Estean blinzelte noch erstaunt, während er sich aufrichtete, aber Edorion zögerte nicht und schrie: »Meresin! Daricain! Kommt her!« Als riefe er nach seinen Hunden. Die Fähnchen der Offiziere aus Cairhien schwankten auf und ab, als sie langsam von den Pferden stiegen.
»Mein Lord Drache.« Estean zögerte und leckte sich die Lippen, als habe er Durst. »Habt Ihr... Habt Ihr die Aiel gegen Cairhien in den Kampf geschickt?«
»Also haben sie die Stadt angegriffen?«
Rhuarc nickt und Mangin sagte: »Wenn man diesen hier Glauben schenken kann, dann hält die Stadt bisher noch stand. Jedenfalls noch vor drei Tagen.« Er ließ kaum einen Zweifel daran, daß er nicht glaubte, daß sie dem Angriff noch immer standhielte, und noch weniger daran, daß ihm eine Stadt der Baummörder vollkommen gleichgültig sei.
»Ich habe sie nicht geschickt, Estean«, sagte Rand, als sich die beiden Offiziere aus Cairhien zu ihnen gesellten. Die zwei knieten nieder und nahmen die Helme ab. Sie waren wohl etwa so alt wie Estean und Edorion, hatten die Haare bis auf Ohrhöhe geschnitten und blickten mißtrauisch drein. »Diejenigen, die Eure Stadt angreifen, sind meine Feinde, die Shaido. Ich habe vor, Cairhien zu retten, wenn das noch möglich ist.«
Wieder mußte er den beiden aus Cairhien befehlen, sich zu erheben. Seine Zeit bei den Aiel hatte ihn beinahe die Bräuche auf dieser Seite des Rückgrats der Welt vergessen lassen, diese Verbeugerei und das Niederknien, mal mit dem linken und mal mit dem rechten Knie. Er mußte auch erst nach ihren Namen fragen, bevor sie sich vorstellten: Leutnant Lord Meresin aus dem Hause Daganred — sein Con zeigte senkrechte rote und weiße Wellenlinien — und Leutnant Lord Daricain aus dem Hause Annallin, dessen Con mit kleinen roten und schwarzen Quadraten ausgefüllt war. Es überraschte ihn, daß sie ebenfalls Lords waren. In Cairhien befehligten die Lords natürlich Soldaten und führten sie in den Kampf, doch sie ließen sich für gewöhnlich nicht die Haare schneiden und zu gewöhnlichen Soldaten machen. Jedenfalls früher nicht. Offensichtlich hatte sich doch manches geändert.
»Mein Lord Drache.« Meresin hatte Schwierigkeiten, das herauszubringen. Er und Daricain waren beide hellhäutige, schlanke Männer mit schmalen Gesichtern und langen Nasen, doch er war ein wenig kräftiger gebaut. Keiner von beiden sah aus, als habe er in letzter Zeit besonders viel zu essen bekommen. Meresin fuhr so schnell fort, als befürchte er, unterbrochen zu werden. »Mein Lord Drache, Cairhien kann ihnen widerstehen.
Bestimmt noch tagelang, zehn oder zwölf vielleicht, aber wenn Ihr es retten wollt, müßt Ihr schnell kommen.«
»Deshalb kamen wir ja her«, sagte Estean und warf Meresin einen düsteren Blick zu. Die beiden aus Cairhien erwiderten den Blick, doch ihr Trotz war mit Resignation gemischt. Estean strich sich das strähnige Haar aus der Stirn. »Um Hilfe zu suchen. Kleine Truppen wurden in alle Richtungen ausgesandt, Lord Drache.« Er schauderte, obwohl ihm Schweiß auf der Stirn stand. Seine Stimme klang nun dumpf und wie aus der Ferne. »Als wir aufbrachen, waren wir noch mehr. Ich sah Baran schreiend mit einem Speer im Bauch fallen. Er wird nie mehr beim Wendespiel eine Karte umdrehen. Ich könnte einen Krug starken Schnaps gebrauchen.«
Edorion drehte seinen Helm in den von Kampfhandschuhen geschützten Händen und machte eine finstere Miene. »Lord Drache, die Stadt kann sich zwar noch eine Weile halten, aber selbst wenn diese Aiel hier gegen die anderen kämpfen, frage ich mich, wie Ihr sie rechtzeitig dorthin bringen wollt? Ich glaube, zehn oder zwölf Tage sind ein wenig übertrieben. Ich kam in Wirklichkeit nur mit, weil ich lieber mit einem Speer im Leib sterben möchte, als in Gefangenschaft zu geraten, wenn sie einmal über die Mauer sind. Die Stadt ist mit Flüchtlingen überfüllt, die sich vor den Aiel retten wollten. In der ganzen Stadt ist kein Hund und keine Taube mehr zu finden, und ich glaube nicht, daß es dort bald noch Ratten geben wird. Das einzig Gute an der ganzen Sache ist, daß keiner mehr danach zu fragen scheint, wer den Sonnenthron besteigen wird, seit dieser Couladin vor den Toren steht.«
»Am zweiten Tag hat er uns aufgefordert, uns Dem zu übergeben, Der Mit Der Morgendämmerung Kommt«, warf Daricain ein, was ihm einen scharfen Blick Edorions einbrachte.
