Sie sah ihn mit einem eigenartigen Blick an, verschwendete aber keine Zeit mit törichten Fragen, wie beispielsweise, woher er das wisse. Die Fragen würden später kommen, soviel war ihm klar. »Die Frauen mit den Armreifen können ebenfalls die Macht lenken«, erwiderte sie genauso leise. »Ich spüre sie aber nur ganz eigenartig schwach, als hätten sie den Gebrauch der Macht niemals geübt. Ich verstehe nicht, wie das sein kann.«
Rand schon. Damane waren diejenigen, von denen man annahm, sie könnten als einzige die Macht lenken. Falls zwei Frauen den Seanchan durch das Netz ihrer Überprüfungen geschlüpft waren und statt dessen zu Sul'dam wurden, würden sie bestimmt nicht wagen, sich zu verraten. Den Seanchan auf diese Weise ein Schnippchen zu schlagen war sicher ziemlich schwierig, da sie schließlich jede junge Frau in dem Jahr überprüften, da sich die ersten Anzeichen zeigen konnten. »Kannst du alle vier abschirmen?«
Sie warf ihm einen selbstbewußten Blick zu. »Natürlich. Egwene hat mir beigebracht, mehrere Stränge auf einmal zu weben. Ich kann sie abschirmen, die Stränge abnabeln und sie in Stränge aus Luft einbinden, bevor sie überhaupt merken, was los ist.« Das Lächeln verflog. »Ich bin schnell genug, um mit ihnen und ihren Pferden fertig zu werden, aber den Rest muß ich dir überlassen, bis ich Hilfe bringen kann. Falls von denen dort welche davonkommen... Sie können bestimmt gut mit diesen Speeren umgehen, und falls dich jemand am Boden festnagelt... « Einen Augenblick lang knurrte sie in sich hinein, als ärgere sie sich darüber, daß sie keinen vollständigen Satz mehr zustande bringe. Schließlich sah sie ihn wieder an, und ihr Blick war so zornig wie in besten Zeiten. »Egwene hat mir davon erzählt, wie man mit Hilfe der Macht Wunden heilen kann, aber sie weiß zu wenig darüber und ich noch weniger.«
Worüber hatte sie sich denn jetzt wieder aufgeregt? Besser, du versuchst, die Sonne zu verstehen als eine Frau, dachte er trocken. Das hatte ihm Thom Merrilin gesagt, und es entsprach der Wahrheit. »Kümmere du dich nur darum, diese Frauen abzuschirmen«, sagte er zu ihr. »Ich erledige den Rest. Aber erst, wenn ich deinen Arm berühre.«
Ihm war klar, daß sie ihn nun für einen Angeber hielt, aber er mußte ja gar keine Stränge aufspleißen, sondern lediglich einen einzigen etwas komplizierteren Strang aus Luft weben, der ihnen die Arme und Beine fesselte und auch die Beine der Pferde. So atmete er noch einmal tief durch, griff nach Saidin, berührte ihren Arm und ließ die Macht wirken.
Entsetzte Schreie ertönten. Er hätte auch an Knebel denken sollen, aber sie sollten eigentlich schon jenseits des Tores sein, ehe irgend jemand die Rufe hören konnte. Er hielt an der Wahren Quelle fest, packte Aviendha am Arm und mußte sie beinahe durch den Schnee zerren. Er überhörte ihr wütendes Fauchen, sie könne allein gehen. Auf diese Weise bahnte er wenigstens einen Weg für sie, und schließlich mußten sie sich beeilen.
Die Seanchan verstummten und blickten ihnen nach, als er mit Aviendha im Schlepptau vor ihrer Nase zum Tor stapfte. Die beiden Frauen, die keine Sul'dam waren, hatten die Kapuzen zurückgestreift und kämpften gegen sein Gewebe an. Er hielt es aufrecht, nabelte es aber nicht ab, denn wenn sie durch waren, mußte er es loslassen. Der Grund war einfach der, daß er nicht einmal Seanchan gefesselt im Schnee zurücklassen konnte. Falls sie dort nicht erfroren, gab es da ja noch die große Raubkatze, deren Spur er gesehen hatte. Und wo es eine davon gab, hielten sich wohl auch noch mehr auf.
