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Morsa wirkte nicht überrascht. Es schien sogar etwas von erschrockenem Wiedererkennen in dem Blick aus ihren blauen Augen zu liegen, als sie Rand ansah. Es konnte nur eine mögliche Erklärung geben.

»Ihr wart in Falme«, sagte er. Falls er als erster hindurchtrat, würde er Aviendha zurücklassen müssen, wenn auch nur für einen Augenblick.

»Das stimmt.« Die Adlige sah aus, als habe sie weiche Knie, doch ihre bedächtige Stimme mit der ebenfalls schleppenden Aussprache war immer noch kühl und hoheitsvoll. »Ich habe Euch gesehen und was Ihr dort vollbracht habt.«

»Dann gebt acht, daß ich hier nicht dasselbe mache. Macht mir keine Schwierigkeiten, und ich lasse Euch in Frieden.« Er konnte aber Aviendha nicht als erste hindurchschicken. Das Licht mochte wissen, was sie dort erwartete. Wenn nicht alle Gefühle innerhalb des Nichts so weit entfernt erschienen wären, hätte er wohl genauso das Gesicht verzogen wie sie dieses Halsbands wegen. Sie mußten zusammen hindurch und auf alles vorbereitet sein.

»Vieles wurde geheimgehalten, was die Geschehnisse im Lande des großen Falkenflügels betrifft, Lady Morsa«, sagte die Frau mit dem strengen Gesicht. Der Blick aus ihren dunklen Augen, den sie Morsa zuwarf, war genauso hart wie der, der ihn getroffen hatte. »Gerüchte besagen, daß das Ewig Ruhmreiche Heer eine Niederlage erlitten hat.«

»Sucht Ihr nun nach der Wahrheit hinter Gerüchten, Jalindin?« fragte Morsa in beißendem Tonfall. »Gerade eine Sucherin sollte wissen, wann es besser ist, den Mund zu halten. Die Kaiserin selbst hat verboten, von der Corenne zu sprechen, bis sie sie erneut ausruft. Wenn Ihr —oder ich — auch nur den Namen der Stadt aussprecht, bei der diese Expedition an Land ging, wird man uns die Zungen herausschneiden. Vielleicht würde es Euch gefallen, im Turm der Raben ohne Zunge festzusitzen? Noch nicht einmal die Lauscher würden hören, wenn Ihr schreit, um Gnade winselt oder alles gesteht.«

Rand verstand nicht mehr als zwei Worte von dreien, und das lag nicht an dem eigenartigen Dialekt. Er hätte gern mehr Zeit zum Zuhören gehabt. Corenne. Die Rückkehr. So hatten die Seanchan in Falme ihren Versuch bezeichnet, die Länder jenseits des Aryth-Meeres zu erobern, die Länder, in denen er lebte und die sie als ihren rechtmäßigen Besitz, ihr Erbe, betrachteten. Der Rest —Sucher, Lauscher, Turm der Raben — war ihm ein Rätsel. Doch offensichtlich war die Rückkehr zunächst abgeblasen worden. Es war gut, dies zu wissen.

Das Tor war tatsächlich schmaler. Vielleicht einen Fingerbreit schmaler als noch Augenblicke zuvor. Nur sein Block hielt es offen. Es hatte versucht, sich zu schließen, sobald Aviendha ihr Gewebe losgelassen hatte, und es bemühte sich immer noch darum.

»Beeil dich«, sagte er zu Aviendha, und sie warf ihm einen so betont geduldigen Blick zu, daß er ihn wie ein Stein zwischen die Augen traf.

»Ich gebe mein Bestes, Rand al'Thor«, sagte sie und zerrte weiter an dem Halsband herum. Tränen rollten Seri über die Wangen, und sie stöhnte dabei, als wolle ihr die Aielfrau die Kehle durchschneiden. »Du hättest die anderen beiden beinahe umgebracht und dich selbst vielleicht gleich mit. Ich habe die Macht gespürt, wie sie wild und unkontrolliert in die beiden einströmte, als du das andere Halsband berührt hast. Also überlaß das mir, und wenn ich es fertigbringen kann, werde ich das auch.« Dann fluchte sie wieder leise und probierte es an der Seite.

Rand dachte daran, die Halsbänder durch die Sul'dam entfernen zu lassen, denn wenn irgend jemand wußte, wie man sie abnahm, dann natürlich diese beiden, aber deren finsteren Mienen nach zu schließen, müßte er sie dazu zwingen. Und eine Frau zu foltern war ihm noch unmöglicher, als sie zu töten.

Seufzend sah er sich wieder die graue Leere an, die das Tor ausfüllte. Die Stränge schienen in seine eigenen hineinverwoben, und er konnte den einen nicht zertrennen, ohne den anderen gleichzeitig zu kappen. Hindurchgehen mochte die Falle auslösen, doch diese graue Leere herauszutrennen würde, falls das nicht sowieso denselben Effekt hatte, dem Tor gestatten, sich so schnell zu schließen, daß sie keine Gelegenheit mehr hätten, noch hindurchzuspringen. Und das wäre auch ein Sprung, der sie blindlings in das Licht wußte was hineinführte.

