Sie schnaubte und befühlte ihre Strümpfe, um sicherzugehen, daß sie auch getrocknet waren. Dann setzte sie sich, um sie anzuziehen. »Egwene hat mir von euren Hochzeitsbräuchen an den Zwei Flüssen erzählt.«
»Willst du ein ganzes Jahr lang warten?« fragte er ungläubig.
»Das Jahr. Ja, das habe ich gemeint.« Ihm war vorher noch nie klar geworden, wieviel Bein eine Frau zeigte, wenn sie sich einen Strumpf anzog. Seltsam, daß ihn das noch so reizte, nachdem er sie nackt und verschwitzt gesehen hatte, und... Er konzentrierte sich darauf, ihr zuzuhören. »Egwene erzählte, sie habe ihre Mutter um Erlaubnis für dich bitten wollen, doch bevor sie es auch nur erwähnte, sagte ihre Mutter, daß sie ohnehin noch ein ganzes Jahr warten müsse, auch wenn sie ihr Haar in der Zwischenzeit bereits zum Zopf flechten dürfe.« Aviendha runzelte die Stirn. Das eine Knie ruhte fast unter ihrem Kinn. »Stimmt das denn? Sie sagte, einem Mädchen sei nicht erlaubt, ihr Haar zum Zopf zu flechten, bevor sie nicht im heiratsfähigen Alter ist. Verstehst du überhaupt, was ich sage? Du machst ein Gesicht wie dieser... Fisch... den Moiraine im Fluß gefangen hat.« In der Wüste gab es keine Fische. Die Aiel kannten sie nur aus Büchern.
»Natürlich habe ich zugehört«, versicherte er. Er hätte genausogut taub und blind dazu sein können, soviel hatte er verstanden. Er drehte sich unter den Decken ein wenig zur Seite und bemühte sich, so selbstsicher zu sprechen, wie es ihm möglich war: »Wenigstens... na ja, die Bräuche sind kompliziert, und ich bin nicht sicher, auf welchen genau du dich beziehst.«
Sie sah ihn einen Augenblick lang mißtrauisch an, aber da auch die Aielsitten äußerst kompliziert waren, glaubte sie ihm. An den Zwei Flüssen ging man ein Jahr lang weg, und wenn man dann mit Erfolg um ein Mädchen anhielt, verlobte man sich zuerst und heiratete schließlich. So verlangte es der Brauch. Sie fuhr beim Anziehen fort: »Ich meinte, wenn ein Mädchen während des Wartejahres ihre Mutter und die Seherin um Erlaubnis bittet. Ich verstehe das nicht.« Die weiße Bluse, die sie über den Kopf zog, dämpfte ihre Worte einen Moment lang. »Wenn sie ihn haben will und alt genug zum Heiraten ist, wozu braucht sie dann die Erlaubnis? Aber siehst du die Ähnlichkeit? Unseren Sitten nach«, und ihr Tonfall ließ keinen Zweifel darüber, daß sie nur diese als entscheidend betrachtete, »ist es an mir, zu entscheiden, ob ich dich um deine Hand bitte, und ich tue es nicht. Wenn man nach deinen Sitten geht«, sie schnallte den Gürtel um und schüttelte dabei den Kopf, als sei für sie bereits alles abgetan, »habe ich die Erlaubnis meiner Mutter nicht. Und ich schätze, du bräuchtest die Genehmigung deines Vaters. Oder deines Vaterbruders, da dein Vater nicht mehr lebt? Wir hatten jedenfalls keinerlei Genehmigung, und deshalb können wir nicht heiraten.« Sie begann damit, den Schal zu falten, damit sie ihn sich um die Stirn binden konnte.
