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So sprach er einfach über das erste, was ihm in den Sinn kam: Elayne und die Verwirrung durch ihre beiden Briefe. Doch das erzeugte bald Vorstellungen von der goldhaarigen Elayne, die über das Nichts glitten, Erinnerungen daran, wie er sie an heimlichen Orten im Stein von Tear geküßt hatte. Denk doch nicht ans Küssen, du Narr! Er ging zu Min über. Bisher hatte er noch nie an Min als Frau gedacht. Nun ja, ein paar Träume zählten nicht. Min hätte ihm eine Ohrfeige verpaßt, wenn er versucht hätte, sie zu küssen. Oder sie hätte gelacht und ihn Wollkopf genannt. Es kam ihm nun aber so vor, daß ihn jede Frau, von der er sprach, daran erinnerte, daß er eine nackte Frau in seinen Armen hielt. Von der Macht erfüllt, nahm er ihren Duft wahr, fühlte jeden Fingerbreit ihrer Haut, als striche er mit seinen Händen... Das Nichts bebte. Licht, du willst sie doch nur aufwärmen! Schlag dir die schmutzigen Gedanken aus dem Kopf, Mann!

Im Bemühen, diese Gedanken zu vertreiben, redete er über die Hoffnungen, die er mit Cairhien verband, wie er dem Land Frieden und ein Ende der Hungersnot bringen wolle; wie er sämtliche Länder ohne weiteres Blutvergießen dazu bringen wolle, sich ihm anzuschließen. Aber auch dieses Thema entwickelte ein Eigenleben, ging einen eigenen, unvermeidlichen Weg bis hin zum Shayol Ghul, wo er dem Dunklen König gegenübertreten und sterben mußte, wenn die Weissagungen stimmten. Es erschien ihm feige, als er sagte, er hoffe das doch irgendwie zu überleben. Die Aiel kannten keine Feigheit. Selbst der feigste unter ihnen war noch tapfer wie ein Löwe. »Die Zerstörung der Welt hat die Schwachen getötet«, hatte er Bael sagen hören, »und das Dreifache Land hat die Feiglinge getötet.«

Er begann damit, laut zu spekulieren, wo sie sich wohl befänden, wohin sie ihre wilde, sinnlose Flucht geführt haben mochte. In irgendein fernes und fremdes Land, in dem es zu dieser Jahreszeit Schnee gab. Es war schlimmer als nur sinnlos gewesen, hierher zu rennen. Verrückt. Und doch war ihm klar, daß sie vor ihm weggerannt war. Vor ihm geflohen war. Wie sehr mußte sie ihn hassen, daß sie so weit sie nur konnte vor ihm floh, anstatt ihm einfach zu sagen, er solle sie beim Waschen allein lassen.

»Ich hätte anklopfen sollen.« An seine eigene Schlafzimmertür? »Ich weiß, daß du dich nicht in meiner Nähe aufhalten willst. Du mußt ja auch nicht. Was die Weisen Frauen auch wünschen, was sie auch sagen mögen, du kehrst jedenfalls zu ihren Zelten zurück. Du mußt mir nicht mehr nahe kommen. Und wenn doch... dann schicke ich dich weg.« Warum zögerte er dabei? Wenn sie wach war, brachte sie ihm Zorn entgegen, Kälte, Bitterkeit, und wenn sie schlief... »Das war wirklich verrückt von dir. Du hättest dich umbringen können.« Wieder streichelte er über ihr Haar. Er konnte sich nicht davon abhalten. »Wenn du jemals wieder etwas so Wahnsinniges anstellst, breche ich dir das Genick. Hast du eine Ahnung, wie sehr ich deine Atemzüge bei Nacht vermissen werde?« Sie vermissen? Sie trieb ihn damit zum Wahnsinn! Er war von ihnen beiden der Verrückte. Er mußte damit aufhören. »Du wirst weggehen, klar? Und wenn ich dich nach Rhuidean zurückschicken muß. Die Weisen Frauen können mich nicht davon abhalten, wenn ich als Car'a'carn ein Machtwort spreche. Du mußt nicht mehr vor mir davonlaufen.«

