»Die erforderliche Stärke engt die Auswahlmöglichkeiten sehr ein.« Anaiya blickte sich unter den anderen um. »Es wird sie nicht nur zu einer besseren Leitfigur machen, jedenfalls für die anderen Schwestern, sondern da ist noch etwas anderes: Stärke im Umgang mit der Macht bedeutet oft auch Willensstärke, und diejenige, die wir wählen, wird ganz sicher eine Menge Willenskraft benötigen.«
Carlinya und Beonin waren die letzten, die schließlich in die Diskussion eingriffen.
Siuan verzog keine Miene und lächelte nur innerlich. Das Zerbrechen der Burg hatte viele Dinge geändert und nicht nur ihre eigenen Gedankengänge. Diese Frauen hatten die hier versammelten Schwestern angeführt, und nun diskutierten sie darüber, wen sie dem neuen Burgsaal als Amyrlin präsentieren sollten, als sei das nicht ganz allein Sache dieser Versammlung selbst. Es würde nicht allzu schwerfallen, sie ganz behutsam auf die Idee zu bringen, die neue Amyrlin solle eine sein, die sich von ihnen führen ließ. Und ohne daß sie es merkten, würden sowohl sie wie auch diese Amyrlin — der Ersatz für sie selbst — von ihr gesteuert werden. Sie und Moiraine hatten zu lange daran gearbeitet und zuviel von ihrem eigenen Leben dafür gegeben, Rand al'Thor zu finden und auf sein Schicksal vorzubereiten, als daß sie jetzt riskieren konnte, daß jemand anders nun alles falsch anpackte.
»Darf ich noch einen weiteren Vorschlag machen?« Zurückhaltung lag ihr einfach nicht. Sie mußte etwas anderes finden. So wartete sie zähneknirschend, bis Sheriam nickte und sie fortfahren durfte: »Elaida wird versuchen, herauszubekommen, wo sich Rand al'Thor aufhält. Je weiter nach Süden ich kam, desto häufiger wurden die Gerüchte, er habe Tear verlassen. Ich glaube das auch, und ich denke, ich habe die richtige Vorstellung, wohin er von dort aus ging.«
Es war nicht notwendig zu sagen, daß sie ihn finden mußten, bevor Tar Valon ihn fand. Das verstand sich von selbst. Elaida würde ihn nicht nur sowieso falsch führen, nein, sollte sie ihn in die Finger bekommen und ihn den Menschen abgeschirmt und unter ihrer Kontrolle vorführen, wäre das ein solcher Prestigegewinn, daß es keine Hoffnung mehr gäbe, sie stürzen zu können. Denn Herrscher kannten für gewöhnlich den Inhalt der Prophezeiungen, wenn auch ihr Volk normalerweise nicht viel darüber wußte. Doch in einem solchen Fall würden sie ihr auch ein Dutzend falsche Drachen vergeben.
»Wohin?« fuhr Morvrin sie an, um Haaresbreite schneller als Sheriam, Anaiya und Myrelle gemeinsam.
»In die Aiel-Wüste.«
Einen Augenblick herrschte Schweigen, und dann sagte Carlinya: »Das ist doch lächerlich.«
Siuan verbiß sich eine zornige Erwiderung und lächelte — wie sie hoffte — entschuldigend. »Vielleicht, aber ich habe einiges über die Aiel nachgelesen, als ich noch Aufgenommene war. Gitara Moroso glaubte, daß einige der Weisen Frauen der Aiel in der Lage sein könnten, die Macht zu benützen.« Gitara war zu der Zeit Behüterin der Chronik gewesen. »In einem der Bücher, die sie mir zu lesen gab, einem alten Band aus der staubigsten Ecke der Bibliothek, wurde behauptet, die Aiel bezeichneten sich selbst als das Volk des Drachen. Ich habe mich nicht mehr daran erinnert, bis ich versuchte, herauszubekommen, wohin Rand verschwunden ist. In den Prophezeiungen steht, der Stein von Tear werde erst dann fallen, wenn das Volk des Drachen kommt, und die Aiel waren an der Eroberung des Steins beteiligt. Das wird durch alle Gerüchte und Berichte bestätigt.«
Morvrin schien plötzlich ins Leere zu blicken. »Ich erinnere mich an Spekulationen über die Weisen Frauen, als ich gerade die Stola erhalten hatte. Falls es der Wahrheit entspricht, wäre das sicher faszinierend, doch die Aiel behandeln Aes Sedai nicht besser als jeden, der ihre Wüste betritt, und bei ihren Weisen Frauen gibt es offensichtlich irgendein Gesetz oder eine Tradition, die verhindert, daß sie mit Fremden sprechen, wie ich hörte. Das macht es extrem schwer, sich einer weit genug zu nähern, um festzustellen, ob sie...« Mit einemmal schüttelte sie sich und blickte Siuan und Leane vorwurfsvoll an, als seien sie an ihrer gedanklichen Abschweifung schuld. »Ein dünner Halm, zu dünn, um daraus einen Korb zu flechten, wenn es um etwas aus einem Buch geht, dessen Schreiberin vermutlich niemals einen Aiel gesehen hat.«
»Ein sehr dünner Strohhalm«, bestätigte Carlinya.
