»Ich danke Euch, Aes Sedai«, sagte sie so demütig, wie sie nur konnte. Sie so anzusprechen tat weh. Es war ein weiterer Bruch und erinnerte sie erneut daran, was sie nicht mehr war. »Ich werde mich bemühen, mein Bestes für Euch zu leisten.« Myrelle hätte nun wirklich nicht so zufrieden nicken müssen. Siuan ignorierte eine kleine Stimme in ihrem Innern, die ihr sagte, an Myrelles Stelle hätte sie das gleiche oder noch mehr getan.
»Falls ich einen Vorschlag machen darf«, warf Leane ein, »dann reicht es nicht aus, zu warten, bis Ihr genug Unterstützung im Burgsaal habt, um Elaida zu stürzen.« Siuan sah sie interessiert an, als höre sie das zum erstenmal. »Elaida sitzt in Tar Valon in der Weißen Burg, und für die ganze Welt ist sie die Amyrlin. Im Augenblick seid Ihr nur eine Herde Abtrünnige. Sie kann Euch als Rebellen oder Volksverhetzer bezeichnen, und da es von der Amyrlin kommt, wird die Welt es glauben.«
»Wir können sie wohl kaum davon abhalten, Amyrlin zu sein, bevor sie abgesetzt ist«, sagte Carlinya und rutschte mit eisiger Verachtung im Blick auf ihrem Stuhl umher. Hätte sie ihre Stola mit den weißen Fransen getragen, dann hätte sie die jetzt vermutlich um sich gewickelt.
»Ihr könnt der Welt doch eine wirkliche Amyrlin geben.« Leane richtete ihre Worte nicht an die Weiße Schwester, sondern an alle zugleich. Sie sah eine nach der anderen an, selbstsicher, doch so, als gebe sie ihnen lediglich eine Anregung, von der sie hoffte, sie würden sie aufgreifen. Es war Siuan gewesen, die ihr zugeredet hatte, daß die Methoden, die sie erfolgreich bei Männern anwandte, durchaus auch abgewandelt bei Frauen hilfreich seien. »Ich habe Aes Sedai aus sämtlichen Ajah außer der Roten im Schankraum und draußen auf der Straße gesehen.
Laßt sie hier einen neuen Burgsaal wählen und laßt dann diesen Saal die neue Amyrlin küren. Danach könnt Ihr euch der Welt als die wahre Weiße Burg präsentieren, die ins Exil gehen mußte, weil Elaida die Macht an sich riß. Wenn man noch Logains Enthüllungen hinzufügt, gibt es wohl keine Zweifel mehr daran, wen die Welt als die wahre Amyrlin anerkennen wird.«
Die Idee war bei ihnen angekommen. Siuan sah deutlich, wie sie sie im Geist von allen Seiten betrachteten. Was die anderen auch denken mochten, es war jedenfalls nur Sheriam, die widersprach: »Das bedeutet aber, daß die Burg wirklich gespalten wird«, sagte die Frau mit den grünen Augen traurig.
»Sie ist bereits gespalten«, sagte Siuan schnippisch zu ihr und wünschte sich fast im gleichen Moment, sie hätte den Mund gehalten. Alle sahen sie an.
Sie sollten annehmen, das Ganze sei allein Leanes Einfall, da sie selbst den Ruf einer Frau hatte, die ständig bei anderen die Fäden zog, und so würden sie ihren Vorschlägen gegenüber mißtrauisch sein. Deshalb auch hatte sie begonnen, in ihrem früher üblichen harten Tonfall mit ihnen zu sprechen, denn hätte sie etwas mit ruhigen, sanften Worten eingebracht, keine hätte ihr geglaubt. Sie mußte sie behandeln, als sei sie immer noch Amyrlin und wolle sie zurechtweisen. Im Vergleich dazu sollte Leane eher kooperativ wirken und nur das Wenige ins Gespräch einbringen, was ihr einfiel. Dann würden sie wahrscheinlich auf sie hören. Es war Siuan nicht schwergefallen, ihre Rolle zu spielen, bis sie gezwungen war, die anderen um etwas zu bitten. In diesem Moment hätte sie am liebsten alle zum Trocknen in die Sonne gehängt. Hier sitzen müssen und nichts tun können!