»Aha«, sagte er mit flauem Gefühl im Magen. Ein Junge an den Zwei Flüssen, der seinen Vater um die Erlaubnis zu so etwas bat, riskierte ein paar Ohrfeigen. Wenn er so an die Burschen dachte, die ganz schön ins Schwitzen gekommen waren, weil sie befürchteten, jemand — irgend jemand — könne herausfinden, was sie mit dem Mädchen trieben, das sie heiraten wollten... Er erinnerte sich noch gut daran, als Nynaeve Kimry Lewin und Bar Dowtry im Heustadel von Bars Vater erwischt hatte. Kimry hatte schon fünf Jahre lang den Zopf getragen, aber als Nynaeve schließlich mit ihr fertig war, hatte Frau Lewin sie sich noch einmal vorgeknöpft. Die Versammlung der Frauen hatte Bar beinahe bei lebendigem Leib das Fell abgezogen, doch das war nichts gegen die Behandlung, die Kimry erleben mußte, während sie den einen Monat abwarteten, den man als kürzeste Anstandsfrist vor der Hochzeit betrachtete. Insgeheim wurde noch lange, wenn auch so leise, daß die Versammlung der Frauen nichts davon hörte, darüber gescherzt, daß sich weder Bar noch Kimry während der ersten Woche ihrer Ehe hinsetzen konnten. Rand glaubte, Kimry habe nicht um Erlaubnis gebeten, mit Bar ins Bett gehen zu dürfen. »Aber ich denke, Egwene kennt wohl auch nicht alle Bräuche bei den Männern«, fuhr er fort. »Frauen wissen auch nicht alles. Siehst du, da ich angefangen habe, müssen wir heiraten! Da spielen Genehmigungen keine Rolle mehr.«
»Du hast angefangen?« Ihr Schnauben war betont und bedeutungsvoll. Ob Aiel oder Andoraner oder sonst etwas, Frauen benützten solche Geräusche wie Stöcke, um damit zu stochern oder zu schlagen. »Es spielt sowieso keine Rolle, weil wir uns an die Aielsitten halten. Das wird nicht noch einmal passieren, Rand al'Thor.« Er war überrascht und erfreut, in ihrer Stimme Bedauern mitschwingen zu hören. »Du gehörst zur Nächstschwester meiner Nächstschwester. Ich habe Elayne gegenüber Toh, aber das muß dich nicht kümmern. Ich habe gehört, daß Männer hinterher faul sind, doch es kann nicht mehr lang dauern, bis die Clans bereit sind, früh am Morgen loszumarschieren. Du mußt rechtzeitig dort sein.« Plötzlich überzog Panik ihr Gesicht, und sie sackte auf die Knie nieder. »Wenn wir überhaupt zurückkehren können. Ich weiß nicht mehr genau, was ich gemacht habe, um dieses Loch zu erzeugen, Rand al'Thor. Du mußt uns den Weg zurück suchen.«
Er berichtete ihr, wie er ihr Tor blockiert hatte und es immer noch dort draußen spüren konnte. Sie blickte erleichtert drein und lächelte ihn sogar an. Aber es wurde immer klarer, als sie sich mit übergeschlagenen Beinen hinsetzte und den Rock zurechtzog, daß sie sich nicht umdrehen würde, während er sich anzog.
»Na ja, gleiches Recht für alle«, murmelte er schließlich nach einer Weile und krabbelte unter den Decken hervor.
Er bemühte sich, genauso selbstverständlich zu tun wie sie, aber es fiel ihm nicht leicht. Er fühlte ihren Blick wie eine Berührung, auch als er sich von ihr abwandte. Sie hatte kein Recht, ihm zu sagen, er habe einen hübschen Hintern; er hatte ja schließlich auch nicht gesagt, wie hübsch ihrer war. Sie sagte so etwas ja ohnehin nur, damit er rot wurde. Frauen sahen Männer doch nicht auf diese Weise an. Und sie fragen auch nicht ihre Mutter um Erlaubnis, wenn sie...? Er hatte eine Vorahnung, daß sein Leben mit Aviendha keinen Deut leichter geworden war.
32
Ein sehr kurzer Speer
Es gab kaum eine Diskussion. Trotz des draußen noch tobenden Sturms konnten sie es zum Tor zurück schaffen, wenn sie die Decken und die Bettunterlage als Umhänge benutzten. Aviendha begann, sie aufzuteilen, während er nach Saidin griff, nach Leben und Tod, geschmolzenem Feuer und flüssigem Eis.
»Gib uns beiden jeweils gleich viele«, sagte er zu ihr. Ihm war bewußt, daß seine Stimme kalt und gefühllos klang. Asmodean hatte ihm gesagt, er könne noch erheblich weiter gehen, doch das hatte er bisher nicht fertiggebracht.
Sie warf ihm einen überraschten Blick zu, doch alles, was sie sagte, war: »Bei dir gibt es mehr zu bedecken.«
Streiten war zwecklos. Seiner Erfahrung nach, und die ging eben von Emondsfeld bis zu den Töchtern des Speers, konnte man eine Frau nur dadurch davon abhalten, etwas für einen zu tun, daß man sie fesselte. Das galt besonders dann, wenn sie sich in den Kopf gesetzt hatte, ein Opfer zu bringen. Überraschend war nur, daß sie gar nicht beißend gesprochen und auch keine Bemerkung fallengelassen hatte, er sei ein verwöhnter Feuchtländer. Vielleicht war bei alledem doch außer einer schönen Erinnerung noch etwas Gutes herausgekommen. Sie kann es doch wirklich mit dem niemals wieder‹ nicht ernst gemeint haben. Allerdings hatte er den Verdacht, er müsse sie wörtlich nehmen.
Er wob einen fingerdicken Strang aus Feuer und schnitt damit den Umriß einer Tür in die eine Wand, wobei er den oberen Teil noch etwas erweiterte. Überraschenderweise drang Tageslicht durch den Spalt herein. Er ließ Saidin fahren und tauschte einen verblüfften Blick mit Aviendha. Ihm war schon bewußt, daß sie nicht auf die Zeit geachtet hatten — du weißt nicht einmal mehr, welches Jahr gerade ist —, aber sie konnten sich eigentlich nicht sehr lang hier drinnen aufgehalten haben. Wo sie sich auch befinden mochten, es mußte in jedem Fall weit von Cairhien entfernt sein.