Siuan legte keinen Wert auf ihre Sympathie. »Ihr scheint Logain vergessen zu haben und den Grund, warum ich ihn den ganzen Weg von Tar Valon hierher mitgeschleppt habe.« Sie hatte dieses Thema eigentlich gar nicht selbst ansprechen wollen, aber wenn sie es überhaupt nicht beachteten... »Meine ›idiotische‹ Idee?«
»Also gut, Siuan«, sagte Sheriam. »Warum?«
»Der erste Schritt zur Entmachtung Elaidas wird sein, wenn Logain der Burg und nötig der ganzen Welt enthüllt, daß ihn die Roten Ajah als falschen Drachen eingeführt haben, damit man ihn dann stürzen konnte.« Jetzt hatte sie wirklich ihre ganze Aufmerksamkeit gewonnen. »Er wurde in Ghealdan von den Roten aufgespürt, mindestens ein Jahr, bevor er sich zum Drachen ausrief. Doch anstatt ihn zur Dämpfung nach Tar Valon zu bringen, haben sie ihm die Idee in den Kopf gesetzt, sich zum Wiedergeborenen Drachen auszurufen.«
»Seid Ihr da ganz sicher?« fragte Beonin ruhig in ihrem Taraboner Dialekt. Sie saß bewegungslos auf ihrem hohen Flechtstuhl und beobachtete alles gründlich.
»Er weiß nicht, wer Leane und ich sind. Er hat auf der Reise manchmal mit uns gesprochen, spät in der Nacht, als Min schlief und er noch keine Ruhe fand. Er hat vorher nie etwas darüber gesagt, weil er glaubte, die gesamte Burg stünde hinter dem Plan, aber er wußte, daß es Rote Schwestern waren, die ihn abschirmten und ihm vom Wiedergeborenen Drachen erzählten.«
»Warum?« wollte Morvrin wissen, und Sheriam nickte.
»Ja, warum? Jede von uns würde alles unternehmen, um einen Mann wie ihn einer Dämpfung zu unterziehen, aber die Roten Ajah leben ja nur dafür. Warum sollten sie einen falschen Drachen in die Welt setzen?«
»Logain wußte es nicht«, antwortete sie ihnen. »Vielleicht glaubten sie, sie hätten mehr davon, wenn sie einen falschen Drachen fingen, anstatt einen armen Burschen der Dämpfung zu unterziehen, der vielleicht gerade ein Dorf terrorisiert hatte. Möglicherweise hatten sie einen Grund dafür, noch mehr Aufruhr anzustiften.«
»Wir wollen damit nicht sagen, sie hätten etwas mit Mazrim Taim oder einem der anderen zu tun gehabt«, fügte Leane schnell hinzu. »Zweifellos wird Elaida in der Lage sein, Euch alle Fragen zu beantworten.«
Siuan beobachtete, wie sie alle schweigend daran zu kauen hatten. Sie dachten gar nicht daran, daß sie vielleicht lügen könnte. Ein Vorteil, wenn man die Dämpfung hinter sich hat. Sie schienen überhaupt nicht auf den Gedanken zu kommen, daß die Dämpfung alle Bande an die Drei Eide zerrissen hatte. Natürlich studierten manche Aes Sedai Frauen, die man dieser Tortur unterzogen hatte, aber eben nur übervorsichtig und zögernd. Keine wollte gern daran erinnert werden, was ihr selbst geschehen könnte.
Was Logain betraf, machte sich Siuan keine Sorgen. Nicht, solange Min weiterhin das sah, was immer sie auch sehen mochte. Er würde auf jeden Fall lange genug leben, um das zu enthüllen, was Siuan von ihm hören wollte. Sie mußte nur einmal richtig mit ihm reden. Sie hatte vorher nicht zu riskieren gewagt, daß er sich vielleicht entschloß, seiner eigenen Wege zu gehen, und das hätte er sicherlich getan, hätte sie schon verfrüht mit ihm darüber gesprochen. Doch nun bekam er seine einzige Gelegenheit zur Rache an jenen, die ihn der Dämpfung ausgeliefert hatten, jetzt, da er wieder ganz von Aes Sedai umstellt war. Rache natürlich nur an den Roten Ajah, das verstand sich von selbst, aber damit mußte er sich abfinden. Besser einen Fisch im Boot als einen Schwarm im Wasser.
Sie blickte zu Leane hinüber, die ein schwaches Lächeln andeutete. Das war gut. Leane hatte es nicht gepaßt, daß sie sie bis an diesem Morgen über ihren Plan, Logain betreffend, im Unklaren gelassen hatte, aber Siuan hatte einfach zu lange die Geheimnisvolle gespielt, als daß sie nun mir nichts, dir nichts selbst einer Freundin gegenüber auspacken konnte. Sie hielt jedenfalls die Idee, die Roten Ajah könnten auch mit den anderen falschen Drachen zu tun haben, für ausgezeichnet. Die Roten hatten die Rebellion gegen sie angezettelt. Wenn dies alles vorüber war, gab es vielleicht keine Roten Ajah mehr.
