netz bekommen konnte. Währenddessen machten sie sich Gedanken darüber, wie man Gemüsegärten anlegt und ob sie genug Feuerholz zusammenbekämen, bevor der erste Frost kam.