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»Wenn Ihr die Leiterin unserer Augen-und-Ohren werden sollt«, fügte Myrelle besorgt hinzu, »braucht Ihr Eure ganze Kraft.«

»Ich bin keineswegs so gebrechlich, wie ihr zu denken scheint«, protestierte Siuan. »Wenn dem so wäre, hätte ich Euch dann beinahe zweitausend Meilen weit folgen können? Welche Schwäche sich bei mir nach der Dämpfung auch zeigte, glaubt mir, das ist vorüber!« In Wahrheit hatte sie nun wieder ein echtes Machtzentrum gefunden und wollte es nicht verlassen; aber das konnte sie ihnen wohl kaum sagen. All diese besorgten Blicke auf sie und Leane. Nun, bei Carlinya war das anders, aber die übrigen! Licht! Sie werden uns noch von einer Novizin ins Bett stecken lassen, um ein Mittagsschläfchen zu halten!

Nach kurzem Anklopfen trat Arinvar, Sheriams Behüter, ein. Er stammte aus Cairhien, war nicht sehr groß, dazu noch schlank, doch trotz der ergrauten Schläfen hatte er ein hartes Gesicht und bewegte sich wie ein lauernder Leopard. »Im Osten kommen etwas mehr als zwanzig Berittene«, sagte er ohne große Vorrede.

»Keine Weißmäntel wohl«, sagte Carlinya, »sonst hättet Ihr das vermutlich gleich gesagt.«

Sheriam warf ihr einen Blick zu. Viele Schwestern konnten giftig werden, wenn sich jemand in irgendeiner Weise zwischen sie und ihren Gaidin drängten. »Wir können ihnen nicht gestatten, weiterzureiten und vielleicht von unserer Gegenwart zu berichten. Könnt Ihr sie gefangennehmen, Arinvar? Ich zöge das vor, anstatt sie zu töten.«

»Beides mag uns schwer werden«, erwiderte er. »Machan sagt, sie seien bewaffnet und wirkten wie Kriegsveteranen. Die wären wohl zehnmal soviel wert wie junge Männer.«

Morvrin gab einen verblüfften Laut von sich. »Wir müssen aber das eine oder das andere tun. Vergebt mir, Sheriam. Arinvar, können die Gaidin ein paar der behenderen Schwestern unbemerkt in ihre Nähe führen, so daß sie Stränge aus Luft um sie weben könnten?«

Er schüttelte leicht den Kopf. »Machan berichtet, sie hätten möglicherweise ein paar der Behüter gesehen, die dort Wache stehen. Sie würden es auf jeden Fall bemerken, wenn wir mehr als ein oder zwei von Euch in ihre Nähe brächten. Sie nähern sich aber trotzdem noch weiter.«

Siuan und Leane waren nicht die einzigen, die daraufhin erstaunte Blicke tauschten. Nur wenige Männer entdeckten einen Behüter, der nicht gesehen werden wollte, selbst wenn er nicht einmal den Gaidinumhang trug.

»Dann müßt Ihr nach eigenem Gutdünken handeln«, sagte Sheriam. »Wenn möglich, nehmt sie gefangen. Aber keiner darf entkommen und uns verraten.«

Bevor Arinvar noch mit seiner Verbeugung fertig war, die Hand am Heft seines Schwertes, stand bereits ein anderer Mann neben ihm, ein düsterer Bär von Mann, groß und breitschultrig, dessen Haar ihm bis auf die Schultern reichte und dessen kurzgeschnittener Bart die Oberlippe frei ließ. Bei ihm wirkten die fließenden Bewegungen eines Behüters fehl am Platz. Er zwinkerte Myrelle, seiner Aes Sedai, zu und sagte dabei im Illianer Dialekt: »Die meisten Reiter angehalten haben, aber einer kommen immer noch weiter her. Wenn meine alte Mutter sagen etwas anderes, ich doch nennen ihn Gareth Bryne nach Blick, den ich auf ihn werfen.«

Siuan starrte ihn an. Ihre Hände und Füße waren urplötzlich kalt. Es gab glaubhafte Gerüchte, Myrelle habe tatsächlich diesen Nuhel und ihre anderen beiden Behüter geheiratet, und das gegen alle Konventionen und Gesetze in allen Ländern, die Siuan kannte. Das war die Art von unzusammenhängenden Gedanken, die einem durch den Kopf gingen, wenn man völlig betäubt war, und im Moment fühlte sie sich, als sei ihr ein Mast auf den Kopf gefallen. Bryne hier? Das ist unmöglich! Es ist der helle Wahnsinn! Dieser Mann konnte ihnen doch nicht den ganzen langen Weg über gefolgt sein, weil... O ja, er könnte und würde so etwas tun. Der schon. Während der Reise hatte sie sich gesagt, daß es nur vernünftig sei, keinerlei Spuren zu hinterlassen, denn Elaida wußte, daß sie nicht tot waren, und sie würde nicht aufhören, sie suchen zu lassen, bis man sie gefunden hatte oder Elaida gestürzt war. Siuan hatte sich geärgert, daß sie irgendwann doch einmal nach dem Weg fragen mußte, aber der Gedanke, der wie ein Hai nach ihr geschnappt hatte, war nicht der, Elaida könne irgendwie einen Hufschmied in einem kleinen Dorf in Altara aufspüren, sondern der, dieser Hufschmiede wirke wie ein gemaltes Hinweisschild für Gareth Bryne. Hast dir selbst eingeredet, das sei töricht, ja? Und jetzt ist er da.

