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Rand trat zu einem Haus, das einst einem reichen Kaufmann gehört haben mußte. Es befand sich am größeren der beiden Plätze dieser Stadt und bestand aus drei quadratisch angelegten Stockwerken aus grauem Marmor mit Steinbalkonen und einer breiten Treppe mit dicken, kantigen Steingeländern; von den oberen Stufen konnte man auf einen stillen Springbrunnen hinabsehen, in dessen rundem Becken nur noch Staub lag. Er hatte die Gelegenheit nützen wollen, endlich wieder einmal in einem richtigen Bett zu schlafen, und er hoffte insgeheim, Aviendha würde das Zelt vorziehen, ob nun seines oder das der Weisen Frauen. Es war ihm gleichgültig, solange er nur nicht wieder versuchen mußte, einzuschlafen, während nur wenige Schritt von ihm entfernt ihre Atemzüge erklangen. In letzter Zeit hatte er sich schon eingebildet, er könne ihr Herz schlagen hören, obwohl er noch nicht einmal Saidin in sich aufgenommen hatte. Doch falls sie wieder bei ihm schlief, hatte er Vorsichtsmaßnahmen ergriffen.

Die Töchter blieben an der Treppe stehen. Ein paar umkreisten das Gebäude, um es von allen Seiten zu bewachen. Er hatte schon befürchtet, sie würden das Gebäude, selbst nur für die eine Nacht, zum Dach der Töchter erklären. Und als statt dessen er dieses Haus ausgewählt hatte, eines der wenigen im Ort, das noch ein festes Dach aufwies und bei dem fast alle Fenster heil waren, machte er Sulin unmißverständlich klar, daß er dies zum Dach der Weinquellenbrüder erkläre. Niemand dürfe es betreten, der nicht aus der Weinquelle in Emondsfeld getrunken habe. Ihrem Blick nach zu schließen, den sie ihm zuwarf, wußte sie sehr wohl, worauf er hinauswollte, aber keine folgte ihm weiter als bis zur Eingangstür, die aus schmalen, senkrechten Holztafeln zusammengesetzt schien.

Die großen Innenräume waren kahl. Weißgekleidete Gai'schain hatten ein paar Decken für den eigenen Bedarf in einer weiträumigen Halle ausgebreitet, deren hohe Stuckdecke ganz aus nüchternen Quadraten zusammengesetzt war. Die Gai'schain konnte er nicht wegschicken, auch wenn es ihm lieber gewesen wäre, genausowenig wie Moiraine, falls sie nicht irgendwo anders schlief. Welche Befehle er auch erließ, um nicht gestört zu werden, sie fand doch immer einen Weg, an den Töchtern vorbeizukommen, und es bedurfte eines wirklich harschen Befehls, damit sie auch wirklich ging.

Die Gai'schain, ob Mann oder Frau, erhoben sich geschmeidig, noch bevor er die Tür hinter sich geschlossen hatte. Sie würden nicht vor ihm Schlafen gehen, und ein paar würden sich ablösen, um auch in der Nacht bereitzustehen, falls er irgendwelche Wünsche hatte. Er hatte versucht, sie davon abzubringen, aber einem Gai'schain zu sagen, er oder sie solle nicht dienen, wie es der Brauch war, hatte denselben Effekt wie ein Tritt gegen einen Sack Wolle: welchen Eindruck seine Zehen auch hinterlassen mochten, er war verschwunden, sobald die Zehen wieder weg waren. Er winkte sie weg und ging die Marmortreppe hinauf. Ein paar dieser Gai'schain hatten einige wenige Möbelstücke zusammengetragen, darunter auch ein Bettgestell und zwei Federbetten, und so freute er sich darauf, sich waschen zu können und dann...

Er erstarrte, als er die Türe zu seinem Schlafzimmer öffnete. Aviendha hatte sich nicht für das Zelt entschieden. Sie stand vor dem Waschtisch mit der gesprungenen Schüssel und dem überhaupt nicht dazu passenden Krug, hatte einen Lappen in der einen Hand und ein Stück gelber Seife in der anderen. Sie trug keine Kleider. Sie schien genauso erschrocken wie er und konnte sich genausowenig rühren.

