»Kein Mann, dessen Zorn man erregen sollte, da stimme ich Euch zu«, seufzte Siuan. »Ich bin ihm schon einmal begegnet. Ich hatte furchtbare Angst, daß er heute meine Stimme erkennen könnte. Gesichter mögen sich ändern, aber Stimmen nicht.« Sie berührte staunend ihr eigenes Gesicht. Das war eine Angewohnheit bei ihr, die sie offensichtlich gar nicht bemerkte. »Gesichter verändern sich«, murmelte sie. Dann klang ihre Stimme wieder entschlossen. »Ich habe bereits einen hohen Preis für das bezahlt, was ich tun mußte, und ich werde auch diesen zahlen. Irgendwann einmal. Wenn Ihr die Wahl habt, entweder zu ertrinken oder auf einem Hai zu reiten, dann reitet Ihr eben und hofft, es werde gut gehen. Mehr ist da nicht dran, Serenla.«
»Ich würde eine Zukunft als Dienerin nicht gerade freiwillig erwählen«, sagte Leane, »aber es liegt nun einmal in der Zukunft, und wer weiß, was bis dahin alles geschieht? Ich kann mich noch zu gut daran erinnern, daß ich glaubte, ich hätte überhaupt keine Zukunft.« Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen, sie schloß die Augen halb, und ihre Stimme klang wie Samt: »Außerdem glaube ich nicht, daß er unsere Haut zu Markte tragen wird. Laßt mich ein paar Jahre Übung haben und gebt mir dann wenige Minuten mit Lord Gareth Bryne. Dann wird er uns mit offenen Armen empfangen und uns in seinen besten Zimmern einquartieren. Er wird uns mit Seide bedecken und uns seine Kutsche anbieten, um damit zu fahren, wohin wir nur wollen.«
Min ließ ihr diesen Traum. Manchmal glaubte sie, die beiden anderen Frauen lebten in Traumwelten. Dann fiel ihr etwas anderes ein. Nur eine Kleinigkeit, doch es begann, sie zu irritieren. »Ach, Mara, sagt mir bitte etwas. Ich habe bemerkt, daß manche Leute lächeln, wenn Ihr mich mit meinem Namen ansprecht. Serenla. Bryne hat gelächelt und er sagte etwas davon, daß meine Mutter wohl eine Vorahnung gehabt habe. Warum?«
»In der Alten Sprache«, antwortete Siuan, »bedeutet das ›halsstarrige Tochter‹. Euch haftete ja auch eine gewisse Sturheit an, als wir uns kennenlernten. Eine ziemlich große Portion sogar.« Und das von Siuan! Siuan, die sturste Frau der ganzen Welt! Ihr Lächeln war beinahe so breit wie ihr Gesicht. »Aber natürlich scheint es, als hättet Ihr gelernt. Vielleicht benützt Ihr im nächsten Dorf den Namen Chalinda. Das heißt ›süßes Mädchen‹. Oder vielleicht...«
Plötzlich schlingerte der Karren schlimmer als je zuvor, und dann wurde er schneller, als galoppiere das Pferd kräftig los. Sie wurden wie Getreidekörner auf dem Spreusieb auf und nieder geschleudert. Überrascht sahen sich die drei Frauen an. Dann stemmte sich Siuan hoch und zog die Zeltplane zur Seite, hinter der sich der Bock befand. Joni war weg. Siuan warf sich auf den Bock und griff nach den Zügeln. Sie straffte sie und brachte mit einiger Mühe das Pferd zum Stehen. Min warf die Zeltplane hoch, um sich umzusehen.
Die Straße verlief durch ein Dickicht, beinahe schon einen kleinen Wald mit Eichen, Ulmen, Kiefern und Lederblattbäumen. Der Staub, den ihr kurzer Galopp aufgewirbelt hatte, legte sich gerade langsam. Einiges davon fiel auf Joni, der mehr als sechzig Schritt entfernt neben der harten Lehmstraße leblos auf dem Boden lag. Instinktiv sprang Min hinunter und rannte zu ihm hin. Sie kniete neben dem großen, kräftigen Mann nieder. Er atmete wohl, aber seine Augen waren geschlossen, und um eine blutende Kopfwunde an der Seite schwoll die Haut bereits zu einer dunkelroten Beule an.
Leane schubste sie beiseite und betastete mit selbstbewußter Geste seinen Kopf. »Er wird es überleben«, sagte sie knapp. »Er scheint sich nichts gebrochen zu haben, aber wenn er aufwacht, wird er noch tagelang Kopfschmerzen haben.« Sie setzte sich auf die Fersen zurück, faltete die Hände und sagte mit trauriger Stimme: »Ich kann ohnehin nichts für ihn tun. Verdammt, ich hatte mir doch vorgenommen, deshalb nicht mehr zu weinen.«
»Die Frage ist...« Min mußte schlucken und begann noch einmaclass="underline" »Die Frage ist, ob wir ihn auf den Karren laden und zum Herrenhaus bringen, oder ob wir... fliehen?« Licht, ich bin auch nicht besser als Siuan!
»Wir könnten ihn bis zum nächsten Bauernhof bringen«, schlug Leane bedächtig vor.
