Die Aes Sedai warteten darauf, daß er vor sie trat. Er tat es, und Sheriam sagte: »Wir erkennen Eure Bedingungen ohne Einschränkung an, Lord Bryne, und verpflichten uns, sie einzuhalten. Sie sind äußerst vernünftig.«
Carlinya zumindest machte nicht den Eindruck, als hielte sie sie für vernünftig, aber das war ihm gleich. Er war darauf vorbereitet gewesen, in allen Punkten außer dem letzten nachzugeben; nur im Stich lassen durften sie ihn nicht.
Er kniete auf der Stelle nieder, preßte die rechte Faust auf den kleinen Läufer, und sie stellten sich um ihn herum auf, und nacheinander legte ihm jede eine Hand auf das gebeugte Haupt. Es war ihm gleich, ob sie die Macht benützten, ihn an seinen Eid zu binden, oder um die Wahrheit herauszufinden. Er war nicht einmal sicher, ob sie eines von beiden oder beides vollbringen konnten; wer wußte schon wirklich, wozu eine Aes Sedai fähig war? Und falls sie etwas anderes erreichen wollten, konnte er es auch nicht verhindern. Von einem Augenpaar gefangen und in die Falle gelockt wie ein verliebter Bauerntölpel. Er hatte wirklich das Hirn eines Karpfens. »Ich verspreche und schwöre, Euch treu zu dienen, bis die Weiße Burg Euer ist...«
Er schmiedete bereits Pläne. Thad und vielleicht ein oder zwei Behüter mußten die Grenze überschreiten und nachsehen, was die Weißmäntel planten. Joni, Barim und noch ein paar würde er nach Ebou Dar hinunterschicken. Das würde Joni davon abhalten, doch noch einmal seine eigene Zunge zu verschlucken, wenn er ›Mara‹ und ›Amaena‹ anblickte. Und jeder Mann, den er aussandte, würde über genug Erfahrung verfügen, Leute anzuwerben.
»... Euer Heer aufzubauen und zu führen, so gut das meine Fähigkeiten zulassen... «
Als das leise Gemurmel der Unterhaltungen im Schankraum verstummte, blickte Min von den Mustern auf, die sie gelangweilt mit einem in Wein gestippten Finger auf die Tischfläche gemalt hatte. Auch Logain rührte sich erstaunlicherweise, aber er sah dann doch nur die Leute im Raum an oder starrte durch sie hindurch; das ließ sich schwer feststellen.
Gareth Bryne und der große Behüter aus Illian kamen zuerst aus dem Hinterzimmer zurück. In die gespannte Stille hinein sagte Bryne: »Sagt ihnen, die Bedienung aus einer Taverne in Ebou Dar habe Euch geschickt, sonst stecken sie Euren Kopf auf eine Stange.«
Der Illianer lachte schallend. »Eine gefährliche Stadt, Ebou Dar.« Er zog die Lederhandschuhe aus seinem Schwertgurt und marschierte auf die Straße hinaus, während er sie anzog.
Die Gespräche begannen wieder, als Siuan auftauchte. Min verstand nicht, was Bryne zu ihr sagte, aber sie trat —offensichtlich kochend vor Wut — hinter dem Behüter hinaus. Min hatte das flaue Gefühl, die Aes Sedai hätten entschieden, diesen törichten Eid, auf den Siuan so stolz gewesen war, tatsächlich anzuerkennen, und zwar ab sofort. Falls sie sich einreden konnte, die beiden Behüter, die so entspannt an der Wand lehnten, würden es nicht bemerken, könnte sie ja wie der Blitz aus der Tür huschen und in Wildroses Sattel springen.
Schließlich kamen auch Sheriam und die anderen Aes Sedai mit Leane heraus. Myrelle setzte sich mit Leane an einen der Tische und redete auf sie ein, während die übrigen durch den Raum schritten und sich mit jeder anwesenden Aes Sedai kurz unterhielten. Was sie ihnen auch sagten, die Reaktionen waren jedenfalls unterschiedlich — vom offenen Schreck bis zum zufriedenen Lächeln, und das alles trotz der ansonsten würdevollen Beherrschung einer Aes Sedai.
»Bleibt hier«, sagte Min zu Logain und schob ihren Korbstuhl zurück. Sie hoffte, er werde keine Schwierigkeiten machen. Er blickte eines der Aes-Sedai-Gesichter nach dem anderen an und schien wieder mehr wahrzunehmen als in den letzten Tagen. »Bleibt bitte hier an diesem Tisch, bis ich zurück bin, Dalyn.« Sie konnte sich noch nicht wieder daran gewöhnen, sich unter Menschen zu befinden, die seinen richtigen Namen kannten. »Bitte.«
»Sie hat mich an Aes Sedai verkauft.« Sie erschrak, als er plötzlich nach so langem Schweigen wieder sprach. Er schauderte und nickte dann. »Ich werde warten.«
Min zögerte, aber wenn ihn zwei Behüter nicht von Dummheiten abhalten konnten, dann wenigstens ein ganzer Raum voller Aes Sedai. Als sie zur Tür kam, wurde gerade ein kräftiger brauner Wallach von einem Mann weggeführt, der wie ein Stallbursche auf sie wirkte. Sie nahm an, es sei Brynes Pferd. Ihre eigenen konnte sie nirgends entdecken. Das war's dann also mit dem schnellen Wegreiten. Ich werde dieses verdammte Ding einhalten. Bestimmt! Aber sie können mich nicht länger von Rand fernhalten. Ich habe getan, was Siuan wollte. Sie müssen mich zu ihm lassen. Das einzige Problem war nur, daß für gewöhnlich die Aes Sedai ihre eigenen Entscheidungen trafen und meistens auch noch gleich für andere mit entschieden.