»Das ändert eine ganze Menge«, sagte Sheriam nach einer Weile. »Wir können unmöglich einer Amyrlin folgen, die so etwas tut.«
»Ihr folgen?« rief Siuan, die zum erstenmal wirklich verblüfft war. »Habt Ihr ernsthaft in Erwägung gezogen, zu Elaidas Ring zurückzukehren? Obwohl Ihr wißt, was sie getan hat und noch unternehmen wird?« Leane bebte auf ihrem Stuhl, als platze sie fast aus allen Nähten, aber sie hatten sich geeinigt, daß Siuan diejenige sein solle, die die Nerven verlor.
Sheriam wirkte ein wenig verlegen, und Myrelles dunkle Wangen wiesen rote Flecke auf, doch die anderen nahmen es so gelassen hin wie den Sonnenschein.
»Die Burg muß stark sein«, sagte Carlinya mit einer Stimme, die so hart klang wie Stein im Winter. »Der Drache wurde wiedergeboren, die Letzte Schlacht naht, und die Burg muß eine Einheit sein.«
Anaiya nickte. »Wir verstehen Eure Gründe dafür, Elaida abzulehnen, sie sogar zu hassen. Wir verstehen Euch wirklich, aber wir müssen auch an die Burg denken und an die Welt. Ich gebe zu, daß ich selbst Elaida auch nicht ausstehen kann. Doch ich habe auch Siuan nie besonders gemocht. Es ist nicht notwendig, die Amyrlin zu mögen. Ihr müßt nicht so böse schauen, Siuan. Ihr habt seit Eurer Zeit als Novizin eine Feile statt einer Zunge im Mund gehabt, und mit der Zeit ist sie immer rauher geworden. Und als Amyrlin habt ihr die Schwestern herumgeschubst, wie ihr wolltet, und ihr habt selten Eure Gründe auch nur erwähnt. Beides sind keine angenehmen Eigenschaften, und schon gar nicht zusammen genommen.«
»Ich will mich bemühen, meine Zunge... zu glätten«, sagte Siuan trocken. Erwartete die Frau, die Amyrlin werde jede Schwester wie eine Freundin aus ihrer Kindheit behandeln? »Aber ich hoffe, was ich Euch mitgeteilt habe, wird Eure Absicht ändern, Elaida zu Füßen zu liegen?«
»Wenn das bereits die neugewonnene Glätte Eurer Zunge war«, sagte Myrelle lässig, »muß ich sie vielleicht doch noch selbst etwas abschleifen für den Fall, daß wir Euch gestatten, Eure Augen-und-Ohren für uns zu leiten.«
»Wir können natürlich jetzt nicht zur Burg zurückkehren«, sagte Sheriam. »Wir wußten das alles ja nicht. Wir müßten erst in der Lage sein, Elaida abzusetzen.«
»Was sie auch getan hat, die Roten werden sie trotzdem unterstützen.« Beonin stellte das als klare Tatsache fest und nicht als Einwand. Es war kein Geheimnis: Die Roten waren mit der Tatsache nicht fertig geworden, daß es seit Bonwhin keine Amyrlin mehr aus ihrer Ajah gegeben hatte.
Morvrin nickte lebhaft. »Auch andere werden sie unterstützen. Diejenigen, die sich ganz und gar hinter Elaida gestellt haben, werden glauben, keine andere Wahl mehr zu haben. Andere unterstützen jede, die an der Macht ist, gleich, wie bösartig sie handelt. Und dazu noch ein paar, die glauben, wir wollten die Burg spalten, wo um jeden Preis Einigkeit herrschen sollte.«
»Man kann mit allen außer den Roten sprechen«, sagte Beonin vernünftigerweise, »und verhandeln.« Vermittlung und Verhandlungen waren der Grund für die Existenz ihrer Ajah.
»Wie es scheint, werden wir Eure Agentinnen gebrauchen können, Siuan.« Sheriam blickte sich unter den anderen um. »Es sei denn, jemand glaubt immer noch, wir sollten sie ihr wegnehmen?« Morvrin war die letzte, die den Kopf schüttelte, aber immerhin tat sie es schließlich, nachdem sie Siuan so durchdringend gemustert hatte, daß diese sich richtiggehend nackt fühlte, abgewogen und gemessen.
Sie konnte dennoch einen Seufzer der Erleichterung nicht unterdrücken. Kein kurzes Leben auf einem einsamen Bauernhof, sondern ein Leben, das einem Zweck diente. Es konnte trotzdem ein kurzes Leben werden, denn niemand wußte annähernd, wie lange eine Frau in ihrem Zustand überleben konnte, wenn sie einen Ersatz für die Eine Macht in ihrem Leben fand; aber mit einem richtigen Lebenszweck wäre es in jedem Fall lange genug. Also wollte Myrelle ihre spitze Zunge abschleifen, war es nicht so? Ich werde es dieser Grünen mit ihren Fuchsaugen schon zeigen! Ich werde den Mund halten und froh sein, wenn sie nicht mehr macht, als mich strafend anzusehen. So mache ich's. Ich wußte ja, wohin das führen würde. Verdammt noch mal, ich hab's gewußt!