Siuan kam zurück und führte das Pferd, als habe sie Angst, von dem friedlichen Tier gebissen zu werden. Ein Blick auf den Mann am Boden, und sie runzelte die Stirn. »Die Wunde stammt nicht von einem Sturz vom Kutschbock. Ich sehe hier weder eine Wurzel, noch einen Stein, der das verursacht haben könnte.« Sie begann, den Wald in ihrer Umgebung abzusuchen, und da ritt auch schon ein Mann auf einem großen, schwarzen Hengst unter den Bäumen hervor. Er führte drei Stuten an der Leine, eine davon zerzaust und um zwei Handbreit kleiner als die anderen.
Es war ein hochgewachsener Mann in einem blauen Seidenwams, dunkel im Teint und gut aussehend, wenn sein Gesicht auch eine Härte aufwies, als habe ihn ein Unglück tief verbittert. Und er war der allerletzte, den Min zu sehen erwartet hatte.
»Ist das Euer Werk?« wollte Siuan von ihm wissen.
Logain lächelte, als er sein Pferd neben dem Karren zum Stehen brachte. Es lag allerdings wenig Heiterkeit in diesem Lächeln. »Eine Schleuder ist etwas sehr Nützliches, Mara. Ihr habt Glück, daß ich hier bin. Ich hatte erwartet, daß Ihr erst in ein paar Stunden das Dorf verlaßt und dann wohl kaum zu Gehen imstande wärt. Der hiesige Lord war also nachsichtig, wie es scheint.« Mit einemmal wurde sein Gesichtsausdruck noch düsterer, und seine Stimme klang rauh und steinern. »Habt Ihr geglaubt, ich würde Euch eurem Schicksal überlassen? Vielleicht hätte ich das tun sollen. Ihr habt mir einiges versprochen, Mara. Ich will die Rache, die Ihr mir verspracht. Ich bin Euch auf dieser Suche auf dem halben Weg zum Meer der Stürme gefolgt, obwohl Ihr mir den Zweck dieser Reise nicht verratet. Ich habe Euch nicht gefragt, wie Ihr es anstellen wollt, mir zu geben, was Ihr verspracht. Aber eines sage ich Euch jetzt: Eure Zeit läuft langsam ab. Beendet Eure Suche bald und haltet Eure Versprechen, sonst gehe ich und lasse Euch allein weitersuchen. Ihr werdet schnell herausfinden, daß die meisten Dorfbewohner wenig Sympathie für mittellose Fremde empfinden. Drei hübsche Frauen ganz allein? Dieser Anblick...« — er berührte dabei das Schwert an seiner Hüfte — »... hat Eure Sicherheit schon öfter gewährleistet, als Euch klar ist. Findet bald, was Ihr sucht, Mara.«
Zu Anfang ihrer Reise war er nicht so arrogant gewesen. Damals war er ganz demütig und dankbar für ihre Hilfe gewesen — jedenfalls so demütig, wie ein Mann von der Art Logains sein konnte. Es schien, daß die Zeit und der Mangel an Ergebnissen seine Dankbarkeit gemindert habe.
Siuan aber wich vor seinem Blick keineswegs zurück. »Ich hoffe doch«, sagte sie entschlossen. »Doch wenn Ihr zu gehen wünscht, dann laßt unsere Pferde da und geht! Wenn Ihr nicht rudern wollt, dann springt aus dem Boot und schwimmt allein weiter. Seht nur zu, wie weit Ihr allein mit Euren Racheplänen kommt.«
Logains große Hände verkrampften sich um die Zügel, bis Min hörte, wie seine Gelenke vor Anstrengung knackten. Er bebte, weil er sich so beherrschen mußte. »Ich bleibe noch eine Weile bei Euch, Mara«, sagte er schließlich. »Eine kleine Weile noch.«
Vor Mins Augen flammte einen Augenblick lang um seinen Kopf eine Aura auf, eine strahlende Krone in Gold und Blau. Siuan und Leane sahen natürlich nichts, obwohl sie wußten, wozu Min fähig war. Manchmal hatte sie Visionen bei Menschen entweder Bilder oder solche Auren. Und manchmal wußte sie sogar, was sie zu bedeuten hatten. Diese Frau würde heiraten. Dieser Mann würde sterben. Kleinigkeiten oder auch große Ereignisse, ob gut oder schlimm, aber nie hatte sie eine Ahnung, bei wem, wo und wann sie etwas sehen würde. Aes Sedai und Behüter hatten immer eine Aura um sich; die meisten anderen Menschen niemals. Das Wissen um solche Schicksale machte sie nicht immer glücklich.
Sie hatte Logains Aura schon früher gesehen und wußte, was sie bedeutete: kommenden Ruhm. Aber bei ihm, vielleicht noch mehr als bei allen anderen Männern, ergab das keinen rechten Sinn. Sein Pferd, das Schwert und das Wams hatte er beim Würfelspiel gewonnen, aber Min war nicht sicher, wie ehrlich diese Spiele gewesen waren. Er besaß sonst nichts und hatte keine Zukunft vor sich, außer in Siuans Versprechungen, und wie wollte sie die jemals halten? Sein Name bedeutete mit hoher Wahrscheinlichkeit auch sein Todesurteil. Es ergab einfach keinen Sinn.