»Ich...« Sie hielt inne und schluckte. Große grüne Augen blickten ihn an. »Ich konnte in diesem... in dieser Stadt kein Dampfzelt aufbauen, also dachte ich, ich versuche einmal Eure Art der... « Stramme Muskeln und sanfte Rundungen kennzeichneten ihren Körper. Er glänzte feucht von Kopf bis Fuß. Er hatte sich nicht vorgestellt, daß ihre Beine so lang wären. »Ich hatte geglaubt, Ihr würdet länger an der Brücke bleiben. Ich...« Sie riß die Augen in Panik auf und gab ein erschrockenes Quieken von sich. »Ich habe es nicht darauf angelegt, daß Ihr mich so seht! Ich muß fort von Euch! Soweit ich nur kann! Ich muß weg!«

Plötzlich erschien neben ihr eine schimmernde senkrechte Spalte in der Luft. Sie erweiterte sich, als rotiere sie, zu einer Tür. Eisig kalter Wind wirbelte in das Zimmer herein und peitschte dichten Schnee vor sich her.

»Ich muß weg!« heulte sie und sprang in den Schneesturm hinein.

Sofort begann sich die Tür wieder zu schließen. Der Spalt wurde enger, drehte sich erneut, doch diesmal reagierte Rand ohne weiteres Nachdenken. Er benützte die Macht und blockierte die erst halb geschlossene Tür. Er wußte überhaupt nicht, was er getan hatte und wie, aber er war sicher, daß dies ein Tor zu den Kurzen Wegen sei, wie die, von denen ihm Asmodean berichtet hatte. Der hatte ihm aber weiter nichts darüber beibringen können. Nun hatte er keine Zeit, um zu überlegen. Wohin Aviendha auch verschwunden war, sie steckte jedenfalls nackt mitten in einem Schneesturm. Rand nabelte die soeben gewebten Stränge schnell ab, während er alle Decken von seinem Bett riß und sie auf ihre Kleider warf, die auf ihrer Bettunterlage lagen. Dann packte er alles, Decken, Kleider und Bettunterlage, und warf sich nur Augenblicke nach ihr durch das Tor.

Der eisige Wind pfiff durch die von einem weißen Wirbel durchtobte Winternacht. Sogar in das Nichts eingehüllt fühlte er, wie sein Körper vor Kälte zitterte. Er konnte trübe, verstreute Umrisse in der Dunkelheit erkennen, die er für Bäume hielt. Riechen konnte er außer der Kälte nichts. Vor ihm bewegte sich etwas, von Dunkelheit und Schneesturm fast unkenntlich gemacht. Er hätte sie fast übersehen, wenn nicht seine Augen im Nichts besonders scharf gewesen wären. Es war Aviendha, die, so schnell sie konnte, da vonrannte. Er stampfte durch den kniehohen Schnee hinter ihr her und drückte das dicke Bündel an seine Brust.

»Aviendha! Halt!« Er fürchtete, der heulende Sturm werde seine Worte verwehen, aber sie hörte sie. Und lief womöglich noch schneller. Er zwang sich zu größerer Eile, taumelte und stolperte vorwärts, während der immer tiefer werdende Schnee seine Stiefel festhalten wollte. Die Spuren ihrer bloßen Füße wurden schnell wieder aufgefüllt. Falls er sie hier aus den Augen verlor... »Halt, du törichte Närrin! Willst du dich denn umbringen?« Der Klang seiner Stimme schien sie nur noch weiter zu treiben.

Grimmig zwang er sich vorwärts, stürzte beinahe und rappelte sich wieder hoch, wurde vom Wind gepackt und fast umgeworfen, blieb dann wieder im Schnee stecken oder stieß gegen Bäume. Er mußte sie im Blick behalten. Er war dankbar dafür, daß die Bäume in diesem Wald, oder was es auch sein mochte, so weit voneinander entfernt standen.

Pläne schrammten über das Nichts und wurden verworfen. Er konnte versuchen, den Sturm zu ersticken, aber vielleicht würde die Wirkung der Macht dann die Luft in Eis verwandeln. Eine Luftblase, um den wirbelnden Schnee von ihm abzuhalten, würde den unter seinen Füßen nicht beseitigen. Er konnte mit Hilfe des Feuers eine Spur hineinschmelzen — und statt dessen durch Schlamm waten. Außer...

Er benutzte die Macht, und der Schnee vor ihm schmolz auf etwa eine Spanne Breite. Während er weiterrannte, schmolz auch der Schnee vor seinen Füßen immer weiter. Dampf stieg auf, und der dicht fallende Schnee löste sich einen Fuß über dem sandigen Boden auf. Er spürte die Hitze durch seine Stiefel hindurch. Bis fast zu seinen Knöcheln hinab zitterte sein Körper von der beißenden Kälte, während seine Füße schwitzten und beinahe vor der sengenden Hitze des Bodens zurückzuckten. Doch wenigstens holte er jetzt auf. Noch fünf Minuten, und...