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Plötzlich verschwand die verschwommene Gestalt, der er gefolgt war, als sei sie in ein Loch gefallen.

Er hielt den Blick auf den Fleck gerichtet, an dem er sie zuletzt gesehen hatte, und rannte, so schnell er nur konnte. Mit einemmal klatschten seine Beine bis auf halbe Kniehöhe durch eiskaltes, fließendes Wasser. Vor ihm enthüllte der schmelzende Schnee eine dunkle Wasseroberfläche und eine Eiskante, die sich schnell vor ihm zurückzog. Kein bißchen Dampf erhob sich von der schwarzen Wasseroberfläche. Ob Bach oder Fluß, die Macht, die er einsetzte reichte jedenfalls nicht aus, das rasch strömende Wasser auch nur eine Spur aufzuwärmen. Sie mußte aufs Eis hinausgerannt und eingebrochen sein, aber er würde sie nicht retten können, indem er einfach hinauswatete. Von Saidin erfüllt, war er sich der Kälte wohl kaum bewußt, aber seine Zähne klapperten unkontrolliert.

Er zog sich ans Ufer zurück und richtete den Blick auf die Stelle, wo er Aviendha versunken glaubte. Dann lenkte er Stränge aus Feuer ein Stück vom Bach entfernt in den noch schneefreien Boden, bis der Sand dort schmolz und weißglühend zusammenfloß. Sogar in diesem Sturm würde es hier eine Weile lang heiß bleiben. Er legte das Bündel daneben in den Schnee. Ihr Leben würde davon abhängen, daß er die Decken und alles andere wiederfand. Dann watete er durch den tiefen Schnee auf der einen Seite seines geschmolzenen Pfades und legte sich schließlich flach auf den Bauch. So schob er sich hinaus auf die von Schnee bedeckte Eisfläche.

Der Wind heulte über ihn hinweg. Er hätte genausogut ohne Mantel sein können. Seine Hände waren mittlerweile starr vor Kälte, und in seinen Füßen hatte er auch fast kein Gefühl mehr. Das Zittern hatte bis auf ein gelegentliches Schaudern aufgehört. In der kalten Ruhe des Nichts war ihm bewußt, was geschah. Es gab manchmal auch an den Zwei Flüssen Schneestürme, vielleicht sogar genauso starke wie diesen hier. Sein Widerstand ließ langsam nach. Wenn er seinen Körper nicht bald erwärmte, würde er gelassen aus der Sicherheit des Nichts beobachten, wie er starb. Doch falls er starb, würde auch Aviendha sterben. Vielleicht war sie sogar schon tot.

Er fühlte mehr, als daß er hörte, wie das Eis unter seinem Gewicht knackte. Seine tastenden Hände erreichten Wasser. Das mußte die Stelle sein, aber durch den wirbelnden Schnee hindurch konnte er fast nichts sehen. Er schlug mit den Armen ins Wasser, suchte klatschend mit gefühllosen Händen. Eine traf auf etwas nahe der Eiskante, und er befahl seinen Fingern, sich darum zu schließen. Gefrorene Haare knisterten und brachen.

Muß sie herausziehen. Er krabbelte rückwärts und zerrte an ihr. Sie war ein totes Gewicht, das langsam, ganz langsam aus dem Wasser glitt. Gleichgültig, ob das Eis ihre Haut aufschürft. Besser das, als sie erfrieren oder ertrinken zu lassen. Nach hinten. Weiterbewegen. Wenn du aufgibst, stirbt sie. Beweg dich, verdammt noch mal! Kriechen. Mit den Beinen ziehen und mit einer Hand nach hinten schieben. Die andere hatte sich in Aviendhas Haar verkrampft. Keine Zeit, sie irgendwo anders zu packen; sie spürte es sowieso nicht. Du hast es schon zu lange zu gut gehabt. Lords knien vor dir nieder und Gai'schain rennen, um dir Wein zu bringen, und Moiraine macht auch noch alles, was du ihr sagst. Rückwärts. Es wird Zeit, daß du mal wieder selbst was machst, falls du das überhaupt noch kannst. Beweg dich, du verdammter Hurensohn! Beweg dich gefälligst!

Plötzlich schmerzten seine Füße. Der Schmerz kroch langsam in seine Beine zurück. Er brauchte einen Augenblick, bis er nach hinten blickte und sich schnell von dem dampfenden Fleck geschmolzenen Sandes herunterrollte. Dünne Rauchfäden, die von seiner angesengten Hose aufstiegen, wurden vom Wind zerstreut.