Siuan hätte sie beinahe über den Haufen gerannt, als sie mit finsterer Miene hereineilte, eine Deckenrolle unter dem Arm und Satteltaschen über die Schulter gehängt. »Behaltet gefälligst Logain im Auge«, zischte sie ihr zu, ohne den Schritt zu verlangsamen. »Laßt ihn mit niemandem sprechen.« Sie marschierte zur Treppe hinüber, wo eine grauhaarige Frau, sicher eine Dienerin, gerade Bryne hinaufführen wollte, und schloß sich den beiden an. So, wie sie den Rücken des Mannes fixierte, konnte er froh sein, wenn sie nicht zu ihrem Messer griff.
Min lächelte den hochgewachsenen, schlanken Behüter an, der ihr zur Tür gefolgt war. Er stand zehn Fuß entfernt und sah kaum zu ihr herüber, doch sie machte sich keine Illusionen. »Wir sind jetzt Gäste. Freunde.« Er erwiderte das Lächeln nicht. Verdammte Männer mit Euren
Steinmienen! Warum konnten sie einem nicht wenigstens ein bißchen zu verstehen geben, was sie dachten?
Logain musterte immer noch die Aes Sedai, als sie zum Tisch zurückkam. Ausgerechnet jetzt wollte Siuan, daß er nichts sagte, wo er doch endlich wieder Lebenszeichen von sich gab. Sie mußte unbedingt mit Siuan sprechen. »Logain«, sagte sie leise in der Hoffnung, keiner der an die Wand gelehnt dastehenden Behüter könne die Worte verstehen. Sie hatten sich ja kaum gerührt, seit sie ihre Beobachtung übernommen hatten, außer demjenigen, der ihr an die Tür gefolgt war. »Ich glaube, Ihr solltet nichts sagen, bis Mara Euch mitteilt, was sie plant. Niemandem.«
»Mara?« Er lächelte sie höhnisch an. »Ihr meint wohl Siuan Sanche?« Also erinnerte er sich an das, was er im Tran gehört hatte. »Sieht hier irgend jemand so aus, als wolle er oder sie mit mir sprechen?« Er widmete sich wieder seinen finsteren Beobachtungen.
Niemand machte den Eindruck, mit einem ausgebrannten falschen Drachen reden zu wollen. Außer den beiden Behütern schien überhaupt niemand sie auch nur zu beachten. Wüßte sie es nicht besser, hätte sie gesagt, unter den Aes Sedai im Raum herrsche Aufregung. Sie hatten auch vorher bestimmt keinen trägen, uninteressierten Eindruck auf sie gemacht, doch nun schien eine unsichtbare Energie alle gepackt zu haben. Sie standen in kleinen Gruppen zusammen und diskutierten oder gaben den Behütern knappe, zielbewußte Anweisungen. Die Papiere, auf die sie sich vorher so konzentriert hatten, lagen jetzt zumeist vergessen herum. Sheriam und die anderen, die Siuan zu sich geholt hatten, waren in das Hinterzimmer zurückgekehrt, aber Leane saß nun mit zwei Helferinnen an einem Tisch, und die beiden Frauen machten sich Notizen, so schnell sie nur konnten. Außerdem kamen immer wieder neue Aes Sedai in die Schenke, verschwanden hinter dieser grobgezimmerten Brettertür und kamen nicht mehr heraus. Was dort drinnen auch geschehen sein mochte, Siuan hatte einiges in Bewegung gesetzt.
Min wünschte sich Siuan an ihren Tisch herbei, oder besser noch irgendwo, wo sie fünf Minuten lang allein miteinander sprechen könnten. Zweifellos schlug sie in diesem Moment Bryne die eigenen Satteltaschen um die Ohren. Nein, zu solchen Mitteln würde Siuan vielleicht doch nicht greifen, trotz ihrer zornerfüllten Blicke. Bryne war nicht wie Logain, der einen übermenschlichen Eindruck erweckte, dessen Bewegungen, Gesten, Gefühlsausdrücke jeden beeindruckten und beherrschten. Logain hatte es eine Weile lang geschafft, Siuan durch seine enorme Ausstrahlung zu überwältigen. Bryne dagegen war ruhig, reserviert, bestimmt kein kleiner Mann, aber nicht so beherrschend. Sie wollte sich den Mann, an den sie sich noch gut von Korequellen her erinnerte, nicht zum Feind machen, aber andererseits glaubte Min nicht, daß Bryne sich lange gegen Siuans Persönlichkeit halten könne. Möglicherweise glaubte er, sie werde demütig ihre Zeit als seine Dienerin abarbeiten, doch Min hatte wenig Zweifel, wer am Ende das tun werde, was der andere wollte. Sie mußte nur jetzt mit dieser Frau über ihn sprechen.