Das Tor befand sich noch an der richtigen Stelle, doch anstatt in das Zimmer in Eianrod blicken zu können, war dahinter nur einheitliches Grau zu sehen. Es schien jetzt auch enger, als es in seiner Erinnerung gewesen war. Und schlimmer noch: Er konnte das Gewebe dieser grauen Wand erkennen. Sie war aus Saidin gewebt. Zornige Gedanken glitten über das Nichts. Er wußte nicht, was das sollte, doch es konnte durchaus eine von einem der männlichen Verlorenen gewebte Falle für denjenigen sein, der hindurchtrat. Höchstwahrscheinlich von Asmodean. Falls der Mann ihn den anderen übergab, gewann er damit möglicherweise seinen Platz unter ihnen zurück. Aber hierbleiben kam auch nicht in Frage. Wenn sich Aviendha nur daran erinnern könnte, wie sie das Tor ursprünglich geöffnet hatte! Dann könnte sie ein weiteres öffnen. Aber so, wie die Dinge standen, würden sie dieses benützen müssen, ob Falle oder nicht.
Eine der berittenen Frauen trug auf der grauen Brust ihres Umhangs als Abzeichen einen schwarzen Raben vor einem einzelnen Turm. Sie hatte ein strenges Gesicht und dunkle Augen, die sich förmlich in seinen Schädel zu bohren versuchten. Die andere, jünger, hellhäutiger und kleiner, doch edler in ihrer Haltung, trug einen silbernen Hirschkopf auf ihrem grünen Umhang. Die kleinen Finger ihrer Reithandschuhen waren viel zu lang. Rand erkannte aber an den kahlgeschorenen Seiten ihres Kopfes, daß sich unter den Handschuhen überlange Fingernägel verbargen, sicher lackiert, denn beides waren typische Merkmale des Adels bei den Seanchan. Die Mienen der Soldaten waren steinern und ihre Haltung gerade und aufrecht, doch die blauen Augen des Offiziers funkelten wütend hinter den Beißwerkzeugen des insektengleichen Helms, und seine in Handschuhen steckenden Finger krümmten sich, als er sich vergeblich bemühte, nach seinem Schwert zu greifen.
Rand waren sie gleichgültig, doch die Damane wollte er auf keinen Fall zurücklassen; wenigstens konnte er ihnen die Möglichkeit zur Flucht verschaffen. Sie starrten ihn wohl an wie ein wildes Tier, das mit gefletschten Zähnen vor ihnen stand, aber sie hatten sich ja auch nicht das Los von Gefangenen ausgesucht, die selbst wenig besser als Haustiere behandelt wurden. Er berührte mit der Hand das Halsband der Nächststehenden und verspürte einen Schlag, der seinen Arm fast betäubt hätte. Einen Moment lang verschob sich das Nichts, und Saidin durchtobte ihn wie ein Tausendfaches des Schneesturms. Das kurzgeschnittene blonde Haar der Damane wirbelte herum, als sie sich unter seiner Berührung wand. Sie schrie auf, und die Sul'dam, mit der sie verbunden war, wurde leichenblaß und schnappte nach Luft. Beide wären zu Boden gesackt, hätten die Fesseln aus Luft sie nicht aufrecht gehalten.
»Versuch du es«, sagte er zu Aviendha und schüttelte die Hand aus. »Eine Frau muß doch wohl in der Lage sein, das Ding anzufassen, ohne einen Schlag abzubekommen. Ich weiß nicht, wie man es losmacht.« Es sah aus wie aus einem Stück gefertigt, vielleicht auf irgendeine Art aus Gliedern zusammengesetzt, genauso wie der Armreif und die Leine. »Aber da es angelegt werden kann, kann man es auch wieder abnehmen.« Ein paar Augenblicke mehr spielten keine Rolle, was auch immer mit dem Tor geschehen sein mochte. War das Asmodeans Werk?
Aviendha schüttelte den Kopf, begann aber doch, an dem Halsband der einen Frau herumzuversuchen. »Halt still«, knurrte sie, als die Damane, ein Mädchen von vielleicht sechzehn oder siebzehn Jahren mit bleichem Gesicht, vor ihr zurückzucken wollte. Wenn die angeleinten Frauen Rand schon wie eine wilde Bestie angeschaut hatten, dann mußte Aviendha jetzt in ihren Augen wie ein fleischgewordener Alptraum wirken.
»Sie ist eine Marath'Damane«, heulte das bleiche Mädchen. »Rettet Seri, Herrin! Bitte, Herrin! Rettet Seri!« Die andere Damane, eine ältere, fast mütterlich wirkende Frau, begann, unkontrolliert zu weinen. Aviendha funkelte Rand genauso zornig an wie das Mädchen und knurrte etwas in sich hinein, während sie an dem Halsband herumfummelte. Rand hatte keine Ahnung, warum sie auf ihn zornig sein sollte.
»Er ist es, Lady Morsa«, sagte die Sul'dam der anderen Damane plötzlich in so schleppendem Ton, daß Rand sie kaum verstand. »Ich habe den Armreif schon lange getragen und wüßte es, wenn die Marath'Damane mehr getan hätte als nur Jini abzuschirmen.«