»Couladin veranstaltet Menschenjagden mit den Gefangenen«, sagte Estean. »Außer Reichweite der Bogenschützen, aber so, daß jeder auf der Mauer zusehen kann. Man kann sie sogar schreien hören. Das Licht senge meine Seele, ich weiß nicht, ob er einfach unsere Moral untergraben will oder ob es ihm Spaß macht. Manchmal lassen sie Bauern zur Stadt hin rennen, und dann, wenn sie fast in Sicherheit sind, spicken sie die armen Leute mit Pfeilen. Soweit Cairhien irgend jemandem Sicherheit bieten kann. Zwar sind es nur Bauern, aber...« Er verstummte und schluckte schwer, als habe er sich gerade daran erinnert, was Rand von der Bemerkung ›nur Bauern‹ hielt. Rand blickte ihn einfach nur an, aber er schien unter diesem Blick zu schrumpfen und murmelte nur etwas von Schnaps vor sich hin.
Edorion sprach in die plötzliche Stille hinein: »Mein Lord Drache, der springende Punkt ist doch, daß sich die Stadt halten kann, bis Ihr kommt, falls Ihr schnell kommt. Wir haben die erste Angriffswelle nur zurückgeschlagen, weil das Vortor in Flammen aufging...«
»Das Feuer hätte beinahe die gesamte Stadt erfaßt«, warf Estean ein. Das Vortor, eine Stadt für sich außerhalb der Stadtmauer Cairhiens, war zumeist aus Holz erbaut gewesen, wie sich Rand erinnerte. »Es wäre zur Katastrophe gekommen, wenn der Fluß nicht wäre.«
Der andere Tairener redete einfach weiter: »... aber Lord Meilan hat die Verteidigung gut organisiert, und die Leute aus Cairhien scheinen im Moment auch den Mut nicht zu verlieren.« Das brachte ihm finstere Blicke von Meresin und Daricain ein, die er entweder nicht bemerkte oder aber nicht zu bemerken vorgab. »Mit Glück sieben Tage, vielleicht auch höchstens acht. Wenn Ihr...« Ein tiefer Seufzer ließ Edorions rundliche Figur einen Moment lang schlanker erscheinen. »Ich habe aber kein einziges Pferd gesehen«, sagte er mehr zu sich selbst. »Die Aiel reiten nicht. Ihr werdet niemals in der Lage sein, ein Heer zu Fuß in so kurzer Zeit hinzuführen.«
»Wie lange?« fragte Rand Rhuarc.
»Sieben Tage«, war die Antwort. Mangin nickte, und Estean lachte.
»Seng meine Seele, so lange haben wir gebraucht, um herzureiten! Wenn Ihr glaubt, den Weg zu Fuß genauso schnell zurücklegen zu können, müßt Ihr...« Er wurde sich der Blicke der Aiel bewußt, die auf ihm ruhten, und so strich er sich wieder nervös die Haare aus dem Gesicht. »Gibt es in dieser Stadt irgendwo Schnaps?« murrte er.
»Wichtig ist nicht, wie schnell wir den Weg zurücklegen«, sagte Rand ruhig, »sondern wie schnell Ihr das könnt, wenn wir ein paar Eurer Männer zu Fuß mitnehmen und die anderen deren Pferde zum Wechseln benützen können. Ich will Meilan und Cairhien wissen lassen, daß Hilfe auf dem Weg ist. Doch diejenigen, die das unternehmen, müssen sicher sein, daß sie den Mund halten können, falls die Shaido sie gefangennehmen. Ich will Couladin nicht mehr wissen lassen, als er von selbst herausbekommen kann.« Estean wurde noch bleicher als die beiden aus Cairhien.
Meresin und Daricain lagen beide wieder auf den Knien, und jeder umfaßte eine von Rands Händen, um sie zu küssen. Er ließ es mit soviel Geduld zu, wie er eben aufbringen konnte. Einer von Moiraines Ratschlägen, die wirklich vernünftig gewesen waren, hatte besagt, er solle möglichst nicht gegen die Sitten der Menschen verstoßen, wie eigenartig und abstoßend sie ihm auch scheinen mochten, es sei denn, es wäre unbedingt notwendig, und selbst dann sollte er es sich zweimal überlegen.
»Wir werden gehen, Lord Drache«, versicherte Meresin atemlos. »Ich danke Euch, Lord Drache. Danke. Beim Licht schwöre ich, daß ich eher sterben will, als auch nur ein Wort zu verraten, außer natürlich meinem Vater und dem Hochlord Meilan.«