Sie erinnerte sich noch zu gut an die Auseinandersetzung mit ihm, als sie ihm bei dieser Sache in Murandy ihren Willen aufzwingen mußte. Das war, als müsse sie eine dicke Eisenstange biegen oder eine riesige Feder, die sofort zurückschnellen würde, wenn sie nur für einen Augenblick locker ließ. Sie hatte alle Kraft aufwenden und ihn öffentlich demütigen müssen, um ganz sicher zu gehen, daß er solange ihrem Willen unterworfen blieb, wie es notwendig war. Er konnte schwerlich dem zuwiderhandeln, was er auf Knien geschworen hatte, als er sie um Verzeihung bat, und das in Gegenwart von fünfzig Adligen. Morgase war schon schwierig genug gewesen, und Siuan wollte nicht, daß Bryne Morgase auch noch eine Ausrede lieferte, gegen ihre eigenen Befehle zu handeln. Eigenartig, daß sie damals mit Elaida zusammengearbeitet hatte, um Morgase gefügig zu machen.

Sie mußte sich zusammenreißen. Sie war tatsächlich wie betäubt und dachte an alles andere als das Notwendige. Konzentriere dich! Das ist nicht der richtige Zeitpunkt, in Panik auszubrechen. »Ihr müßt ihn wegschicken. Oder ihn töten.«

Sie wußte, daß sie einen Fehler begangen hatte, noch während sie diese Worte sprach, und das auch noch so dringlich, als sei es ein Notfall. Sogar die Behüter sahen sie an, und die Aes Sedai... Sie hatte keine Ahnung gehabt, was das für ein Gefühl war, wenn man selbst die Macht nicht benutzen konnte, aber die Blicke jener anderen plötzlich auf sich ruhen spürte. Sie fühlte sich nackt. Ihr Verstand war entblößt. Obwohl sie ja wußte, daß Aes Sedai keine Gedanken lesen konnten, hätte sie am liebsten alles gestanden, bevor sie ihr sämtliche Lügen und andere Delikte vorwerfen konnten. Sie hoffte nur, ihr Gesicht wirke nicht genauso wie das Leanes — mit hochroten Wangen und weit aufgrissenen Augen.

»Ihr wißt, warum er hier ist.« Sheriams Stimme klang durchaus ruhig. »Ihr beide. Und Ihr wollt ihm nicht gegenübertreten. So sehr, daß es Euch lieber wäre, wir töteten ihn für Euch.«

»Es sein ein paar große Heerführer, die noch leben.« Nuhel zählte sie an seinen in den Kampfhandschuhen steckenden Fingern ab. »Agelmar Jagad und Davram Bashere nicht werden verlassen die Grenze zur Fäule, glaube ich, und Pedron Niall bestimmt nicht sein nützlich für Euch. Wenn Rodel Ituralde noch leben, dann er verwickelt sein in was noch übrig von Arad Doman.« Er hob seinen dicken Daumen. »Und dann sein da noch Gareth Bryne.«

»Glaubt Ihr also, daß wir einen großen Heerführer benötigen werden?« fragte Sheriam leise.

Nuhel und Arinvar blickten einander nicht an, doch Siuan hatte trotzdem das Gefühl, sie tauschten einen Blick. »Es ist Eure Entscheidung, Sheriam«, antwortete Arinvar genauso leise, »Eure und die Eurer Schwestern, aber solltet Ihr vorhaben, zur Burg zurückzukehren, könnten wir ihn brauchen. Falls Ihr hierbleiben wollt, bis Elaida nach Euch schickt, brauchen wir ihn nicht.« Myrelle blickte Nuhel fragend an, und der nickte.

»Wie es scheint, habt Ihr recht gehabt, Siuan«, sagte Anaiya trocken. »Wir haben die Gaidin nicht getäuscht.«

»Die Frage ist nur, ob er zustimmt, uns zu dienen«, sagte Carlinya, worauf Morvrin nickte und hinzufügte: »Wir müssen unsere Gründe ihm gegenüber so darstellen, daß er uns freiwillig dienen möchte. Es wird uns bestimmt nicht weiterhelfen, wenn bekannt würde, daß wir einen solch herausragenden Mann getötet oder eingesperrt haben, bevor unser Kampf überhaupt richtig begann.«