Er tastete nach dem Bündel, das daneben lag, und wickelte Aviendha von Kopf bis Fuß in alles ein, was er mitgebracht hatte — Decken, Bettunterlage, Kleidungsstücke. Jedes bißchen Schutz vor der Kälte war wichtig. Sie hatte die Augen geschlossen und rührte sich nicht. Er schob die Decken weit genug auseinander, daß er sein Ohr an ihre Brust legen konnte. Ihr Herz schlug so langsam, daß er sich den Herzschlag vielleicht auch nur einbildete. Selbst die vier Decken und die dicke Bettunterlage reichten nicht aus, doch er konnte nicht so einfach Wärme mit Hilfe der Macht in sie einströmen lassen wie in den Boden. Selbst wenn er die Stränge so dünn wie eben möglich webte, würde er sie damit eher töten als aufwärmen. Er nahm das Gewebe wahr, das er benützt hatte, um ihr Tor offenzuhalten, vielleicht eine oder zwei Meilen entfernt im Sturm. Versuchte er, sie so weit zu tragen, würden sie beide nicht überleben. Sie brauchten einen schützenden Unterschlupf, und den hier an Ort und Stelle.

Er webte Stränge aus Luft, und Schnee glitt gegen die Windrichtung über den Boden, ballte sich zusammen und formte schließlich dicke, glatte Wände im Abstand von etwa drei Schritt voneinander. Eine Öffnung war als Tür geblieben. Die Wände wuchsen nach oben weiter. Der Schnee wurde zusammengepreßt, bis er wie Eis glitzerte. Ein Dach schob sich über die Grundmauern, hoch genug, um darunter stehen zu können. Er hob Aviendha auf seine Arme und stolperte mit ihr in das dunkle Innere hinein. Er webte kleine Flammen, die in den Ecken tanzten, und nabelte das Gewebe ab. Dann lenkte er weitere Stränge so, daß sie den Eingang mit Schnee verschlossen.

Es war schon jetzt erheblich wärmer, da sie vor dem Wind geschützt waren. Doch das reichte nicht. Er benützte den Trick, den ihm Asmodean gezeigt hatte, verwob Luft und Feuer, und die Luft im Schneehaus erwärmte sich. Er wagte allerdings nicht, diese Stränge abzubinden, denn wenn er einschlief, würde die Wärme immer stärker, und die Hütte mußte schließlich schmelzen. Deshalb war es eigentlich auch gefährlich, die kleinen Flammen zu lassen, wie sie waren, aber er war so hundemüde und durchgefroren, daß er einfach nicht mehr als ein Gewebe aufrechterhalten konnte.

Der Boden im Innern war natürlich schneefrei, da aller Schnee in den Wänden und dem Dach der Hütte steckte. Die bloße Erde war sandig, und darauf lagen ein paar braune Blätter, die er nicht einordnen konnte, und zerfledderte, niedrige, abgestorbene Kräuter, die ihm ebenfalls unbekannt waren. Er ließ das Gewebe los, das die Luft erhitzte, und wärmte dafür den Boden genug, daß er nicht mehr so eisig kalt war. Dann nahm er die anderen Stränge wieder auf. Danach brachte er es gerade noch fertig, Aviendha sanft auf den Boden zu legen. Beinahe hätte er sie fallenlassen, so erschöpft war er.

Er schob eine Hand unter die Decken und fühlte nach ihrer Wange und ihrer Schulter. Kleine Rinnsale rannen ihr über das Gesicht, als das Eis in ihren Haaren schmolz. Ihn fror, doch sie schien ihm wie blankes Eis. Sie benötigte jedes bißchen Wärme, das er erzeugen konnte, und er wagte nicht, die Luft noch weiter zu erhitzen. Die Innenseiten der Schneemauern schimmerten bereits feucht. So sehr ihn auch fror, in ihm war jedenfalls noch mehr Wärme als in ihr.

So zog er sich schnell aus und schob sich zu ihr unter die Decken. Seine eigenen feuchten Kleider legte er obenauf, denn sie konnten helfen, die Körperwärme im Innern festzuhalten. Sein von Saidin und dem Nichts noch verstärkter Tastsinn war erfüllt von ihr. Gegen ihre Haut fühlte sich Seide noch grob an. Wenn man es mit ihrer Haut verglich, war selbst Satin... Nicht nachdenken! Er strich ihr das feuchte Haar aus dem Gesicht. Er hätte es trocknen sollen, aber das Wasser war nicht mehr so kalt, und er hätte außerdem sowieso nur die Decken oder ihre Kleider dazu benützen können. Ihre Augen waren geschlossen, und ihre Brust hob und senkte sich langsam an der seinen. Ihr Kopf lag auf seinem Arm und drückte gegen seine Brust. Wäre sie nicht noch immer so kalt gewesen, hätte er geglaubt, sie schlafe. So friedlich; überhaupt nicht zornig wie sonst. So schön. Hör auf damit! Scharf befahl er sich das von außerhalb der Leere her, die ihn umgab. Sprich lieber.