Du hättest dir keine Gedanken darüber machen müssen, ob sie dir mißtrauen. Sie halten dich für ein geknicktes Schilfrohr. Falls alles gutging, würden sie auch weiterhin so über sie denken. Ein nützlicher Schilfhalm, aber schwach, den man schnell wieder vergessen konnte. Es tat schon weh, sich so darstellen zu müssen, doch Duranda Tharne hatte ihr in Lugard die Notwendigkeit einer solchen Maske vor Augen geführt. Sie würden sie nur zu ihren Bedingungen aufnehmen, und das bedeutete, sie mußte versuchen, das Beste daraus zu machen.
»Ich wünschte, ich wäre selbst auf diese Idee gekommen«, fuhr sie fort. »Aber jetzt, da ich es von Leane höre, finde ich, es gibt Euch eine Gelegenheit, die Burg neu zu errichten, ohne sie vorher ganz und gar einreißen zu müssen.«
»Es gefällt mir trotzdem absolut nicht.« Sheriams Stimme klang wieder entschlossener. »Doch was sein muß, muß sein. Das Rad webt, wie das Rad es wünscht, und so das Licht es will, wird es Elaida aus ihrer Stola herausweben.«
»Wir werden mit den Schwestern verhandeln müssen, die in der Burg verblieben sind«, überlegte Beonin laut. »Die von uns erwählte Amyrlin muß geschickt verhandeln können, oder?«
»Sie muß auf jeden Fall klar denken«, warf Carlinya ein. »Die neue Amyrlin muß eine Frau von kühlem Verstand und glasklarer Logik sein.«
Morvrins Schnauben war laut genug, daß alle auf ihren Stühlen zusammenzuckten. »Sheriam ist die Höchste unter uns, und sie hat uns zusammengehalten, wo wir ansonsten in zehn verschiedene Richtungen davongelaufen wären.«
Sheriam schüttelte lebhaft den Kopf, doch Myrelle gab ihr keine Gelegenheit zu sprechen. »Sheriam ist eine ausgezeichnete Wahl. Ich kann bereits jetzt zusagen, daß jede Grüne Schwester hier für sie stimmen wird.« Anaiya öffnete den Mund, und an ihrer Miene konnte man ihre Zustimmung ablesen.
Es war Zeit, dem einen Riegel vorzuschieben, bevor sie die Fäden aus der Hand verlor. »Darf ich etwas vorschlagen?« Siuan glaubte, vornehme Zurückhaltung liege ihr viel besser als offene Demut. Es war nur ein Strohhalm, aber sie mußte das einfach üben, damit sie es besser beherrschen lernte. Myrelle ist nicht die einzige, die versuchen wird, mich ich den Kielraum zu sperren, woran sie glaubt, ich habe meine Grenzen überschritten. Oder was auch sonst. Nur würden sie es nicht versuchen, sie würden etwas gegen sie unternehmen! Aes Sedai erwarteten — nein, verlangten — den gebührenden Respekt von jenen, die nicht zu ihnen gehörten. »Mir scheint, wen immer Ihr auch wählt, sie sollte nicht zu denjenigen gehören, die sich in der Burg aufhielten, als man mich... mich absetzte. Wäre es nicht am besten, die Frau, die die Weiße Burg wieder vereint, sei eine, die niemand beschuldigen kann, sie habe an jenem Tag der einen oder anderen Seite angehört?« Wenn sie so weitermachen mußte, würde sie irgendwann einmal aus den Nähten platzen.
»Eine, die besonders stark ist, was die Eine Macht betrifft«, fügte Leane hinzu. »Je stärker sie ist, desto besser kann sie für alles eintreten, was die Burg bedeutet. Oder wieder bedeuten wird, wenn Elaida weg ist.«
Siuan hätte ihr am liebsten einen Tritt versetzt. Sie hatten mit diesem Gedankengang einen vollen Tag lang warten und ihn erst dann einwerfen wollen, wenn es tatsächlich um Namen ging. Sie und Leane zusammen wußten genug über jede einzelne Schwester, um irgendeine Schwäche bei ihr aufzudecken, einen subtilen Zweifel zu säen, was ihre Qualitäten als mögliche Amyrlin betraf. Sie würde lieber nackt durch einen Schwarm von Piranhas schwimmen, als diesen Frauen zu erkennen geben, daß sie versuchte, sie zu manipulieren.
»Eine Schwester, die sich nicht in der Burg befand«, sagte Sheriam und nickte dazu. »Das wäre äußerst sinnvoll, Siuan. Sehr gut.« Wie leicht ihr diese Rolle fiel und wie schnell sie bereit war, ihren Kopf zur Belohnung zu tätscheln.
Morvrin spitzte die Lippen. »Es wird aber nicht leicht werden, eine zu finden, die wir wählen können.«