Morsa hatte jedem Wort gelauscht, das zwischen ihm und Aviendha gefallen war, und nun sah sie nachdenklich die beiden Sul'dam an. Jalindin aber hatte den Blick nicht vom Gesicht der Adligen genommen. »Es ist viel geheimgehalten worden, das für die Sucher kein Geheimnis darstellen dürfte, Lady Morsa«, sagte die streng dreinblickende Frau. »Die Sucher müssen alles erfahren.«

»Ihr vergeßt Euch, Jalindin«, fauchte Morsa. Ihre Hände in den Reithandschuhen zuckten. Wären ihre Arme nicht gefesselt gewesen, hätte sie wohl an den Zügeln gerissen. So aber hielt sie nur den Kopf schräg und blickte auf die andere hinab: »Ihr seid mir zugeteilt worden, weil Sarek die Nase zu hoch zu tragen scheint und er ein Auge auf Serengada Dai und Tuel geworfen hat, ganz zu schweigen von der Absicht der Kaiserin... «

Jalindin unterbrach sie grob: »Ihr seid es, die sich vergißt, Lady Morsa, falls Ihr glaubt, einen Beweis gegen die Wahrheitssucher zu haben. Ich habe selbst sowohl eine Tochter wie auch einen Sohn der Kaiserin, möge das Licht sie segnen, verhört, und aus Dankbarkeit für die Geständnisse, die ich ihnen abrang, gestattete sie mir, ihr Gesicht zu sehen. Glaubt Ihr, daß Euer niederes Haus über den eigenen Kindern der Kaiserin steht?«

Morsa blieb steif sitzen — sie hatte ja auch keine andere Wahl —, doch ihr Gesicht verfärbte sich grau, und sie leckte sich über die Lippen. »Die Kaiserin, möge das Licht sie ewiglich erleuchten, weiß bereits viel mehr, als ich Euch sagen könnte. Ich habe auch keineswegs damit sagen wollen... «

Die Sucherin unterbrach sie erneut, wobei sie den Kopf umwandte und zu den Soldaten sprach, als existiere Morsa überhaupt nicht: »Die Frau Morsa befindet sich im Gewahrsam der Wahrheitssucher. Sie wird zum Verhör gebracht, sobald wir nach Merinloe zurückkehren. Genauso auch die Sul'dam und die Damane. Wie es scheint, haben auch sie Dinge verschwiegen, die sie nicht verschweigen durften.« Die Gesichter der genannten Frauen wurden bleich vor Angst, aber Morsa sah nun am schlimmsten von allen aus. Mit weit aufgerissenen Augen wirkte ihr Gesicht eingefallen. Sie sackte in sich zusammen, soweit das ihre unsichtbaren Bande gestatteten, und brachte kein Wort heraus, keinen Widerspruch. Sie sah aus, als wolle sie schreien, und doch — akzeptierte sie das Gesagte. Jalindins Blick wanderte zu Rand hinüber. »Sie hat Euch Rand al'Thor genannt. Man wird Euch gut behandeln, wenn Ihr euch mir ergebt, Rand al'Thor. Wie Ihr auch hierher gekommen sein mögt, entkommen könnt Ihr jedenfalls nicht, selbst wenn Ihr uns tötet. Es ist eine große Suchaktion im Gang nach einer Marath'Damane, die letzte Nacht die Macht benützte.« Ihr Blick huschte zu Aviendha hinüber. »Euch wird man ebenfalls finden, das ist unvermeidlich, und es könnte geschehen, daß man Euch aus Versehen tötet. In diesem Bezirk herrscht gerade ein Aufstand. Ich weiß nicht, was man in Euren Ländern mit Männern wie Euch macht, aber in Seanchan würde man Eure Leiden verkürzen. Hier könntet Ihr Euch große Ehre durch den Gebrauch Eurer Kräfte erwerben.«

Er lachte ihr ins Gesicht, und sie blickte beleidigt drein. »Ich kann Euch nicht töten, aber ich schwöre, dafür werde ich Euch zumindest die Haut bei lebendigem Leib abziehen.« In den Händen der Seanchan mußte er sich gewiß keine Gedanken darüber machen, einer Dämpfung unterzogen zu werden. In Seanchan tötete man Männer, die mit der Macht umgehen konnten. Sie wurden nicht hingerichtet. Man jagte sie und schoß sie nieder, sobald man sie vor sich hatte.

Das mit Grau angefüllte Tor war wieder ein wenig schmaler geworden und kaum mehr breit genug, daß sie beide nebeneinander hindurchpaßten. »Laß es sein, Aviendha. Wir müssen jetzt weg.«