»Dann ist das ja wohl erledigt«, sagte Carlinya kühl. »Ihr scheint nicht zu verstehen, daß Ihr nicht mehr Amyrlin und Behüterin seid. Ihr seid noch nicht einmal mehr Aes Sedai.« Einige hatten die Güte, verlegen dreinzublicken. Nicht so Morvrin oder Beonin, aber wohl die anderen. Keine Aes Sedai sprach gern über die Dämpfung, noch ließ sie sich gern daran erinnern. Sie mußten das als besonders hart empfunden haben, da es ausgerechnet angesichts dieser beiden gesagt worden war. »Ich sage das nicht, um grausam zu erscheinen. Wir glauben die Anklagen gegen Euch nicht, trotz Eures Reisegenossen, sonst wären wir nicht hier. Aber Ihr könnt auch nicht Eure alten Positionen unter uns wieder einnehmen. Das ist eine unumstößliche Tatsache.«
Siuan konnte sich noch gut an Carlinya als Novizin und Aufgenommene erinnern. Einmal im Monat hatte sie damals etwas angestellt, nichts Bedeutendes, eine Kleinigkeit, die ihr ein oder zwei Stunden Extraarbeit eingebracht hatten. Genau einmal im Monat. Sie hatte sich vor den anderen nicht wie eine Streberin anstellen wollen. Das waren ihre einzigen Verstöße gegen die Regeln gewesen. Ansonsten übertrat sie nie ein Verbot und machte keinen einzigen falschen Schritt, denn das wäre ja unlogisch gewesen. Deshalb hatte sie auch nie verstanden, warum die anderen sie trotzdem für den Liebling der Lehrerin gehalten hatten. Eine ganze Menge Logik, aber kein gesunder Menschenverstand: das war Carlinya.
»Während das, was man Euch antat, genau den Buchstaben des Gesetzes entsprach«, sagte Sheriam mit sanfter Stimme, »waren wir immer der Meinung, daß es bösartig und ungerecht sei und den Sinn der Gesetze vollkommen verdrehte.« Die Stuhllehne hinter ihrem feuerroten Kopf war wenig überzeugend in Form einer kämpfenden und sich windenden Masse von Schlangen geschnitzt. »Was auch die Gerüchte besagen mochten, die meisten Anklagepunkte gegen Euch waren so dünn und durchsichtig, daß man nur darüber lachen konnte.«
»Aber nicht die Anschuldigung, sie habe von Rand al'Thor gewußt und sich mit anderen verschworen, seine Existenz vor der Burg geheimzuhalten«, unterbrach Carlinya in scharfem Ton.
Sheriam nickte. »Wie dem auch sei, selbst das reichte nicht aus für einen solchen Schuldspruch. Außerdem hätte man Euch nicht im geheimen verurteilen dürfen, ohne jede Möglichkeit, Euch zu verteidigen. Fürchtet nicht, daß wir Euch den Rücken zuwenden werden. Wir werden dafür sorgen, daß es Euch beiden gutgeht.«
»Ich danke Euch«, sagte Leane mit sanfter und fast bebender Stimme.
Siuan verzog das Gesicht. »Ihr habt mich noch nicht einmal zu den Augen-und-Ohren befragt, die mir immer noch zur Verfügung stehen.« Sie hatte Sheriam gern gehabt, als sie noch gemeinsam studierten, doch die Jahre hatten eine Kluft zwischen ihnen geöffnet. ›Gutgeht‹, ha! »Ist Aeldene hier?« Anaiya setzte schon an, den Kopf zu schütteln, als sie sich doch beherrschte. »Ich habe es vermutet, sonst wüßtet Ihr mehr von den Vorgängen dort draußen. Ihr habt sie einfach zurückgelassen, und nun schicken sie ihre Berichte immer noch zur Burg.« Langsam dämmerten ihnen diese Erkenntnisse. Sie hatten von Aeldenes Aufgaben nichts gewußt. »Ich habe das Netz der Augen-und-Ohren der Blauen Ajah geleitet, bevor ich zur Amyrlin erhoben wurde.« Weitere Überraschung. »Mit ein bißchen Mühe werden alle Spioninnen der Blauen und auch diejenigen, die mir als Amyrlin direkt dienten, künftig ihre Berichte an Euch senden, und zwar auf Wegen, die ihnen gar nicht bewußt machen, wo ihre Berichte tatsächlich landen.« Das würde erheblich mehr als nur ein bißchen Mühe machen, aber das meiste hatte sie sich schon im Kopf zurechtgelegt, und mehr mußten sie im Moment sowieso nicht erfahren. »Und sie können weiterhin Berichte an die Burg senden, die das enthalten, was... Ihr Elaida glauben machen möchtet.« Beinahe hätte sie das Wort ›wir‹ gebraucht. Sie mußte ihr Mundwerk im Zaum halten.