Die Hand, die er nicht davon abhalten konnte, über ihr Haar zu streicheln, erstarrte, als sie sich rührte. Ihm wurde bewußt, daß sie sich nun warm anfühlte. Sehr warm. Er sollte sich jetzt anständigerweise in eine seiner Decken einwickeln und sich ein Stück von ihr entfernt hinlegen. Sie schlug die Augen auf, klar und tiefgrün, und blickte ihn ernst aus nicht einmal einem Fuß Entfernung an. Sie schien weder überrascht von seiner Anwesenheit, noch stieß sie ihn weg. Er nahm die Arme von ihr weg und wollte sich zurückziehen, doch sie packte eine Handvoll seiner Haare, daß es ihm weh tat. Wenn er sich jetzt bewegte, würde er einen kahlen Fleck am Kopf davontragen. Sie gab ihm keine Gelegenheit, etwas zu erklären. »Ich habe meiner Nächstschwester versprochen, auf Euch aufzupassen.« Sie sagte das sowohl sich selbst wie auch ihm mit leiser, beinahe ausdrucksloser Stimme. »Ich bin vor Euch davongelaufen, so gut ich nur konnte, um meine Ehre zu bewahren. Und du bist mir sogar hierher gefolgt. Die Ringe lügen nicht, und ich kann nicht mehr weglaufen.« Ihr Tonfall nahm eine wilde Entschlossenheit an. »Ich werde nicht mehr weglaufen!«

Rand versuchte, sie zu fragen, was sie damit meine, und gleichzeitig bemühte er sich, ihre Finger sanft aus seinem Haar zu lösen, doch sie packte auch noch mit der anderen Hand zu und zog seinen Mund zu ihrem hin. Das war das Ende alles rationalen Denkens. Das Nichts zersprang und Saidin entfloh ihm. Er glaubte nicht, daß er sich auch bei größter Willensanstrengung hätte zurückhalten können, aber der Gedanke kam ihm in diesem Augenblick überhaupt nicht, und sie schien auch nicht zu wollen, daß er sich zurückhielt. Ja, sein letzter klarer und zusammenhängender Gedanke für längere Zeit war sogar der, daß er sie wohl kaum zurückhalten könne.

Um ein Beträchtliches später — zwei Stunden, vielleicht auch drei, sicher war er sich da nicht — lag er entspannt auf der Schlafunterlage, die Decken über sich gezogen und die Hände hinter dem Kopf gefaltet. Er beobachtete Aviendha, wie sie die glatten weißen Wände untersuchte. Sie hatten überraschend viel Wärme zurückgehalten, so daß er Saidin gar nicht benützen mußte, weder um die Kälte abzuhalten, noch um die Luft zu erwärmen. Beim Aufstehen war sie lediglich mit ihren Fingern durchs Haar gefahren. Ansonsten bewegte sie sich trotz ihrer Nacktheit völlig ohne Scham. Natürlich war es auch ein wenig zu spät, um sich vor ihm nur deshalb zu schämen, weil sie nichts anhatte. Er hatte sich Gedanken darüber gemacht, sie nicht zu verletzen, als er sie aus dem Wasser zog, doch ihr Körper zeigte weniger Schrammen als seiner, und auch die schienen ihrer Schönheit überhaupt keinen Abbruch zu tun.

»Was ist das?« fragte sie.

»Schnee.« Er erklärte ihr, so gut es ging, was Schnee sei, aber sie schüttelte nur den Kopf, teils staunend, teils ungläubig. Einer Frau, die in der Wüste aufgewachsen war, mußte gefrorenes Wasser, das vom Himmel fiel, genauso unmöglich erscheinen wie Menschen, die fliegen konnten. Den Chroniken nach war das einzige Mal, daß es in der Wüste je geregnet hatte, ausgerechnet der von ihm über Rhuidean erzeugte Regen gewesen.

Er konnte einen Seufzer des Bedauerns nicht zurückhalten, als sie sich ihr Hemd über den Kopf zog. »Die Weisen Frauen können uns verheiraten, sobald wir zurück sind.« Er spürte immer noch sein Gewebe, das die Tür offenhielt.

Aviendhas dunkelroter Schopf schob sich aus dem Hemd hervor, und sie blickte ihn ausdruckslos an. Nicht unfreundlich, aber auch nicht freundlich. Allerdings entschlossen. »Was läßt dich glauben, ein Mann habe das Recht, so etwas von mir zu verlangen? Außerdem gehörst du zu Elayne.«

Er brauchte einen Moment, bis er den Mund wieder zu bekam. »Aviendha, wir haben gerade... Wir beide... Licht, wir müssen doch jetzt heiraten. Nicht, daß ich es nur will, weil es so sein muß«, fügte er schnell hinzu. »Ich will es ja wirklich.« Da war er sich allerdings nicht ganz so sicher. Er glaubte durchaus, sie zu lieben, aber vielleicht liebte er ja Elayne auch. Und aus irgendeinem Grund schlich sich auch Min wieder in seine Gedanken ein. Du bist ein genauso großer Schürzenjäger wie Mat. Aber wenigstens einmal konnte er das Richtige tun, eben weil es so richtig war.