»Aber vielleicht doch wert, jemanden in die Wüste zu entsenden?« Es bereitete ihr Mühe, daraus eine Frage zu machen anstatt eines Befehls. Siuan hielt es allmählich für möglich, daß sie sich zu Tode schwitzen werde, falls sie nicht irgendeine andere Form des Umgangs mit ihnen finden konnte. Normalerweise hatte sie sich genügend im Griff, um der Hitze zu widerstehen, aber jetzt nicht, wenn sie versuchen mußte, die anderen mitzuziehen, ohne sie spüren zu lassen, daß sie sie an den Haaren zog. »Ich glaube nicht, daß die Aiel einer Aes Sedai etwas zuleide täten.« Nicht, wenn sie schnell genug reagierte und ihnen bewies, daß sie eine Aes Sedai war. Siuan glaubte jedenfalls nicht an eine Gefahr von dieser Seite. Man mußte es eben riskieren. »Und wenn er sich in der Wüste aufhält, wissen es die Aiel. Denkt an diese Aiel im Stein.«
»Möglicherweise«, sagte Beonin bedächtig. »Die Wüste ist groß. Wie viele müßten wir aussenden?«
»Falls sich der Wiedergeborene Drache in der Wüste aufhält«, sagte Anaiya, »wird es auch der erste Aiel wissen, den wir dort antreffen. Dieser Rand al'Thor zieht die Ereignisse nach sich, das steht fest. Er könnte nicht einmal im Meer schwimmen gehen, ohne ein Klatschen, das in jeder Ecke der Welt hörbar ist.«
Myrelle lächelte. »Es sollte eine Grüne sein. Keine von Euch anderen läßt sich mehr als einen Behüter zuschwören, und in der Wüste könnten zwei oder drei Gaidin sehr nützlich sein, jedenfalls bis die Aiel wissen, daß es sich um eine Aes Sedai handelt. Ich habe schon immer einmal einen Aiel kennenlernen wollen.« Während des Aielkriegs war sie Novizin gewesen und hatte die Burg nicht verlassen dürfen. Natürlich hatte sowieso keine Aes Sedai über das Heilen Verwundeter hinaus an den Kämpfen teilgenommen. Die Drei Eide hatten das verhindert, es sei denn, Tar Valon oder sogar die Weiße Burg selbst würden angegriffen. Doch in diesem Krieg war der Fluß nicht überschritten worden.
»Ihr geht nicht«, sagte Sheriam zu ihr, »und auch kein anderes Mitglied dieser Ratsversammlung. Ihr habt zugestimmt, dies alles mit uns gemeinsam durchzustehen, Myrelle, als ihr einverstanden wart, mit uns im Rat zu sitzen, und da könnt Ihr Euch nicht so einfach zum Vergnügen herumtreiben, weil Ihr euch langweilt. Ich fürchte, es wird bis zum Ende noch mehr Aufregung geben, als wir uns je wünschen könnten.« Unter anderen Umständen wäre sie eine herausragende Amyrlin geworden, jetzt aber war sie zu stark und zu selbstsicher. »Aber eine Grüne... Ja, dem stimme ich zu. Oder zwei?« Der Blick aus ihren grünen Augen überflog sie alle. »Um sicher zu gehen?«
»Kiruna Nachiman?« schlug Anaiya vor, und Beonin fügte hinzu: »Bera Harkin?« Die anderen außer Myrelle nickten. Sie zog nur gereizt die Schultern ein. Aes Sedai schmollten nicht, aber sie kam dem immerhin ziemlich nahe.
Siuan atmete zum zweiten Mal erleichtert auf. Sie war sicher, daß ihre Argumente stichhaltig seien. Er war irgendwohin verschwunden, und hätte er sich zwischen dem Rückgrat der Welt und dem Aryth-Meer aufgehalten, dann hätten sich die Gerüchte überschlagen. Und wo immer er sich auch aufhalten mochte, Moiraine war ja bei ihm und hatte ihn an der Leine. Kiruna und Bera würden bestimmt nichts dagegen haben, einen Brief an Moiraine zu überbringen, und zusammen hatten sie sieben Behüter, die ihnen wohl die Aiel vom Leib halten konnten.
»Wir wollen Euch und Leane nicht zu sehr ermüden«, fuhr Sheriam fort. »Ich werde eine der Gelben Schwestern bitten, sich um Euch zu kümmern. Vielleicht kann sie Euch in irgendeiner Weise helfen oder Euer Los erleichtern. Ich werde Euch Zimmer besorgen lassen, wo Ihr ruhen könnt.«