Es gefiel ihnen natürlich überhaupt nicht. Die Frauen, die in diesem Netz arbeiteten, mochten wohl nur wenigen bekannt sein, aber sie waren allesamt Aes Sedai. Es waren immer Aes Sedai gewesen. Doch das war ihr einziger Hebel, den sie ansetzen konnte, um in die Kreise hineinzukommen, in denen die Entscheidungen fielen. Ansonsten würden sie wahrscheinlich Leane und sie auf irgendeinen abgelegenen Bauernhof stecken, ihnen eine Dienerin mitgeben, um sie zu versorgen, nun, und vielleicht käme von Zeit zu Zeit eine Aes Sedai zu Besuch, die Frauen nach einer Dämpfung untersuchen wollte. Und so weiter, bis sie starben. Unter diesen Umständen würden sie recht früh sterben.
Licht, vielleicht verheiraten sie uns auch einfach! Manche glaubten, ein Ehemann und Kinder würden eine Frau in genügendem Maße beschäftigen, um die Eine Macht in ihrem Leben zu ersetzen. Mehr als eine Frau, die sich selbst einer Dämpfung unterzogen hatte, weil sie zuviel Macht an sich gerissen hatte und ihre Fähigkeiten ausbrannte, oder durch einen Unfall beim Erproben eines Ter'Angreals, hatte sich plötzlich potentiellen Ehemännern gegenübergefunden. Da aber diejenigen, die tatsächlich heirateten, meist so weit wie überhaupt möglich von der Burg fortzogen, blieb die Theorie unbewiesen.
»Es sollte keine großen Schwierigkeiten machen«, sagte Leane in nebensächlichem Tonfall, »mich in Verbindung mit denjenigen zu setzen, die meine eigenen Augen-und-Ohren waren, bevor ich Behüterin der Chronik wurde. Und was noch wichtiger ist: als Behüterin hatte ich selbst in Tar Valon Spione.« Ein paar rissen die Augen überrascht auf, nur die Carlinyas zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen. Leane rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her und lächelte schwach. »Ich hatte es immer für töricht gehalten, mehr Aufmerksamkeit der politischen Stimmung in Ebou Dar oder Bandar Eban zu widmen als der Stimmung in unserer eigenen Stadt.« Sie mußten den Wert von Augen-und-Ohren in Tar Valon doch wohl erkennen.
»Siuan.« Morvrin beugte sich auf ihrem Stuhl mit den dicken Armlehnen vor und sprach den Namen betont aus, wohl um ihr klarzumachen, daß sie sie nicht mehr als ›Mutter‹ anredete. Jetzt wirkte ihr rundes Gesicht eher halsstarrig als gelassen, und ihr kräftiger Körper machte einen drohenden Eindruck. Als Siuan noch Novizin gewesen war, hatte Morvrin anscheinend die Streiche der Mädchen in ihrer Umgebung nicht bemerkt, doch wenn sie sie zur Kenntnis nahm, hatte sie die Dinge in die eigene Hand genommen, und zwar so, daß keine sich in den nächsten Tagen mehr zu rühren wagte. »Warum sollten wir Euch gestatten, zu tun, was Ihr wollt? Man hat Euch einer Dämpfung unterzogen, Frau. Was Ihr vorher auch wart, jetzt seid Ihr keine Aes Sedai mehr. Wenn wir die Namen dieser Agentinnen wissen wollen, werdet Ihr beiden sie uns nennen.« Das klang klar und deutlich; sie würden sie ihnen nennen — so oder so. Wenn diese Frauen es wünschten, hatten sie keine andere Möglichkeit.
Leane schauderte sichtlich, doch Siuans Stuhl knarrte, als sie sich steif aufsetzte. »Ich weiß, daß ich nicht mehr die Amyrlin bin. Glaubt Ihr etwa, mir sei nicht bewußt, daß ich einer Dämpfung unterzogen wurde? Mein Gesicht ist verändert, aber nicht mein Inneres. Alles, was ich je wußte, habe ich immer noch im Kopf. Benützt es! Aus Liebe zum Licht — benützt mich!« Sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen — Seng mich, wenn ich mich von ihnen beiseiteschieben lasse, bis ich verrotte! —, und Myrelle sprach in das Schweigen hinein: »Das Temperament einer jungen Frau, wie es zum Gesicht einer jungen Frau paßt.« Lächelnd saß sie auf der Kante eines Sessels mit Holzlehne, wie er vor den Kamin eines Bauernhauses gepaßt hätte, falls es dem Bauern egal gewesen wäre, daß die Farbe abblätterte. Doch das Lächeln war nicht ihr übliches, träge und wissend zugleich. Ihre dunklen Augen, beinahe so groß wie die Beonins, waren jetzt voller Mitgefühl. »Ich bin sicher, niemand will, daß Ihr Euch nutzlos fühlt, Siuan. Und ich bin sicher, wir alle wollen Euer Wissen voll und ganz ausnützen. Was Ihr wißt, wird uns außerordentlich hilfreich sein.«